Multiple Sklerose Forschung: Beteiligte Parteien und Aktuelle Entwicklungen

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der fehlgeleitete Abwehrzellen die Isolationsschicht der Nervenzellen angreifen. Dies führt zu Lähmungen und Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheit. Die Forschung zur Multiplen Sklerose ist ein vielschichtiges Feld, an dem zahlreiche Parteien beteiligt sind, von Pharmaunternehmen und Universitäten bis hin zu Stiftungen und Selbsthilfegruppen. Ziel all dieser Bemühungen ist es, die Ursachen der MS besser zu verstehen, neue Behandlungsmethoden zu entwickeln und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Die Rolle von Pharmaunternehmen in der MS-Forschung

Pharmaunternehmen spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung der Multiplen Sklerose. Ein Beispiel hierfür ist das Mainzer Unternehmen BioNTech, das vor seiner Beteiligung an der Entwicklung von Corona-Impfstoffen bereits an der Heilung anderer Krankheiten, darunter auch MS, forschte. In Kooperation mit dem Forschungszentrum TRON der Universität Mainz arbeitet Christina Krienke an einem Impfstoff gegen MS.

Der Ansatz von Krienke und BioNTech basiert auf der Verwendung von RNA-Impfungen. "Normalerweise induziert man über die RNA-Impfungen eine sehr starke Immunantwort. Und wir können jetzt über eine spezielle Modifikation der RNA, die RNA ins Immunsystem einschleusen, ohne dass sie wirklich erkannt wird." Das Immunsystem benötigt normalerweise zwei Informationen für die Aktivierung: ein konkretes Ziel und einen Hinweis, dass es überhaupt aktiv werden soll. Freie RNA kann ein solcher Hinweis sein, da sie vor allem während einer Infektion auftritt und das Immunsystem aktiviert. Durch die chemische Modifikation wird dieser spezielle RNA-Impfstoff aber quasi unsichtbar und löst keine Immunreaktion aus, sondern führt im Gegenteil zur Stärkung der regulatorischen Zellen.

In Mausversuchen konnte gezeigt werden, dass die RNA-Impfung die Symptome der MS reduzieren kann. "Wenn wir therapeutisch die RNA applizieren, das heißt, man sieht schon, dass auf alle Fälle der Schwanz gelähmt ist beziehungsweise, dass auch schon ein Hinterbeinchen gelähmt ist. Dann können wir es wirklich soweit wieder reduzieren, dass nur noch die Schwanzspitze gelähmt ist oder dass man wirklich gar keine Symptome mehr bis zum Ende sieht."

Obwohl diese Ergebnisse vielversprechend sind, gibt es einen Haken: Um die Krankheit bei den Mäusen auszulösen, wird ihnen ein bestimmter Bestandteil der Nerven-Isolationsschicht gespritzt. Christina Krienke konnte die RNA-Impfung genau auf dieses Molekül oder Antigen maßschneidern. Da bei MS-Patienten die Autoimmunreaktion aber gleichzeitig viele Moleküle angreift, hat Christina Krienke ihre RNA-Impfung bei ganz unterschiedlichen Mausmodellen der MS erprobt. Dabei zeigte sich ein sogenannter Nachbareffekt: Die regulatorischen Zellen zielen zwar auf eine Art von fehlgeleiteten Immunzellen ab, aber ihre beruhigenden Botenstoffe bremsen offenbar alle aggressiven Zellen rund um die Isolationsschicht der Nerven mit aus.

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MS-Experte Ralf Gold hält die Ergebnisse der Mausversuche für hochspannend, betont aber, dass der Weg von der Maus zum Menschen weit ist, auch weil Menschen eine viel größere Vielfalt aufweisen als Versuchstiere, sowohl was ihr Erbgut als auch was die konkreten Krankheitsverläufe betrifft. Christina Krienke arbeitet deshalb aktuell mit weiteren Mausstämmen und auch an umfangreichen Sicherheitsstudien.

