Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich nicht nur auf die motorischen Fähigkeiten auswirkt, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf andere Lebensbereiche hat, einschließlich der Sexualität. Viele Betroffene und ihre Partner erleben Veränderungen in ihrem sexuellen Empfinden und ihrer sexuellen Funktion. Es ist wichtig, diese Veränderungen offen anzusprechen und nach Lösungen zu suchen, um die Lebensqualität und die intime Beziehung zu verbessern.
Was ist Parkinson?
Parkinson ist eine Erkrankung des Nervensystems, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben, die Dopamin produzieren. Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff, der für die Steuerung von Bewegungen zuständig ist. Ein Mangel an Dopamin führt zu den typischen Parkinson-Symptomen wie Bewegungsarmut, Zittern und Gleichgewichtsstörungen. Die Parkinson-Krankheit macht sich erst allmählich bemerkbar. Viele Menschen spüren lange keine Beschwerden oder führen die Symptome auf andere Ursachen wie den normalen Alterungsprozess zurück. Manchmal fällt nahestehenden Menschen zuerst auf, dass etwas nicht stimmt. Vom Auftreten der ersten Beschwerden und Einschränkungen bis zur endgültigen Diagnose können Jahre vergehen.
Ursachen sexueller Dysfunktion bei Parkinson
Sexuelle Funktionsstörungen bei Parkinson sind ein komplexes Problem, das durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht oder verstärkt werden kann. Viele der Mechanismen sind von der medizinischen Forschung noch nicht vollständig entschlüsselt.
- Dopaminmangel: Ein Mangel am Neurotransmitter Dopamin spielt eine Schlüsselrolle bei der Regulation motorischer Funktionen und ist auch für die Sexualfunktion von entscheidender Bedeutung. Bei der Parkinson-Krankheit ist die Dopaminproduktion im Gehirn reduziert, was sich direkt auf die sexuelle Gesundheit auswirken kann.
- Vegetatives Nervensystem: Die Parkinson-Krankheit wirkt sich auch auf das vegetative Nervensystem aus, das für die Sexualfunktion wichtig ist. Störungen in diesem System können sich in Erektionsproblemen äußern.
- Psychische Faktoren: Psychische Faktoren wie Depression, Angst und Stress können Erektionsstörungen verstärken. Bis zu 45 % der Parkinson-Patienten leiden unter Depressionen, die sowohl die Lebensqualität als auch das sexuelle Verlangen und die sexuelle Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Antidepressiva, die häufig zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, können ebenfalls zur erektilen Dysfunktion beitragen.
- Medikamente: Auch Medikamente, die zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden, können Erektionsstörungen als Nebenwirkung haben. Gleiches gilt für Medikamente, die zur Behandlung von Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen eingesetzt werden. Einige Medikamente zur Behandlung der Parkinson-Krankheit, insbesondere dopaminerge Medikamente wie Levodopa, die auf Dopamin wirken, können als Nebenwirkung Erektionsstörungen hervorrufen. In Einzelfällen können diese Medikamente die Erektionsfähigkeit aber auch verbessern. Dies unterstreicht die Bedeutung einer genauen ärztlichen Diagnose und einer gezielten Therapie.
Häufige sexuelle Probleme bei Parkinson
Parkinson ist mit einer Vielzahl von Symptomen verbunden, die sich direkt oder indirekt auf die Sexualität auswirken. Das wird auch durch Zahlen deutlich: Sexuelle Probleme treten bei Menschen mit Parkinson etwa doppelt so häufig auf und das Risiko dafür ist sogar um das 3,5-Fache erhöht. Jede Person erlebt Parkinson anders. Dennoch treten bestimmte Veränderungen gehäuft auf:
- Erektionsstörungen: Bis zu 60 Prozent der Männer mit Parkinson leiden an Erektionsstörungen, zudem treten Ejakulations- und Orgasmusstörungen auf. Bis zu 80 % der Männer mit Parkinson haben Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder zu halten. Diese Probleme sind durch gestörte neurologische Signale, Gefäßveränderungen oder Medikamente bedingt.
- Vermindertes sexuelles Verlangen (Hyposexualität): Betroffene berichten über geschwundenes sexuelles Verlangen. Oft empfinden sie ihre Sexualität als unbefriedigend. Die Parkinson-Krankheit ist in erster Linie Auslöser für Hyposexualität. Ein Dopaminmangel führt zu einer Verringerung der Libido und zu sexuellen Funktionsstörungen.
