Gewalt in Beziehungen, insbesondere gegen Frauen, ist ein gravierendes Problem, das tiefgreifende Ursachen und weitreichende Folgen hat. Es handelt sich um eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen, die nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre Familien und die gesamte Gesellschaft beeinträchtigt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Partnergewalt, von den Ursachen und Erscheinungsformen bis hin zu den Folgen für die Opfer, ihre Familien und die Gesellschaft.
Einführung
Häusliche Gewalt ist kein normaler Streit zwischen zwei gleichberechtigten Partnern. Bei häuslicher Gewalt versuchen Täter (oder auch Täterinnen) in einer vertrauten Beziehung oder Partnerschaft, Macht und Kontrolle auszuüben. Das Opfer soll Angst bekommen und sich hilflos fühlen. Es ist wichtig, das Ausmaß und die Komplexität von Gewalt in Partnerschaften zu verstehen, um wirksame Präventions- und Interventionsstrategien zu entwickeln.
Definition und Erscheinungsformen von Gewalt in Beziehungen
Häusliche Gewalt bzw. Gewalt im sozialen Nahfeld bezeichnet jegliche Gewalt, die durch nahestehende Personen ausgeübt wird. Es handelt sich dabei um eine international anerkannte Menschenrechtsverletzung. Ziel dieser Gewalt sind Machtausübung und Kontrolle. Meistens wird die sogenannte häusliche Gewalt innerhalb einer Familien- oder (ehemaligen) Intimbeziehung ausgeübt. Gewalt in Beziehungen kann viele Formen annehmen, darunter:
- Sexualisierte Gewalt: Sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person, die eine Zuwiderhandlung gegen das rechtlich geschützte sexuelle Selbstbestimmungsrecht darstellen. Es geht immer um Machtausübung, Kontrolle und die Unterdrückung des Gegenübers.
- Physische Gewalt: Körperliche Angriffe wie Schlagen, Treten, Stoßen, Würgen oder der Einsatz von Waffen.
- Psychische Gewalt: Handlungen, die emotionale und seelische Verletzungen der Betroffenen zur Folge haben, wie Einschüchterungen, Zwänge, Drohungen, Erniedrigungen, abwertende Kommentare oder Lächerlichmachen. Psychische Gewalt erfolgt auch online durch sogenannte Cyber Violence.
- Soziale Gewalt: Die Abgrenzung der Betroffenen von ihrer jeweiligen Umwelt, indem der Kontakt zu Verwandten, Freunden und Bekannten sowie Freizeitaktivitäten unterbunden oder verboten werden.
- Finanzielle Gewalt: Die Kontrolle über finanzielle Ressourcen und die Verweigerung des Zugangs zu Geld, was zur finanziellen Abhängigkeit der Betroffenen führt.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Formen der Gewalt oft nicht isoliert auftreten, sondern sich gegenseitig verstärken und ein Muster der Macht und Kontrolle bilden.
Ursachen von Gewalt in Beziehungen
Die Ursachen von Gewalt in Beziehungen sind vielfältig und komplex. Sie liegen nicht nur auf individueller, sondern insbesondere auf struktureller Ebene. Gewalt gegen Frauen ist in patriarchal geprägten Gesellschaften Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Zu den wichtigsten Faktoren gehören:
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- Patriarchale Strukturen: In patriarchal geprägten Gesellschaften sind ungleiche Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen tief verwurzelt. Dominanz, Macht und Stärke gelten als männlich, während Frauen Attribute wie Unterlegenheit, Passivität oder Duldsamkeit zugeschrieben werden. Aufgrund dieser Zuschreibungen werden Frauen bis heute von wichtigen politischen Entscheidungsprozessen und Ämtern ausgeschlossen.
- Soziale Konstruktion von Geschlecht: Das Geschlecht eines Menschen wird sozial konstruiert und ist keineswegs nur „natürlich“ oder „biologisch“ festgelegt. Das heißt, auch Männlichkeit ist ein soziales Konstrukt, das im Rahmen patriarchaler Rollenerwartungen oft mit Aggression verbunden wird.
- Strukturelle Gewalt: Das Zusammenwirken diskriminierender Handlungen auf individueller, institutioneller und kultureller Ebene. Strukturelle Gewalt kommt beispielsweise in diskriminierenden Regeln, Gesetzen, Gebräuchen und Traditionen, aber auch durch frauenfeindliche Sprache zum Ausdruck.
- Individuelle Faktoren: Emotionale Konflikte wie Eifersucht und Frustration, die sich selbst gegen ein (ungeborenes) Kind wenden kann. Auch persönliche Erfahrungen mit Gewalt in der Kindheit oder das Erlernen von Gewalt als Konfliktlösungsmuster können eine Rolle spielen.
