Morbus Parkinson, eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen, betrifft allein in Deutschland schätzungsweise 300.000 Menschen. Die Krankheit manifestiert sich hauptsächlich durch motorische Symptome wie Zittern, verlangsamte Bewegungen und Steifheit. Obwohl Medikamente und Hirnschrittmacher die Symptome lindern können, gibt es noch keine Heilung. Jüngste Fortschritte in der Forschung eröffnen jedoch neue Wege für innovative Therapieansätze, die auf die zugrunde liegenden Ursachen der Krankheit abzielen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Paradigmenwechsel in der Therapie von Morbus Parkinson, von der personalisierten Hirnstimulation bis hin zu neuen Klassifikationsmodellen und vielversprechenden Wirkstofftargets.
Gehirnstimulation: Präzision und Individualisierung
Die Hirnstimulation, einschließlich der Tiefen Hirnstimulation (THS) und der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), hat sich als vielversprechende Behandlungsmethode für Morbus Parkinson und andere neurologische Erkrankungen etabliert.
Transkranielle Magnetstimulation (TMS)
Die transkranielle Magnetstimulation (TMS) wird bereits seit längerem zur Behandlung von Morbus Parkinson und Epilepsie eingesetzt. Zunehmend werden aber auch neue Anwendungsgebiete erforscht, beispielsweise bei Schlaganfällen oder Depressionen. Das Ziel ist es, die Stimulation des Gehirns immer präziser an die individuellen Bedürfnisse der Patienten anzupassen.
Bisher erfolgte die TMS nach einem festen Protokoll, unabhängig von der aktuellen Gehirnaktivität des Patienten. Da die Gehirnaktivität jedoch ständigen Schwankungen unterliegt, wird nun ein neuer Ansatz verfolgt: Die TMS soll synchron zur Gehirnaktivität erfolgen. Um dies zu erreichen, wird der Aktivitätszustand des Gehirns mittels Echtzeitanalyse aus elektroenzephalografischen Daten (EEG) beurteilt. Eine TMS-Spule, die mithilfe eines Algorithmus die Impulse auf die Millisekunde genau zum Gehirnzustand synchronisiert aussendet, wird daran angeschlossen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich durch diese Kopplung Verbindungen zwischen Hirnbereichen besonders effektiv verändern lassen. Mögliche Anwendungsgebiete sind Hirnnetzwerkerkrankungen wie Schlaganfälle, Depressionen oder Alzheimer.
Im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat mit zehn Millionen Euro geförderten Projekts ConnectToBrain soll die Technologie weiterentwickelt werden. Ziel ist es, einen "Helm" zu entwickeln, der mittels TMS gezielt jeden Ort der Großhirnrinde des Menschen schmerzfrei und nicht-invasiv stimulieren kann. Neben den EEG-Elektroden sollen bis zu 50 Magnetspulen in den Helm integriert werden. Nach ersten Tests mit gesunden Versuchspersonen sollen in drei Jahren Studien mit Schlaganfall- und später auch mit Alzheimer-Patienten folgen. Mit Abschluss des Projektes in sechs Jahren soll das EEG-TMS-Gerät so weit ausgereift sein, dass mit der kommerziellen Herstellung begonnen werden kann. Ulf Ziemann ist davon überzeugt, dass die Closed-Loop-Stimulation einen Paradigmenwechsel in der therapeutischen Hirnstimulation einläuten und eine breite therapeutische Anwendung in Kliniken und Praxen finden wird.
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Tiefe Hirnstimulation (THS)
Auch bei Bewegungsstörungen, dem klassischen Einsatzgebiet der Tiefen Hirnstimulation (THS), entwickelt sich die Stimulationstechnik weiter. Das Ziel ist, von einer chronischen Dauerstimulation hin zu einer adaptiven, bedarfsgerechten THS zu kommen. Bewegungsstörungen treten nicht als kontinuierliches motorisches Defizit auf, sondern haben vor allem Schwankungen im Tagesverlauf. Bei Parkinsonpatienten äußert sich das durch motorische Fluktuationen zum Beispiel nach Medikamenteneinnahme. Eine bedarfsgerechte Stimulation würde nur in Phasen schlechter Beweglichkeit einsetzen. Auch Nebenwirkungen ließen sich dadurch potenziell lindern. Erste Untersuchungen haben gezeigt, dass sich durch eine adaptive Stimulation zum Beispiel verwaschene Sprache und Überbewegungen reduzieren lassen.
