Toxoplasma Gondii: Wie ein Parasit das Gehirn von Mensch und Tier beeinflusst

Einführung: Die Welt ohne Angst?

Stellen Sie sich eine Welt ohne Angst vor. Wie befreiend wäre es, unbeeinträchtigt von unseren täglichen Sorgen durchs Leben zu gehen: Wir könnten furchtlos über viel befahrene Straßen spazieren, waghalsige Abenteuer erleben und Horrorfilme ansehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch genauer betrachtet entpuppt sich die Aussicht als düster, ja tödlich. Schließlich sind unsere Ängste da, um uns zu schützen.

In dieser Welt, in der die Grenzen der Furcht verschwimmen, spielt ein mikroskopisch kleiner Akteur eine überraschende Rolle: Toxoplasma gondii. Dieser weit verbreitete Parasit, der etwa ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert hat, ist mehr als nur ein harmloser Mitbewohner. Er ist ein Meister der Manipulation, der in der Lage ist, das Verhalten seiner Wirte zu verändern und möglicherweise sogar neurologische Erkrankungen zu beeinflussen.

Toxoplasma gondii: Ein globaler Parasit

Der Einzeller Toxoplasma gondii ist der Erreger der Toxoplasmose, eine Zoonose, also eine Infektionskrankheit, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Dieser Parasit scheint besonders widerstandsfähig und ausbreitungsfreudig zu sein: Der Einzeller Toxoplasma gondii hat rund ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert und ist damit der vielleicht erfolgreichste Parasit überhaupt.

In Deutschland ist rund jeder Zweite damit infiziert. „Allerdings bedeutet das nicht, dass auch jeder von ihnen an Toxoplasmose erkrankt“, stellt Uwe Groß klar. Er ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Göttingen. Hier wird die Epidemiologie der Toxoplasmose untersucht, eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Persistenz des Parasiten, damit, wie er seinen Wirt verändert, und auch den Entwicklungzyklus von Toxoplasma gondii sowie die Diagnose haben der Wissenschaftler und seine Mitarbeiter erforscht.

Die Übertragungswege: Von Katzenkot und rohem Fleisch

Die häufigste Ansteckungsquelle für Toxoplasmose ist Fleisch. „Zahlreiche Studien zeigen, dass es die Hauptansteckungsquelle ist, und zwar unzureichend erhitztes Fleisch", erklärt der Experte. Das sind etwa Mett, Rohwürste und blutiges Steak. Rindfleisch ist allerdings nur sehr selten belastet, mehr dagegen Geflügel. Doch vor allem in Schweinefleisch, dem in Deutschland am häufigsten verzehrten Fleisch, würden auch am häufigsten die so genannten Zysten, die Dauerformen des Parasiten, nachgewiesen.

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Als Infektionsquellen kommt außerdem Katzenkot in Frage. Bei der 1:2 Durchseuchungsrate bleibt es jedoch nicht, sie nimmt parallel zum Lebensalter zu: Von den über 70-Jährigen sind schon mehr als 70 Prozent infiziert.

Der Entwicklungszyklus: Eine Reise durch verschiedene Wirte

Schlachttiere und Katzenexkremente als Infektionsquelle - das passt auf den ersten Blick kaum zusammen. Der Entwicklungszyklus von Toxoplasma gondii zeigt den Hintergrund. Der Parasit durchläuft verschiedene Entwicklungsstadien:

  1. Katzen infizieren sich mit dem Parasiten meist über Beutetiere. „Jedes katzenartige Tier kann den Parasiten aufnehmen und nur in ihr, in ihrem Darm, findet die geschlechtliche Vermehrung statt“, erklärt Uwe Groß. Vom Tiger bis zum Stubentiger sind Katzen also der einzige Hauptwirt, in dem sich der Parasit zu den extrem ansteckenden Oozysten vermehren kann. Deshalb kann Katzenkot Millionen davon enthalten. Die Oozysten überleben im Freien bei ausreichender Feuchtigkeit monatelang, und können damit in den Wasserkreislauf gelangen.
  2. Durch direkten Kontakt mit belasteter Erde, über das Wasser und damit kontaminiertes Gemüse, Getreide, Obst können sich Nagetiere, Vögel, Säugetiere und damit auch Schlachttiere wie Schweine und Geflügel anstecken. Sie sind die Zwischenwirte von Toxoplasma gondii - wie auch der Mensch, der die Oozysten oral aufnimmt.
  3. Im Menschen und den anderen Zwischenwirten überwinden die Oozysten die Magensäure und vermehren sich in der Darmwand zu Tachyzoiten. Auch die Barrierefunktion der Darmwand versagt gegen die sich rasch vermehrenden Parasiten. Sie nutzen Wächterzellen des Immunsystems unerkannt als Transportmittel und überschwemmen auf diese Weise den Organismus. Als dritte Barriere im Körper überwinden sie dabei auch die Blut-Hirn-Schranke. Dieses Stadium der Vermehrung und Ausbreitung kennzeichnet die akute Phase der Toxoplasmose.
  4. Erst jetzt beginnt das Immunsystems die Tachyzoiten anzugreifen - sie replizieren sich langsamer und wandeln sich zu inaktiven Bradyzoiten um. Bradyzoiten sammeln sich zu mehreren Tausenden und schützen sich durch eine Zystenwand, von der Immunabwehr in Schach gehalten. Die Gewebezysten lagern sich ab im Gehirn, aber auch in der Retina und den Muskeln. Bei angeborener Immunschwäche, Immunsupression nach Transplantation, Krebs oder HIV-Infektion, droht eine akute Toxoplasmose, die letztendlich alle Organe betreffen kann.

Symptome und Diagnose: Meist harmlos, aber potenziell gefährlich

Ausschlaggebend ist also, ob ein ansonsten gesunder Mensch sich mit den Gewebezysten ansteckt oder ein Immunsupprimierter. „Immunkompetente reagieren mit einer leichten Lymphknotenschwellung im Halsbereich“, berichtet der Experte. Die weiteren Symptome sind ähnlich wie bei einem grippalen Infekt und wenig ausgeprägt. Insgesamt kommt es nur bei weniger als fünf Prozent der Infizierten zu Symptomen, meist verläuft die Infektion unbemerkt.

Nur wenn die Symptome hartnäckiger sind, werden Betroffene zum Arzt gehen, der vermutlich zuerst auf grippalen Infekt tippen wird. Hält die Lymphknotenschwellung über Wochen an, wäre es jedoch sinnvoll, auch an Toxoplasmose zu denken. Mit einem Bluttest lässt sich die Infektion nachweisen. Wenn sich keine Komplikationen einstellen oder keine Schwangerschaft vorliegt, bedarf die milde Lymphknotenschwellung in der Regel jedoch keiner Behandlung.

Allerdings können schlummernde Gewebezysten nach einer früheren Ansteckung oder einer Erstinfektion, zu einer Entzündung des Gehirns, also einer Enzephalitits, Lymphknotenentzündung oder einer Netzhautentzündung, der okulären Toxoplasmose führen. Die Entzündungen hinterlassen Narben auf der Netzhaut, wodurch die Sehkraft massiv eingeschränkt werden kann und Erblindung droht. Immunsupprimierte zeigen jedoch eine ganz andere Symptomatik. „Bei einer Erstinfektion kommt es etwa zu einer Lungenentzündung, eventuell einer Hepatitis“, beschreibt der Professor den Unterschied.

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Therapie: Medikamente bremsen, eliminieren aber nicht

Antibiotika wie Spiramycin, Pyrimethamin, Sulfadiazin oder Clindamycin werden gegen Toxoplasmose eingesetzt. “Die Medikamente drängen die Entzündung zwar zurück, können den Parasiten jedoch nicht endgültig abtöten", schränkt Uwe Groß ein. Die Erreger in Form der Gewebezysten schlummern also lebenslang im Körper und können letztendlich immer, wenn das Immunsystem schwach ist, ausbrechen und zu einer Infektion führen, „ähnlich wie Herpes-Viren“, erklärt der Wissenschaftler.

