Die Diskussion um Impfstoffe und ihre potenziellen Nebenwirkungen ist ein wichtiges Thema im Gesundheitswesen. Besonders im Zusammenhang mit der Schweinegrippe-Impfung Pandemrix und den beobachteten Fällen von Narkolepsie wurden Fragen zur Sicherheit von Impfstoffen aufgeworfen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Auswirkungen von Pandemrix auf das Nervensystem, die Hintergründe der Narkolepsie-Fälle und gibt einen Überblick über weitere potenzielle neurologische Komplikationen im Zusammenhang mit Impfungen.
Narkolepsie nach Pandemrix-Impfung: Ein Überblick
Narkolepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch exzessive Tagesschläfrigkeit, Kataplexie (plötzlicher Verlust der Muskelspannung), Schlafstörungen und Halluzinationen gekennzeichnet ist. Die Erkrankung betrifft etwa 40.000 Menschen in Deutschland. Die Ursache der Narkolepsie war lange unklar, bis 2018 der Beweis erbracht wurde, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der sich die Immunabwehr gegen den Botenstoff Hypocretin im Hypothalamus richtet.
Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 und der Verwendung des Impfstoffs Pandemrix traten vermehrt Fälle von Narkolepsie auf, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Mehrere europäische epidemiologische Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die diese Impfung erhielten, ein erhöhtes Risiko hatten, an Narkolepsie zu erkranken. Pro 100.000 verimpfter Dosen traten bei Kindern und Jugendlichen zwei bis sechs zusätzliche Fälle von Narkolepsie auf. Bei Erwachsenen lag der Wert bei 0,6 bis 1 zusätzlichen Fällen pro 100.000 Impfdosen.
Die Hypocretin-Forschung
Die Entdeckung des Hypocretins (auch Orexin genannt) im Jahr 1998 war ein entscheidender Schritt im Verständnis der Narkolepsie. Forscher fanden heraus, dass narkoleptische Hunde eine Mutation in einem der beiden Hypocretin-Rezeptoren haben. Untersuchungen an menschlichen Narkoleptikern zeigten, dass die meisten von ihnen fast kein Hypocretin in ihrem Liquor (Nervenwasser) haben und dass die Hypocretin produzierenden Zellen im Gehirn abgestorben sind.
Mögliche Ursachen für den Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie
Es gibt zwei Haupttheorien, die erklären könnten, warum die Pandemrix-Impfung in einigen Ländern mit einem erhöhten Narkolepsie-Risiko verbunden war, während dies in anderen Ländern nicht der Fall war:
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- Molekulare Mimikry: Diese Hypothese besagt, dass das Immunsystem fälschlicherweise Hypocretin-produzierende Zellen angreift, weil bestimmte Bestandteile des Impfstoffs (oder des Virus) den Hypocretin-Zellen ähneln. Es wurde gezeigt, dass der unterschiedliche Herstellungsprozess von Pandemrix und Arepanrix (einem anderen Schweinegrippe-Impfstoff mit dem gleichen Wirkverstärker) dazu führte, dass in den beiden Impfstoffen unterschiedliche Peptide vorkamen. In Pandemrix-geimpften Narkoleptikern wurden Immunzellen nachgewiesen, die sowohl auf ein Peptid des Grippevirus als auch auf Hypocretin reagieren.
- Genetische Prädisposition: Es wird angenommen, dass bestimmte Genvarianten das Narkolepsie-Risiko erhöhen. Die stärkste Assoziation findet sich mit einer Variante eines HLA-Gens namens HLA-DQB1*0602. Diese Variante kommt bei ca. 15-30% der nicht-narkoleptischen Bevölkerung, aber bei fast allen Narkoleptikern vor. Es sieht also so aus, als würde eine bestimmte Kombination verschiedener Genvarianten einen Menschen dafür empfänglich machen, irgendwann Narkolepsie zu entwickeln. Wenn dann das falsche Grippevirus vorbeikommt, oder die falsche Streptokokke oder irgendwas ganz anderes, das die Forschung noch nicht identifiziert hat, lösen die die Krankheit aus.