- Toxische Männlichkeit: Studien zufolge verunsichern selbstbewusst auftretende Frauen Männer, insbesondere jene mit einem traditionellen Selbstbild, die sich mit der Rolle des Ernährers und überlegenen Partners identifizieren. Durch den zunehmenden Einfluss und Erfolg von Frauen und deren Forderung nach Gleichberechtigung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, aber auch individuell in der Beziehung, fühlen sich Täter bedroht und ertragen den Verlust ihrer traditionelle Dominanzrolle nicht. Sie versuchen mit Gewalt, die einstige traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten.
Auswirkungen von Gewalt in Beziehungen
Die Folgen von Gewalt in Beziehungen sind verheerend und betreffen die Betroffenen auf vielfältige Weise. Gewalt kann schwerwiegende Auswirkungen auf physischer, psychischer und sozialer Ebene haben, bis hin zum Tod. Dies trifft auch auf sexualisierte Gewalt zu.
Auswirkungen auf die Betroffenen
- Physische Folgen: Körperliche Verletzungen, chronische Schmerzen,Unfruchtbarkeit und Geschlechtskrankheiten.
- Psychische Folgen: Trauma, Depressionen, Angstzustände, Panikattacken, posttraumatische Belastungsstörung, Schlafstörungen, Essstörungen, Suchtmittelmissbrauch und Suizidalität.
- Soziale Folgen: Soziale Isolation, Stigmatisierung, Schwierigkeiten in Beziehungen, Verlust des Arbeitsplatzes und finanzielle Probleme.
Auswirkungen auf die Familien der Betroffenen
Gewalt gegen Frauen richtet sich immer auch gegen ihre Kinder, selbst wenn diese nicht direkt angegriffen werden. Das bloße Miterleben der Gewalt kann beispielsweise zu Schlafstörungen, Entwicklungsverzögerungen, Aggressivität oder Ängstlichkeit führen. Besonders schwerwiegend ist, dass Gewaltverhalten sowie durch Gewalt ausgelöste Traumata über Generationen hinweg vererbt werden können. Kinder, die Gewalt und deren Folgen miterleben, erlernen und akzeptieren Gewalt als Konfliktlösungsmuster. Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, können die traumatische Erfahrung als transgenerationales Trauma in Form von Ängsten, Schutz¬ oder Stressreaktionen unbewusst an Kinder und Enkelkinder weitergeben.
Auswirkungen auf die Gesellschaft
Gewalt gegen Frauen hat weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Transgenerationale Traumata, die von Überlebenden sexualisierter Gewalt an ihre Kinder weitergegeben werden können, beeinträchtigen die psychische Gesundheit ganzer Familien. Insbesondere kollektiv erlebte Gewalt, wie sexualisierte Kriegsgewalt, beeinträchtig das soziale Gefüge über Generationen hinweg. Durch die Einschränkungen von Frauen beim Zugang zu Bildung sowie der Berufswahl lassen Gesellschaften das Potential der Hälfte ihrer Bevölkerung ungenutzt. Geringe Bildungschancen von Mädchen wiederum stehen in direktem Zusammenhang mit Armut, Kinder- und Müttersterblichkeit und sogar der Klimakrise. Denn Naturkatastrophen können den Zugang zu Bildung versperren. Überschwemmungen zerstören Schulwege und Klassenzimmer, Dürren stürzen Familien in die Armut. Die Teilhabe von Frauen ist in vielen politischen und wirtschaftlichen Bereichen aufgrund ihrer Diskriminierung stark eingeschränkt. Studien zeigen, dass das Ausmaß der Teilhabe von Frauen direkten Einfluss auf die Stabilität eines Staates sowie seines wirtschaftlichen Erfolg hat. Die Gesellschaft trägt darüber hinaus die Kosten für Gewalt gegen Frauen in Form von Kosten für Frauenhäuser, Gerichtsverfahren, Polizeieinsätze oder psychologische und medizinische Behandlungen. Außerdem: Wie die UN-Resolution 1325 anerkennt, ist sexualisierte Gewalt nicht nur ein ernsthaftes Hindernis für erfolgreiche Friedensprozesse, sondern gefährdet auch nachhaltigen Frieden und Stabilität.
Was tun bei Gewalt in Beziehungen?
Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, das verhindert werden kann und muss. Es ist wichtig, dass Betroffene und Zeugen von Gewalt wissen, wie sie Hilfe erhalten können. Der Staat ist dazu verpflichtet, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Schutz und Unterstützung für die Betroffenen sowie die Strafverfolgung der Täter:innen zu gewährleisten.
Unterstützung für Betroffene
- Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Unter der Nummer 116016 erhalten Betroffene rund um die Uhr vertraulich und anonym Unterstützung und Informationen auf Deutsch und in 18 weiteren Sprachen.
- Frauenhäuser und Beratungsstellen: Bieten Schutz, Beratung und Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder.
- Rechtsberatung: Fachanwältinnen und -anwälte für Familienrecht bieten Rechtsberatung und Unterstützung bei rechtlichen Schritten.
- Ärztliche Untersuchung und Attestierung: Erlittene Verletzungen sollten ärztlich untersucht, attestiert und fotografiert werden, um Beweise für eine mögliche spätere Strafanzeige zu sichern.
