Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die das extrapyramidal-motorische System und die Basalganglien betrifft. Sie ist nicht heilbar, aber die Symptome können durch verschiedene Therapien gelindert werden. Zu den charakteristischen Symptomen gehören Hypokinese, Rigor, Tremor und posturale Instabilität. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Physiotherapie bei Parkinson, einschließlich der Befunderhebung, des Aufbaus einer Vorlage für die physiotherapeutische Behandlung und der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten.
Einführung in Parkinson
Parkinson (ICD-10 G20.- Primäres Parkinson-Syndrom, G21.- Sekundäres Parkinson-Syndrom) ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland. Schätzungen zufolge sind hierzulande rund 420.000 Menschen von Parkinson betroffen. Weltweit sind etwa 6,3 Millionen Männer und Frauen an Parkinson erkrankt.
Die Erkrankung wird in verschiedene Krankheitsentitäten unterteilt:
- Idiopathisches Parkinson-Syndrom (IPS): Dies ist die häufigste Form, die etwa 75-80 Prozent der Fälle ausmacht. Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig verstanden.
- Genetische Formen des IPS: Bei 5-15 Prozent der IPS-Patienten sind weitere Familienmitglieder betroffen.
- Symptomatisches Parkinson-Syndrom: Diese Form wird durch andere Ereignisse, Erkrankungen oder Arzneimittel verursacht, die die zentralnervösen Strukturen schädigen.
- Atypische Parkinson-Syndrome: Diese treten im Rahmen anderer neurodegenerativer Krankheiten auf.
Die Krankheit ist vor allem durch den Verlust dopaminerger Neuronen in der Substantia nigra pars compacta im Mittelhirn definiert. Degenerieren die Neuronen, kann der Neurotransmitter Dopamin nicht mehr ins Putamen transportiert werden, was zu Bewegungsbeeinträchtigungen führt.
Symptome von Parkinson
Parkinson-Syndrome zeigen unabhängig von ihrer Ätiologie die gleiche Kernsymptomatik, die mit dem Akronym TRAP (Tremor, Rigor, Akinese und Posturale Instabilität) zusammengefasst wird. Als fakultative Begleitsymptome sind sensible, vegetative, psychische und kognitive Störungen möglich.
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Kardinalsymptome
- Bradykinese/Hypokinese/Akinese: Die Bradykinese bzw. Verlangsamung der Bewegungsgeschwindigkeit ist das zentrale Kardinalsymptom. Sie ist durch eine erschwerte und verzögerte Initiierung von Willkürbewegungen und eine Verlangsamung paralleler motorischer Tätigkeiten definiert.
- Tremor: Es werden drei Formen unterschieden: klassischer Parkinsontremor, Haltetremor und Aktionstremor.
- Rigor: Rigor beschreibt eine Tonuserhöhung, die während des gesamten Bewegungsumfangs auftritt und unabhängig von der Geschwindigkeit der Gelenksbewegung ist.
- Posturale Instabilität: Posturale Instabilität beschreibt die Unfähigkeit, den Körper stabil aufrechtzuerhalten.
Parkinson-Frühsymptome
Den motorischen Kardinalsymptomen geht meist eine Prodromalphase mit unklaren Beschwerden voraus. Typische Frühsymptome sind:
- REM-Schlaf-Verhaltensstörung
- Riechstörungen
- Stimmungsschwankungen
- Obstipation
Diagnosestellung
Es gibt keine speziellen Tests, um Morbus Parkinson zu diagnostizieren. Die Diagnose basiert letztendlich auf der Krankengeschichte der Person und der Beobachtung der Symptome. Bei Verdacht auf Morbus Parkinson kann eine Überweisung an einen Neurologen hilfreich sein.
Behandlungsmöglichkeiten
Morbus Parkinson kann bislang noch nicht geheilt werden, daher konzentriert sich die Behandlung auf die Linderung der Symptome.
Medikamente
Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die verschrieben werden können, darunter:
- Carbidopa-Levodopa
- Dopamin-Agonisten
- Amantadin
- MAO-B-Hemmer
Physiotherapie
Physiotherapie ist ein wesentlicher Bestandteil der Therapie und verbessert Mobilität, Koordination, Bewegungsumfang und Muskeltonus.
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Ergotherapie
Durch die Anpassung der Wohn- und Arbeitsumgebung und die Bereitstellung von Mobilitätshilfen kann ein Ergotherapeut Menschen mit Morbus Parkinson helfen, ihre Unabhängigkeit zu erhalten und den Alltag zu erleichtern.
Logopädische Therapie
Ein Logopäde kann Menschen mit Morbus Parkinson helfen, ihre Kommunikation, insbesondere die Aussprache zu verbessern.
Gehirnchirurgie
In Fällen von schwerem Tremor oder unwillkürlichen Bewegungen kann ein chirurgischer Eingriff angebracht sein. Die tiefe Hirnstimulation (DBS) hat sich zur wichtigsten chirurgischen Option entwickelt.
Physiotherapie bei Morbus Parkinson
Physiotherapie ist ein wesentlicher Bestandteil des Behandlungsplans bei Parkinson Patienten. Im Fokus liegt der Erhalt oder die Wiedererlangung motorischer Fähigkeiten und die Verbesserung der Selbstständigkeit im Alltag. Die Erfolgsaussichten sind umso besser, je früher der Patient die Physiotherapie beginnt.