Unterschiede zwischen Pandemrix und anderen Impfstoffen
Pandemrix unterschied sich von anderen Schweinegrippe-Impfstoffen durch die Verwendung des Adjuvans AS03. Adjuvantien sind Wirkverstärker, die die Immunantwort auf den Impfstoff verstärken sollen. Während es langjährige Erfahrungen mit dem Adjuvans MF59 gab, war AS03 relativ neu. Pandemrix enthielt außerdem Thiomersal, eine organische Quecksilberverbindung, als Konservierungsstoff.
Weitere neurologische Nebenwirkungen von Impfstoffen
Neben dem Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie gibt es weitere potenzielle neurologische Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Impfungen diskutiert werden.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die das periphere Nervensystem betrifft und zu Muskelschwäche und Lähmungen führen kann. In einigen Fällen wurde ein Zusammenhang zwischen bestimmten Impfungen und dem Auftreten von GBS beobachtet.
Eine Analyse des britischen Gesundheitssystems ergab, dass sowohl eine Infektion mit SARS-CoV-2 als auch eine Impfung gegen SARS-CoV-2 geringe neurologische Risiken bergen können. Vektorimpfstoffe haben ein Risiko für ein Guillain-Barré-Syndrom, das allerdings deutlich geringer ist als bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 (38 vs. 145 zusätzliche Fälle pro 10 Mio. Exponierte).
Andere neurologische Komplikationen
In seltenen Fällen können Impfungen auch mit anderen neurologischen Komplikationen wie Enzephalitis, Meningitis oder Myelitis in Verbindung gebracht werden. Eine aktuelle Analyse aus dem britischen Gesundheitssystem deutet darauf hin, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu unterschiedlichen schwerwiegenden neurologischen Komplikationen führen kann. mRNA-Impfstoffe scheinen das Risiko für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems nicht zu erhöhen, jedoch ist zumindest die Impfung mit BNT162b2 mit leicht vermehrten hämorrhagischen Insulten assoziiert: 60 zusätzliche Fälle pro 10 Mio. Exponierte.
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Verdachtsfälle und ihre Bewertung
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erfasst Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen. Es wird betont, dass es sich bei den Meldungen um Verdachtsfälle handelt, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind. Eine aufgeführte unerwünschte Reaktion bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung besteht. Das PEI wertet die eingegangenen Meldungen aus, um zu beurteilen, ob sich aufgrund der vorliegenden Datenlage die Nutzen-Risiko-Bewertung des Impfstoffs ändert.
Impfstoffe gegen COVID-19 und neurologische Risiken
Auch im Zusammenhang mit den COVID-19-Impfstoffen wurden neurologische Risiken diskutiert. Wie bereits erwähnt, haben Vektorimpfstoffe ein geringes Risiko für ein Guillain-Barré-Syndrom. mRNA-Impfstoffe scheinen das Risiko für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems nicht zu erhöhen, aber es gibt Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für hämorrhagische Insulte im Zusammenhang mit der Impfung mit BNT162b2.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Risiken im Vergleich zu den Risiken einer COVID-19-Infektion gering sind. Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann zu einer Vielzahl von neurologischen Komplikationen führen, darunter das Guillain-Barré-Syndrom, Myasthenie, Enzephalitis, Meningitis und Myelitis.
Aluminium in Impfstoffen
Aluminium wird häufig als Adjuvans in Impfstoffen eingesetzt, um die Immunantwort zu verstärken. Es gibt Bedenken hinsichtlich der potenziellen Neurotoxizität von Aluminium, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern. Studien haben gezeigt, dass Aluminium in das Gehirn gelangen und dort möglicherweise neurotoxische Effekte auslösen kann. Es gibt jedoch auch Studien, die keine negativen Auswirkungen von Aluminium-Adjuvantien in Impfstoffen auf die neurologische Entwicklung von Kindern feststellen konnten.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine tolerierbare Aufnahmemenge für Aluminium festgelegt. Die Aluminiummenge in Impfstoffen liegt in der Regel deutlich unter dieser Grenze.
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