- Orgasmusstörungen: Das häufigste Symptom von Frauen ist die verminderte Orgasmusfähigkeit. Außerdem können verlangsamte Nervenreaktionen und unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten das Erreichen eines Höhepunkts erschweren.
- Hypersexualität: In seltenen Fällen kann es auch zu Hypersexualität kommen (z.B. bei M. Parkinson). Hypersexualität ist eine belastende Nebenwirkung der dopaminergen Therapie bei Parkinson-Patienten mit einer Prävalenz zwischen 1,9 % und 22,8 %. Im Vordergrund steht dabei die Wirkstoffgruppe der Dopaminagonisten. Hypersexualität wird definiert als ein "gesteigertes Interesse an Sexualität, das über die gesellschaftlich und persönlich akzeptierten Normen hinausgeht und trotz schädlicher Folgen für die eigene Person und für andere auftritt". Es kann ein Risiko für kriminelles Verhalten bestehen. Das Erkennen der schädlichen Konsequenzen "ist für die Diagnose von grundlegender Bedeutung". Kennzeichnend für diese Störung sind wiederholte und beharrliche sexuelle Forderungen, ein verstärkter Gebrauch von Pornografie, häufige sexuelle Bemerkungen und die Entwicklung von Paraphilien (Exhibitionismus, Zoophilie, Frotteurismus usw.). In selteneren Fällen können die Patienten ihre sexuellen Vorlieben ändern.
- Weitere Probleme bei Frauen: Frauen berichten mitunter von verringerter Erregbarkeit, einer trockenen Scheide und Orgasmusproblemen. Ursächlich dafür können mehrere Umstände sein: Zum einen spielen hormonelle Faktoren eine Rolle, insbesondere bei älteren Patientinnen, bei denen zusätzlich die natürliche Östrogenproduktion sinkt. Zum anderen stört Parkinson auch das autonome Nervensystem, das für die Regulation der Scheidendurchblutung und Feuchtigkeitsbildung mitverantwortlich ist. Diese Reaktion beruht auf verschiedenen Ursachen: Einerseits kann die Muskelsteifheit auch den Beckenboden betreffen. Andererseits führen veränderte Nervenreize oder eine verminderte Wahrnehmung zu einer erhöhten Anspannung im Intimbereich.
- Ejakulationsstörungen: Männer können Ejakulations- und Orgasmusstörungen aufweisen. Die Ejakulation kann zu spät oder zu früh erfolgen oder auch ausbleiben.
- Schmerzen: Muskelverspannungen können zärtliche Berührungen erschweren.
Diagnostik sexueller Probleme bei Parkinson
Um die sexuellen Probleme von neurologischen Patienten aufzudecken, genügen in der Praxis Anamnese und klinische Untersuchung. Es kann nützlich sein, mit dem Partner des Betroffenen zu sprechen. Die Informationen aus der Anamnese geben Hinweise für die körper liche Untersuchung . Hierzu wird der laterale Sphinkterrand beidseits wiederholt gepikt, etwa mit einem scharf abgebrochenen Holzstäbchen. Im Normalfall sind Kontraktionen des äußeren Schließmuskels zu beobachten. Getestet werden sollte auch der Bulbospongiosusreflex (S2-S4/5) durch Drücken der Glans penis bzw. Bei Männern gibt die Auslösbarkeit des Kremasterreflexes (L1) weitere Auskünfte über die Motorik.
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Bei der Anamnese gilt es vor allem, vier Bereiche abzufragen, zunächst bei beiden Geschlechtern Libido und sexuelles Begehren. Die Frage lautet, ob Interesse und Motivation für sexuelle Aktivitäten reduziert sind oder fehlen. Was die genitale Erregung angeht, so ist es wichtig, bei Männern nach erektiler Dysfunktion, bei Frauen nach vaginaler Trockenheit zu fragen. Der Orgasmus kann reduziert bzw. verspätet sein oder ganz fehlen, bei Männern kann die Ejakulation zu spät oder zu früh erfolgen oder auch ausbleiben. «Diese Fragen haben allerdings einen Bezugspunkt: Man sollte als Ausgangspunkt immer die sexuelle Funktion und Aktivität vor Beginn der neurologischen Erkrankung nehmen»,
Zunächst geht es bei der körperlichen Untersuchung um Vitalfunktionen wie Blutdruck und Herzfrequenz, Gewicht und Grösse. Dann folgt eine neurologische Untersuchung der kognitiven, motorischen und sensorischen Funktionen, weil auf all diesen Ebenen Störungen vorliegen können, die sich auf Intimität und sexuelle Vollzugsfähigkeit auswirken. Sehr wichtig ist auch die Evaluierung der aktuellen Medikation und ihrer möglichen Auswirkungen auf die Sexualfunktion.