Um die Stimulation zum Beispiel nur in Situationen schlechter Beweglichkeit zu aktivieren, ist es erforderlich, das neuronale Signal auszulesen - in diesem Fall eine synchrone, oszillatorische Aktivität im Beta-Frequenzbereich um 20 Hertz. Dies sei bisher nur im Labor möglich gewesen. Im nächsten Jahr wollen die Forscher mit einer klinischen Studie starten, in deren Rahmen erstmals im häuslichen Alltag der Patienten eine adaptive Stimulation erprobt werden soll. Möglich macht dies eine technische Innovation: Der Stimulator, der in der Studie zum Einsatz kommen soll, kann langfristig neuronale Signale über die in den Basalganglien platzierten THS-Elektroden auslesen.
Antidepressiver Stimulator für den Heimgebrauch?
Die Hirnstimulation nimmt auch bei der Behandlung von Depressionen den Weg in die häusliche Umgebung des Patienten. Eine bei Depressionen beteiligte Region des Gehirns ist der dorsolaterale präfrontale Kortex, der vor allem mittels transkranieller Stimulationsverfahren wie der TMS oder Gleichstromstimulation (englisch: transcranial Direct Current Stimulation - tDCS) direkt erreicht werden kann. Rund ein Drittel der Depressionspatienten spreche nicht auf die traditionelle Therapie mit Antidepressiva und Psychotherapie an. Bei der TMS und der tDCS handele es sich um nebenwirkungsarme Behandlungsverfahren, die einfach in der Behandlungspraxis - im Fall der tDCS sogar zu Hause - eingesetzt werden könnten. Die rTMS ist mittlerweile in vielen Ländern zur Behandlung von Depressionen zugelassen und auch in Deutschland eine Therapieoption.
Neudefinition der Krankheitsklassifikation
Eine Neudefinition der Krankheitsklassifikation von Parkinson ist dringend notwendig, da die bisherige, klinische Einteilung dem Wissensstand über die Erkrankung nicht mehr gerecht wird und insbesondere für die Erforschung neuer Therapieoptionen unzureichend ist. Bisher erfolgt die Diagnose von Morbus Parkinson anhand klinischer Merkmale, das heißt dem Vorliegen typischer motorischer Symptome ergänzt beispielsweise durch Bildgebungsverfahren wie MRT. Auch die Einteilung verschiedener Parkinson-Formen erfolgt vorrangig anhand klinischer Kriterien.
Die "SynNeurGe"-Klassifikation
Mit ihrer neuen „SynNeurGe“-Klassifikation schlagen die Autoren eine biologisch-basierte, dreiteilige Klassifikation vor. Sie bezieht die wachsenden Erkenntnisse über die biologischen Grundlagen der Krankheit ein und ermöglicht es perspektivisch gezielter, verschiedene Parkinson-Formen zu unterscheiden, zu erforschen und Therapieoptionen zu entwickeln. Hintergrund der neuen Klassifikation ist die Erkenntnis, dass Morbus Parkinson und verwandte neurodegenerative Erkrankungen, sogenannte Synucleinopathien, durch Ablagerungen von fehlgefaltetem α-Synuclein-Protein im Gehirn gekennzeichnet sind. Diese Ansammlungen, die meist als sogenannte Lewy-Körperchen histologisch im Gehirn nachweisbar sind, führen zur Zerstörung von Dopamin-produzierenden Neuronen, wodurch die charakteristischen motorischen Symptome von Parkinson ausgelöst werden. Inzwischen ist außerdem bekannt, dass verschiedene Gen-Mutationen sowie genetische Risikofaktoren die Erkrankung begünstigen können.
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Die SynNeurGe-Klassifikation berücksichtigt drei Schlüsselkomponenten:
- die „Parkinson-Typ Synukleinopathie“, das heißt Anwesenheit oder Abwesenheit von pathologischem α-Synuclein (‚S‘) in Geweben oder in Körperflüssigkeiten wie Nervenwasser,
- Hinweise auf eine Parkinson-assoziierte Neurodegeneration (‚N‘), die durch spezifische neurobildgebende Verfahren definiert wird und
- der Nachweis von Parkinson-spezifischen pathogenen Genvarianten (‚G‘), die Parkinson verursachen oder stark dazu prädisponieren.
