Parkinson-Krankheit: Ursachen für überschießende Bewegungen und Behandlungsmöglichkeiten

Bewegungsstörungen sind in der Neurologie Syndrome, die mit einer Störung in der Einleitung und Durchführung willkürlicher und unwillkürlicher Motorik einhergehen. Nach zerebrovaskulären und epileptischen Störungen nehmen Bewegungsstörungen den dritten Platz auf der Häufigkeitsskala in der Neurologie ein. Innerhalb der Gruppe der Bewegungsstörungen ist der essentielle Tremor am häufigsten, mit einer Prävalenz von über 400 pro 100.000.

Traditionell werden die Bewegungsstörungen (Parkinson-Syndrome, Dyskinesien, Dystonien, Tics, Tremor, Chorea) zu den Basalganglienerkrankungen gezählt, was zumindest für die grobe neuroanatomische Lokalisation der Funktionsstörung oder pathologischen Auffälligkeit für einige der Störungen einen gemeinsamen Nenner darstellt. Die Basalganglien umfassen die grauen Kernkomplexe in der Tiefe der Hemisphären (Striatum mit Putamen und Nucleus caudatus, innerer und äußerer Globus pallidus und Corpus amygdaloideum). Funktionell werden auch der Nucleus subthalamicus und die Substantia nigra hinzugezählt.

Die Diagnose von Bewegungsstörungen basiert weitgehend auf Anamnese und neurologischer Untersuchung. Bei der Einordnung von Bewegungsstörungen ist man auf ihre klinische Phänomenologie angewiesen, da zunächst syndromatisch vorgegangen wird. Dies setzt eine klare Nosologie und Semiologie voraus. Entgegen der üblichen Vorgehensweise bei der Interpretation neurologischer Befunde geht bei Bewegungsstörungen die phänomenologische Einordnung der Frage nach der neuroanatomischen Lokalisation einer Funktionsstörung im Nervensystem voraus. Dies liegt daran, dass für eine große Anzahl von Bewegungsstörungen der primäre Ort der Funktionsstörung nicht bekannt ist, verschiedene Lokalisationen in Betracht kommen oder die Störung nur im Rahmen eines übergeordneten neuronalen Systems verstanden werden kann. Bewegungsstörungen sind als Krankheitszeichen zu sehen, für die es eine Vielzahl von Ursachen gibt.

Ursachen überschießender Bewegungen bei Parkinson

Die Parkinson-Krankheit ist durch eine fortschreitende Funktionsstörung und den Verlust von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet. Eine wichtige Rolle bei der Entstehung der typischen Bewegungsstörungen mit Verlangsamung und Verkleinerung von Bewegungen, Muskelsteifheit oder Zittern spielt der Botenstoff Dopamin, der von Nervenzellen in der Substantia nigra (der schwarzen Substanz) des Mittelhirns produziert wird. Dopamin beeinflusst ein Gehirnnetzwerk der Bewegungssteuerung: Fehlt Dopamin, werden die normalen Bewegungsabläufe abgebremst, und es entstehen Parkinson-typische Symptome. Ist der Dopaminspiegel jedoch zu hoch, können unwillkürliche, überschießende Bewegungen entstehen. Stark überschießende Bewegungen, sogenannte Hyperkinesien, können so gemildert werden. Ebenso der Tremor.

Medikamenteninduzierte Dyskinesien

Ein Hauptfaktor für das Auftreten überschießender Bewegungen bei Parkinson-Patienten ist die medikamentöse Behandlung mit L-Dopa. L-Dopa ist der Goldstandard in der Parkinsontherapie und ermöglichte mit seiner Entwicklung in den 1960er Jahren erstmals eine kausale Therapie der Parkinson-Krankheit. Allerdings kann die langfristige Einnahme von L-Dopa bei etwa 50 % der Patienten zu Dyskinesien führen, insbesondere nach mehrjähriger Therapie. Im Vordergrund stehen dann choreatische und dystone Elemente.

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Neuroleptika-induzierte Dyskinesien

Akute und tardive Dyskinesien können auch nach der Einnahme von Neuroleptika auftreten. Die klassische, orobukkolinguale tardive Dyskinesie (bukkolingualmastikatorisches Syndrom) ist ein spezifisches nosologisches Syndrom, das durch kauende, grimassierende Bewegungen im Kiefer-, Zungen- und Mundbereich gekennzeichnet ist. Die Bewegungen sind häufig rhythmisch, mit einem Zungenwälzen in Ruhe.

