Cannabis wird zunehmend von Parkinson-Patienten genutzt, obwohl die wissenschaftliche Datenlage bezüglich Nutzen und Risiken noch begrenzt ist. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Anwendung von Cannabis bei Parkinson, wobei sowohl motorische als auch nicht-motorische Symptome berücksichtigt werden. Zudem werden die Einsatzmöglichkeiten bei anderen neurologischen Bewegungsstörungen wie Dystonie, Huntington-Krankheit und Tourette-Syndrom diskutiert.
Einleitung
Die medizinische Verwendung von Cannabis hat in den letzten Jahren zugenommen, und die Forschung hat potenzielle Anwendungsgebiete identifiziert. Studien zu Medizinalcannabis decken ein breites Spektrum von Indikationen ab, bei denen Cannabis und die darin enthaltenen Wirkstoffe therapeutisch eingesetzt werden könnten.
Aktuelle Studien zu Cannabis und Parkinson
Kurzzeitige CBD/THC-Behandlung
Eine randomisierte Studie untersuchte die Wirkung einer Mischung aus hochdosiertem CBD und niedrig dosiertem THC im Vergleich zu einem Placebo bei Parkinson-Patienten. Die Teilnehmer (≥ 20 MDS-UPDRS) erhielten über zwei Wochen eine schrittweise gesteigerte Dosis bis zu 2,5 mg/kg/Tag. Im Durchschnitt erhielten die Teilnehmer der CBD/THC-Gruppe eine letzte Dosis mit 191,8 mg CBD (± 48,9 mg) und 6,4 mg THC (± 1.6 mg).
Die Ergebnisse zeigten einen starken Placeboeffekt. Behandlungseffekte wurden jedoch bei Schlaf, Denkleistung und Alltagsaktivität festgestellt, wobei die Placebogruppe bessere Ergebnisse erzielte. Die Autoren schränkten ein, dass die kurze Studiendauer und der starke Placeboeffekt die Interpretation der Ergebnisse einschränken. (Liu Y, Bainbridge J, Sillau S, Rajkovic S, Adkins M, Domen CH, Thompson JA, Seawalt T, Klawitter J, Sempio C, Chin G, Forman L, Fullard M, Hawkins T, Seeberger L, Newman H, Vu D, Leehey MA. Short-Term Cannabidiol with Δ-9-Tetrahydrocannabinol in Parkinson’s Disease: A Randomized Trial. Mov Disord. 2024 May;39(5):863-875. doi: 10.1002/mds.29768. Epub 2024 Mar 15.)
Weitere Forschungsergebnisse
Die Studie "Effects of Cannabis in Parkinson's Disease: A Systematic Review" deutet darauf hin, dass Cannabis potenziell bei der Linderung von Symptomen der Parkinson-Krankheit wie Zittern, Angstzuständen, Schmerzen sowie bei der Verbesserung der Schlafqualität und der Lebensqualität helfen kann.
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Eine Zwischenauswertung der Cannabisbegleiterhebung in Deutschland zeigte, dass Cannabis vor allem in Form von Dronabinol, Cannabisblüten und Sativex® für verschiedene medizinische Zwecke verschrieben wird.
Wirkungsweise von Cannabis
Zu den Hauptinhaltsstoffen der Hanfpflanze (Cannabis sativa) gehören Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) sowie das nicht psychoaktive Cannabidiol (CBD). THC fungiert als Partialagonist an den Cannabinoid(CB)-Rezeptoren CB1 und CB2. THC vermittelt seine psychoaktiven Wirkungen über zentrale CB1-Rezeptoren im Gehirn, die vor allem im Cortex und Hippocampus vorkommen. CB2 wird hauptsächlich auf Immunzellen exprimiert und ist an inflammatorischen Prozessen beteiligt.
Wann ist Cannabis als Arzneimittel geeignet?
Prinzipiell darf Cannabis jeder Patient bekommen, denn der Gesetzgeber verzichtet explizit auf eine spezielle Indikation. Voraussetzungen, dass Ärzte Cannabis verordnen dürfen, gibt es dennoch:
- Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung, für die es keine anerkannte medizinische Leistung gibt oder bei der eine anerkannte Therapie für den Patienten nicht infrage kommt.