Schutzmaßnahmen
- Schutzanordnung: Ein Familiengericht kann Maßnahmen beschließen, die erforderlich sind, um zu verhindern, dass es zu weiteren Verletzungen oder Bedrohungen kommt. Eine Schutzanordnung kann die Zuweisung der Wohnung und die Unterbindung des Kontakts des Täters zum Opfer beinhalten.
- Einstweilige Anordnung: Das Familiengericht kann eine einstweilige Anordnung erlassen, um eheliche und nicht-eheliche Kinder zu schützen, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl der Kinder durch häusliche Gewalt gefährdet ist und die Eltern zur Abwendung dieser Gefahr nicht ausreichend bereit oder fähig sind.
Strafverfolgung
Physische und viele Formen psychischer Gewalttaten sind strafbar. Da das deutsche Strafgesetzbuch (StGB) den Straftatbestand der "Häuslichen Gewalt" nicht vorsieht, kommt bei entsprechenden Taten beispielsweise "Beleidigung" (§ 185 StGB), "Bedrohung" (§ 241 StGB) oder "Körperverletzung" (§ 223 StGB) in Frage. Für diese Straftatbestände sieht das Strafgesetzbuch unterschiedliche Strafen vor, die von Geldstrafen bis zu Freiheitsstrafen reichen. Auch Vergewaltigungen innerhalb von Ehen sind strafbar.
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Prävention von Gewalt in Beziehungen
Um Gewalt in Beziehungen langfristig zu verhindern, sind umfassende Präventionsmaßnahmen erforderlich. Dazu gehören:
- Bildung und Aufklärung: Durch Fortbildungen kann beispielsweise Personal im Gesundheits- oder Justizsektor zu Gewalt gegen Frauen sensibilisiert werden. Jeder Mensch kann Vorbild für geschlechtergerechtes Verhalten sein. Das eigene Handeln zu reflektieren sowie gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, kann aufzeigen, wo von der Gesellschaft vorgelebtes, sexistisches Denken und Verhalten unbewusst übernommen werden.
- Förderung von Geschlechtergerechtigkeit: Frauenfeindliche Strukturen müssten aufgelöst werden, damit Geschlechtergerechtigkeit geschaffen und Frauen gewaltfrei leben könnten.
- Stärkung von Frauen: Solidarität mit Frauen stärkt das soziale Miteinander und nimmt Gewalt gegen Frauen den Raum.
- Arbeit mit Tätern: Neben der Unterstützung für die Opfer müssen wir auch die Täter in den Blick nehmen. Die Täter müssen nicht nur juristisch zur Verantwortung gezogen werden.
- Öffentlichkeitsarbeit: medica mondiale und ihre Partnerorganisationen machen öffentlich auf sexualisierte Gewalt aufmerksam und klären über die Ursachen und Folgen von Gewalt gegen Frauen auf. Die Öffentlichkeit sowie Politiker:innen werden zur Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen aufgefordert.
Die SaGeBe- und SENF-Methoden
In der Paartherapie gibt es verschiedene Methoden, um Paaren zu helfen, mit Gewalt umzugehen und Eskalationen zu vermeiden. Zwei Beispiele sind die SaGeBe- und die SENF-Methode.
Die SaGeBe-Methode
Die SaGeBe-Methode basiert auf dem klassischen Kommunikationstraining. Es geht darum, statt den Partner/die Partnerin zu beschuldigen und anzugreifen, bei sich zu bleiben, in sich hinein zu spüren und zu formulieren versuchen, was das Verhalten des anderen bei einem auslöst, welche Gefühle entstehen und warum diese hochkommen. Es geht im Wesentlichen um eine tiefere emotionale Selbstöffnung.
- Sa (Sachlage): Die Sachlage soll nur kurz geschildert werden.
- Ge (Gefühle): Die Gefühle sollen exploriert werden, um zu erkennen, weshalb diese so stark hochkommen.
- Be (Bedürfnisse): Es soll auf die Bedürfnisse eingegangen werden und geäußert werden, was man sich wünschen würde.
Die SENF-Methode
Die SENF-Methode soll dem Paar eine Möglichkeit an die Hand geben, den aggressiven, eskalativen Aufschaukelungsprozess zu verhindern.
- S (Stopp): Bei einer hohen physiologischen Aktivierung und starker Wut soll innegehalten und das Gespräch abgebrochen werden.
- E (Entspannen): Beide Partner*innen sollen sich, wenn möglich in getrennten Räumen herunterregulieren. Es ist nicht erlaubt, den anderen aufzusuchen und zu bedrängen.
- N (Nachdenken): Im Time-out soll mit ruhigem Kopf analysiert werden, was genau zu dieser starken Wut geführt hat.
- F (Fortsetzen): Nach der Beruhigung und Analyse kann das Gespräch fortgesetzt werden, idealerweise mit der SaGeBe-Methode.
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