Opioide und ihre Wirkung auf das zentrale Nervensystem: Eine umfassende Betrachtung

Opioide sind eine Klasse von Medikamenten, die eine starke schmerzstillende Wirkung haben und über Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem (ZNS) wirken. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Schmerztherapie, bergen aber auch Risiken, insbesondere im Hinblick auf Missbrauch und Abhängigkeit. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Opioiden auf das zentrale Nervensystem, ihre medizinische Anwendung, die potenziellen Gefahren und die gesellschaftlichen Auswirkungen.

Was sind Opioide und Opiate?

Die Begriffe "Opioide" und "Opiate" werden oft synonym verwendet. Opiate sind natürlich vorkommende organische Verbindungen (Alkaloide), die aus Opium gewonnen werden, dem Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum). Zu den bekanntesten Opiaten zählen Morphin, Codein und Thebain. Opioide hingegen sind Stoffe, die entweder als natürliche körpereigene Opioide (Endorphine) vorkommen (endogene Opioide) oder synthetisch hergestellt werden (exogene Opioide). Opioide und Opiate ähneln sich in ihrer Wirkung, weshalb man bei den Opioiden auch von synthetischen Opiaten spricht.

Wirkungsweise von Opioiden im zentralen Nervensystem

Nach der Einnahme von Opioiden, sei es in Form von Tabletten, Tropfen, Zäpfchen oder Injektionen, überwinden die Inhaltsstoffe relativ schnell die Blut-Hirn-Schranke. Dort binden sie an spezifische Rezeptoren, die sogenannten Opioidrezeptoren. Es gibt drei Haupttypen von Opioidrezeptoren: μ (My), κ (Kappa) und δ (Delta). Der μ-Opioidrezeptor ist die häufigste Zielstruktur von Opioidanalgetika.

Die Bindung von Opioiden an diese Rezeptoren führt zu einer Kaskade von Ereignissen, die letztendlich die Schmerzwahrnehmung beeinflussen:

  • Analgesie (Schmerzlinderung): Opioide hemmen die Freisetzung von Neurotransmittern wie Glutamat und Substanz P im Rückenmark. Dadurch wird die Reizübertragung vom Rückenmark auf zentrale Bereiche im Gehirn über den Tractus spinothalamicus reduziert. Gleichzeitig werden im Mittelhirn absteigende Nervenbahnen stimuliert, die den Tractus spinothalamicus inhibieren. Im Thalamus, dem sensomotorischen Cortex und dem limbischen System werden zusätzlich Opioidrezeptoren stimuliert, sodass sich die Stärke des Schmerzempfindens und die emotionale Bewertung des Schmerzes ändern.
  • Euphorie: Opioidrezeptoren im Mittelhirn (Area tegmentalis ventralis) hemmen inhibitorische GABAerge Interneurone. Dadurch wird mehr Dopamin freigesetzt, was zu Euphorie führt. Dieses Gefühl kann zur Suchtentwicklung beitragen. Chronisch Schmerzkranke sind davon oft ausgenommen, da bei ihnen unter Opioidanalgetika zumeist kein Euphoriegefühl entsteht.
  • Sedierung: Opioidanalgetika hemmen Neuronen im aufsteigenden Teil der Formatio reticularis, was zu einer Sedierung führen kann.
  • Atemdepression: Im medullären Atemzentrum regulieren Opioidagonisten die CO2-Empfindlichkeit herab, wodurch der Atemrhythmus beeinflusst wird. Bei Überdosierung kann es zu einer Lähmung des Atemzentrums im Gehirn kommen, bis hin zu einem Atemstillstand, der tödlich ist, wenn nicht unverzüglich Notfallmaßnahmen eingeleitet werden.
  • Antitussiva und emetische Wirkung: Opioidanalgetika hemmen die Erregbarkeit des Hustenzentrums und stimulieren Rezeptoren in der Chemorezeptor-Triggerzone der Medulla oblongata, die Erbrechen auslösen können.