- Es besteht Aussicht, dass Cannabis die Beschwerden bessert.
Konkret heißt es in § 31 Absatz 6 SGB V:
„Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon, wenn
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- eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistunga) nicht zur Verfügung steht oderb) im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärztin oder des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann.
- eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.“
Laut dem Abschlussbericht der von April 2017 bis März 2022 dauernden nichtinterventionellen Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln erhielten Patienten Cannabisarzneimittel am häufigsten zur Behandlung von:
- Chronischen Schmerzen (76,4 %)
- Tumorerkrankungen (14,5 %)
- Spastik (9,6 %)
- Multipler Sklerose (5,9 %)
- Anorexie/Wasting (5,1 %)
- Depression (2,8 %)
- Übelkeit/Erbrechen (2,2 %)
- Migräne (2,0 %)
Cannabis bei verschiedenen Symptomen und Erkrankungen
Chronische Schmerzen
Cannabis ist zur Behandlung chronischer Schmerzen am besten erforscht. Studien zeigen, dass Patienten mit neuropathischen Schmerzen, chronischen Schmerzen bei Multipler Sklerose (MS) sowie chronischen Schmerzen in Zusammenhang mit rheumatischen Erkrankungen, muskuloskelettalen und Rückenschmerzen eine moderate Schmerzreduktion erfahren konnten.
Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit
Weniger Daten gibt es bei den Indikationen Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit. Bei Chemotherapie-induziertem Erbrechen wirkten Cannabisarzneimittel signifikant besser als ältere Antiemetika. Positive Effekte ließen sich auch hinsichtlich Appetitsteigerung bei Palliativpatienten und Gewichtszunahme bei HIV- und Aidspatienten beobachten.
Spastik
Es gibt Hinweise - aus Eigenberichten von MS-Patienten und Menschen mit Rückenmarksverletzungen -, dass Cannabisarzneimittel eine MS-bedingte Spastizität oder paraplegieassoziierte schmerzhafte Spastizität reduzieren.
Psychische Störungen
Nur wenige Studien gibt es bislang zu psychischen Störungen - ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung), Anorexia nervosa (Magersucht), Demenz, therapieresistentes Tourette-Syndrom, posttraumatische Belastungsstörung oder Entzug bei Suchterkrankungen. Einzelne Symptome besserten sich, eine volle Remission ließ sich nicht beobachten.
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Morbus Crohn und Parkinson
Lediglich einzelne Studien existieren derzeit auch zum Einsatz von Cannabis bei gastrointestinalen Störungen, und es wurden keine „substanziellen Verbesserungen bei Morbus Crohn, Reizdarmsyndrom“ gefunden. Gleiches gilt für Chorea Huntington, Morbus Parkinson, Dyskinesien sowie Tremor oder Blasenschwäche bei MS.
Migräne
Eine neue Arbeit zur Wirksamkeit von Cannabis bei Migräne zeigte, dass eine Kombination aus 6 % THC + 11 % CBD bei akuter Migräne einer Placebotherapie überlegen war und eine über 24 und 48 Stunden anhaltende positive Wirkung zeigte.
Cannabis bei Bewegungsstörungen
Parkinson
Cannabinoide scheinen in der Selbstbehandlung von Symptomen des M. Parkinson schon länger in Gebrauch zu sein. Eine Umfrage unter Parkinson-Patienten in Prag ergab, dass 25 % der Teilnehmer bereits Cannabis zu sich genommen hatten, wobei fast die Hälfte eine positive Wirkung auf Krankheitssymptome berichtete. Auch neuere Umfragen bestätigen den hohen Anteil von aktuell Cannabis-konsumierenden Parkinson-Patienten.
In zwei Fallserien wurde der Effekt von Cannabinoiden auf motorische Symptome untersucht. Eine Untersuchung zeigte eine signifikante Verbesserung des Scores im motorischen Teil der MDS-UPDRS mit Reduktion der Subscores für Tremor, Rigidität und Bradykinese. Zusätzlich wurden eine signifikante Reduktion von Schmerzen und eine verbesserte Schlafqualität beschrieben.