Universitäten und Forschungseinrichtungen

Neben Pharmaunternehmen sind auch Universitäten und Forschungseinrichtungen maßgeblich an der MS-Forschung beteiligt. Sie führen Grundlagenforschung durch, um die Mechanismen der Krankheit besser zu verstehen, und entwickeln neue Therapieansätze. Das Forschungszentrum TRON der Universität Mainz ist ein Beispiel für eine solche Einrichtung. Auch die Ruhr-Universität Bochum, mit MS-Spezialist Ralf Gold, leistet wichtige Beiträge zum Verständnis der Erkrankung.

Stiftungen und Förderorganisationen

Stiftungen und Förderorganisationen spielen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung von MS-Forschungsprojekten. Die Hertie-Stiftung ist ein Beispiel für eine solche Organisation. Sie zeichnet seit über 30 Jahren Menschen aus, die sich für Menschen einsetzen, wobei Multiple Sklerose und weitere neurologische Erkrankungen im Mittelpunkt stehen. Die Stiftung vergibt den Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe, der mit 25.000 Euro dotiert ist und in der Regel auf mehrere Menschen und Projekte verteilt wird.

Die Hertie-Stiftung fördert Projekte in verschiedenen Kategorien:

  • Pilotprojekte: Zur erstmaligen Umsetzung neuer Ideen, die im Falle eines Erfolgs ausgeweitet werden sollen.
  • Transferprojekte: Zur Ausweitung bereits bestehender Projekte (auch solche ohne vorherige Finanzierung durch die Hertie-Stiftung) - z.B. eine Kooperation mit weiteren Partnern, ein überregionaler Ausbau oder eine Einbeziehung weiterer Zielgruppen u.v.m.
  • Klein- und Regionalprojekte: Z.B. Veranstaltungen, lokal begrenzte Aktionen u.v.m.

Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen

Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit MS und der Förderung der Forschung. Sie bieten Betroffenen und ihren Angehörigen eine Plattform für den Austausch von Erfahrungen und Informationen. Darüber hinaus setzen sie sich für die Interessen von MS-Patienten ein und fördern die Forschung durch Spendenaktionen und andere Initiativen.

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Beispiele für solche Organisationen sind:

  • Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.: Organisiert die Flow-Zukunftswerkstatt (ZKW), eine jährliche Selbsthilfeveranstaltung für junge Stotternde.
  • Alzheimer Gesellschaft München e.V.: Bietet mit dem Projekt „rencontre sans frontières - Begegnung ohne Grenzen“ Menschen mit Demenz im frühen Stadium eine gemeinsame Urlaubsreise mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin.
  • Deutsche Parkinson Vereinigung e.V.: Gerhard Schumann leitet die Regionalgruppe München und unterstützt andere Betroffene, indem er Mut macht und Aufklärungsarbeit leistet.
  • AMSEL e.V. (Baden-Württembergischer Landesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft): Wurde durch das Benefizprojekt Mühlengärtle unterstützt.
  • Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.: Bietet mit dem Ankerpunkt Junge Demenz Beratung und Begleitung für Menschen mit einer Demenz vor dem 65. Lebensjahr und deren An- und Zugehörige.
  • Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V.: Hat eine Sensibilisierungskampagne unter dem Motto "Demenz im Quartier-Du machst den Unterschied!" entwickelt.
  • Kinderneurologie-Hilfe Münster e.V.: Unterstützt Kinder und Jugendliche mit erworbenen Hirnschädigungen.
  • DPV-Regionalgruppe Itzehoe: Setzt sich mit wöchentlichen Sportangeboten für die aktive Bewegung ihrer Mitglieder mit Morbus Parkinson ein.
  • Desideria Care e.V.: Bietet mit den Demenz Buddies eine kostenfreie Online-Gruppe für Young Carers und Young Adult Carers.
  • Alzheimer Gesellschaft Sachsen-Anhalt e.V.: Führt das Projekt „Ein Jahr im Bienengarten“ für Menschen mit Demenz in einer Magdeburger Tagesbetreuung durch.