Therapieansätze bei sexuellen Problemen
Parkinsonbedingte Erektionsstörungen werden häufig durch eine Anpassung der Parkinson-Medikamente mit begleitender Psychotherapie behandelt. Die Diagnose der Erektionsstörung und die Anpassung der Medikamente sind komplex. Denn obwohl Medikamente zur Behandlung der Parkinson-Krankheit häufig zu einer Beeinträchtigung der Sexualfunktion und zu Erektionsstörungen führen, können Levodopa und Dopaminagonisten das sexuelle Wohlbefinden in manchen Fällen sogar verbessern. Dopaminagonisten sind Medikamente, die Dopamin nachahmen und häufig zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden.
Eine offene Kommunikation mit der Ärztin oder dem Arzt über die Symptome ist dabei unerlässlich. Über eine Anpassung der Parkinson-Therapie lässt sich oft viel bewirken.
Hier sind einige Therapieansätze, die in Betracht gezogen werden können:
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- Medikamentenanpassung: Wenn Erektionsprobleme oder Libidoverlust mit Parkinson-Medikamenten zusammenhängen, sollte die Dosierung oder der Medikamententyp überprüft werden. Zudem sind für Männer oft PDE-5-Hemmer hilfreich, für Frauen können sich Gleitmittel oder Hormonbehandlungen eignen.
- PDE-5-Hemmer: Ein wichtiger Durchbruch in der Behandlung dieser spezifischen Probleme war der Einsatz von Sildenafil. Sildenafil hemmt das Enzym PDE-5 und führt zu einer Erweiterung der Gefäße und einer besseren Durchblutung. Die Fähigkeit, eine Erektion zu bekommen und aufrechtzuerhalten, sowie die Qualität des Sexuallebens werden deutlich verbessert. Die Einnahme von PDE-5-Hemmern sollte immer in Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt erfolgen. Ein offenes Gespräch über die Erektionsstörung ist wichtig, um gemeinsam eine Therapie zu finden, die mit anderen Medikamenten verträglich ist und die individuellen Bedürfnisse sowie mögliche Risikofaktoren berücksichtigt. In der Behandlung bei ED dominieren die Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDI). Die Effektivität von Sildenafil bei organisch bedingter Erektionsstörung wird mit 68 Prozent angegeben. In der Praxis sind alle Phosphodiesterase-Hemmer (PDI) etwa gleich wirksam. Dosierung: Beginn mit einer mittleren Dosis (50 mg Sildenafil), die Wirkung setzt binnen 30 Minuten ein. Bei gutem Ansprechen auf eine niedrigere, bei Nichtansprechen auf eine höhere Dosis umstellen. Kontraindikationen: Retinitis pigmentosa, Hypotonie, Kombination mit Vasodilatatoren des Nitro-Typs und NO-Donatoren (auch Drogen!).
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Depressionen, Angst oder Müdigkeit lassen sich mit Psychotherapie und/oder Medikamenten lindern, was das Sexualleben indirekt verbessern kann.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen verbessern die Beweglichkeit und erleichtern körperliche Intimität. Physiotherapeut:innen können Tipps zu geeigneten Stellungen geben. Spezialisierte Sexualtherapie bietet zudem individuelle Lösungen.
- Timing nutzen: In „On-Phasen“, wenn Medikamente optimal wirken und Symptome geringer sind, fällt Sexualität oft leichter.
- Psychotherapie: Psychotherapeutische Unterstützung kann zusätzlich helfen, seelische Belastungen wie Depressionen und Stress zu bewältigen. Eine psychologische Beratung und Begleitung kann für Erkrankte wie für Angehörige hilfreich sein. Bei stärkeren Problemen kann eine Psychotherapie infrage kommen.
- Weitere Optionen: Für Männer mit erektiler Dysfunktion steht neben PDE-5-Hemmern noch eine Reihe weiterer Therapieoptionen zur Verfügung, wie etwa Penisringe oder -prothesen, Vakuumpumpen oder Injektion von PGE1.