Diese biologische „S-N-G“-Klassifikation wird in Verbindung gebracht mit einem klinischen Syndrom (‚C‘), das durch ein hochspezifisches Merkmal oder mehrere weniger spezifische Merkmale definiert ist. Die neue Definition der Parkinson-Erkrankung ist ein richtungsweisender Paradigmenwechsel, der den Weg frei macht für eine neue Phase von Grundlagen- und klinischen Forschungsstudien, mit denen individualisierte und an den Ursachen ansetzende Präzisionstherapien entwickelt werden können. Denn nur, wenn in künftigen Studien zu den verschiedenen Parkinson-Formen eine exakte Definition bzw. SPECT-Bild mit b-CIT.
Frühzeitige Diagnose und Therapie
Bisher erhalten Parkinsonpatienten oft erst eine dopaminerge Therapie, wenn sie durch motorische Beschwerden im Alltag beeinträchtigt werden. Nach neuen Studiendaten ist dies möglicherweise viel zu spät: Denn offenbar kann eine dopaminerge Therapie den Krankheitsverlauf bremsen. Die Patienten profitieren also um so mehr, je früher sie behandelt werden. Studien mit einem ähnlichen Design laufen derzeit auch mit anderen Parkinson-Arzneien. Kommen diese zu einem vergleichbaren Ergebnis, könnte eine Änderung der Therapieleitlinien erfolgen.
Das Problem ist: Bislang lässt sich M. Parkinson im Frühstadium nur schwer nachweisen. Einen zuverlässigen Blutmarker gibt es bislang nicht. Ärzte sollten zunächst genau auf Äußerungen von Patienten oder Angehörigen achten wie "der Arm schmerzt seit Monaten", "ich habe ein inneres Zittern auf einer Körperseite", oder "er nimmt Gerüche nicht mehr gut wahr". Hellhörig sollten Ärzte vor allem dann werden, wenn mehrere solcher Symptome zugleich auftreten. Weitere Hinweise kann dann etwa ein Riechtest liefern, bei dem mit speziellen Riechstiften die Riechschwelle geprüft wird. Eine Hyposmie oder Anosmie gehe den motorischen Symptomen drei bis fünf Jahre voraus, und praktisch alle Parkinsonpatienten sind davon betroffen. "Wer keine Riechstörung hat, hat wohl auch keinen Parkinson." Nach Studiendaten entwickeln etwa zehn Prozent aller Menschen mit Hyposmien unbekannter Ursache innerhalb von zwei Jahren einen Morbus Parkinson. Häufig deutet sich ein Parkinson auch durch REM-Schlafstörungen an. Dabei wird die Motorik während des Traumschlafs nicht mehr unterdrückt, die Patienten schlagen mitunter wild um sich, was sogar die Bettnachbarn verletzen kann. Den Verdacht auf Parkinson erhärten kann auch ein transkranieller Ultraschall. Lässt sich der Verdacht auf Parkinson mit Ultraschall, Schlaflabor oder Riechtest erhärten, kann schließlich die teurere und aufwändigere molekulare Bildgebung für Klarheit sorgen.
Medikamentöse Therapie und Wirkstofftargets
Ein Meilenstein in der Parkinsontherapie war die Entwicklung von „Levodopa“ in den 1960er-Jahren. Bis heute eines der wichtigsten Arzneimittel, kamen dennoch weitere Medikamentenklassen hinzu: Dopaminagonisten, die die Wirkung des Botenstoffs nachahmen; MAO-B-Hemmer und COMT-Hemmer, die den Abbau von Dopamin im Gehirn hemmen; Substanzen, die die Dopaminwirkung verstärken. Neben den Tabletten und Kapseln gibt es inzwischen Injektionen, Filmtabletten, Pflaster sowie inhalierbares Dopamin und solches, das per Pumpe direkt in den Darm gelangt. Doch keines der Arzneimittel oder Verfahren kann den Verlauf der Erkrankung deutlich verlangsamen.
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Zwei Wirkstofftargets stehen aktuell im Focus:
- der GLP-1-Rezeptor, dessen Aktivierung neuroprotektive Effekte haben könnte, und
- α-Synuclein, dessen Anhäufung im Gehirn mit der Krankheitsursache von Parkinson in Verbindung steht.
