Parkinson Heilbar? Aktuelle Forschung in Großbritannien und weltweit

Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die Millionen von Menschen weltweit betrifft. Bislang kann die Therapie den Verlauf der Erkrankung nicht aufhalten. Die Forschung konzentriert sich jedoch verstärkt auf neue Therapien, um die Ursachen der Erkrankung zu identifizieren und idealerweise eine Heilung zu finden. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsansätze, insbesondere in Großbritannien, und gibt einen Überblick über vielversprechende Entwicklungen.

Die Parkinson-Krankheit: Ein Überblick

Morbus Parkinson gehört zur Gruppe der Synucleinopathien, also Krankheiten, die durch die abnorme Ablagerung des alpha-Synucleinproteins im zentralen und peripheren Nervensystem gekennzeichnet sind. Bei Parkinson akkumuliert alpha-Synuclein überwiegend in Neuronen, was zur Bildung von sogenannten Lewy-Körpern und Lewy-Neuriten führt, die in neuropathologischen Untersuchungen mikroskopisch nachgewiesen werden können. Die typischen motorischen Symptome, die Parkinson-Patienten betreffen, sind Zittern (Tremor), Muskelsteifheit und Langsamkeit der Bewegungen. Sie werden hauptsächlich durch einen Mangel an dem Neurotransmitter Dopamin verursacht, der von bestimmten Nervenzellen im Mittelhirn produziert wird. Die Diagnose erfolgt in der Regel im Alter zwischen 50 und 79 Jahren, mit zunehmender Häufigkeit im fortgeschrittenen Alter; Männer sind häufiger betroffen als Frauen.

Historische Meilensteine in der Parkinson-Forschung

Als sich Ende 2024 der Todestag von Dr. James Parkinson (1755-1824) zum 200. Mal jährte, kam die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V. (DPG) zu dem Schluss, dass Wissen allein bis heute nicht heile - es brauche mehr Investitionen in die Fortschritte der Forschung. Die Erkenntnisse des britischen Arztes gerieten erst 60 Jahre nach seinem Tod dank des französischen Neurologen Jean-Martin Charcot in den Fokus der Öffentlichkeit. Weitere Jahrzehnte später ist mit der Entdeckung des Dopaminmangels als Parkinson-Ursache der nächste Meilenstein in der Erforschung zu verzeichnen (1960er-Jahre). Es folgten die Einführung der tiefen Hirnstimulation (THS) in den späten 1980er-Jahren zur Verbesserung der Lebensqualität vieler Betroffener sowie die Identifizierung genetischer Faktoren und Mutationen, die ab den 1990er-Jahren neue therapeutische Ansatzpunkte ermöglichten.

Früherkennung als Schlüssel zur besseren Behandlung

Zur genauen und frühzeitigen Diagnose gilt es unter anderem neue Biomarker zu bestimmen und erste Symptome richtig zu deuten. Bei der Forschung rund um die Früherkennung von Parkinson rückt aktuell die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (engl.: REM-sleep behavior disorder - RBD) verstärkt in den Fokus der Wissenschaft. Die REM-Phase („Rapid Eye Movement“) ist gekennzeichnet von schnellen Augenbewegungen des Schlafenden und stellt das nächtliche Stadium mit den lebhaftesten Träumen dar. Eine Verhaltensstörung liegt vor, wenn die betroffene Person in dieser Phase unentspannt ist, Träume aktiv auslebt und im Schlaf unter Umständen gar schreit, spricht oder Bewegungen ausführt. Dieses Verhalten nehmen die schlafenden Menschen in den meisten Fällen nicht wahr. Tatsächlich gilt die RBD als Vorstufe der Parkinson-Krankheit und wird daher als maßgebliches Frühsymptom angesehen: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft verweist darauf, dass ein Risiko von bis zu 80 Prozent besteht, innerhalb von 10 bis 15 Jahren an einem neurodegenerativen Leiden wie Parkinson oder der Lewy-Körper-Demenz zu erkranken, wenn die RBD isoliert auftritt.

