Parkinson und Bewegung: Studien zu Wandern und Lebensqualität

Die Parkinson-Krankheit, eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, betrifft in Deutschland rund 400.000 Menschen. Charakteristisch sind motorische Symptome wie Bewegungsarmut, Muskelsteifigkeit und Zittern, aber auch nicht-motorische Beschwerden wie Schlafstörungen. Angesichts der unheilbaren Natur der Erkrankung rücken Therapien in den Fokus, die den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können. Viel Bewegung und guter Schlaf sind für Menschen mit Parkinson ein zentraler Bestandteil der Therapie. In diesem Zusammenhang spielen Bewegung und Sport eine entscheidende Rolle. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Bewegung und Sport effektive Möglichkeiten sind, um den Verlauf der Parkinson-Krankheit positiv zu beeinflussen.

Bewegung als wirksamer Therapieansatz

Regelmäßige körperliche Aktivität und ein gesunder Schlaf tragen wesentlich zur Lebensqualität von Betroffenen bei. Bewegung und Sport sind bisher die einzigen Strategien, um das Fortschreiten der neurodegenerativen Erkrankung abzumildern. Bewegung bei Parkinson vermag den Krankheitsverlauf verlangsamen. Denn Wandern, Radfahren, Tanzen und Co. kräftigen die Muskulatur, stärken die Ausdauer, wirken der Muskelsteifigkeit und der Bewegungsverarmung entgegen. Gerade im frühen Stadium gibt es in der Wahl der Sportart kaum Einschränkungen. Erwünscht ist, was Freude bereitet. Neben dieser allgemeinen Empfehlung können Sportarten natürlich auch bewusst eingesetzt werden, um bestimmte Beschwerden zu lindern. Beispielsweise trainiert Nordic Walking das flüssige Laufen. Radfahren ist gut für Gleichgewicht und Koordination. Und beim Yoga lässt sich der Bewegungsradius vergrößern. Ist die Erkrankung schon weiter fortgeschritten, wird es wichtiger, die Gefahr von Stürzen zu minimieren. Wandern auf ebenem Gelände, Schwimmen, leichtes Krafttraining, Wassergymnastik und gezielte Übungen beispielsweise aus dem Thai Chi eignen sich sehr gut zur Sturzprophylaxe und um die körperliche Leistungsfähigkeit zu stärken.

Die bisher größte und umfassendste systematische Meta-Studie, die 156 Bewegungs- und Sportstudien auswertet und dabei insgesamt 7.939 Personen aus der ganzen Welt einschließt, kam 2023 zu dem Ergebnis: Bewegungstherapie verbessert sowohl die Motorik als auch die Lebensqualität [2]. Eine dänische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 unterstreicht: Hochintensives Training kann motorische Symptome stärker verbessern als moderate Bewegung - außerdem kann körperliche Aktivität das Risiko senken, überhaupt an Parkinson zu erkranken [3].

Vielfalt der Trainingsformen

Eindeutige Empfehlungen, welche Sportart oder Intensität im Einzelfall am besten wirkt, lassen sich daraus allerdings nicht ableiten. Denn die eingesetzten Trainingsformen variieren stark - von Ausdauertraining, Tai Chi und Aquagymnastik über Tanztherapie bis zur physiotherapeutischen BIG-Therapie, ein spezialisiertes Behandlungsprogramm, das auf großräumige Bewegungen fokussiert. Die genaue Art der Bewegung könnte aber zweitrangig sein: "Hauptsache Bewegung", so das Fazit der Autor*innen.

Wissenschaftliches Interesse und Forschungsbedarf

Dennoch bleibt die Aussagekraft vieler Studien begrenzt - etwa durch kleine Fallzahlen, fehlende Placebo-Kontrollen oder uneinheitliche Methoden. Gleichzeitig wächst das wissenschaftliche Interesse: Während um das Jahr 2000 jährlich rund 20 Studien zum Stichwort "körperliche Aktivität und Parkinson" erschienen, waren es 2024 bereits 563. "Es besteht ein dringender Bedarf an großen Multicenter-Studien mit einheitlichem Design, um klare Empfehlungen ableiten zu können", so Professorin Trenkwalder. Bis dahin gelte: Mindestens 3- bis 4-mal pro Woche intensiv bewegen ist besser als passiv zuschauen!