Weitere Ursachen

Obwohl medikamenteninduzierte Dyskinesien die häufigste Ursache für überschießende Bewegungen bei Parkinson darstellen, können auch andere Faktoren eine Rolle spielen:

  • Krankheitsverlauf: Im Laufe der Zeit können sich die Einschränkungen trotz guter Medikamenteneinstellung verstärken.
  • Psychische Einflüsse: Psychische Faktoren können Hyperkinesen verstärken und die Symptomatik komplizieren, insbesondere bei Krankheiten, die Ausdrucksmotorik und Kommunikation betreffen.
  • Äußere Einflüsse: Außergewöhnliche Belastungen, sowohl körperlicher als auch seelischer Natur, können zu einer Zunahme der Symptome führen, selbst wenn die Medikamente unverändert eingenommen werden. Besonders heikel sind plötzliche Veränderungen der Lebensbedingungen, da Menschen mit Parkinson hierbei besonders sensibel reagieren.
  • Weitere Erkrankungen: Es gibt eine Reihe anderer seltener Erkrankungen, die eine Chorea hervorrufen können, wie die Neuroakanthozytose, bestimmte spinozerebelläre Ataxien (SCA 17), Huntington-Disease-like (HDL)-Syndrome oder die dentatorubrale-pallidoluysiane Atrophie.

Formen überschießender Bewegungen

Bei Parkinson können verschiedene Formen überschießender Bewegungen auftreten:

  • Chorea: Schnelle, unregelmäßig auftretende, ruckartige Bewegungen, die wie „zufällig“ von einer Körperregion in eine andere wechseln. Durch Willkürbewegungen kommt es in der Regel zu einer Verstärkung von Chorea. Anhaltende willkürliche Muskelkontraktionen (z. B. Zunge herausgestreckt halten) sind schwer durchzuführen (motorische Impersistenz), sodass Ungeschicklichkeit ein Problem wird (Tassen fallen lassen etc.).
  • Athetose: Wurmförmige, langsame Bewegungen, vorwiegend distal an den Extremitäten (langsame, distale Form der Chorea). Im Gegensatz zur Dystonie sind die Bewegungen weder repetitiv noch durch ein bestimmtes Aktivierungsmuster oder durch anhaltende Muskelkontraktionen gekennzeichnet. Athetose, Chorea und Ballismus bilden ein Kontinuum einer Art von Bewegungsstörungen, wobei die Athetose die kleinste Amplitude aufweist.
  • Ballismus: Abrupte, proximal betonte, ausholende, schleudernde oder wurfartige Bewegungen einer Extremität. Man kann den Ballismus als eine hochamplitudige Form der Chorea beschreiben. Diese praktisch nur als Hemiballismus auftretende Störung ist durch eine abrupte, proximal betonte, weit ausholende, schleudernde oder wurfartige Bewegung der Extremität gekennzeichnet, die in ihrer extremen Form zu Verletzungen führt.
  • Dystonie: Anhaltende Muskelkontraktionen, die repetitive Bewegungen und abnorme Haltungen verursachen. Tremoröse und myokloniforme Aktivierungsmuster können hinzukommen, womit sich differenzialdiagnostische Schwierigkeiten ergeben können. Wenn die Dystonie nur auf eine bestimmte Körperregion begrenzt ist, spricht man von fokalen Dystonien (Blepharospasmus, Torticollis spasmodicus, Schreibkrampf als aktionsinduzierte fokale Dystonie der Hand u.

Behandlung von überschießenden Bewegungen

Die Behandlung überschießender Bewegungen bei Parkinson zielt darauf ab, die Dopaminspiegel im Gehirn optimal einzustellen und andere Faktoren, die die Symptome verschlimmern, zu minimieren.

Medikamentöse Therapie

  • Dopaminagonisten: Medikamente, die die Wirkung von Dopamin nachahmen.
  • COMT-Hemmer: Medikamente, die das Enzym Catechol-O-Methyltransferase (COMT) hemmen, das Dopamin abbaut (z.B. Entacapon, Tolcapon).
  • MAO-B-Hemmer: Medikamente, die das Enzym Monoaminooxidase B (MAO-B) hemmen, das ebenfalls Dopamin abbaut.
  • Anpassung der L-Dopa-Dosis: Eine sorgfältige Anpassung der L-Dopa-Dosis ist entscheidend, um Dyskinesien zu vermeiden oder zu reduzieren.
  • Bedarfsmedikation: Manche Betroffene haben neben dem festen Medikamentenplan auch noch eine Bedarfsmedikation, die sie einnehmen können, wenn plötzliche Unbeweglichkeit (OFF-Phase) auftritt, besondere Belastungen auftreten oder die Wirkung der vorangegangenen Medikamentendosis ausbleibt. Häufig wird als Bedarfsmedikation ein wasserlösliches L-Dopa-Präparat (z. B. Madopar LT ® oder Isicom ®) verordnet, das vor Gebrauch zum schnelleren Wirkungseintritt in Wasser aufgelöst werden sollte.

