Die „Pille“ ist nach wie vor eine der gängigsten Verhütungsmethoden, besonders bei jungen Frauen. Sie bietet nicht nur eine einfache Anwendung, sondern kann auch Menstruationsbeschwerden lindern. Allerdings birgt die Einnahme oraler Kontrazeptiva, insbesondere bei Migränepatientinnen, einige Risiken, die sorgfältig abgewogen werden müssen.
Migräne und hormonelle Verhütung: Eine komplexe Beziehung
Migräne zählt zu den primären Kopfschmerzen und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die anfallsartigen Schmerzen, die vier bis 72 Stunden andauern können, werden oft von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit begleitet.
Hormonelle Schwankungen, insbesondere des Östrogenspiegels, spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Viele Frauen bemerken, dass ihre Migräneattacken kurz vor, während oder nach der Menstruation auftreten, was auf den sinkenden Östrogenspiegel in dieser Phase zurückzuführen ist.
Empfehlungen von Fachgesellschaften
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät in ihren „Medical eligibility criteria for contraceptive use“ dazu, orale Kontrazeptiva bei Migränepatientinnen nur in Ausnahmefällen einzusetzen. Konkret sollten Frauen mit Migräne ohne Aura ab dem 35. Lebensjahr die Pille absetzen oder nur in Ausnahmefällen damit beginnen. Bei Migräne mit Aura, also kurzzeitigen neurologischen Ausfällen wie Seh-, Sprach- und Sensibilitätsstörungen, wird unabhängig vom Alter komplett auf kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) verzichtet.
Auch die Leitlinie zur Empfängnisverhütung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) rät von der Einnahme der Pille bei Migräne mit Aura ab. Die Begründung liegt in einem potenziell erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfälle. Migräne mit Aura erhöht das Risiko für ischämische Hirninfarkte, und die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva kann dieses Risiko weiter verstärken.
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Migräne ohne Aura: Pilleinnahme unter Vorbehalt
Für Frauen mit Migräne ohne Aura ist die Situation etwas differenzierter. Die Deutsche Kopfschmerz- und Migränegesellschaft (DMKG) betont, dass eine Verhütung durch orale Kontrazeptiva für viele Betroffene möglich ist, da Studienergebnisse kein generell erhöhtes Schlaganfallrisiko zeigen.
Allerdings sollte auch hier eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Faktoren wie Alter, Rauchen, Übergewicht und andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen berücksichtigt werden.
Minipille als Alternative?
Sowohl die Leitlinie als auch die DMKG empfehlen bei Migräne mit und ohne Aura die Verwendung einer Pille, die ausschließlich Gestagen enthält (Minipille), sofern keine weiteren Risikofaktoren für einen Schlaganfall vorliegen. Sollte unter der Einnahme der Minipille jedoch eine Migräne mit Aura neu auftreten, ist das Präparat abzusetzen.
Notfallkontrazeptiva
Notfallkontrazeptiva können laut Leitlinie auch von Migränepatientinnen unbedenklich angewendet werden.
Die Rolle des Östrogens
Einige Studien deuten darauf hin, dass ein sinkender Östrogenspiegel Migräneattacken begünstigen kann. Entscheidend ist dabei nicht die absolute Höhe des Hormonspiegels, sondern dessen Veränderung. Im Laufe des weiblichen Zyklus gibt es verschiedene Phasen, in denen der Östrogenspiegel schwankt. Kurz vor oder während der Regelblutung fällt er stark ab, was häufig eine Migräneattacke auslöst.
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Östrogene entwickeln ihre biologische Wirkung im zentralen Nervensystem durch genomische oder nichtgenomische zelluläre Mechanismen. Dadurch können die Neurotransmission und die Zellfunktion verändert werden. Zahlreiche Gehirnareale, die in der Pathophysiologie der Migräne involviert sind, exprimieren Estrogenrezeptoren. Dies trifft insbesondere für den Hypothalamus, das Kleinhirn, das limbische System, Brückenkerne sowie das periaquäduktale Grau (Substantia grisea periaquaeductalis) zu. Estrogen-Rezeptoren werden ebenfalls in der Hirnrinde exprimiert, wodurch die Schmerzempfindlichkeit afferent und efferent moduliert werden kann.
Menstruelle Migräne
Mehr als 50 % der Frauen mit Migräne berichten über einen Zusammenhang zwischen Menstruation und Migräne. Dabei wird zwischen einer reinen menstruellen Migräne und einer menstruationsassoziierten Migräne unterschieden.
Bei der menstruellen Migräne treten die Attacken in mindestens zwei Drittel der Menstruationszyklen ausschließlich kurz vor oder nach der Periode auf. Bei der menstruationsassoziierten Migräne fallen die Attacken zwar gehäuft in die Tage rund um die Menstruation, treten zusätzlich aber auch in anderen Zyklusphasen auf.
Langzyklus als Option?
Früher wurde die Pille oft zur Migräneprophylaxe eingesetzt, da viele Attacken durch den Hormonumschwung kurz vor der Regelblutung ausgelöst werden. Mittlerweile raten Ärzte eher von einer hormonellen Therapie durch die orale Gabe von Östrogen oder Hormonpflastern ab, da die Migräne- oder Kopfschmerzattacke dadurch nur für ein paar Tage verschoben, aber nicht verhindert wird.
Einige Frauen profitieren von einem Langzyklus, bei dem die Pille über einen längeren Zeitraum (bis zu sechs Monate) ohne Pillenpause eingenommen wird. Dadurch bleibt der Östrogenspiegel konstant, und der prämenstruelle Abfall, der Migräneattacken auslösen kann, wird vermieden. Allerdings ist diese Option nicht für alle Frauen geeignet und sollte individuell mit dem Arzt besprochen werden.
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Alternativen zur Pille
Wenn die Pille aufgrund von Migräne oder anderen Risikofaktoren nicht in Frage kommt, gibt es verschiedene alternative Verhütungsmethoden:
- Kupfer- oder Goldspirale: Diese hormonfreien Spiralen sind eine sichere und langfristige Verhütungsoption.
- Mechanische Verhütungsmittel: Kondome oder Diaphragma bieten einen Schutz vor Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten.
- Natürliche Familienplanung (NFP): Diese Methoden basieren auf der Beobachtung von Körperzeichen, um die fruchtbaren Tage zu bestimmen. Sie erfordern eine sorgfältige Anwendung und einen regelmäßigen Zyklus.
- Hormonelle Verhütung mit Gestagenmonopräparaten (Minipille): Diese Pillen enthalten kein Östrogen und erhöhen das Risiko für vaskuläre Erkrankungen nicht.
Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Eine neue, nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe ist die sinCephalea App auf Rezept. Die Kosten für diese wirksame Migräneprophylaxe werden von den Krankenkassen übernommen. Die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea bietet dir die Gelegenheit mittels eines Blutzuckersensors die Reaktion deines Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen. Im Anschluß an die Testphase erhältst du individuell auf dich zugeschnittene Ernährungsempfehlungen, mit denen du mit nur wenigen Änderungen (keine Migräne-Diät!!) wirksam Migräneattacken vorbeugen kannst.