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Geeignete Sportarten

Professorin Claudia Trenkwalder nennt in ihrem Buch Expertenwissen Parkinson [6] Beispiele für geeignete Sportarten:

  • Ausdauertrainings und alltagsnahe Aktivitäten: Joggen, Radfahren, Spazierengehen, Wandern, Nordic Walking, Skilanglauf
  • Wassersport: Schwimmen, Aqua-Jogging, Aqua-Zumba, Aqua-Dancing, Aqua-Jumping (mit Mini-Trampolin)
  • Ganzkörpertraining: Wassergymnastik, Gyrokinesis, Yoga, Tai-Chi, Qigong, Pilates, Feldenkrais, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation, Bobath, Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Hora-Methode, Petö-Methode

Empfohlen wird, mindestens 3- bis 4-mal pro Woche aktiv zu sein.

Tango-Therapie

Tango ist eine Therapie, die die Seele befreit, sagt einer, der es wissen muss: der berühmte Tangotänzer Ricardo Vidort. Für Parkinson-Erkrankte gilt das umso mehr. Studien zufolge verbessert Tangotanzen die Bewegungsfähigkeit, das Gleichgewicht und die Gehstrecke um 30 bis 40 Prozent. Darüber hinaus setzt Tanzen Glückshormone frei. Es ist stimmungsaufhellend, antriebssteigernd, gesellig. Mit einem Trainingsrhythmus von ein bis zwei Mal pro Woche bei Parkinson setzen die Effekte bereits nach kurzer Zeit ein und sind anhaltend. Und selbst wenn Tango nicht die erste Wahl ist, auch Walzer oder Foxtrott sind Therapie im Takt. Wichtiger als die konkreten Tanzschritte ist die Freude dabei.

Schlaf als Schlüssel zur Gehirngesundheit

Neben den motorischen Symptomen berichten viele Menschen mit Parkinson auch über gravierende Schlafprobleme. Bereits vor der Diagnose treten häufig Ein- und Durchschlafstörungen auf. Später kommen Beschwerden wie nächtliches Wasserlassen, lebhafte Träume, Probleme beim Umdrehen im Bett oder eine ausgeprägte Schlaflosigkeit hinzu. Auch Medikamente können den Nachtschlaf beeinträchtigen - etwa durch Halluzinationen, nächtliche Unbeweglichkeit oder gesteigerte Wachheit. Aktuelle Studien weisen zudem darauf hin, dass bei Parkinson die innere Uhr (zirkadianer Rhythmus) gestört sein könnte [4]. Ein erholsamer Schlaf ist nicht nur subjektiv wichtig, sondern auch für die neurobiologische Regeneration des Gehirns entscheidend.

Das glymphatische System

Besondere Aufmerksamkeit erfährt in diesem Zusammenhang das sogenannte glymphatische System - ein Netzwerk im Gehirn, das Stoffwechselabbauprodukte während des Schlafs aus dem zentralen Nervensystem "ausschwemmt". Funktioniert dieses Reinigungssystem nicht ausreichend, kann es zur Anhäufung schädlicher Proteine kommen, die an neurodegenerativen Erkrankungen beteiligt sind [5].

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Die Rolle des Immunsystems und Entzündungen

Seit einigen Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Indizien, dass entzündliche Veränderungen im Gehirn eine wesentliche Rolle bei Parkinson spielen. Ob diese Entzündungen „gehirnintern“ entstehen oder ob auch Zellen der angeborenen Immunabwehr aus dem Blut beteiligt sind, war bisher weitgehend unbekannt.

CD95-System und Nervenzelltod

Im Deutschen Krebsforschungszentrum erforscht das Team um Prof. Ana Martin Villalba die Ursachen des Zelltods im zentralen Nervensystem. Die Neurowissenschaftlerin hatte den Verdacht, dass ein bestimmtes Molekülpaar, das CD95-System, zum Nervensterben bei Parkinson beiträgt: Der CD95-Ligand, der passgenau an den so genannten Todesrezeptor CD95 andockt. Bei Rückenmarksverletzungen, so hatte Martin-Villalba vor kurzem gezeigt, nutzen die Entzündungszellen diese Moleküle, um zum Ort der Verletzung zu gelangen und dort das Gewebe zu schädigen.

Periphere Entzündungszellen als Mitverursacher

In Mäusen, deren Entzündungszellen (Monozyten, Microglia) kein CD95L bilden konnten, ließ sich mit MPTP nahezu kein Nervensterben auslösen. CD95L-tragende Entzündungszellen haben offensichtlich eine Mitschuld am Tod der Nervenzellen. Ein Wirkstoff, der CD95L blockiert, jedoch die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann, schützte ebenfalls vor dem MPTP-induzierten Nervenzelltod. „Damit haben wir erstmals gezeigt, dass periphere Entzündungszellen des angeborenen Immunsystems für die Neurodegeneration mitverantwortlich sind“, erklären die Erstautoren der Arbeit, Liang Gao und David Brenner. „Eine Schlüsselrolle dabei spielt CD95L, das die Mobilität dieser Zellen steigert.“

Teufelskreis im Gehirn

Die Studienleiterin Ana Martin-Villalba geht davon aus, dass es im Gehirn zu einem sich selbst aufschaukelnden Teufelskreis kommt: Wenige Nervenzellen, die infolge unterschiedlicher Ursachen zugrunde gehen, locken durch ihren Zerfall Entzündungszellen herbei, die ihrerseits mit entzündungsfördernden Signalmolekülen das Nervensterben weiter anfeuern.

