Passive Bewegung der Arme und Hände bei Spastik

Eine Spastik im Bereich der Arme und Hände kann erhebliche Schmerzen verursachen und die Funktionalität stark einschränken. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und verschiedene Therapieansätze zur Behandlung von Spastik in den oberen Extremitäten.

Was ist Spastik?

Spastik ist definiert als ein geschwindigkeitsabhängiger Anstieg des Muskeldehnungswiderstands, der mit einer erhöhten Muskelspannung einhergeht. Dieser Zustand ist nicht bei gesunden Menschen vorhanden, sondern tritt als Folge von Verletzungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems auf, wie z. B. Gehirn oder Rückenmark.

Ursachen und Entstehung von Spastik

Die Spastik ist in der Regel die Folge einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), die die Nervenbahnen betrifft, die Gehirn und Rückenmark verbinden und Impulse an die Muskeln weiterleiten. Diese Schädigung kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden:

  • Schlaganfall: Ein Hirninfarkt oder ischämischer Schlaganfall, bei dem die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbrochen ist, kann zu einer Spastik führen.
  • Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns können Nervenschäden verursachen, die Spastik auslösen.
  • Infantile Zerebralparese: Eine frühkindliche Hirnschädigung, die bereits während der Schwangerschaft oder Geburt auftreten kann.
  • Multiple Sklerose (MS): Diese Autoimmunerkrankung kann das zentrale Nervensystem schädigen und Spastik verursachen.
  • Querschnittslähmung: Verletzungen des Rückenmarks können die Nervenbahnen unterbrechen und zu Spastik führen.
  • Hirntumore: Tumore im Gehirn können Druck auf Nerven ausüben und Spastik verursachen.
  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die Spastik verursachen kann.
  • Sauerstoffmangel: Eine Unterbrechung der Atmung, z. B. bei Unfällen oder Beinahe-Ertrinken, kann zu Hirnschädigungen und Spastik führen.
  • Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft: Diese können das zentrale Nervensystem des Fötus schädigen.
  • Fett-Syndrom: Eine seltene Erkrankung, die das Nervensystem beeinträchtigen kann.
  • Entzündliche Erkrankungen des ZNS: Z. B. Meningitis.

Im Gegensatz zur schlaffen Lähmung, die durch eine Schädigung des peripheren Nervensystems (PNS) verursacht wird, entsteht die Spastik durch eine Störung des ersten Motoneurons.

Typische Symptome und Verläufe

Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und hängen von der betroffenen Körperregion und dem Ausmaß der Schädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Erhöhte Muskelspannung: Die Muskeln sind dauerhaft angespannt, was zu Steifheit und Bewegungseinschränkungen führt.
  • Unkontrollierbare Muskelkrämpfe: Schmerzhafte Muskelkrämpfe können spontan auftreten.
  • Bewegungseinschränkungen: Die Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaßen ist eingeschränkt.
  • Schmerzen: Muskelverspannungen und Krämpfe können Schmerzen verursachen.
  • Fehlstellungen: Langfristig kann es zu Fehlstellungen der Gelenke kommen.
  • Eingeschränkte Lebensqualität: Die Spastik kann alltägliche Aktivitäten erschweren und die Lebensqualität beeinträchtigen.
  • Schnellender Widerstand bei passiver Bewegung: Bei schneller passiver Bewegung eines Gelenks tritt ein ruckartiger Widerstand auf.
  • Spastik-assoziierte Schmerzen: Etwa 50 % der Fälle verursachen Schmerzen.
  • Kontrakturen: Bei stark ausgeprägter Spastik können sich Gelenke, Sehnen und Bänder miteinander verwachsen und die passive Bewegung verhindern.
  • Hautverletzungen: Durch Fehlstellungen können Hautschäden entstehen, wenn Hautpartien dauerhaft aneinanderliegen.
  • Übererregbarkeit der Muskulatur: Besonders die Beuge- oder Flexormuskulatur der Hand ist dauerhaft angespannt.
  • Tonuserhöhungen: Muskelspannungsstörungen können zusätzlich auftreten.
  • Frühzeitige Erschöpfbarkeit der Muskeln

Typische Muster in den oberen Extremitäten

Im Bereich der oberen Extremität sind folgende spastische Muster häufig:

  • Spastische Schulterfehlstellung: Mit Einwärtsdrehung des Armes.
  • Übermäßige Beugung im Ellenbogen.
  • Gesteigerte Einwärtsdrehung des Unterarms.
  • Vermehrte Beugestellung des Handgelenks.
  • Eingeschlagener Daumen: (Thumb-in-palm“ Deformität).
  • Geballte Faust: („clenched fist Syndrom“).
  • Schwanenhalsdeformitäten der Finger: Bei Intrinsic-Plus Syndrom.