Weitere Forschungsprojekte und Initiativen

Neben den bereits genannten Akteuren gibt es eine Vielzahl weiterer Forschungsprojekte und Initiativen, die sich mit der Multiplen Sklerose befassen. Diese Projekte werden oft von staatlichen Stellen, wie dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG), gefördert.

Beispiele für solche Projekte sind:

  • MIRACUM: Ein Medizininformatik-Konsortium, das die Vernetzung von Universitätskliniken mit regionalen Krankenhäusern und weiteren medizinischen Versorgungseinrichtungen zum Ziel hat.
  • Milk-TV: Ein Forschungsprojekt, das die Übertragung von HTLV-1 Viren über die Muttermilch untersucht.
  • Software Campus: Ein Projekt zur Förderung von Promovierenden mit exzellenten Zeugnissen und kreativem Unternehmergeist im Bereich Informatik.
  • Projekt zur Entwicklung genetisch veränderter T-Zellen: Ziel ist die Herstellung von sicheren, funktionellen und breit anwendbaren therapeutischen T-Zell-Produkten zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten.
  • MIDIA-Hub: Ein digitaler Fortschritts-Hub, der durch ein neues Patientenportal das Potenzial des Patientenengagements in der Forschung und patientengenerierter Daten nutzen will.
  • E|MPOWER: Ein Verbundprojekt zur Integration der kabellosen Electric Road System (ERS)-Technologie auf einem Autobahnabschnitt in Nordbayern.
  • Next2OEM: Ein Forschungsvorhaben, das die gesamte Wertschöpfungskette von Leitungssatzsystemen für automobile Anwendungen adressiert.
  • KI-VesD (Künstliche Intelligenz-unterstützte Vesikel Diagnostik): Ein Projekt zur Entwicklung von Liquid Biopsy Testsystemen für die Früherkennung von Tumoren und deren Verlaufskontrolle.
  • Leadcom: Ein Fortbildungs- und Unterstützungssystem für Schulleitungen und Lehrkräfte mit Fokus auf die Gestaltung einer digitalen Kommunikations- und Kooperationspraxis.
  • AP GZ 2: Eine längsschnittliche Analyse von Netzwerkstrukturen und -kommunikationswegen sowie Professionsverständnissen von Verantwortungsträgern der Bildungsadministration im Startchancenprogramm.
  • PERCOLATE: Ein Projekt zum Aufbau eines schnellen und einfach anwendbaren diagnostischen Testpanels zur objektiven Diagnose von Long-COVID (LC) und dem Post-Vak-Syndrom (Post-VAC).

Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV) bei MS

Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) ist eine besondere Versorgungsform für seltene Erkrankungen oder für Erkrankungen mit einem besonderen Krankheitsverlauf, wie die Multiple Sklerose. Sie ersetzt die vorherige ambulante Behandlung im Krankenhaus (ABK). Ziel der ASV ist eine optimale Versorgung mit hohen Ansprüchen an die medizinische Qualität.

Für die Behandlung der MS ist gesetzlich vorgeschrieben, welche Fachbereiche im interdisziplinären Team vertreten sein müssen und welche Voraussetzungen die Ärztinnen und Ärzte erfüllen müssen. Die Teamleitung bei der MS-ASV ist eine Neurologin oder ein Neurologe. Sie oder er erstellt den Behandlungsplan und bildet das „örtliche Zentrum“ aller Behandelnden. Zu den notwendigen Fachbereichen gehören die Augenheilkunde, Frauenheilkunde, Innere Medizin und Kardiologie, Labormedizin, Radiologie (plus eventuell Radiologie mit Schwerpunkt Neuroradiologie), Urologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie.

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