Plattenelektroden Rückenmark: Erfahrungen und Perspektiven

Die Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) ist eine Technologie, die zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt wird, insbesondere wenn andere Therapieansätze versagt haben. Sie basiert auf der Beeinflussung der Schmerzsignale, die von den Nerven zum Gehirn gesendet werden. Obwohl es sich um eine Spitzentechnologie handelt, ist das Prinzip der SCS relativ einfach.

Wann ist SCS eine geeignete Therapieoption?

Eine SCS-Therapie kann in Betracht gezogen werden, wenn Patienten unter chronischen Schmerzen leiden und Medikamente oder Operationen keine Option darstellen oder die Nebenwirkungen der aktuellen Therapie die Lebensqualität beeinträchtigen. Da die SCS hauptsächlich bei chronischen neuropathischen Schmerzen wirksam ist, ist es wichtig, die Art der Schmerzen zu diagnostizieren. Diese Schmerzen können im Rücken, in den Gliedmaßen, in den Füßen oder in verschiedenen Körperregionen auftreten und sind oft schwer zu lokalisieren. Ein Spezialist für Schmerztherapie kann beurteilen, ob eine SCS-Therapie für den jeweiligen Patienten geeignet ist.

Der Testlauf mit einem temporären Impulsgeber

Wenn nach der Einschätzung von Experten die Rückenmarkstimulation als Therapie in Frage kommt, kann ein Testlauf mit einem temporären Impulsgeber durchgeführt werden.

Funktionsweise der Rückenmarkstimulation

Bei der Epiduralen Rückenmarkstimulation wird eine Elektrode in einem kleinen Eingriff am Rückenmark platziert. Ein elektrischer Impulsgeber erregt diese Elektrode in regelmäßigen Abständen und beeinflusst so die Schmerzweiterleitung zum Gehirn. Dadurch kann der Patient eine deutliche Linderung des Schmerzempfindens erfahren.

Plattenelektroden versus Stabelektroden

In der Klinik für Neurochirurgie am Alfried Krupp Krankenhaus werden sowohl klassische Stabelektroden als auch Plattenelektroden mit vielen Kontakten eingesetzt. Plattenelektroden ermöglichen eine präzise elektrische Stimulation mehrerer Schmerzareale. Bei der Epiduralen Rückenmarkstimulation platzieren die Neurochirurgen in einem kleinen Eingriff eine Elektrode am Rückenmark. Ein elektrischer Impulsgeber erregt diese in regelmäßigem Abstand und nimmt so Einfluss auf die Schmerzweiterleitung zum Gehirn. Der Patient erfährt eine deutliche Linderung des Schmerzempfindens. Sind mehrere Schmerzareale gleichzeitig betroffen, setzt die Klinik für Neurochirurgie eine sogenannte Penta-Plattenelektrode mit Burst-Stimulation ein. „Die Platte ist ideal, weil sie mit ihren 20 Kontakten beide Beine und den Rücken abdeckt“, weiß Johannes Larcher um die Vorzüge. „Außerdem ist die Art der Stimulation anderen Methoden überlegen. Bei älteren Verfahren wird der Schmerz durch ein Kribbelgefühl ersetzt. Das ist nicht immer angenehm. Burst ist dagegen eine stille Art der Stimulation - die beste, die es im Moment gibt.“

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Dr. Torsten Eichenauer von den Helios Kliniken Mittelweser setzt ebenfalls auf Plattenelektroden. Er erklärt, dass diese im Vergleich zu Stabelektroden eine breitere Auflagefläche haben und dadurch weniger verrutschen. Zudem sei die Energieabgabe deutlich höher.

Burst-Stimulation

Die Klinik für Neurochirurgie setzt bei mehreren betroffenen Schmerzarealen eine Penta-Plattenelektrode mit Burst-Stimulation ein. Diese Methode wird als überlegen gegenüber älteren Verfahren angesehen, bei denen der Schmerz durch ein Kribbelgefühl ersetzt wurde. Burst ist eine "stille" Art der Stimulation, die als die beste derzeit verfügbare gilt.

Testphase und Implantation

Nach der Platzierung der Elektrode durchlaufen die Patienten eine mehrtägige Testphase, um festzustellen, ob die Stimulation eine Schmerzlinderung von mindestens 50 Prozent bewirkt. Nur wenn dieses Ziel erreicht wird, wird der Impulsgeber in einem zweiten Eingriff fest implantiert.

Erfahrungen von Patienten

Patienten berichten häufig von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität nach der SCS-Therapie. Sie können wieder alltäglichen Aktivitäten nachgehen, die zuvor aufgrund der Schmerzen nicht möglich waren. Im Alfried Krupp Krankenhaus erzählen Patienten am Morgen nach der Operation, dass sie endlich mal wieder eine Nacht durchgeschlafen haben. „Später berichten alle von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität. Endlich wieder den Weg in den Keller schaffen, Sport machen oder arbeiten können - all diese Kleinigkeiten machen das Leben aus.

