Die Verbindung zwischen Angst und Gehirn: Neuronale Schaltkreise und therapeutische Ansätze

Angst ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, das uns vor Gefahren schützt. Doch wenn Angstzustände chronisch werden und das Leben beeinträchtigen, spricht man von einer Angststörung. Die neurowissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte im Verständnis der neuronalen Grundlagen von Angst und Furcht gemacht. Diese Erkenntnisse eröffnen neue Wege für die Entwicklung wirksamerer Therapien und Präventionsstrategien.

Die Rolle der Amygdala

Die Amygdala, ein mandelförmiges Areal tief im Gehirn, spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Angst und Furcht. Sie fungiert als eine Art Alarmanlage, die blitzschnell Situationen bewertet und auf potenzielle Gefahren reagiert. Bei einer Bedrohungslage aktiviert die Amygdala das sympathische Nervensystem, was zu körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und Atemnot führt.

Dr. Matthias Sperl, Psychotherapeut für Kognitive Verhaltenstherapie an der Universität Siegen, konnte mit seinem Team eine Wechselwirkung des präfrontalen Cortex und der Amygdala nachweisen. "Wir gehen davon aus, dass der präfrontale Cortex die Amygdala ein Stück weit reguliert, also hoch und runter schaltet", erklärt Sperl. "Es gibt einen Bereich im Gehirn, der wie ein Gaspedal draufdrückt, wenn wir Furcht haben. Ein anderer Bereich daneben hemmt die Furcht wie ein Bremspedal, wenn die Gefahr vorbei ist."

Neuronale Schaltkreise der Angst

Die Verarbeitung von Angst ist ein komplexer Prozess, an dem verschiedene Hirnregionen beteiligt sind. Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux beschrieb die zugrundeliegenden Mechanismen als einen Schaltkreis der Angst, der über zwei Wege Informationen an die Amygdala sendet:

  • Der schnelle Weg: Direkt vom Thalamus erhält die Amygdala eine grobe Skizze der Situation, um schnell die Gefahr einzuschätzen. Dieser Weg ist schnell, aber fehleranfällig und kann zu Fehlalarmen führen.
  • Der langsame Weg: Vom Thalamus gelangen die Informationen zuerst in den Cortex und den Hippocampus, wo sie genauer analysiert werden, bevor sie die Amygdala erreichen. Dieser Weg ist langsamer, aber genauer und ermöglicht eine differenziertere Bewertung der Situation.

Die Bedeutung von Noradrenalin

Der Botenstoff Noradrenalin spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Angst. Bei einer Bedrohungslage wird Noradrenalin ausgeschüttet, was die Amygdala aktiviert und die emotionale Aktivierung im Gehirn erhöht. Je stärker das Arousal ausfällt, desto lebhafter werden Ängste archiviert.

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In einem Experiment verabreichte das Team um Sperl einem Teil der Testpersonen Yohimbin, wodurch der Botenstoff Noradrenalin freigesetzt wird. Sie wiesen eine deutlich stärkere Angstreaktion auf.

Die Rolle des erweiterten Amygdalakomplexes

Forscher am Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben jüngst Nervenzellen in einer Hirnregion, dem “erweiterten Amygdalakomplex”, lokalisiert, die für die Regulierung unserer Furcht- und Angstreaktionen verantwortlich sind. Einige dieser Zellen produzieren Rezeptoren für ein Protein, das in Stresssituationen freigesetzt wird.

Die Wissenschaftler bedienten sich einer Methode, mit der sie Nervenzellen an- und ausschalten können, um herauszufinden, ob und wie diese Zellen die Angstreaktion beeinflussen. Beim Vergleich fanden die Wissenschaftler heraus, dass Mäuse, deren Neuronen angeschaltet waren, weniger ängstlich waren als diejenigen, bei denen die entsprechenden Neuronen abgeschaltet waren.

Angst und Gedächtnis

Die Amygdala ist eng mit dem Hippocampus verbunden, einer Hirnregion, die für das Gedächtnis zuständig ist. Die Amygdala veranlasst den Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen.

Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann, was sich negativ auf das Gedächtnis auswirkt.

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Angst und Stressreaktion

Die Amygdala setzt die Stressreaktion in Gang, indem sie das sympathische Nervensystem und den Hypothalamus aktiviert. Das sympathische Nervensystem bereitet den Körper auf Kampf oder Flucht vor, indem es Herzschlag, Blutdruck und Muskelspannung erhöht. Der Hypothalamus schüttet Stresshormone wie Kortisol aus, die den Körper zusätzlich aktivieren.

Therapeutische Ansätze

Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen von Angst und Furcht haben zu neuen therapeutischen Ansätzen geführt. Ein wichtiger Ansatz ist die kognitive Verhaltenstherapie, die darauf abzielt, die negativen Denkmuster und Verhaltensweisen zu verändern, die Angstzustände verstärken.

Dr. Matthias Sperl möchte vor allem auf Prävention setzen: "Wir müssen überlegen, was wir tun können, um mit diesem Hyperarousal umzugehen, das oft automatisch in Stresssituationen entsteht."

Neuere Studien zeigen, dass man Ängste nicht vernichten kann, man kann nur parallele „Sicherheitsgedächtnisspuren“ erschaffen. Ziel einer erfolgreichen Therapie ist es, dass die furchthemmende Spur überwiegt.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente können bei der Behandlung von Angststörungen helfen, sind aber meist nur partiell wirksam. Häufig werden selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) eingesetzt, die den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen.

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Angst und Darm

Es gibt eine starke wechselseitige Verbindung zwischen dem Darm und dem Gehirn, die „Mikrobiom-Darm-Gehirn-Achse“. Studien legen nahe, dass sich das Mikrobiom von Menschen mit und ohne Angstsymptome unterscheidet. Bei den Angsterkrankten scheint die Bakteriengemeinschaft weniger vielfältig zu sein und es überwiegen Bakterien, die an Entzündungsvorgängen beteiligt sind.

Angst und Trauma

Intensiver Stress in der frühen Kindheit kann die Arbeitsweise von Genen, die an der Stressreaktion beteiligt sind, so beeinflussen, dass Stresshormone schneller und intensiver ausgeschüttet werden. Dieser Effekt bleibt lebenslang bestehen.

Geschlechtsunterschiede

Studien haben gezeigt, dass es Geschlechtsunterschiede bei der Entstehung und Behandlung von Angststörungen gibt. Frauen erkranken doppelt so häufig an Posttraumatischer Belastungsstörung wie Männer.

Die Bedeutung der Forschung

Die neurowissenschaftliche Forschung hat unser Verständnis von Angst und Furcht erheblich erweitert. Diese Erkenntnisse sind entscheidend für die Entwicklung wirksamerer Therapien und Präventionsstrategien. Es ist wichtig, die Forschung in diesem Bereich weiter voranzutreiben, um Menschen mit Angststörungen besser helfen zu können.

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