Das Aufflackern der Infektion lässt sich zwar stoppen, aber das Herpes simplex Virus verschwindet nicht aus dem Körper. Ähnlich ist das mit Augentoxoplasmose. Sie kann immer wieder auftreten, weil die Zysten auch in der Retina überdauern.

Toxoplasmose in der Schwangerschaft: Ein besonderes Risiko

Einen Sonderfall bedeutet auch Schwangerschaft und Toxoplasmose. Wenn die Frau bereits lange vor Beginn der Schwangerschaft mit dem Erreger Kontakt hatte, „gehen wir davon aus, dass die Frau vor einer Zweitinfektion geschützt ist und damit auch das Kind“, erklärt Uwe Groß.

Bei einer Erstinfektion in der Schwangerschaft, der meldepflichtigen kongenitalen oder pränatalen Toxoplasmose, bestehe jedoch das Risiko, dass der Parasit auf das Kind übergehen könne. Wie viele Schwangerschaften deshalb viel zu früh enden, ist nicht bekannt, die abortierten Kinder werden nicht untersucht. „Wir wissen nur etwas über die Lebendgeburten“, sagt der Mikrobiologe. Und dabei gäbe es eine große Lücke zwischen den gemeldeten Fällen (weniger als 25 pro Jahr) und den Berechnungen des Robert Koch Instituts.

Demnach müssten rund 1300 Kinder pro Jahr mit Toxoplasmose auf die Welt kommen. „345 von ihnen müssten Symptome haben“, berichtet Uwe Groß. Das können so auffällige sein wie etwa ein Wasserkopf, also Hydrozephalus, aber auch nur leichtes Fieber. Häufig sei jedoch auch die Augentoxoplasmose, die bei Neugeborenen jedoch nicht erfasst würde - das Kind kann sich ja nicht äußern und sagen, ich habe Sehprobleme.

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Pränatal infizierte Kinder entwickeln oft Jahre später Augentoxoplasmose. Die Dunkelziffer ist also enorm und würde man nicht nur alle Kinder, die bei Geburt auffällig sind, miteinbeziehen, sondern auch diejenigen, die bis zum Erwachsenwerden eine Toxoplasmose über die Ansteckung vor der Geburt entwickeln, käme man mit Leichtigkeit an diese Zahl heran. “Die meisten der Betroffenen fallen erst viele Jahre nach der Geburt auf und dann meistens durch eine Augentoxoplasmose”, fasst der Forscher zusammen.

Hilft dann noch das Antibiotikum? “Es ist auf jeden Fall sinnvoll”, stellt Uwe Groß fest. Untersuchungen in Ländern wie bestimmten Regionen Brasiliens, in denen schwere Verläufe von Toxoplasmose häufig sind, zeigten, dass die regelmäßige Behandlung Schwere und Häufigkeit etwa der Augentoxoplasmose deutlich verringerten. Das bedeutet: Niedrig dosierte, dauerhafte Antibiotikumgabe. Dadurch kommt es nicht zu einem zweiten oder sogar dritten Schub.

Schwangere sollten bei Toxoplasmose-Verdacht sofort reagieren. Wie lässt sich verhindern, dass sich ein Kind schon vor der Geburt mit Toxoplasmose infiziert? Ein generelles Schwangeren-Screening auf Toxoplasmose, wie es in Österreich und Frankreich durchgeführt wird, gibt es in Deutschland zwar nicht. Doch Schwangere, die den Verdacht haben, sich infiziert zu haben, sollten sich beim Arzt testen lassen. „Falls eine Erstinfektion der Schwangeren entdeckt wird, kann eine gezielte Toxoplasmose-Therapie das Risiko einer Übertragung auf das Kind deutlich reduzieren und auch die Symptomatik beim Kind mindern“, berichtet der Wissenschaftler, der zu diesem Thema eine Studie durchführte.