Tiefe Hirnstimulation (THS)

Die tiefe Hirnstimulation ist ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert werden, um die Nervensignale der Bewegungssteuerung zu regulieren. Sie kann eine wirksame Option sein, um Dyskinesien und andere motorische Symptome bei Parkinson zu reduzieren, insbesondere wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist. Stark überschiessende Bewegungen, sogenannte Hyperkinesien, können so gemildert werden. Ebenso der Tremor.

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Nicht-medikamentöse Maßnahmen

  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Beweglichkeit, Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, alltägliche Aktivitäten trotz der Bewegungsstörungen auszuführen.
  • Logopädie: Logopädie kann helfen, Sprach- und Schluckstörungen zu behandeln.
  • Psychologische Unterstützung: Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen und psychischen Belastungen der Parkinson-Krankheit umzugehen.
  • Ernährung: Unbedingt zu beachten ist auch, dass Tabletten, die L-Dopa enthalten, nicht mit eiweißreicher Nahrung aufgenommen werden dürfen, da sie sonst nur vermindert in den Blutkreislauf gelangen.
  • Regelmäßige Medikamenteneinnahme: Besonders wichtig ist bei der medikamentösen Therapie die genaue zeitliche Abstimmung des Medikamentenplanes. Die meisten Betroffenen erhalten von ihrem Arzt einen genauen Zeitplan, auf dem verzeichnet ist, welche Medikamente zu welcher Uhrzeit eingenommen werden sollten.

Weitere Aspekte der Parkinson-Behandlung

Neben der Behandlung der motorischen Symptome ist es wichtig, auch die nicht-motorischen Symptome der Parkinson-Krankheit zu berücksichtigen, wie z. B. Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen und kognitive Beeinträchtigungen. Viele Menschen mit Parkinson leider aber auch an vielfältigen nicht-motorischen Beschwerden, die teilweise sogar den Bewegungsstörungen lange vorausgehen, wie etwa Ängste, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Sexualfunktionsstörungen oder Denkstörungen. Sie sind oft nicht ausreichend durch den Ausgleich des Dopaminmangels zu behandeln und erfordern zusätzliche Behandlungen anderer Neurotransmittersysteme, wie z.B. Serotonin, Acetylcholin oder Noradrenalin, um die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern.

Forschung und Ausblick

Die Parkinsonforschung konzentriert sich weiterhin auf das Verständnis der Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten dieser neurodegenerativen Erkrankung. Aktuelle Studien befassen sich auch mit neuen Therapien, darunter medikamentösen Behandlungen, die darauf abzielen, das Fortschreiten der Erkrankung abzubremsen oder gar aufzuhalten. Innovative Forschungsansätze wie die Immunisierung gegen Alpha-Synuklein, die Gentherapie und die Verwendung von Stammzellen bieten vielversprechende Perspektiven und befinden sich im frühen Stadium der klinischen Prüfung an Patienten. Aktuelle Ansätze der Gentherapie fördern die Produktion von Nervenwachstumsfaktoren in den betroffenen Gehirnbereichen, um das Nervensterben abzumildern, während Stammzelltherapien darauf abzielen, verlorene Neuronen zu ersetzen.

Die moderne Parkinsonforschung zielt darauf ab, die molekularen Grundlagen der Krankheitsentstehung zu entschlüsseln und insbesondere die Wechselwirkung von körperlichen Risikofaktoren und Umwelteinflüssen besser zu verstehen, um neue Behandlungsansätze, aber auch Maßnahmen der Prävention zu entwickeln. Die Wissenschaftler, die an der Gründung der Parkinson Stiftung beteiligt waren, glauben daran, dass wir dank einer rasanten Entwicklung der Methoden in der Gehirnforschung diesen Zielen sehr nah sind und dass eine „Welt ohne Parkinson“ keine Utopie sein muss.

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