Verlauf und Komplikationen

Die Spastik kann sich im Laufe der Zeit verstärken, insbesondere wenn keine Behandlung erfolgt. Mögliche Komplikationen sind:

  • Bindegewebige Verwachsungen: Gelenke, Sehnen und Bänder können miteinander verwachsen und die passive Bewegung verhindern.
  • Hautschäden: Durch Fehlstellungen können Hautschäden entstehen.
  • Schmerzen: Chronische Schmerzen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
  • Thrombosen
  • Knochenbrüche
  • Pflegesituation: In schweren Fällen kann eine umfassende Pflege erforderlich sein.

Diagnose von Spastik

Die Diagnose einer Spastik umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und die aktuellen Beschwerden des Patienten.
  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht den Spannungszustand der Muskulatur und testet die Reflexe. Dabei wird der Widerstand gegen passive Bewegungen beurteilt. Die Spastik wird anhand einer Skala, z. B. der Ashworth-Skala, graduiert.
  • Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie MRT erforderlich sein, um die Ursache der Spastik zu identifizieren.
  • Spezielle Diagnoseverfahren: Zur Feststellung einer Spastik.
  • Genetische Untersuchungen: Können im Einzelfall bei selteneren Erkrankungen (z. B. hereditäre spastische Paraparese, HSP) hilfreich sein.
  • Tardieu Skala: Diese wird gegenüber der Ashworth Skala zu bevorzugt.

Therapieansätze bei Spastik

Die Behandlung der Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Schweregrad der Spastik und den individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden können.

Konservative Therapie

  • Physiotherapie: Gezielte Übungen und Dehnungen können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Fehlstellungen vorzubeugen. Die Physiotherapie kann auch dazu beitragen, Spastik-Muster zu vermeiden. Regelmäßiges Durchbewegen und geräteunterstützte Bewegungen sind ebenfalls hilfreich.
  • Ergotherapie: Ergotherapeuten helfen Patienten, alltägliche Aktivitäten trotz der Spastik auszuführen. Sie erproben Hilfsmittel und üben grundlegende Tätigkeiten wie Körperpflege und Handfunktionen.
  • Schienenbehandlung: Das Tragen von Schienen, insbesondere in der Nacht, kann helfen, Fehlstellungen zu korrigieren und die Muskeln zu dehnen. Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen können eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben.
  • Spannungshemmende Medikamente: Medikamente wie Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen können die Muskelspannung reduzieren und Krämpfe lindern.
  • Lokale Vibrationstherapie: Der Einsatz von Schallwellengeräten (z. B. NOVAFON) kann in der Behandlung von Spastiken unterstützend wirken.
  • Elektrostimulation: Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) kann positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM) haben. Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) kann einen Spastik-mindernden Effekt haben.
  • Magnetfeldreize: Gezielte Magnetfeldreize zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS) können eine spastische Tonuserhöhung behandeln.
  • Stoßwellentherapie: Die extrakorporale Stoßwellentherapie (ESTW) kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern und den Bewegungsumfang erweitern.
  • Robotik: Der Einsatz von Robotern kann vielversprechende Verbesserungen bei Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion zeigen.
  • Arm-Basis-Training: Systematisches Arm-Basis-Training kann günstige Effekte auf Spastik haben.
  • Häufige Wiederholungen: Häufige Wiederholungen von Bewegungen können die Spastik reduzieren.
  • Passive Muskelstreckung: Passive Muskelstreckung zusätzlich zur Standardtherapie ist wichtig.