Parkinson am Geruch erkennen?

Forschende berichten im Fachblatt Journal of Parkinson’s Disease davon, dass speziell trainierte Hunde anhand von Hautabstrichen zuverlässig ermitteln können, ob ein Mensch an der neurodegenerativen Erkrankung leidet. In einem ersten Versuch gelang es zwei Hunden aus über 200 Geruchsproben mit einer beeindruckenden Trefferquote Unterschiede zwischen erkrankten und gesunden Menschen zu erschnüffeln. Das federführende Unternehmen Medical Detection Dogs aus England verfolgt das Ziel, schnellere, effizientere und weniger invasive diagnostische Verfahren zu entwickeln, die gleichzeitig zu besseren Behandlungsergebnissen führen.

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Biomarker für die Früherkennung

Da Parkinson bis heute lediglich symptomatisch behandelbar ist, genießt die Arbeit an ursächlichen Therapien in der Forschung einen hohen Stellenwert. Die Identifikation von Biomarkern stellt dabei einen wichtigen Schlüssel dar, um neue klinische Studien voranzutreiben. Biomarker sind messbare Merkmale im Körper, die als Indikator für normale oder abnormale Prozesse, Krankheiten oder die Reaktion auf eine Behandlung dienen. Unlängst konnte die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) vermelden, dass Alpha-Synuclein in der Rückenmarksflüssigkeit ein zuverlässiger früher Biomarker für Parkinson ist. Dieser gebe bestenfalls Aufschluss über das Fortschreiten der Erkrankung und die Wirkung einer Therapie.

Aktuelle Forschung in Großbritannien

Großbritannien spielt eine wichtige Rolle in der Parkinson-Forschung. Hier einige Beispiele aktueller Projekte:

Gehirnimplantate zur Wiederherstellung von Nervenverbindungen

An der University of Cambridge wird an einer innovativen Therapie zur Parkinson-Bekämpfung gearbeitet. Im Kontext eines 83 Millionen Euro schweren Forschungsvorhabens erforschen sie die Möglichkeit, durch Gehirnimplantate beschädigte Nervenverbindungen zu erneuern. Diese Implantate setzen auf kleine Ansammlungen von Gehirnzellen, die als "midbrain organoids" bezeichnet werden und in den beeinträchtigten Gehirnregionen eingesetzt werden. Unter der Leitung von Malliaras und Professor Roger Barker, vom Department für klinische Neurowissenschaften, wird die Forschung durchgeführt. Zu den Partnern zählen die University of Oxford, die University of Lund und das Unternehmen BIOS Health.

Dieses Projekt ist eines von 18, die im Rahmen des "Precision Neurotechnologies"-Programms von der Advanced Research + Invention Agency (ARIA) unterstützt werden. Diese Initiative hat das Ziel, neue Verbindungen zwischen Gehirn und Technologie zu schaffen, um neurologische Krankheiten wie Alzheimer, Epilepsie und Depressionen zielgerichtet zu behandeln.

Ein vielversprechender Ansatz ist es, die abgestorbenen Dopaminzellen durch neue zu ersetzen. Bisherige Methoden hatten jedoch Schwierigkeiten, die transplantierten Zellen in das bereits bestehende Gehirnnetzwerk einzugliedern. Im Zuge der von ARIA geförderten Forschung prüfen Wissenschaftler, ob sich diese Organoide durch spezielle Substanzen und elektrische Stimulation effektiver mit dem neuronalen Netz verknüpfen lassen. Die ersten Versuche erfolgen an Tiermodellen.

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Weitere Forschungsprojekte in Großbritannien

Neben der University of Cambridge profitieren auch andere Forscherteams von der ARIA-Förderung. So arbeiten Wissenschaftler des Imperial College London an einer neuen Art von biohybridisierten Neuronen. Ein Team aus Glasgow entwickelt innovative neuronale Roboter zur Behandlung von Epilepsie. Das Unternehmen Navira aus London erforscht darüber hinaus Methoden, um Gentherapien effizienter ins Gehirn zu leiten.

