Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems, die sich durch vielfältige Symptome und Verläufe auszeichnet. Die Betreuung von Menschen mit MS erfordert eine individuelle und umfassende Pflegeplanung, die sowohl die physischen als auch die psychischen und sozialen Bedürfnisse berücksichtigt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Pflegeplanung bei MS und bietet einen Leitfaden für Pflegende und Angehörige.
Einführung
Multiple Sklerose (MS) wird oft als die Krankheit der "tausend Gesichter" bezeichnet, da sie sich bei jedem Betroffenen anders äußert. Die Symptome können vielfältig sein und im Verlauf der Erkrankung variieren. Die Pflegeplanung bei MS muss daher individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Betroffenen zugeschnitten sein. Die aktivierende Pflege holt den pflegebedürftigen Erkrankten dort ab, wo er gerade steht und begleitet ihn auf seinem Weg zur Erhaltung größtmöglicher Selbständigkeit und Eigenverantwortung.
Grundlagen der Pflegeplanung bei MS
Die Pflegeplanung bei MS sollte sich an den AEDL (Aktivitäten und Erfahrungen des täglichen Lebens) orientieren und folgende Aspekte berücksichtigen:
- Körperliche Symptome: Spastik, Lähmungen, Koordinationsstörungen, Blasen- und Darmstörungen, Fatigue, Schmerzen
- Psychische Symptome: Depressive Verstimmungen, kognitive Störungen, abnorme Ermüdbarkeit
- Soziale Aspekte: Isolation, Vereinsamung, Verlust von sozialen Kontakten
- Umfeld: Häusliches Umfeld, Angehörige, professionelle Pflegekräfte, Therapeuten
Die Pflegeziele sollen aus der Sicht des zu pflegenden Menschen wahrgenommen und formuliert werden. Wünsche und Bedarfe haben die zu Pflegenden?
Klassifizierung der Pflegeziele
Die Pflegeziele lassen sich in folgende Kategorien einteilen:
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- Kompensativ: Ausgleich von Verlusten und Einschränkungen
- Präventiv: Vorbeugung von Komplikationen und Folgeerkrankungen
- Rehabilitativ: Wiederherstellung von Fähigkeiten und Funktionen
- Palliativ: Linderung von Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualität
- Kurativ: Welche Ursachen behandeln? aber im weiteren Verlauf nicht berücksichtigt.
Diese Klassifizierung bietet eine einheitliche Methode zur Strukturierung sämtlicher Pflegeziele der zu betreuenden Person.
Der Pflegeprozess
Der Pflegeprozess umfasst folgende Schritte:
- Informationssammlung: Erfassung der individuellen Situation des Betroffenen (Strukturierte Informationssammlung (SIS))
- Pflegebedürfnisse erkennen: Identifizierung der spezifischen Bedürfnisse und Probleme
- Pflegeziele festlegen: Formulierung realistischer und erreichbarer Ziele
- Pflegemaßnahmen planen: Auswahl geeigneter Maßnahmen zur Erreichung der Ziele
- Durchführung der Pflege: Umsetzung der geplanten Maßnahmen
- Evaluation: Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen und Anpassung der Pflegeplanung
Aktivierende Pflege
Die aktivierende Pflege ist ein zentraler Bestandteil der Pflegeplanung bei MS. Sie zielt darauf ab, die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung des Betroffenen zu fördern und ihm das Gefühl zu vermitteln, begleitet zu werden und nicht von der Pflege abhängig zu sein.
Ziele der aktivierenden Pflege müssen stets sein:
- Hilfe zur Selbsthilfe
- Sicherheit in der häuslichen Umgebung und des Umfeldes
- Berücksichtigung aller pflegerelevanten MS-Symptome
- Stabilität des seelischen Zustandes und des Selbstwertgefühles
- Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität
Gelingt dies, können soziale Defizite (Isolation und Vereinsamung), psychische Defizite (nachlassende Selbstachtung und Depressionen) und körperliche Defizite (Steigerung des Pflegebedarfs) vermindert oder vermieden werden.
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Spezifische Pflegemaßnahmen bei MS-Symptomen
Die vielfältigen Krankheitssymptome, wie Spastik, Lähmungen, Koordinationsstörungen, Blasen- und Darmstörungen, usw., der in der Regel oft noch relativ jungen Erkrankten stellen hohe Anforderungen an die Fähigkeiten der Pflegenden. Im Folgenden werden einige spezifische Pflegemaßnahmen bei häufigen MS-Symptomen erläutert:
Spastik
Spastik ist eine erhöhte Spannung der Muskulatur, die sich in leichten Fällen nur mit einer Reflexsteigerung äußert und in schweren Fällen bis hin zur Bewegungsunfähigkeit und Gelenkversteifung führen kann.
Pflegemaßnahmen:
- Regelmäßiges, tägliches Bewegungstraining, z. B. mit Stehtrainer und Bewegungstrainer
- Spastikvermeidende Transfertechniken anwenden, so wirken z. B. spezielle Pflegekonzepte, wie Kinästhetik oder der Einsatz von Liftern vermehrter Spastik entgegen.
- Beuge- und Streckmuster regelmäßig wechseln, z. B. bei Lagerung im Bett Beuge- und Streckmuster diagonal mischen (Bobath - Pflegekonzept)
- Weitgehendes Vermeiden von Stress, Angst und Aufregung, insbesondere bei allen pflegerischen Handlungen (Pflegekonzept - Basale Stimulation).
- Medikamentöse Therapie nach ärztlicher Anordnung
- Physiotherapie
Koordinationsstörungen
Zu den Koordinierungsstörungen gehören insbesondere Störungen im Ablauf der Bewegung, wie Ataxie, Tremor und Gleichgewichtsstörungen.
