Parkinson-Krankheit in der DDR: Eine historische Betrachtung

Die Parkinson-Krankheit, auch bekannt als Morbus Parkinson, ist eine neurodegenerative Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Während die Krankheit selbst keine Grenzen kennt, unterschieden sich die Lebensrealitäten von Parkinson-Patienten in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) deutlich von denen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Parkinson-Krankheit in der DDR, wobei sowohl medizinische als auch gesellschaftspolitische Aspekte berücksichtigt werden.

Einleitung

Die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu unterschiedlichen Entwicklungen in Ost und West, die sich auch im Gesundheitswesen widerspiegelten. Während in der BRD die Neurologie ab den 1960er-Jahren eine zunehmende Autonomie gegenüber der Psychiatrie anstrebte, blieben in der DDR beide Fächer aus ideologischen Gründen eng miteinander verbunden. Diese Ausgangslage beeinflusste die Diagnose, Behandlung und das Leben von Menschen mit Parkinson in der DDR.

Entwicklung der Neurologie in der DDR

Die Neurologie in der DDR entwickelte sich langsamer als in der BRD. Eigenständige Kliniken etablierten sich zumeist erst nach 1990. Erst Anfang der 1980er-Jahre führte die zunehmende Profilierung und Spezialisierung der Neurologie zur Sektionsbildung in der Fachgesellschaft für Psychiatrie und Neurologie und so zur Emanzipation des Fachs.

Forschungslage

Im Gegensatz zur Psychiatriehistoriografie in der DDR ist die Geschichte der Neurologie bisher kaum erforscht. Eine systematische Literaturrecherche für den Zeitraum von 1991 bis 2021 ergab eine geringe Anzahl von Veröffentlichungen zur Neurologie in der DDR. Viele Publikationen überschneiden sich inhaltlich stark. Dies unterstreicht den nationalen sowie vergleichend internationalen medizinhistorischen Forschungsbedarf.

Regionale Schwerpunkte

Die wenigen Arbeiten zu Institutionen weisen regionale Schwerpunkte auf: Rostock, Greifswald und Leipzig. In Rostock wurde 1958 der erste separate neurologische Lehrstuhl geschaffen, während in Leipzig 1965 die DDR-weit einzige rein neurologische Universitätsklinik eingerichtet wurde. Dies deutet auf eine beginnende frühe Eigenständigkeit hin, die auch zu einer schärferen fachlichen Abgrenzung gegenüber der Psychiatrie führte. In Greifswald hingegen bestand durchgängig eine verbundene Klinik.

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Einzelne Persönlichkeiten

Neben Arbeiten zu mehreren Personen gibt es eine systematische Darstellung der neurologischen Fachvertreter der Universität Leipzig bis 1985 und neun Veröffentlichungen zu den Rostocker Professoren Franz Günther von Stockert, Gerhard Göllnitz und Johannes Sayk. Die intensive Beschäftigung mit Johannes Sayk basiert auf der Bedeutung seiner Forschungen zur Liquorzytologie und deren wissenschaftlicher Anerkennung auf nationaler und internationaler Ebene. Bei Franz Günther von Stockert spielt die politische Brisanz, bei Gerhard Göllnitz die Begründung der Kinderneuropsychiatrie im Rahmen der Fächerdifferenzierung eine Rolle.

Diagnose und Therapie

Fünf Arbeiten beschäftigen sich mit der Liquordiagnostik, bei den Beiträgen zur Epileptologie und der Neurotraumatologie liegt der Fokus auf der Subspezialisierung.

Liquordiagnostik in der DDR

Johannes Sayk war ein Pionier der Liquordiagnostik. Die Zellsedimentationskammer nach Sayk und deren historische Einordnung hinsichtlich der Liquordiagnostik sind von Bedeutung. In Leipzig gab es eine „Zentralstelle für Morbus Wilson“ der DDR.

Fächerdifferenzierung

Eine ganze Reihe von Veröffentlichungen fokussiert auf Abgrenzungstendenzen zwischen Neurologie und Psychiatrie. Neben der Differenzierung der Kinderneuropsychiatrie bzw.

Kinderneuropsychiatrie

Rudolf Lemke entwickelte die Kinderneuropsychiatrie in Jena. In Rostock entstand der erste Lehrstuhl für Kinderneuropsychiatrie in der DDR. Gerhard Göllnitz begründete die Kinderneuropsychiatrie.

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Fachgesellschaften und Fachzeitschriften

Die einzige Fachzeitschrift fungierte zugleich als Mitteilungsorgan der Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie der DDR, wodurch von einer engen Verzahnung zwischen der Fachgesellschaft und der Schriftleitung der Zeitschrift ausgegangen werden muss. Die Fachzeitschrift wurde über den gesamten Zeitraum des Bestehens der DDR untersucht, deren Beiträge analysiert und ihre Entstehungsgeschichte im gesellschaftspolitischen Kontext aufgearbeitet, wobei bisher auf die psychiatrischen und weniger auf die neurologischen Inhalte eingegangen wurde. Verschiedene Teilaspekte der Gründungsgeschichte der Fachgesellschaft, ihre Fortentwicklung mit Bildung einer eigenständigen Sektion Neurologie, Konflikte in den Überschneidungsbereichen zur Psychiatrie und weiteren Bereichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden deutschen Fachgesellschaften wie auch die Entwicklung von Regionalgesellschaften wurden betrachtet.

Politische und ideologische Einflussnahme

Mit der zunehmenden politisch-ideologischen Einflussnahme der SED-Verantwortlichen wurden die gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und legislativen Rahmenbedingungen für zentralistisch organisierte Strukturen im Gesundheits- und Hochschulwesen mit der entsprechenden Kaderpolitik geschaffen. Als Mittel der Beeinflussung finden sich Zensur sowie das ideologiegeleitete Präferieren wissenschaftlicher Inhalte. Ein wichtiger Aspekt der ideologischen Einflussnahme zeigt sich in dem auch spezifisch auf die Neurologie zielenden Versuch der Etablierung des „Pawlowismus“, der in der DDR vor allem in den 1950er-Jahren propagiert wurde und als Versuch zu verstehen ist, die Forschung stärker am Vorbild der sowjetischen Wissenschaften zu orientieren.

Das Leben mit Parkinson in der DDR

Das Leben mit Parkinson in der DDR war geprägt von den allgemeinen Lebensbedingungen in einem sozialistischen Staat. Dazu gehörten eine staatlich gelenkte Gesundheitsversorgung, eingeschränkte Reisemöglichkeiten und eine ideologisch geprägte Gesellschaft.

Gesundheitsversorgung

Die Gesundheitsversorgung in der DDR war grundsätzlich für alle Bürger zugänglich, jedoch gab es Unterschiede in der Qualität und Verfügbarkeit von medizinischen Leistungen. Spezialisierte Behandlungen und Medikamente waren möglicherweise nicht so leicht zugänglich wie in der BRD.

Gesellschaftliche Aspekte

Die Parkinson-Krankheit konnte in der DDR mit einem Stigma verbunden sein, insbesondere wenn sie mit sichtbaren Symptomen wie Zittern oder Bewegungsstörungen einherging. Die ideologische Ausrichtung der DDR betonte die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, was für Menschen mit chronischen Krankheiten eine zusätzliche Belastung darstellen konnte.

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Künstler und Intellektuelle

Einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der DDR, wie die Schriftstellerin Helga Königsdorf, litten an Parkinson. Ihr Umgang mit der Krankheit und ihre öffentliche Auseinandersetzung damit trugen möglicherweise dazu bei, das Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen und das Stigma zu verringern. Helga Königsdorf setzte sich in ihren Essays mit der DDR-Vergangenheit auseinander und wurde als "leise Stimme der Vernunft" gelobt.

Fallbeispiele

  • Helga Königsdorf: Die Schriftstellerin erlag ihrer Parkinson-Erkrankung in einem Berliner Pflegeheim. Sie setzte sich kritisch mit der viel gepriesenen "Gleichberechtigung" der Frauen im DDR-Sozialismus auseinander.
  • Klaus Ender: Der Fotograf litt ebenfalls an Parkinson. Trotz seiner Erkrankung war er hochproduktiv und blieb seinem Stil treu.

Vergleichende Betrachtung

Die bei der Literaturrecherche identifizierten Publikationen wurden bis auf drei englischsprachige Arbeiten in deutscher Sprache veröffentlicht, was das bisher eher nationale Interesse an der historischen Forschung zur Neurologie in der DDR unterstreicht. Vergleichende Einordnungen zu Entwicklungen in der BRD, auf internationaler Ebene und insbesondere gegenüber anderen sozialistischen Staaten fehlen weitgehend.

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