Exenatide-Studie in Großbritannien

Vijiaratnam N et al. veröffentlichten 2025 eine Studie in The Lancet, in der Exenatide einmal wöchentlich versus Placebo als potenziell krankheitsmodifizierende Behandlung für Menschen mit Parkinson in Großbritannien untersucht wurde: eine Phase-3-, multizentrische, doppelblinde, Parallelgruppen-, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie.

Medikamentöse Therapien und klinische Studien

Die medikamentöse Behandlung von Parkinson konzentriert sich derzeit auf die Linderung der Symptome. Es gibt jedoch vielversprechende Ansätze für krankheitsmodifizierende Therapien, die den Verlauf der Erkrankung verlangsamen oder aufhalten könnten.

Prasinezumab

Pagano G et al. veröffentlichten mehrere Studien im New England Journal of Medicine und Nature Medicine über Prasinezumab in frühen Stadien der Parkinson-Krankheit. Die Studien untersuchten die Wirkung von Prasinezumab auf die motorische Progression der Krankheit.

Lixisenatide

Meissner WG et al. veröffentlichten 2024 eine Studie im New England Journal of Medicine über eine Studie mit Lixisenatide bei Parkinson im Frühstadium.

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Anle138b

MODAG, ein deutsches Biotech-Unternehmen, entwickelt anle138b, einen niedermolekularen Wirkstoff, der spezifisch toxische Oligomer-Strukturen von alpha-Synuclein bindet. Durch die Bindung löst anle138b toxische Oligomere auf und verhindert die Entstehung neuer Oligomere, wodurch die Krankheit in ihrem Kern angegangen wird. In Tiermodellen zu Parkinson und Multisystematrophie zeigte anle138b bereits das Potenzial, ein Fortschreiten der Erkrankungen zu stoppen und die Symptome in vivo zu lindern. Eine Phase-1b-Kurzzeit-Studie mit Parkinson-Patienten wird von Quotient Sciences in Nottingham, Großbritannien, in Zusammenarbeit mit der neurologischen Abteilung des Universitätsklinikums Nottingham durchgeführt. Zu den primären Endpunkten der Studie gehören Sicherheit, Verträglichkeit und Pharmakokinetik von anle138b bei Parkinson-Patienten, um das optimale Dosierungsschema für zukünftige Langzeit-Wirksamkeitsstudien zu ermitteln.

Bayer: Zell- und Gentherapie

Die Bayer AG entwickelt als erstes Unternehmen parallel eine Zell- und eine Gentherapie für Parkinson. Bayer hat den ersten Teilnehmer in die zulassungsrelevante Phase-III-Studie exPDite-2 mit dem Zelltherapiekandidaten Bemdaneprocel aufgenommen. Parallel startete die Phase-II-Gentherapie-Studie REGENERATE-PD mit AB-1005 in Großbritannien und Polen; Deutschland folgt in Kürze, die Studie läuft zudem in den USA. Bemdaneprocel soll dopaminproduzierende Zellen ersetzen, während AB-1005 als experimentelle Gentherapie neuroregenerative Effekte untersuchen soll.

Tiefe Hirnstimulation (THS)

Werden für Betroffene die Symptome im Alltag immer mehr zur Belastung, kann die sogenannte tiefe Hirnstimulation unter Umständen hilfreich sein. Bei der „Hirnschrittmacher“-Operation werden an den äußeren Enden unter der Kopfhaut ein oder zwei Elektroden befestigt und schließlich durch die Schädeldecke tief in das Gehirn eingeführt. Dank elektrischer Impulse an bestimmte Zentren im Gehirn sendet der Schrittmacher regelmäßig schwache Stromstöße. Mittlerweile kommen auch kompaktere Geräte zum Einsatz. Am Universitätsklinikum Münster (UKM) wurde im Frühjahr 2025 einem Patienten ein neuartiges System zur Tiefen Hirnstimulation implantiert. Die neue Hardware verfügt im Vergleich zu Vorgängermodellen über deutlich mehr Leistung - muss also statt wöchentlich nur einmal monatlich aufgeladen werden. Dies funktioniere problemlos zuhause mithilfe eines Ladegerätes, das an einem Gurt um die Brust gespannt wird, weshalb eine Integration in den Alltag garantiert sei.