Ziele der Physiotherapie
- Verbesserung der Koordination
- Steigerung der Muskelkraft
- Verbesserung des Ganges
- Verbesserung des Gleichgewichts
- Analyse und Verbesserung der Haltung
- Erhaltung oder Wiedererlangung motorischer Fähigkeiten
- Verbesserung der Selbstständigkeit im Alltag
Mögliche Elemente der Physiotherapie
- Übungen zur Verbesserung der Koordination
- Steigerung der Muskelkraft
- Geh Übungen
- Laufbandtraining
- Rhythmische Bewegungsgymnastik
- Analyse und Verbesserung der Haltung
- Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts
- Manuelle Therapie
- Klassische Massagetherapie
- Spezifische Bewegungstherapie (BIG)
Die Rolle der Befunderhebung in der Physiotherapie bei Parkinson
Voraussetzung der erfolgreichen Physiotherapie der Parkinson-Krankheit ist die möglichst genaue Registrierung der Ausprägung der Symptomatik und der spezifischen Funktionen aus krankengymnastischer Sicht. Aufgrund der so aufgezeichneten Anfangssituation kann das therapeutische Ziel gesteckt und ein gezielter Therapie-Plan aufgestellt werden. Diese Erfassungsbogen sind ähnlich aufgebaut wie die Unified Parkinson Disease Rating Scale (UPDRS), die von den Ärzten verwendet wird.
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Vorlage für die physiotherapeutische Behandlung
Eine Vorlage für die physiotherapeutische Behandlung sollte folgende Elemente enthalten:
- Anamnese: Erfassung der Krankengeschichte, der aktuellen Beschwerden und der Ziele des Patienten.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der motorischen Fähigkeiten, der Muskelkraft, des Bewegungsumfangs, des Gleichgewichts und der Koordination.
- Zielsetzung: Festlegung realistischer und messbarer Ziele für die Therapie.
- Behandlungsplan: Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans, der auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten ist.
- Dokumentation: Regelmäßige Dokumentation des Fortschritts des Patienten.
Spezifische physiotherapeutische Interventionen
- Krankengymnastik zur Linderung der hypokinetischen Symptome: Die Krankengymnastik versucht einerseits, die noch vorhandenen Bewegungsmuster optimal auszunutzen, andererseits die verloren gegangenen erlernten oder automatisierten Bewegungen durch neuerlernte zu ersetzen.
- Übungen zur Erhaltung der automatischen Bewegungen: Um die noch vorhandenen automatischen Bewegungen zu erhalten, ist die ständige Wiederholung der Bewegungen nötig. Die Bewegungen werden häufig mit Musik bzw. mit Rhythmus ausgeführt, einzeln mit dem Therapeuten oder in der Gruppe.
- Gezielte Übungen und Ausarbeitung: Kommandos, Taktgeber, Marschmusik per Lautsprecher. MP3-Player oder Walkman sind sehr hilfreich. Auch die optische Gestaltung des Übungsraumes (Streifen oder Stäbe auf dem Fußboden, Schachbrettmuster usw. fördern den Trainingseffekt). Es werden auch einfache Geräte wie Bälle, Stäbe, Tücher verwendet.
- Bekämpfung des Rigors: Zur Bekämpfung des Rigors sollen die Bewegungen großräumig durchgeführt werden, auch mit Schwung. Wichtig sind außerdem so genannte Dehnungs- und Lockerungsübungen.
- Verbesserung der Körperhaltung: Unter optischer Kontrolle (Ganzkörperspiegel) durchgeführte Übungen, z.B. auch an der Sprossenwand oder neben einer Wand sind geeignet, um die Körperhaltung zu verbessern.
- Gangschulung: Ziel der Gangschulung der Patienten ist die Erhaltung der selbstständigen Gehfähigkeit. Auch mit den Gehübungen sollte man früh - beim Auftreten der ersten Gehprobleme - anfangen.
- Behandlung von Starthemmungen: In solchen Fällen wird dem Patienten erklärt, er möge sich vorstellen, dass vorne eine unsichtbare Wand steht. Er kann nicht durch die Wand nach vorne treten, aber er kann mit einem Seitenschritt diese umgehen.
- Sturzprophylaxe: Ein wichtiger Teil dieser Übungen ist das Erlernen von kompensatorischen Ausfallschritten.
- Behandlung der feinmotorischen Tätigkeiten: Die schon erwähnten Dehn- und Lockerungsübungen werden auch mit den Händen ausgeführt, ergänzt mit Geschicklichkeitsübungen und mit dem Trainieren von schnell wiederholten Finger- und Handbewegungen.
- Behandlung der Hypomimie: Zur Behandlung der Hypomimie werden Übungen vor dem Spiegel empfohlen, einzeln oder in der Gruppe.
- Behandlung der Atemstörungen: Zur Beeinflussung der parkinson-bedingten Atemstörungen werden atmungsvertiefende Übungen verwendet, in Verbindung mit verbesserter Körper- bzw. Atemwahrnehmung.
- Muskeltraining: Durch regelmäßiges Üben gegen einen Widerstand nimmt die Muskelkraft infolge der Muskelhypertrophie zu.
Evidenzbasierte Physiotherapie
Es ist wichtig, dass die Physiotherapie auf evidenzbasierten Prinzipien basiert. Es gibt eine Reihe von Studien, die die Wirksamkeit der Physiotherapie bei Parkinson belegen.
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