Auswertungen der PASADENA-Studie konnten zeigen, dass Prasinezumab, ein Antikörper von α-Synuclein, das Voranschreiten der Erkrankung verlangsamten könnte, konkret der motorischen Einschränkungen. Auch der GLP-1-Rezeptoragonist Lixisenatid kann das Voranschreiten der Parkinsonsymptome in einem geringen, aber für bestimmte Gruppen signifikanten Umfang verlangsamen. Ein Paradigmenwechsel könnte in Zukunft eine Stammzelltherapie sein, die die untergegangenen dopaminproduzierenden Nervenzellen ersetzt und neben der Symptomlinderung verlorene Funktionen wiederherstellt.
Bedeutung der interprofessionellen Betreuung
Parkinsontherapie besteht oft aus mehreren Arzneistoffklassen und häufigen Anwendungszeitpunkten, dazu kommen mögliche Wechselwirkungen. Um die Anwendung zu erleichtern und den „Überblick“ zu behalten, bringen sich immer mehr Apotheker in die Behandlung ein. Mehrere Untersuchungen dazu wurden an der Universität Münster durchgeführt. So konnte gezeigt werden, dass sich motorische Probleme durch pharmazeutische Betreuung signifikant verbessern lassen. Der Pharmazie kommt also eine wichtige Rolle zu. Untersuchungen zeigen, dass die Einbindung von speziell geschulten Pharmazeuten in interprofessionelle Netzwerke wie dem „Parkinsonnetz Münsterland+“ eine Therapie effektiver gestaltet. Denn: Parkinson ist eine komplexe Erkrankung mit einer Vielzahl an Symptomen, die die Lebensqualität deutlich mindern. Die Therapie ist oft kompliziert und vielschichtig.
Neurorehabilitation: Aktivität und Alltagsrelevanz
Im Bereich der Neurorehabilitation hat ebenfalls ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Bisher wurden häufig einzelne Gelenke oder Muskeln behandelt. Auch wie sich jemand bewegt, stand im Vordergrund. Heute stehen alltagsrelevante und patientenbezogene Ziele im Vordergrund. Es zählt die Aktivität, die der Betroffene selbst ausführen kann, diese wird beübt und gefördert. Früher wurden Patienten auf der Bank liegend behandelt, wobei die Therapie auf einzelne Funktionen oder Strukturen gerichtet war, heute richtet sich die Therapie auf Alltagsaktivitäten.
Viele Erkenntnisse aus dem motorischen Lernen wurden bereits in die Therapie integriert. Man weiß inzwischen, wie der Mensch motorisch lernt, und wendet es auch aktiv in der Therapie an. Auch viele sportwissenschaftliche Erkenntnisse wurden erfolgreich in die Neuroreha übernommen. In diesem Zusammenhang ist beispielweise das Stichwort Wiederholungen wichtig. Ein Sportwissenschaftler weiß, dass es viele Wiederholungen braucht, um motorisch zu lernen und das Gelernte auch in den Alltag umzusetzen. Der Patient lernt besser, wenn wir einen externen Fokus setzen, d. h. dem Patienten eine Aufgabe geben. Früher hätte man gesagt: „Das Knie anbeugen“, und heute sagt man: „Den Ball kicken!“ Es werden konkrete Aufgaben gestellt, diese können die Patienten besser bewältigen und haben auch mehr Spaß daran.
Therapie, Sport und Selbsthilfe
Sport spielt eine sehr große Rolle. Ärzte und Therapeuten versuchen heute, MS- und Parkinson-Betroffene zu überzeugen, Sport zu treiben. Es können auch Sportarten sein, wie Boule oder Indiaca. Es gibt viele Sportarten, die in der Natur durchgeführt werden können. Dabei muss auch Tanzen erwähnt werden. Dies kann oft von MS- und Parkinson-Patienten sehr gut durchgeführt werden. Selbst schwer betroffene Patienten, die schon im Rollstuhl sitzen, können beim Rollstuhltanz aktiv sein. Vor allem bei Parkinson-Patienten weiß man um die fantastische Wirkung von Tanzen, die ebenfalls durch wissenschaftliche Studien bestätigt wurde. Es muss aber nicht unbedingt das Tanzen sein, auch mit Nordic Walking oder gezieltem Training an Geräten kann das gewünschte Ziel erreicht werden. Wichtig ist, dass die Sportart Spaß macht und regelmäßig durchgeführt wird. Auch die Bedeutung der sozialen Aspekte des Sports kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Selbsthilfe bedeutet, dass der Patient und die Angehörigen selbstverantwortlich in die Therapie mit eingebunden werden, beispielsweise im Eigentraining, aber auch bei Alltagsaktivitäten, den Hobbys oder dem Sport. Selbsthilfe bedeutet aber auch die sinnvolle Nutzung von Hilfsmitteln. Hier gilt es, das Hilfsmittel gezielt zu nutzen, wenn es zur Erweiterung der Alltagsaktivitäten dient. MS-Patienten sollten so lange wie möglich viel gehen - jeder Schritt zählt und, wenn nötig, nur zu bestimmten Aktivitäten einen Rollstuhl benutzen, da er die Immobilität fördern kann und die Gehfähigkeit weiter reduziert. Für MS-Betroffene gibt es sehr leichte Fußheberorthesen, die die Betroffenen gezielt beim Gehen unterstützen. Auch für Parkinson-Patienten gibt es Hilfsmittel, die die Mobilität weiter erhalten und auch besser ermöglichen, wie z.B. ein Anti-Freezing-Stock.