Therapie bei Hypersexualität
Laut Thiriez beginnt die Bekämpfung von Hypersexualität bei Patienten mit Morbus Parkinson mit der Prävention. Bevor ein Dopamin-Agonist verschrieben wird, sollten Risikofaktoren für Impulskontrollstörungen berücksichtigt werden. "In Fällen von Drogenmissbrauch oder pathologischem Glücksspiel zum Beispiel ist es besser, L-Dopa statt eines Agonisten zu verschreiben."
Patienten, die Dopamin-Agonisten einnehmen, sollten über das Risiko von Impulskontrollstörungen aufgeklärt werden, und ihre Partner sollten konsultiert werden, um frühe Symptome zu erkennen.
Treten Impulskontrollstörungen auf, sollte die Behandlung mit Agonisten allmählich reduziert und möglicherweise abgesetzt werden. Gleichzeitig ist "Vorsicht geboten im Hinblick auf das mit diesen Medikamenten verbundene Entzugssyndrom, insbesondere bei diesem Patientenprofil". In den meisten Fällen reicht dieser Ansatz aus, um Hypersexualität und Impulskontrollstörungen im Allgemeinen zu unterbinden.
Sollte das Weglassen des Agonisten jedoch nicht ausreichen, können auch das Absetzen von Monoaminoxidase-B-Hemmern (MAO-B) und anderen Behandlungen wie Amantadin in Betracht gezogen werden. Bei fluktuierenden Zuständen kann als zweite Option die Tiefenhirnstimulation vorgeschlagen werden, ebenso wie die intrajejunale Verabreichung von L-Dopa (Duodopa-Pumpe). Eine weitere Option ist die Umstellung auf Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und andere Medikamente wie Valproat, deren Nutzen für diese Indikation jedoch nicht bestätigt ist. In Fällen von kriminellen Handlungen sollte eine chemische Kastration durch eine antiandrogene Hormontherapie "mit Zustimmung des Patienten" in Betracht gezogen werden.
Therapie bei älteren Patienten
Hypersexualität tritt auch bei älteren Patienten mit Morbus Parkinson auf, in diesem Fall aufgrund einer Demenz, die zu einer sexuellen Enthemmung führt. Es kann ausreichen, den Patienten einfach darauf hinzuweisen, was in seinem Verhalten nicht akzeptabel ist. Ablenkende Aktivitäten, um Langeweile zu vermeiden, können ebenfalls Wirkung zeigen und unangemessene sexuelle Verhaltensweisen verhindern. Das Tragen von Hosen ohne Hosenschlitz oder mit einem Rückenverschluss wäre ebenfalls eine Möglichkeit.
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Thiriez betonte, wie wichtig es ist, ältere Patienten zu einem angemessenen Sexualverhalten zu ermutigen. "Normale Praktiken sollten gefördert werden, um abnormale zu vermeiden". Außerdem muss die Umgebung des Patienten so gestaltet werden, dass er die Möglichkeit hat, seine Privatsphäre zu bewahren.
Es wird empfohlen, Agonisten und MAO-B abzusetzen, auch wenn ältere Patienten mit Demenz im Zusammenhang mit Parkinson im Allgemeinen nur mit L-Dopa behandelt werden. Die Reduzierung dieser Behandlung sei "ethisch kompliziert", da die Patienten unter Umständen völlig bewegungsunfähig werden.
Die pharmakologische Behandlung stützt sich in erster Linie auf Antidepressiva wie SSRIs, aber auch Gabapentin, Carbamazepin, Valproat, Topiramat oder sogar Antipsychotika (Clozapin oder Quetiapin).
Partnerschaft und Intimität
Die Beeinträchtigung der Sexualität kann Partnerschaften belasten, doch Studien zeigen, dass positive Aspekte wie Kommunikation, Zärtlichkeit und gemeinsame Aktivitäten nach der Diagnose an Bedeutung gewinnen - besonders bei Frauen. Manche Paare entdecken neue Formen der Intimität wie Kuscheln oder Massagen, die weniger von körperlicher Leistung abhängen.
Offene Gespräche sind essenziell, um Bedürfnisse, Ängste und Wünsche zu teilen. Partner:innen können nur ermutigt werden, viel nachzufragen. Die Symptome von Parkinson verändern sich im Krankheitsverlauf und somit auch die sexuellen Bedürfnisse. Daher sind Flexibilität und laufende Kommunikation besonders gefragt.