Nichtmotorische Parkinson-Symptome wurden in zwei weiteren unkontrollierten Studien untersucht. CBD wirkte sich positiv auf psychiatrische Positiv- und Negativsymptome aus, und mit REM-Schlafverhaltensstörungen assoziierte Symptome verschwanden bei einigen Patienten.
Es existieren drei Placebo-kontrollierte Studien, in denen die Wirkung von Cannabinoiden auf motorische und nichtmotorische Symptome untersucht wird. Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch gemischt.
Insgesamt ist die Datenlage für Cannabinoide im Hinblick auf motorische und nichtmotorische Symptome beim M. Parkinson sehr dünn. Aufgrund dessen sollten Cannabinoide erst nach Ausschöpfung der leitliniengerechten Therapie und am ehesten bei schwer behandelbaren Symptomen wie Levodopa-induzierten Dyskinesien, Schmerzen oder Schlafstörungen eingesetzt werden.
Atypische Parkinson-Syndrome
Zur Behandlung motorischer Symptome mit Cannabinoiden konnten keine Fallberichte oder Studien identifiziert werden. Hinsichtlich nichtmotorischer Symptome ist erwähnenswert, dass ein Großteil der Patienten mit atypischen Parkinson-Syndromen unter Schmerzen leidet. Als am analgetisch wirksamsten wurden nichtsteroidale Antiphlogistika und Cannabis beschrieben.
Dystonie
Die Erfahrungen mit Cannabinoiden bei der idiopathischen Dystonie sind begrenzt. Anekdotische Fallberichte beschreiben einen positiven Effekt bei Patienten mit zervikaler Dystonie, generalisierter Dystonie oder Meige-Syndrom bei CBD-Einnahme von bis zu 600 mg pro Tag. Randomisierte Studien konnten jedoch keinen positiven Effekt von Nabilon oder Dronabinol im Vergleich zu Placebo nachweisen.
Huntington-Krankheit
Eine Studie mit CBD zeigte keinen Effekt auf die Schwere der Chorea. Eine andere Studie konnte eine Verbesserung der motorischen und Chorea-Subskala der Unified Huntington’s Disease Rating Scale (UHDRS) von Nabilon im Vergleich zu Placebo nachweisen. Die Behandlung mit Nabiximols führte im Vergleich zu Placebo zu keiner Verbesserung von motorischen, kognitiven oder funktionellen Parametern.
Tic-Störungen (Tourette-Syndrom)
Erste Erfahrungsberichte zeigten eine Wirksamkeit von Cannabis auf motorische und vokale Tics. Studien demonstrierten eine deutliche Verbesserung der Tics und der komorbiden Symptome einer Zwangsstörung nach Gabe von THC. Auch die Kombination mit CBD kann in der Therapie des GTS Verwendung finden.
Da es an einer größeren Anzahl qualitativ hochwertiger Studien mangelt, gibt es bislang keine evidenzbasierte Empfehlung für den Gebrauch von Cannabinoiden in der Therapie des Tourette-Syndroms. Trotzdem wird von manchen Experten die Meinung vertreten, dass Cannabis-Präparate in der Second-Line-Behandlung von ansonsten medikamentös- und verhaltenstherapeutisch therapierefraktären Patienten Anwendung finden können.
Mögliche Nebenwirkungen von Cannabis
Am häufigsten kommt es durch Cannabis-Einwirkung zu Schwindel, Sedierung, Schläfrigkeit und Benommenheit. Cannabis kann die Aufmerksamkeit einschränken, Übelkeit und Erbrechen bei Patienten verursachen und die Stimmung beeinträchtigen. Längere Anwendung von Cannabis kann zur Gewöhnung führen.
Fazit
Die Studienlage zur Anwendung von Cannabis bei Parkinson und anderen neurologischen Bewegungsstörungen ist heterogen und oft begrenzt. Während einige Studien positive Effekte auf bestimmte Symptome zeigen, weisen andere keine signifikanten Verbesserungen nach. Aufgrund der limitierten Datenlage und der potenziellen Nebenwirkungen sollte die Anwendung von Cannabis bei Parkinson und anderen Bewegungsstörungen erst nach Ausschöpfung derStandardtherapien und unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Es empfiehlt sich, den Therapieerfolg mittels objektiver Skalen zu verifizieren.
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