Ausblick auf mögliche Therapien

Gemeinsam mit Kollegen aus Ulm hatte Martin-Villalbas Team kürzlich im Blut von Parkinson-Patienten eine erhöhte Anzahl entzündungsfördernder Monozyten gefunden, die überdies hyperaktiv waren. Die Anzahl der Zellen korrelierte mit dem Grad der Krankheitssymptome. Wenn diese Entzündungszellen, wie bei den Parkinson-Mäusen, auch in das Gehirn der Patienten einwandern und dort zum Untergang der Neuronen beitragen, könnten Medikamente, die CD95L blockieren, sofern rechtzeitig verabreicht, die Parkinsonsymptome mildern - ähnlich wie bei den Mäusen. Der dafür notwendige Wirkstoff wurde bereits in klinischen Studien der Phase 2 geprüft.

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Darm-Hirn-Achse und Parkinson

Veränderungen im Darm können sich nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf die psychische Gesundheit und das Nervensystem auswirken. So weiß man heute, dass viele neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Depressionen mit Problemen im Darm zusammenhängen. Mehrere Publikationen haben bereits gezeigt, dass Immunzellen aus dem Darm ins Gehirn wandern können.

Wanderung von Zellen vom Gehirn in den Darm

Juniorprofessorin Dr. Rhonda McFleder und ihr Team entdeckten, dass die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm keine Einbahnstraße ist. Zellen können auch vom Gehirn in den Darm wandern und so die Ausbreitung von Krankheiten vermitteln. In einem Mausmodell für Parkinson wanderten Proteine vom Gehirn in den Darm und verursachten dort Störungen.

Rolle der Makrophagen

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern und der Beseitigung von Schadstoffen im Körper. Die Forscher entwickelten eine Methode, mit der sie Zellen im Gehirn markieren und ihre Wanderung in andere Organe verfolgen konnten. Sie fanden heraus, dass Makrophagen nicht nur bei Parkinson, sondern auch unter Kontrollbedingungen vom Gehirn in den Darm wandern, was den Befunden eine breitere Relevanz für andere neurologische Erkrankungen verleiht.

Zukünftige Forschung

Der nächste Schritt besteht Rhonda McFleder zufolge darin, diese wandernden Zellen vollständig zu charakterisieren und die sogenannten Homing-Moleküle zu identifizieren, welche diese Zellen in den Darm leiten.

Neue Perspektiven auf die Parkinson-Erkrankung

Die Forschung geht inzwischen davon aus, dass Parkinson nicht nur eine einzelne alleinstehende Erkrankung ist, sondern eine Vielzahl von neurologischen Erkrankungen, die sich unter einem Parkinson-Dach tummeln.

Die Berglandschaft der Parkinson-Erkrankungen

Eine australische Studie veranschaulicht dies anhand einer Wanderung im Gebirge. Jeder Berg repräsentiert eine Parkinsonkrankheit. Der Ausgangspunkt ist in den Tälern, dort liegen die Base-Camps in unterschiedlicher Höhe. Die Patient:innen werden Camps zugeordnet und machen sich von dort aus auf den Weg zu den Gipfeln. Welche Route sie nehmen können und wie schnell sie vorankommen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die ihnen unterwegs begegnen. und für wie lange? Wie gesund haben sie sich ernährt und wieviel Sport haben sie getrieben? DieTopographie des Bergs wird vom Zustand des Mikrobioms im Darm bestimmt. Alle Faktoren zusammengenommen bestimmen die Symptome und den Fortschritt der Erkrankungen.

Individuelle Therapieansätze

Die Wege führen nie direkt auf den Gipfel. Sie kreuzen sich manchmal oder verschmelzen miteinander. Die Patient:innen können unterwegs auf einen anderen Pfad wechseln, der sie auf einen anderen Gipfel führt. An den Wegen sind Wegweiser angebracht, die Biomarker, die die Therapie bestimmen. Wegweiser können sich im Laufe der Zeit ändern. Die Wissenschaftler:innen der Studie warnen davor, aus therapeutischer Sicht mehrere Gipfel zusammenzufassen, denn dann können die therapeutischen Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft werden, so wie es momentan der Fall ist.

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