Grenzen und Möglichkeiten der Neurorehabilitation
Bei MS- und auch bei Parkinson-Patienten ist wirklich sehr, sehr viel möglich. Viele MS-Patienten sind sehr motiviert. Ein Problem bei MS und bei Parkinson stellen jedoch die Depressionen dar. Wenn der Patient depressiv verstimmt ist oder tatsächlich eine Depression hat, kann er nicht aktiv sein. Außerdem spielt es natürlich eine Rolle, wie stark der Patient betroffen ist. Wenn er sehr stark betroffen ist und kaum Funktionen hat, dann sind die Grenzen der Neurorehabilitation sicherlich auch erreicht. Hier jedoch verändern sich die Ziele. Es gilt dann, beispielsweise Kontrakturen oder Schmerzen bei schwer betroffenen Patienten zu reduzieren. Bei Parkinson ist es so, dass die medikamentöse Therapie eine wichtige Voraussetzung für die motorische Rehabilitation darstellt. Die Medikamente, bzw. medikamentöse Einstellung, spielen bei dieser Erkrankung eine entscheidende Rolle. Bei MS gibt es, vor allem beim progredienten Verlauf, kausal kaum Medikamente.
Für die Patienten bedeutet es, dass Funktionen wieder erlangt und verbessert werden können. Das ist für viele Patienten neu. Sie hören immer nur: „Wir sind ja froh, wenn es nicht schlechter wird.“ Und man kann viele Aktivitäten gezielt verbessern, allerdings bedarf es einer genauen Analyse und eines häufigen Trainings. Viele Patienten sind sehr motiviert und bereit, für verbesserte Aktivität auch hart zu trainieren! Man kann Funktionen zurückgewinnen, man kann Gehstrecken erweitern, man kann Alltagsaktionen erweitern.
Es muss ein regelmäßiges Training sein, aber man kann die Übungen in Alltagsaktivitäten verpacken. Wichtig ist, dass Patienten regelmäßig trainieren. Sie sollen aber vor allem auch gezielt trainieren. Auch muss das Training vom Therapeuten gut strukturiert werden. Es ist am besten, wenn ein individueller Trainingsplan erstellt wird. Wirkungsvoll sind eine bis zwei Stunden Training.
Es ist wichtig, das Ziel sehr alltagsnah mit dem Patienten abzusprechen. Dann muss genau an diesem Ziel gearbeitet werden. Nehmen wir zum Beispiel ein häufig genanntes Ziel: das Gehen verbessern. Dann sollte ein gezielter Trainingsplan erstellt werden, bei dem entweder an der Ausdauer, an der Schnelligkeit oder am Gleichgewicht gearbeitet wird. Welches Trainingsziel vorrangig ist, muss in einer genauen Analyse erkannt werden. Auch ein strukturiertes Krafttraining kann sinnvoll sein. Es funktioniert nicht so, dass sich der Patient auf die Bank legt und der Therapeut die Arbeit erledigt. Und das Umfeld? Das Umfeld sollte darüber informiert werden, dass zu viel Unterstützung schadet und nicht immer Hilfe angeboten werden soll. Vielmehr sollen Angehörige helfen, den Patienten zu aktivieren.
Zusammengefasst heißt es also - gesunden Menschenverstand einschalten, schauen, ob gezielt aktiviert oder trainiert wird und nicht passiv behandelt, sondern aktiv gearbeitet wird. Selbsthilfegruppen sind oft gute Informationsquellen. Bei MS und Parkinson sind außerdem die Broschüren verschiedener Verbände, u.a. der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft (DMSG) und der Deutschen Parkinson Vereinigung sehr hilfreich und informativ.