Sport und Bewegung als Therapie

Sport und Bewegung stellen einen zentralen Bestandteil der Parkinson-Therapie dar: Während die eingesetzten Trainingsformen die motorischen Fertigkeiten stärken, wird der Krankheitsverlauf gleichzeitig positiv beeinflusst. Aus diesem Grunde hat die Parkinson Stiftung im Frühjahr 2025 in Köln erstmals den Workshop „Boxen für Parkinson-Patienten“ organisiert. Die Stiftung möchte mehr Menschen für Sport begeistern und mit dem Angebot einer Trainerausbildung wichtige Schritte tätigen.

Transkranielle Pulsstimulation (TPS)

Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) gehört zur Gruppe der Nicht-invasiven Hirnstimulationen (NIBS). Dabei werden mechanische Impulse in Form äußerst niedrigenergetischer Stoßwellen von außen durch die Schädeldecke geschickt und mit navigationsgestützten Systemen auf bestimmte Hirnareale gerichtet. Diese Methode kommt ohne Operation, ohne Implantate und ohne Narkose aus. Auch gemäß der neuen klinischen Arbeit von Paolo Manganotti und Forschungskollegen von der Universität Triest wurden mit der TPS bei den Parkinson-Probanden neurologische Signale mechanisch angeregt. An der Studie nahmen zehn Parkinson-Patienten im Alter zwischen 52 und 76 Jahren mit dem Schwerpunkt Tremor teil. Das Ergebnis: Die Autoren berichten signifikante Verbesserungen in zentralen klinischen Bewertungsbereichen - darunter der UPDRS-Gesamtscore, der motorische Testteil (UPDRS-III) und insbesondere die Tremor-Unterkategorie. Verbesserungen waren nicht nur unmittelbar nach der Behandlung, sondern auch zwei Wochen später messbar. Wichtig ist dabei, dass die TPS-Behandlung auch in dieser Studie als gut verträglich beschrieben wurde, denn es traten keine relevanten Nebenwirkungen auf.

Die Transkranielle Pulsstimulation (TPS) könnte - so die Annahme der Forscher - mit ihren mechanisch ausgelösten Stoßwellen-Impulsen dazu führen, diese Netzwerke neu zu regulieren und/oder ihr Signalverhalten zu verändern. Das könnte erklären, warum gerade der Tremor in dieser Studie besonders deutlich auf die Behandlung reagiert hat.

Zunehmende Fallzahlen und Umweltfaktoren

Parkinson-Erkrankungen nehmen weltweit deutlich zu. Eine Studie im Fachjournal BMJ prognostiziert, dass sich die Zahl der Betroffenen bis 2050 mehr als verdoppeln könnte - von rund 11,9 Millionen im Jahr 2021 auf weit über 20 Millionen Erkrankte. Lange galt Morbus Parkinson als reine Alterskrankheit. Doch international mehren sich Hinweise, dass vor allem auch Umweltfaktoren (etwa Pestizide und Schwermetalle), dadurch veränderte Stoffwechselprozesse und immunologische Mechanismen eine Rolle spielen könnten - ein Thema, das für künftige Präventionsstrategien von hoher Bedeutung ist.

Die Rolle prominenter Betroffener

Wenn berühmte Menschen öffentlich machen, dass sie an Parkinson erkrankt sind, dient dies immer auch der Aufklärung und Forschung. Bekannte Beispiele sind etwa Muhammad Ali († 2016), Michael J. Fox, Morten Harket oder Ozzy Osbourne. Auch hierzulande berichten prominente Patientinnen und Patienten über ihr Leben mit Parkinson, etwa Frank Elstner, Ottfried Fischer oder Ute Freudenberg. Sie alle vereint der offene Umgang mit der Erkrankung.

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