Pflegemaßnahmen:
- Ruhe und Gelassenheit bei allen pflegerischen Maßnahmen und täglichen Aktivitäten
- Direkter Blickkontakt bei allen Aktivitäten
- Bewegungsabläufe in Ruhe ausführen
- Großzügiges Raum- und Platzangebot
- Hilfsmittel, wie Dickgriffbesteck/ Dickgriffstifte und rutschfeste Unterlage beim Essen und Schreiben
- Gehilfen (Gehstöcke und Rollatoren) rechtzeitig zur Verminderung der Sturzgefahr einsetzen
- Ergotherapie
Fatigue
Als Fatigue (französisch: Müdigkeit, Erschöpfung) bezeichnet man eine abnorme körperliche und/oder geistige Ermüdbarkeit, die das Leben und den Alltag der Erkrankten stark beeinträchtigen.
Pflegemaßnahmen:
- Individuelle Tagesplanung aller, auch pflegerischer Verrichtungen
- Verständnis der Bezugspersonen
- Hilfsmittel, wie z. B. Pflegebett und Lifter können kräftesparend eingesetzt werden.
- Kühle Bäder, Kühlwesten oder Kühlkompressen
- Nicht zu stark beheizte Räume, ggf. Klimaanlage
- Leichtes und regelmäßiges körperliches Training, wie Bewegungstrainer und Stehtrainer
Blasenstörungen
Blasenstörungen gehören zu den häufigsten und beeinträchtigendsten Symptomen der Multiplen Sklerose und etwa 90% der Erkrankten sind im Laufe der Erkrankung davon betroffen.
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Pflegemaßnahmen:
- Ausreichende Trinkmenge: ca. 2-2,5 Liter Wasser, Tee oder Säfte über den Tag verteilt trinken
- Trinkgewohnheiten ändern: Trinkmenge am Tag erhöhen und am Abend einschränken, um nächtlichem Harndrang vorzubeugen
- Beckenbodentraining
- Klopftraining (Triggern)
- Strukturierung des Tagesablaufes mit zeitlich ausreichender Einplanung der Toilettengänge und regelmäßige, auch vorbeugende Blasenentleerung
- Intermittierender Katheterismus
- Einsatz von aufsaugenden Hilfsmitteln
Weitere wichtige Aspekte
- Körperpflege: Alle pflegerischen Maßnahmen sollten vor Pflegebeginn mit dem zu Pflegenden abgesprochen werden und möglichst auf dessen Wünsche, Bedürfnisse und Gewohnheiten abgestimmt sein.
- Ernährung: Der Bewohner ist übergewichtig. tierischer Fette. Der Bewohner erhält eine Ernährungsberatung. Ggf. Der Bewohner leidet an Obstipation.
- Kommunikation: Seine Stimme klingt verwaschen, monoton und leise. Die Kommunikation ist insgesamt sehr erschwert. Wir veranlassen Logopädie.
- Mobilität: immer schwerer, das Bett zu verlassen. Er bewegt sich kaum noch. Der Bewohner erhält Physiotherapie.
- Schlaf: Der Bewohner leidet unter SAS (Schlafapnoesyndrom). Es kommt also im Schlaf zu Atempausen.
- Schmerzen: regelmäßig erfasst. Fragebögen und durch Schmerzskalen. Folge der Multiplen Sklerose sind.
Die Rolle der Angehörigen
So werden die meisten schwer erkrankten MS-Betroffenen - wie 2/3 aller Pflegebedürftigen in Deutschland - zu Hause von Ihren Angehörigen betreut und gepflegt, das heißt: von Ehepartnern, Eltern und Kindern. Für pflegende Angehörige ist es deshalb unerlässlich, durch umfassende Kenntnis des Krankheitsbildes und der vielfältigen Symptomatik die notwendige Sicherheit und Gelassenheit in der Pflege und Betreuung der Erkrankten zu haben. Die Kenntnis aller MS-pflegerischen und -therapeutischen Möglichkeiten und möglichen Pflegekonzepte im häuslichen Umfeld und die Sicherheit bei deren Anwendung bildet die Basis für eine partnerschaftliche Unterstützung der Erkrankten und eine gute Alltagsbewältigung.
Hilfsmittel und Unterstützungssysteme
Die Planung der Pflege im häuslichen Umfeld bindet den Pflegebedürftigen aktiv in die Planung und Umsetzung der Pflege mit ein. Angemessene Zeitplanung, der Einsatz pflegerischer und pflegetherapeutischer Konzepte und gute Strukturkenntnis des Unterstützungssystems ermöglichen ein optimales Ergebnis.
Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln und Unterstützungssystemen, die die Pflege von Menschen mit MS erleichtern können:
- Pflegehilfsmittel: Pflegebett, Lifter, Rollator, Duschstuhl, Inkontinenzprodukte
- Therapeutische Angebote: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie
- Beratungsstellen: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Pflegestützpunkte
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen
- Ambulante Pflegedienste: Unterstützung bei der häuslichen Pflege
- Stationäre Einrichtungen: Kurzzeitpflege, Tagespflege, vollstationäre Pflege
Herausforderungen und ethische Aspekte
Die Pflege von Menschen mit MS kann sowohl für die Betroffenen als auch für die Pflegenden eine große Herausforderung darstellen. Es ist wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Wünsche des Betroffenen zu respektieren und ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ethische Konflikte können entstehen, wenn die Vorstellungen des Betroffenen und der Pflegenden auseinandergehen. In solchen Fällen ist es wichtig, einen offenen Dialog zu führen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
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