Toxoplasmose und Verhaltensänderungen: Manipulation oder Nebeneffekt?

Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass Toxoplasmose noch andere, weitreichende Folgen haben könnte. So zeigte eine Studie, dass bei Mäusen, die mit Toxoplasmose infiziert waren, die natürliche und überlebenswichtige Angst vor dem Fressfeind Katze deutlich abnahm. Andere Untersuchungen übertragen diese Möglichkeit der Verhaltensänderung auf den Menschen, sehen einen Zusammenhang zwischen Toxoplasmose und aggressivem Auftreten. Der Parasit soll also fähig sein, unser Verhalten zu manipulieren.

Andere Studien verbinden die Infektion mit psychischen und neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und Schizophrenie. Uwe Groß tritt dem entgegen und argumentiert, dass, wenn 51 Prozent der Bevölkerung in Deutschland mit dem Parasiten latent befallen sind, also jeder zweite den Parasiten im Gehirn hat, dieser bei jedem zweiten für irgendwelche psychiatrischen neurodegenerativen Erkrankungen verantwortlich wäre. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung müsste also entsprechende Probleme haben. Das trifft jedoch nicht zu.

Bei den angeführten Untersuchungen handelt es sich vor allem um Assoziationsstudien. Das bedeutet beispielsweise, Bluttests auf Toxoplasmose wurden bei Alzheimerpatienten und bei Gesunden durchgeführt. Bei den Kranken wurde häufiger Toxoplasmose festgestellt. Daraus den Rückschluss zu ziehen, dass der Parasit Alzheimer begünstigt, ist jedoch inkorrekt. Es gäbe Studien, die sogar das Gegenteil zeigen - demnach würde der Parasit vor der Gehirndegeneration schützen.

Wissenschaftlich korrekt wäre es, Gesunde in zwei Gruppen einzuteilen und eine davon mit Toxoplasma gondii zu infizieren und zu beobachten, ob sich über Jahre hinweg Gehirn und/oder Verhalten ändern - was jedoch ethisch nicht vertretbar wäre.“Andererseits sitzt der Parasit lebenslang im Gehirn, da könnte es sein, dass es zu einer Interaktion kommt”, gibt der Experte zu bedenken. Dies sei jedoch bisher mit keiner sicheren Studie belegt. Es kann durchaus sein, dass der Parasit bei dem einen oder anderen neurodegenerative Auffälligkeiten mitbeeinflusst. In welchem Ausmaß das sei, könne jedoch keiner zum heutigen Zeitpunkt sicher sagen.

Eine gewisse Unsicherheit bleibt jedoch bestehen - so haben Schimpansen, also große Säugetiere, die mit uns eng verwandt sind, - nach einer Infektion mit Toxoplasmose ihre Angst gegen ihren natürlichen Fressfeind Leopard verloren, wie eine Studie zeigt. Es könne also durchaus sein, dass der Parasit unser Verhalten sowie bestimmte Krankheiten beeinflusst. Der schlüssige Beweis für den Menschen aber fehlt noch, stellt der Wissenschaftler abschließend fest.

Die "Fatale Anziehung": Experimente mit Nagetieren und Menschen

Offenbar kann T. gondii seinen Zwischenwirt zu seinen Gunsten manipulieren. Sein Ziel: Dieser soll sich möglichst von einer Katze fressen lassen. Den Mechanismus haben Fachleute ausgiebig an Nagetieren untersucht. Infizierte Tiere wirken äußerlich gesund und fit. Sie verhalten sich jedoch anders als ihre nicht infizierten Artgenossen. Ein Team um Manuel Berdoy von der University of Oxford wies im Jahr 2000 die so genannte Fatal Feline Attraction bei Ratten nach. 23 Labornager, die mit T. gondii angesteckt worden waren (und daraufhin entsprechende Antikörper im Blutserum gebildet hatten), zeigten keine Scheu gegenüber dem Geruch von Katzenurin. Einige Tiere schien der Duft nun sogar anzuziehen. Die 32 Kontrolltiere verhielten sich normal; sie bevorzugten jene Ecken eines Labyrinths, in denen ihr eigener Körpergeruch vorherrschte. Dem Katzenurin blieben sie tunlichst fern. Gegenüber Hasenurin verhielten sich beide Gruppen gleich.