Parkinson-assoziierte Schmerzen
Parkinson-assoziierte Schmerzen sind häufig und reduzieren die Lebensqualität der Betroffenen. Oft fluktuieren die Schmerzen zusammen mit den motorischen Fluktuationen. In grossen crosssektionalen Studien berichten 40 bis 85% aller Parkinsonpatientinnen, unter Schmerzen zu leiden. Neben den anderen Symptomen der Parkinsonerkrankung sind Schmerzen wesentlich für Einschränkungen der Lebensqualität verantwortlich. Die Schmerzsymptomatik beginnt bereits früh im Krankheitsverlauf und nimmt mit fortschreitender Erkrankung zu. Eine detaillierte Betrachtung der Prävalenz von Parkinson-assoziierten Schmerzen hat gezeigt, dass Motorfluktuationen unabhängig von Alter der Patientinnen, Krankheitsstadium oder der -dauer ein Prädiktor für Schmerzen sind. Am häufigsten ist bei Parkinsonpatient*innen der nozizeptive Schmerz (55%), gefolgt vom noziplastischen Schmerz (22%) und vom neuropathischen Schmerz (16%).
Der noziplastische Schmerz ist eine relativ neu definierte Schmerzklasse und durch veränderte Schmerzweiterleitung bzw. -prozessierung ohne Hinweise auf Gewebsschädigung/Rezeptoraktivierung oder Erkrankung/Läsion des somatosensorischen Systems definiert. Parkinson-assoziierte noziplastische Schmerzen sind etwa RLS(Restless Legs Syndrome)-Schmerz, Schmerzen im Rahmen eines Dopaminagonisten(DA)-Entzugssyndroms oder eines nichtmotorischen Off.
Mit den motorischen Fluktuationen ändert sich der Schmerz in seiner Frequenz und Intensität. So geht das morgendliche Off mit frühmorgendlichem Schmerz und «Beginning of dose»-Schmerz einher. Darüber hinaus leiden die Patient*innen an «End of dose»-Schmerzen, «Wearing-off»-Schmerzen, Schmerzen während der Off-Periode sowie Peak-Dose-Schmerzen. Generell kommen Schmerzen im motorischen Off häufiger vor und sind schwerer. Dabei sind muskuloskelettale Schmerzen und Fluktuations-assoziierte Schmerzen wie dystone Schmerzen oder Dyskinesie-assoziierte Schmerzen am häufigsten.
Aufgrund der wesentlichen Rolle des dopaminergen Systems in der Entstehung des Parkinson-assoziierten Schmerzes, insbesondere des noziplastischen Schmerzes, steht die ausreichende kontinuierliche dopaminerge Stimulation therapeutisch an erster Stelle. Unabhängig davon, ob es sich bei einem Parkinson-assoziierten Schmerz um einen nozizeptiven, noziplastischen oder neuropathischen Schmerz handelt, steht eine kontinuierliche dopaminerge Stimulation, möglichst über 24 Stunden, im Zentrum der Therapie, um auch die Nacht und den frühen Morgen abzudecken. Zusätzlich können je nach Schmerzdomäne Analgetika wie NSAR, Antidepressiva, Opioide oder Physiotherapie beim nozizeptiven Schmerz und Pregabalin, Antidepressiva, Opioide und Physiotherapie beim neuropathischen Schmerz eingesetzt werden.
Carlssons Entdeckung des Dopamins
Die Entdeckung des Dopamins als Neurotransmitter durch Arvid Carlsson war ein entscheidender Durchbruch für das Verständnis und die Behandlung von Morbus Parkinson. Carlssons Forschungen zeigten, dass Dopamin nicht nur eine Vorstufe von Noradrenalin ist, sondern auch eine eigenständige Funktion bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen im Gehirn hat. Er wies nach, dass Patienten mit Morbus Parkinson erniedrigte Dopamin-Spiegel im Gehirn aufweisen, was zu den charakteristischen motorischen Symptomen führt. Diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung von L-Dopa, einem Medikament, das im Gehirn in Dopamin umgewandelt wird und die Symptome von Parkinson lindern kann. Für seine bahnbrechenden Arbeiten erhielt Carlsson im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin.