Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die weltweit Millionen Menschen betrifft. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 250.000 bis 280.000 Menschen betroffen, und diese Zahl wird sich aufgrund des demografischen Wandels voraussichtlich bis 2030 verdoppeln. Eine der vielen Herausforderungen, mit denen Parkinson-Patienten konfrontiert sind, sind Haltungsprobleme und Rückenbeschwerden, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Rückenprobleme bei Parkinson, die diagnostischen Verfahren und die verschiedenen konservativen und chirurgischen Behandlungsoptionen.
Einführung
Parkinson-Patienten leiden häufig unter Haltungsstörungen, die auf eine Kombination aus gestörten Reflexen, altersbedingten Veränderungen der Wirbelsäule und myofaszialen Überlastungen zurückzuführen sind. Diese Faktoren führen oft zu einer progressiven Haltungsinstabilität, die mit der Dauer und Schwere der Erkrankung zunimmt. In Verbindung mit den typischen Gang- und Gleichgewichtsstörungen bei Parkinson erhöht sich das Risiko von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen, was die Lebensqualität der Betroffenen erheblich mindert.
Für Wirbelsäulenchirurgen präsentiert sich die Parkinson-Krankheit oft als neuromuskuläre Störung bei älteren Patienten, die unter leichten bis schweren Haltungsstörungen leiden. Beschwerden, die durch eine Kombination aus sagittaler und koronarer Imbalance, degenerativer Instabilität und Spondylarthrosen entstehen, können den Leidensdruck der Patienten erheblich erhöhen. Neurologische Defizite, die aus einer degenerativen Vertebrostenose resultieren, vervollständigen das Bild des Wirbelsäulenleidens bei Parkinson-Patienten.
Ein Drittel aller Parkinson-Patienten entwickelt eine Deformität der Wirbelsäule, wobei ein signifikanter Anteil eine schwerere spinale Deformität aufweist, die negative Auswirkungen auf die Lebensqualität hat. Die häufigste Deformität ist die gebeugte Simian-Haltung, aber auch andere Formen wie Kamptokormie, Antecollis, Pisa-Syndrom und Skoliose können auftreten. Es ist wichtig, zwischen strukturellen und nicht-strukturellen Deformitäten zu unterscheiden, da dies die Behandlungsstrategie beeinflusst.
Ursachen für Rückenprobleme bei Parkinson
Die Ursachen für Rückenprobleme bei Parkinson sind vielfältig und komplex. Sie lassen sich in folgende Kategorien einteilen:
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- Neurologische Faktoren: Die Parkinson-Krankheit beeinträchtigt die für die aufrechte Haltung erforderlichen Reflexe und führt zu einer gestörten Körperhaltung.
- Altersbedingte Veränderungen: Altersbedingte Veränderungen der Wirbelsäule, wie z.B. degenerative Veränderungen der Bandscheiben und Wirbelgelenke, können die Stabilität der Wirbelsäule beeinträchtigen und zu Schmerzen führen.
- Myofasziale Überlastung: Myofasziale Überlastung und konsekutive Muskelatrophie führen oft zu einer progressiven Haltungsinstabilität.
- Gang- und Gleichgewichtsstörungen: Die für Parkinson typischen Gang- und Gleichgewichtsstörungen erhöhen das Risiko von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen, die zu Rückenproblemen führen können.
- Medikamenteneinnahme: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Parkinson eingesetzt werden, können Nebenwirkungen haben, die sich auf die Wirbelsäule auswirken und zu Rückenproblemen führen können.
- Weitere Faktoren: Weitere Faktoren, die zu Rückenproblemen bei Parkinson beitragen können, sind Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und psychische Belastungen.
Diagnostik und Beurteilung
Die Diagnose von Rückenproblemen bei Parkinson beginnt mit einer gründlichen Anamnese, die sich auf die Symptome, Bedürfnisse und Erwartungen des Patienten konzentriert. Anschließend sollte eine neurologische Untersuchung durchgeführt werden. Bei Verdacht auf ein Kompressionssyndrom im Rücken ist eine gezielte MRT-Untersuchung erforderlich. Im Falle einer klinisch signifikanten Deformität muss die körperliche Untersuchung auch die Starrheit der Deformität berücksichtigen. Es ist wichtig zu beachten, dass sowohl eine Deformität als auch gleichzeitig ein Kompressionssyndrom vorliegen können.
Die Diagnosestellung bei Parkinsonpatienten mit Rückenproblemen beginnt mit einer gründlichen Anamnese, welche sich in erster Linie auf die Symptome konzentriert, aber zugleich auch die Bedürfnisse und Erwartungen des Patienten mit einbezieht. Dies kann als Baustein für die weitere Diagnose und Entscheidungsfindung dienen. Anschliessend sollte eine gründliche neurologische Untersuchung durchgeführt werden. Bei Verdacht auf ein Kompressionssyndrom im Rücken sollte eine gezielte MRT gemacht werden. Im Falle einer klinisch signifikanten Deformität muss sich die körperliche Untersuchung auch auf die Starrheit der Deformität konzentrieren.
Bildgebende Verfahren
Ergänzend zur klinischen Untersuchung werden bildgebende Verfahren eingesetzt, um die Ursache der Rückenprobleme zu identifizieren und das Ausmaß der Schädigung zu beurteilen. Zu den gängigen bildgebenden Verfahren gehören:
- Röntgenaufnahmen: Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule in aufrechter Position von lateral und anterior-posterior (ap) werden angefertigt, um die Wirbelsäulenstruktur zu beurteilen und Deformitäten zu erkennen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT-Untersuchung wird durchgeführt, um Weichteilstrukturen wie Bandscheiben, Nerven und Rückenmark darzustellen und Kompressionssyndrome zu identifizieren.
- Computertomographie (CT): Eine CT-Untersuchung kann in bestimmten Fällen erforderlich sein, um knöcherne Strukturen detaillierter darzustellen.
Weitere diagnostische Tests
In einigen Fällen können weitere diagnostische Tests erforderlich sein, um die Ursache der Rückenprobleme zu identifizieren und die Behandlungsstrategie zu planen. Zu diesen Tests gehören:
- Elektromyographie (EMG): Ein EMG wird durchgeführt, um die elektrische Aktivität der Muskeln zu messen und Nervenschäden zu erkennen.
- Nervenleitgeschwindigkeitstest (NLG): Ein NLG wird durchgeführt, um die Geschwindigkeit zu messen, mit der elektrische Signale entlang der Nerven wandern, und Nervenschäden zu erkennen.
- Knochendichtemessung (DXA): Eine DXA-Messung wird durchgeführt, um die Knochendichte zu messen und das Risiko von Wirbelbrüchen zu beurteilen.
Konservative und neurologische Behandlung
Der erste Schritt im Behandlungsprozess ist die optimale pharmakologische Einstellung des Parkinsonpatienten. Hierzu gehört nicht nur die neurologische Behandlung des Morbus Parkinson, sondern ebenso eine adäquate Schmerztherapie zur Linderung von Schmerzen infolge von sagittaler Imbalance, Spondylarthrosen, Diskopathie und Vertebrostenose. Allein hierdurch kann es zu einer deutlichen Verbesserung der Mobilität kommen.
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Die konservative Behandlung von Rückenproblemen bei Parkinson zielt darauf ab, Schmerzen zu lindern, die Mobilität zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Zu den gängigen konservativen Behandlungsoptionen gehören:
- Pharmakologische Therapie: Die pharmakologische Therapie umfasst die Optimierung der Parkinson-Medikation, die Schmerztherapie und die Behandlung von Begleiterkrankungen.
- Physiotherapie: Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Rückenproblemen bei Parkinson. Sie umfasst Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur, zur Verbesserung der Körperhaltung und zur Erhaltung der Beweglichkeit.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie hilft Patienten, ihre Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) trotz ihrer Rückenprobleme auszuführen. Sie umfasst Anpassungen der Umgebung, den Einsatz von Hilfsmitteln und die Schulung von Kompensationsstrategien.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthopädische Hilfsmittel wie Schuheinlagen, Rückenstützen und Gehhilfen können helfen, Schmerzen zu lindern, die Stabilität zu verbessern und die Mobilität zu erhöhen.
- Injektionstherapie: Injektionstherapie, wie z.B. Injektionen von Kortikosteroiden oder Lokalanästhetika, kann zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
- Weitere konservative Maßnahmen: Weitere konservative Maßnahmen, die bei Rückenproblemen bei Parkinson eingesetzt werden können, sind Akupunktur, Massagen und Entspannungstechniken.
Optimierung der Parkinson-Medikation
Eine optimale pharmakologische Einstellung des Morbus Parkinson sowie eine gute Schmerztherapie eine Haltungsbesserung, verbesserte Mobilität und somit bereits eine Reduktion des Leidensdrucks der Patienten erreicht werden. Die ganzheitliche Behandlung beginnt daher allzeit mit der Optimierung der medikamentösen Einstellung, da bereits hierdurch die Lebensqualität verbessert werden kann.
Physiotherapie und Rehabilitation
Bevor eine Operation in Erwägung gezogen wird, sollte der Parkinsonpatient auch eine Überweisung für eine intensivierte Physiotherapie und idealerweise eine stationäre Rehabilitation erhalten. Dies dient auch im Sinne einer präoperativen Konditionierung (Stichwort «präoperative Rehabilitation») der Optimierung von Stand- und Gangkoordination, der Aufdehnung von bereits progredienten Kontrakturen, der Steigerung der kardiologischen Belastungsreserve und dem Erlernen von Bewegungs-, Übungs- und Trainingsmustern, welche dem Patienten dann auch nach einer grossen Korrekturoperation nicht mehr fremd sind. Das präoperative Anpassen von Ganghilfen und die Gewöhnung daran gehören ebenso zu den Grundlagen einer vernünftigen präoperativen Planung beim Patienten mit Morbus Parkinson und fortgeschrittener Deformität der Wirbelsäule.
Chirurgische Behandlung
Ein Parkinsonpatient kann wegen begrenzter Haltungsveränderungen, Stenosen der Wirbelsäule, die zu Kompressionssyndromen führen, oder einer Kombination aus beidem für eine chirurgische Behandlung in Betracht kommen. Es ist jedoch wichtig, zu erkennen dass diese Patientenkategorie medizinisch sehr komplex ist und dass Rückenprobleme in dieser Gruppe multifaktorieller Genese sein können. Dies erfordert einen krankheitsspezifischen Ansatz und eine gute Patientenauswahl.
Die chirurgische Behandlung von Rückenproblemen bei Parkinson ist eine Option für Patienten, bei denen konservative Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind. Die Indikation zur chirurgischen Behandlung sollte jedoch sorgfältig geprüft werden, da Parkinson-Patienten ein erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen haben.
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Indikation zur chirurgischen Behandlung
Die Indikation zur chirurgischen Behandlung von Rückenproblemen bei Parkinson wird in der Regel gestellt, wenn:
- Konservative Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind, um Schmerzen zu lindern, die Mobilität zu verbessern oder die Lebensqualität zu erhöhen.
- Eine spinale Deformität vorliegt, die zu erheblichen Beschwerden führt.
- Eine Kompression des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln vorliegt, die zu neurologischen Defiziten führt.
- Die Lebensqualität des Patienten durch die Rückenprobleme erheblich beeinträchtigt ist.
Präoperative Planung
Freilich muss vor der Operation eine umfangreiche Diagnostik durchgeführt werden. Diese besteht aus Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule in aufrechter Position von lateral und ap. Darüber hinaus erfolgt eine MRT-Untersuc
Chirurgische Verfahren
Es gibt verschiedene chirurgische Verfahren, die zur Behandlung von Rückenproblemen bei Parkinson eingesetzt werden können. Die Wahl des Verfahrens hängt von der Ursache der Rückenprobleme, dem Ausmaß der Schädigung und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten ab. Zu den gängigen chirurgischen Verfahren gehören:
- Dekompression: Die Dekompression wird durchgeführt, um den Druck auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln zu verringern.
- Fusion: Die Fusion wird durchgeführt, um zwei oder mehrere Wirbel miteinander zu verbinden und die Wirbelsäule zu stabilisieren.
- Korrektur der spinalen Deformität: Die Korrektur der spinalen Deformität wird durchgeführt, um die Wirbelsäule aufzurichten und die Körperhaltung zu verbessern.
Postoperative Rehabilitation
Nach der Operation ist eine intensive Rehabilitation erforderlich, um die Muskelkraft, die Beweglichkeit und die Koordination wiederherzustellen. Die Rehabilitation umfasst Physiotherapie, Ergotherapie und Schmerzmanagement.
Fazit
Rückenprobleme sind eine häufige und belastende Begleiterscheinung der Parkinson-Krankheit. Eine frühzeitige Diagnose und eine individuelle Behandlungsstrategie sind entscheidend, um Schmerzen zu lindern, die Mobilität zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus pharmakologischer Therapie, Physiotherapie, Ergotherapie und orthopädischen Hilfsmitteln. In einigen Fällen kann eine chirurgische Behandlung erforderlich sein, um die Wirbelsäule zu stabilisieren, den Druck auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln zu verringern oder eine spinale Deformität zu korrigieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Orthopäden, Physiotherapeuten und anderen Fachkräften ist wichtig, um die bestmögliche Versorgung für Parkinson-Patienten mit Rückenproblemen zu gewährleisten.