In weiteren Studien stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass Ratten und Mäuse mit Toxoplasmose aktiver waren als nicht infizierte Tiere. Sie hatten zudem weniger Angst vor neuen Reizen, reagierten langsamer und hielten sich lieber in offenem Gelände auf. All diese Verhaltensweisen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sie einer Katze zum Opfer fallen.

2011 berichtete eine Arbeitsgruppe um den Parasitologen Jaroslav Flegr von der Karls-Universität Prag über eine Form der Fatal Feline Attraction bei Menschen. Die Forscherinnen und Forscher hielten 168 Freiwilligen mehrere Geruchsproben unter die Nase: Urin von Katzen, Pferden, Tigern, Hyänen und Hunden. Die 15 positiv auf Toxoplasmose getesteten Männer empfanden den Katzenurinduft im Schnitt als angenehmer, die 17 toxoplasmapositiven Frauen dagegen als unangenehmer. Wie die Geschlechterunterschiede zu Stande kamen, klärte die Arbeit nicht. Sie ließ zudem offen, ob der Parasit Menschen gezielt manipuliert oder ob es sich um einen Nebeneffekt der Infektion handelt.

Die Rolle der Neuroinflammation

Weitere Tests zeigten, dass infizierte Mäuse generell weniger ängstlich waren und mehr Interesse hatten, ihre Umwelt zu erkunden. Man bemerkte außerdem, dass diese Mäuse Anzeichen einer anhaltenden Entzündung in ihrem zentralen Nervensystem zeigten. Dies lege nahe, dass die Verhaltensveränderungen mit der Neuroinflammation zusammenhingen. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der ganz umfassende Verlust der Angst und ein verstärktes Erkundungsverhalten Mäuse nicht nur zur einfacheren Beute für Katzen machen, sondern generell die Übertragung auf Zwischenwirte erhöhen“, so Boillat.

Toxoplasma und Unternehmertum: Eine höhere Risikobereitschaft?

Ein Forscherteam um Markus Fitza von der Frankfurt School of Finance and Management und US-Wirtschaftspsychologin Stefanie Johnson fand heraus: Statistisch gesehen neigen Menschen mit Toxoplasmosa gondii eher dazu, Unternehmer zu werden, starten eine größere Zahl von Wirtschaftsprojekten, agieren dabei häufiger allein und gehen höhere finanzielle Risiken ein.

In Zahlen bezogen auf diesen Versuch heißt das: Seropositiv getestete Frauen wurden mit einer 29 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit zu Unternehmerinnen als Nicht-Infizierte. „Diese Frauen waren auch häufiger mehrfach selbständig, gründeten öfter Solo-Projekte und hatten stärkere Schwankungen in ihren Finanzen, was auf eine höhere Risikobereitschaft hindeutet“, berichtet Fitza, der auch Molekularbiologe ist. Zu Frauen lagen wegen der Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchung besonders viele Daten vor.

Toxoplasma und neuropsychiatrische Störungen: Ein komplexer Zusammenhang

Die Parasiten wirken auf verschiedene Arten auf das Wirtshirn ein - etwa indem sie das Immunsystem aktivieren oder die Hirnstruktur sowie die Ausschüttung von Neurotransmittern verändern. Ähnliche Prozesse treten bei einer Reihe neuropsychiatrischer Erkrankungen auf, was den Verdacht nahelegt, dass der Parasit auch die psychische Gesundheit beeinträchtigen könnte.

Die erste Studie zum Thema erschien 1953 und befasste sich mit einem gesteigerten Schizophrenierisiko infolge der Infektion. Mittlerweile untermauern zahlreiche Arbeiten diesen Zusammenhang. So erkranken Menschen, die T. gondii in sich tragen, fast dreimal so häufig an der psychischen Störung. Eine Hochrechnung des Epidemiologen Gary Smith von der University of Pennsylvania führt knapp 21 Prozent der Fälle auf den Parasiten zurück. Ob Katzenhalter häufiger betroffen sind, wird kontrovers diskutiert.