Medizinische Anwendung von Opioiden

Opioide werden in der Medizin hauptsächlich zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt, insbesondere bei:

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  • Akuten und chronischen Schmerzen
  • Schmerzen nach Operationen
  • Tumorschmerzen
  • Schweren Verletzungen
  • Palliativmedizin

Sie finden auch Anwendung in der Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein dreistufiges Schema zur Schmerzbehandlung entwickelt. Opioide kommen in der zweiten und dritten Stufe zum Einsatz:

  • Stufe I: Nicht-opioide Schmerzmittel (z. B. Paracetamol, Ibuprofen)
  • Stufe II: Schwach wirksame Opioide (z. B. Tramadol, Tilidin)
  • Stufe III: Stark wirksame Opioide (z. B. Morphin, Fentanyl)

Risiken und Nebenwirkungen von Opioiden

Obwohl Opioide wirksame Schmerzmittel sind, bergen sie auch erhebliche Risiken und Nebenwirkungen:

  • Atemdepression: Dies ist eine der gefährlichsten Nebenwirkungen, die bei Überdosierung tödlich sein kann.
  • Übelkeit und Erbrechen: Opioide können die Chemorezeptor-Triggerzone im Gehirn stimulieren und so Übelkeit und Erbrechen auslösen.
  • Verstopfung: Opioide verlangsamen die Darmbewegung, was zu Verstopfung führen kann.
  • Sedierung und Schläfrigkeit: Opioide können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen.
  • Abhängigkeit: Opioide haben ein hohes Suchtpotenzial, da sie das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren.
  • Toleranzentwicklung: Bei regelmäßiger Einnahme kann es zu einer Toleranzentwicklung kommen, bei der eine höhere Dosis benötigt wird, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
  • Entzugserscheinungen: Beim plötzlichen Absetzen von Opioiden können Entzugserscheinungen wie Unruhe, Schwitzen, Durchfall, Muskel- und Knochenschmerzen auftreten.

Opioidabhängigkeit und -krise

Die Opioidkrise, insbesondere in den USA, ist ein ernstes Problem. Sie ist auf eine jahrelange inadäquat hohe Verordnung von Opioiden zurückzuführen, die zu einem erhöhten Konsum und einer Zunahme von Überdosierungen geführt hat. Allein im Jahr 2022 starben in den USA fast 108.000 Menschen an einer Überdosis, wobei knapp 82.000 auf Opioide zurückzuführen waren.

In Deutschland sind die Opferzahlen im Vergleich zu den USA niedriger, aber dennoch besorgniserregend. Im Jahr 2022 starben 1.194 Menschen durch Opioid-Konsum.

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Behandlung von Opioidabhängigkeit

Die Behandlung von Opioidabhängigkeit erfordert einen qualifizierten Opiatentzug unter ärztlicher Aufsicht. Dies kann in einer Suchtklinik erfolgen, wo die suchterzeugenden Stoffe langsam und unter medizinischer Betreuung ausgeschlichen werden. Bei Bedarf kann eine Substitutionstherapie mit z. B. L-Polamidon, Methadon oder Buprenorphin erfolgen.

Parallel dazu ist eine Psychotherapie notwendig, um die psychische Seite der Sucht zu beleuchten und alternative Lösungsstrategien zur Einnahme des Suchtmittels zu finden.

Placebo-Effekt bei Schmerzbehandlung mit Opioiden

Es ist wichtig zu beachten, dass auch bei der Schmerzbehandlung mit Opioiden der Placebo-Effekt eine Rolle spielen kann. Studien haben gezeigt, dass die Erwartungshaltung gegenüber einer Behandlung ein maßgeblicher Modulator des Therapieerfolgs ist. So kann beispielsweise der analgetische Effekt eines Opioids verstärkt werden, wenn der Patient aktiv über den Beginn der Infusion des Schmerzmittels informiert wird.

Periphere Opioidrezeptoren

Bislang ging man davon aus, dass Opioide ausschließlich durch die Aktivierung von Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem analgetisch wirken. In den vergangenen Jahren häuften sich jedoch die Hinweise, dass ein erheblicher Anteil der schmerzlindernden Wirkung durch Rezeptoren vermittelt wird, die sich auf peripheren Nervenfasern befinden. Studien haben gezeigt, dass Opioid-Rezeptor-Antagonisten, die Opioid-Rezeptoren außerhalb des Gehirns deaktivieren, das Schmerzempfinden beeinflussen können.

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