Medikamentöse Therapie

  • Orale Therapie: Tabletten oder Sprays können die Muskelaktivität bei Spastik reduzieren. Häufig verwendete Medikamente sind Baclofen, Tizanidin und Dantrolen.
  • Botulinumtoxin-Injektionen (BoNT): Botulinumtoxin wird direkt in die spastischen Muskeln injiziert, um die Muskelaktivität zu reduzieren. Dies kann die Beweglichkeit verbessern und Schmerzen lindern.
  • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Baclofen wird über ein spezielles Infusionssystem direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert. Diese Therapie ist besonders geeignet für Patienten mit schwerer Spastik nach Rückenmarksverletzungen oder Hirnschädigung.
  • Sativex®: Ein Spray für die Mundhöhle, das ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen ist.

Operative Therapie

Wenn konservative und medikamentöse Therapien nicht ausreichend wirksam sind, kann eine operative Therapie in Erwägung gezogen werden. Ziel der operativen Eingriffe ist es, den passiven Bewegungsumfang der Gelenke wiederherzustellen, die Überaktivität der spastischen Muskulatur zu reduzieren und die Spastik der betroffenen Muskelgruppen aufzuheben.

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  • Hyperselektive Neurotomie (HSN): Bei diesem Eingriff werden zwei Drittel der Nervenfasern, die einen bestimmten Muskel versorgen, durchtrennt, um die Spastik zu reduzieren, ohne die Muskelkraft zu beeinträchtigen.
  • Sehneneingriffe: Muskelverlängerungen, reine Sehnenverlängerungen oder Sehnendurchtrennungen können durchgeführt werden, um den Bewegungsumfang zu verbessern.
  • Dorsale Rhizotomie: Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln ist, können chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark) durchgeführt werden.

Rehabilitation nach operativen Eingriffen

Je nach Art der durchgeführten operativen Eingriffe kann postoperativ direkt frei bewegt werden, oder es erfolgt eine Ruhigstellung in einer Schiene für 3-6 Wochen, aus der heraus innerhalb bestimmter Bewegungsausmaße geübt werden kann.

Passive Bewegung als Teil der Therapie

Die passive Bewegung der Arme und Hände spielt eine wichtige Rolle in der Therapie von Spastik. Durch die passive Bewegung werden die Muskeln gedehnt und die Gelenke mobilisiert. Dies kann helfen, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Fehlstellungen vorzubeugen. Passive Bewegungen sollten langsam und vorsichtig durchgeführt werden, um keine Schmerzen oder Krämpfe auszulösen.

Umgang mit Spastik im Alltag

Für Menschen mit Spastik ist es wichtig, aktiv am Leben teilzunehmen und Strategien zu entwickeln, um mit den Einschränkungen umzugehen. Dazu gehören:

  • Regelmäßige Bewegung: Aktive und therapeutisch begleitete aktive Bewegung ist wichtig, um die Muskeln zu stärken und die Beweglichkeit zu erhalten.
  • Anpassung des Wohnumfelds: Das Wohnumfeld sollte an die Bedürfnisse des Patienten angepasst werden, um die Selbstständigkeit zu fördern.
  • Hilfsmittel: Der Einsatz von Hilfsmitteln kann alltägliche Aktivitäten erleichtern.
  • Unterstützung durch Angehörige: Angehörige können eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit Spastik spielen.
  • Psychologische Unterstützung: Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen.
  • Schulungen und Informationen: Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und an Schulungen teilzunehmen, um den Umgang mit der Spastik zu erlernen.
  • Auf die vielen Menschen vertrauen, die sich mit dieser Erkrankung gut auskennen und deren Hilfe annehmen.

Spastik und Rigor: Ein Vergleich

Spastik und Rigor sind beides Zustände, die mit erhöhter Muskelspannung einhergehen, aber unterschiedliche Ursachen und Merkmale haben.

  • Spastik: Ist ein geschwindigkeitsabhängiger Anstieg des Muskeldehnungswiderstands, der durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems verursacht wird.
  • Rigor: Ist eine Muskelsteifheit, die unabhängig von der Bewegungsgeschwindigkeit auftritt und oft ein Symptom von Morbus Parkinson ist. Beim Rigor sind sowohl Beuge- als auch Streckmuskeln betroffen, was zu einer typischen gebeugten Haltung führen kann.

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