Für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Toxoplasmose spricht, dass die Infektion häufig dem Krankheitsausbruch vorangeht. Das zeigte 2008 ein Team um David Niebuhr von der Uniformed Services University in Bethesda mit einer Langzeitstudie. Auch das Ausmaß beobachteter Hirnveränderungen deutet auf einen Einfluss von T. gondii hin. Forscherinnen und Forscher um Jiri Horacek von der Karls-Universität Prag verglichen im Jahr 2012 MRT-Aufnahmen von 44 Schizophrenen mit denen von 56 Kontrollprobanden. In mehreren Regionen zeigten Erstere weniger graue Substanz. Die 12 Patienten, die Antikörper gegen Toxoplasma im Blut hatten, wiesen im Schnitt noch stärkere Veränderungen auf.

Eine Toxoplasmose wirkt sich etwa auf die Konzentration von Signalmolekülen im Gehirn aus. Sie erhöht zum Beispiel den Dopaminspiegel im zentralen Nervensystem. T. gondii stellt nämlich ein Enzym namens Tyrosinhydroxylase her, das an der Produktion des Neurotransmitters mitwirkt, und scheidet es innerhalb der durch ihn entstandenen Gehirnzysten aus. Bei Menschen mit Schizophrenie findet man ebenfalls ein Zuviel des Stoffs im Zentralnervensystem; bei der Behandlung psychotischer Symptome kommen unter anderem Medikamente zum Einsatz, die den Dopaminsignalweg hemmen. Darüber hinaus senkt die Infektion die Konzentration von Serotonin und erhöht den Testosteronspiegel. Ansammlungen der Aminosäure Kynurenin haben Fachleute sowohl im Gehirn von toxoplasmapositiven Nagetieren als auch in denen von Menschen mit Schizophrenie nachgewiesen. Ein Stoffwechselprodukt dieses Moleküls verhindert die Neurotransmitterausschüttung am synaptischen Spalt.

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine Verbindung zur bipolaren Störung: Bei Betroffenen lässt sich überdurchschnittlich oft eine T.-gondii-Infektion nachweisen, wie João Luís Vieira Monteiro de Barros vom College of Idaho 2017 in einer Übersichtsarbeit feststellte. Einige Untersuchungen weisen auf einen möglichen Kausalzusammenhang hin. So stehen Entzündungsreaktionen, die infolge der Erkrankung auftreten, im Verdacht, die psychischen Beschwerden aufflammen zu lassen. Aktivierte Immunzellen im Gehirn können das Organ schädigen und so psychotischen Zuständen oder affektiven Störungen den Weg bereiten.

Einen ähnlichen Mechanismus vermutet man bei Depression. Es gibt Hinweise darauf, dass Entzündungsprozesse an ihrer Entstehung beteiligt sind - als mögliche Auslöser wurden bereits verschiedene Krankheitserreger ins Visier genommen, etwa Chlamydien und Herpesviren. Ein Team um Tooran Naye-ri Chegeni vom Toxoplasmosis Research Center im Iran analysierte 2019 die bisher veröffentlichten Studien zu T. gondii, fand allerdings keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Vorliegen einer Depression und Antikörpern gegen den Parasiten im Blutserum.

Toxoplasma und neurodegenerative Erkrankungen: Ein glutaminerges Übergewicht?

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die einen möglichen Zusammenhang zwischen T. gondii und Parkinson sowie Alzheimer untersuchten, kamen bisher zu gemischten Schlussfolgerungen. Eine Arbeitsgruppe um Masomeh Bayani von der Babol University of Medical Sciences im Iran hat 2019 die vorliegenden Studien zu dem Thema neu ausgewertet und systematisch zusammengefasst. Sie fand zwar keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang mit Parkinson, aber manches deutete auf eine Verbindung zu Alzheimer hin. Laut der Studienautorin braucht es weitere Untersuchungen, um eine eindeutige Aussage treffen zu können.