Indikation Post-Nukleotomiesyndrom

Eine typische Indikation für eine SCS-Therapie ist das Post-Nukleotomiesyndrom. Hierbei handelt es sich um Schmerzen, die nach einer Wirbelsäulenoperation zur Beseitigung von Rückenschmerzen fortbestehen oder sogar stärker werden. Bereits kleine Reize können dann starke Schmerzen auslösen, was als Schmerzgedächtnis bezeichnet wird.

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Die Rolle der Schmerztherapie

Oberarzt Johannes Larcher von der Klinik für Neurochirurgie betont, dass vor dem Einsatz einer Elektrode alle konservativen Therapiemethoden ausgeschöpft sein müssen. Die Klinik arbeitet eng mit der Schmerztherapie zusammen, um für die Patienten ein gutes Ergebnis zu erzielen. Geeignet sind Patienten, die bereits hochdosierte Medikamente und multimodale Schmerztherapien durchlaufen haben, ohne entscheidende Besserung zu erfahren.

Neues Verfahren: Stimulation der Gliazellen

Dr. Eichenauer setzt ein neues Verfahren im Bereich der elektronischen Stimulation ein, das nicht auf die Nervenzellen, sondern auf die Gliazellen abzielt. Gliazellen sind die Stützzellen des Nervensystems. Bei diesem Verfahren wird die Plattenelektrode eingesetzt und sendet elektronische Impulse an die Gliazellen, wodurch die Schmerzen behoben werden sollen.

Ablauf der Behandlung

Bei einem kleinen operativen Eingriff wird der Wirbelkanal eröffnet und die Plattenelektrode eingesetzt. Nach dem Einsetzen der Elektrode beginnt eine Testphase, in der der Patient kurzstationär im Krankenhaus ist und die Stimulation zu Hause mit einem externen Neurostimulator testet. Bei erfolgreicher Testphase wird der Neurostimulator implantiert.

Vorteile der schnellen Überprüfung des Ergebnisses

Dr. Eichenauer hebt den Vorteil der schnellen Überprüfung des Ergebnisses hervor. Nach etwa acht Wochen ist die Platte eingeheilt. Der Neurostimulator muss kontaktlos über das Induktionsprinzip aufgeladen werden und hat eine Lebensdauer von etwa neun Jahren. Regelmäßige Kontrollen erfolgen zunächst vierteljährlich, im Verlauf ein bis zweimal im Jahr.

Erfahrungen mit verrutschten Elektroden

Einige Patienten berichten von Problemen mit verrutschten Elektroden, die mehrere Eingriffe erforderlich machen. Es ist daher ratsam, einen erfahrenen Operateur zu suchen, der diese Behandlung häufig durchführt.

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Weitere Therapieansätze

Neben der SCS gibt es auch andere Therapieansätze für chronische Schmerzen, wie z.B. die Nerventransplantation.

Die Bedeutung der Aufklärung und des Austauschs

Ein offener Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein, um sich umfassend über die SCS-Therapie zu informieren und besser auf die Behandlung vorbereitet zu sein. Erfahrungen von anderen Patienten sind oft wertvoller als die Aufklärung durch Ärzte.

Weitere Anwendungsgebiete der Rückenmarkstimulation

Die Rückenmarkstimulation wird nicht nur zur Schmerzbehandlung eingesetzt, sondern auch in anderen Bereichen erforscht, wie z.B. zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit bei Querschnittslähmung.

Rückenmarkstimulation zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit

Ein Forschungsteam aus Lausanne in der Schweiz hat ein personalisiertes Elektrodenimplantat entwickelt, das an der Wirbelsäule platziert wird, um Nervenfasern und Motor-Neuronen im Rückenmark zu stimulieren. In einer Studie konnten drei Männer mit vollständiger Querschnittslähmung bereits wenige Stunden nach Beginn der Behandlung erste Muskelbewegungen in den Beinen hervorrufen. Nach mehrmonatigem Training konnten sie mit Gehhilfe mehrere Stunden stehen und gehen. Sogar Schwimmen und Radfahren wurde durch die Technik ermöglicht. Die Bewegungen müssen allerdings über ein Tablet angesteuert werden.

Einschränkungen und Perspektiven

Trotz vielversprechender Ergebnisse gibt es auch Einschränkungen bei der Anwendung der Rückenmarkstimulation zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit. Die Alltagstauglichkeit ist noch begrenzt, und die Therapieerfolge lassen sich nicht bei allen Querschnittsgelähmten erzielen. Es wird wahrscheinlich nicht die eine Pille oder die eine Methode zur Behandlung von Querschnittlähmungen geben, sondern eine Kombination verschiedener Ansätze erforderlich sein.

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