Möglicherweise kann eine Infektion mit dem Parasiten Toxoplasma Gondii die Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen fördern. Grund hierfür könnte ein glutaminerges Übergewicht im ZNS sein. Das berichten Forscher um Emma Wilson von der University of California in PLOS Pathogens.

In ihrer Studie infizierten die Forscher Mäuse mit Toxoplasmose und überwachten über Sonden die extrazelluläre Flüssigkeit im Frontalhirn. Sie stellten fest, dass sich die Glutamatkonzentration im Hirn erhöhte. Normalerweise kontrollieren Astrozyten die Glutamatkonzentration im zentralen Nervensystem und nehmen überschüssige Moleküle auf. Glutamat ist in höherer Konzentration neurotoxisch. Ein Überschuss dieses Neurotransmitters ist unter anderem für Hirnschäden verantwortlich, die nach einem Schlaganfall oder einem Trauma auftreten.

Um den Grund der erhöhten Konzentration festzustellen, untersuchten die Forscher das Expressionsprofil der Astrozyten. Es zeigte sich, dass diese unter anderem weniger Glutamat-Transporter-1 (GLT-1) exprimierten. Dieses Protein ist für den Rücktransport von Glutamat in die Zellen verantwortlich. Durch eine antibiotische Behandlung mit Ceftriaxon gelang es den Wissenschaftlern, die Störung wieder aufzuheben. Das Antibiotikum sorgte dafür, dass GLT-1 wieder in einem normalen Maß exprimiert wurde.

Wie genau Toxoplasmose die Expression des Rezeptors erniedrigt, konnten die Forscher in ihrer Studie nicht klären. Die erhöhte Glutamatkonzentration könnte jedoch theoretisch neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Schizophrenie begünstigen.

Prävention: Schutz vor Toxoplasmose

Fest steht jedoch, dass es vernünftig ist, einer Infektion mit dem Parasiten aus dem Weg zu gehen. Das gilt vor allem für Schwangere:

  • Möglichst keine Katze haben, die Freigänger ist.
  • Falls das Haustier unumgänglich ist: Katzenstreu mindestens einmal pro Tag von einer nicht gefährdeten Person erneuern lassen, denn die Parasiten im Katzenkot brauchen mindestens einen Tag um infektiös zu werden.
  • Tragen Sie bei der Gartenarbeit Schutzhandschuhe, in der Erde könnten sich aus den Exkrementen von Nagern, Vögeln und Katzen Parasiten befinden.
  • Verzichten Sie auf rohes Fleisch, nicht durchgegartes Fleisch und Rohwürste.
  • Waschen Sie sich vor dem Zubereiten von Mahlzeiten und vor dem Essen die Hände.
  • Waschen Sie Obst und Gemüse gründlich.

Um das Risiko einer Infektion für die eigene Katze zu minimieren, sollten die Tiere nicht mit Rohfleisch gefüttert werden. Erlaubt ist aber das Verfüttern von Fleisch, das zuvor für mindestens fünf Tage eingefrorenen und wieder aufgetaut oder durcherhitzt wurde. Natürlich stellt auch Freigang, der ja meistens mit Jagd verbunden ist, bei Katzen ein Risiko dar. Für Katzen, die bereits in der Vergangenheit eine T. gondii-Infektion durchgemacht haben, besteht nur ein sehr geringes Risiko für eine erneute Oozysten-Ausscheidung. Um festzustellen, ob eine Katze bereits früher infiziert war, kann man wie beim Menschen eine Blutuntersuchung durchführen. Dabei weist die Tierärztin oder der Tierarzt Antikörper gegen T. gondii nach. Ein negatives Ergebnis dieses Tests ist jedoch kein Grund, in Panik zu geraten - erhöhte Vorsicht im Umgang mit dem Kot von Katzen ist ausreichend, um dem Infektionsrisiko von dieser Seite vorzubeugen.

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