Wer glaubt, der Zahnarztbesuch schützt nur vor Erkrankungen der Zähne und des Zahnfleisches, erfasst nur einen Teil der Möglichkeiten. Der Zahnarzt kann deutlich mehr erkennen. Erkrankungen der Verdauungsorgane zeigen sich beispielsweise an weißen Belägen auf der Zunge. Erste Anzeichen von Osteoporose sind an der Abnahme der Knochensubstanz im Kieferknochen erkennbar. Auch Diabetes wird häufig zuerst beim Zahnarzt durch sich auffällig lockernde Zähne erkannt. In den vergangenen Jahren widmeten sich Forscher vermehrt der Frage nach Zusammenhängen zwischen Zahnfleischerkrankungen wie Parodontitis und systemischen Erkrankungen wie Leukämie, Diabetes, Schuppenflechte, Rheuma. Mit großem Engagement beschäftigten sich Wissenschaftler mit der Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen Alzheimer und Parodontitis.
Einleitung
Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Ursache für Demenz, betrifft weltweit Millionen von Menschen. Gleichzeitig ist Parodontitis, eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparates, eine weit verbreitete Volkskrankheit. Jüngste Forschungsergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Erkrankungen hin, was ein wachsendes Interesse an präventiven Maßnahmen und frühzeitiger Behandlung von Parodontitis weckt.
Parodontitis: Eine Volkskrankheit mit systemischen Auswirkungen
Die Parodontitis, oft auch umgangssprachlich als Parodontose bezeichnet, ist eine durch bakterielle Zahnbeläge verursachte Entzündung des Zahnhalteapparates. Sie betrifft alle Bestandteile, die dem Zahn Halt geben, also Zahnfleisch, Zahnfach, Zahnzement und Wurzelhaut. Unbehandelt kann sie zum Verlust der Zähne führen. Die Entzündung verläuft zunächst oft unbemerkt, da sie keine Schmerzen verursacht. Erste Anzeichen sind Zahnfleischbluten und eine erhöhte Empfindlichkeit der Zahnhälse.
Risikofaktoren für die Entstehung einer Parodontitis sind unter anderem Plaque und Zahnstein. Aber auch Rauchen sowie Piercings an Lippe, Lippenbändchen und Zunge erhöhen das Risiko. Vorbeugend wirkt neben dem eigentlichen Zähneputzen die Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen.
Die Parodontitis ist jedoch nicht allein eine lokale Infektion, sondern hat weitreichende Folgen auf den gesamten Organismus. Das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes und rheumatische Erkrankungen steigt durch die Erkrankung an. Über die Blutbahn gelangen Keime aus dem Mund in den Organismus, wodurch andere Erkrankungen begünstigt werden. Bekannt sind Fälle, in denen die Zahnfleischentzündung ein unklares Fieber hervorgerufen hat. Erst nachdem die Verbindung zur Infektion in der Mundhöhle erkannt und behandelt wurde, konnte das Fieber abklingen.
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Alzheimer: Eine komplexe neurodegenerative Erkrankung
Die Alzheimer-Krankheit betrifft hauptsächlich ältere Personen. Unter den über 85-jährigen sind mehr als die Hälfte von Alzheimer-Demenz betroffen. Die Zahl der Alzheimer-Patienten in Deutschland wird auf etwa 700.000 geschätzt. Bis 2050 wird ein Anstieg der Patientenzahl auf über zwei Millionen erwartet.
Bislang sind die genauen Ursachen nicht geklärt. Bei jüngeren Patienten sind genetische Faktoren und Mutationen erkennbar, bei älteren Patienten stehen vor allem Schadstoffbelastungen sowie familiäre Häufungen im Mittelpunkt der Untersuchungen. Immer öfter werden Entzündungen als Ursache für die Alzheimererkrankung diskutiert. Bei „Alzheimer“ werden im Gehirn zunehmend Gehirnzellen zerstört. Das führt bei den Erkrankten zu Gedächtnisverlust, gestörtem Orientierungssinn und reduziertem Sprach- und Denkvermögen. Zahlreiche Faktoren werden diskutiert, darunter ein reduzierter Blutkreislauf im Gehirn, Diabetes, Bluthochdruck, ungesunde Lebens- und Ernährungsweise sowie Entzündungen.
Der mögliche Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer
Das gestiegene Interesse an einem möglichen Zusammenhang zwischen Alzheimer und Parodontitis basiert auf den Erkenntnissen eines Forscherteams der Chung Shan Medical Universität in Taiwan. Die Forscher stellten bei älteren Menschen, die an Zahnfleischentzündungen litten, ein um 70 Prozent höheres Alzheimerrisiko fest.
Bakterien als Bindeglied
Parodontitis ist eine chronische, in entzündlichen Schüben verlaufende Erkrankung. Die Ursache sind Bakterien, die das Zahnfleisch durchdringen. Insbesondere der sogenannte „Markerkeim“ Porphyromonas gingivalis kann in über 50 Prozent der parodontalen Erkrankungen nachgewiesen werden. Er gilt als Leitkeim für schwere Formen der Parodontitis und ist damit für den Verlust von Zähnen verantwortlich.
Das Durchdringen der Blut-Hirn-Schranke von Keimen kann zu schweren Beeinträchtigungen führen. Bei Untersuchungen von Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten konnten Wissenschaftler in einer Vielzahl der behandelten Fälle einen Keim identifizieren, der mit dem Parodontitis-Keim eng verbunden ist. Forscher der University of Central Lancashire zeigten, dass in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten das Bakterium Porphyromonas gingivalis nachweisbar ist, wenn sie unter Parodontitis leiden.
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Entzündungen und Amyloid-Plaques
Experimente an Mäusen konnten die Annahme eines Zusammenhanges zwischen Parodontitis und Alzheimer unterstreichen. Mäuse, die mit einem Parodontitiskeim infiziert wurden, wiesen Veränderungen im Hippocampus auf. Ein Forscherteam der University of Illinois at Chicago gelang der Nachweis, dass parodontale Bakterien die Entstehung seniler Plaques in der Hirnsubstanz fördern. Die Plaques gelten als Ursache für Neuropathien, die in Verbindung mit der Alzheimererkrankung auftreten.
Insbesondere der Porphyromonas gingivalis wurde im Gehirn von Alzheimer-Patienten eindeutig nachgewiesen, da er dort sogenannte „toxische Proteasen“ bildet, die die Neurodegeneration fördern.
Neue Forschungen des Forsyth Institute zeigen eine Verbindung zwischen Parodontitis und der Bildung von Amyloid-Plaques, einem charakteristischen Merkmal bei einer Alzheimererkrankung. Die Forschung, die im Journal of Neuroinflammation veröffentlicht wurde, zeigt, dass Parodontitis zu Veränderungen in den Mikrogliazellen führt, die das Gehirn normalerweise vor Alzheimer-Plaques schützen. Die Studie enthüllt, dass diese Mikrogliazellen, wenn sie oralen Bakterien ausgesetzt werden, überstimuliert werden und Schwierigkeiten haben, die Plaques abzubauen.
Klinische Studien und Forschungsergebnisse
London - Alzheimer-Patienten, die gleichzeitig an Parodontitis leiden, könnten schneller einen Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten erleben als Patienten mit einem gesunden Zahnstatus. Mark Ide und seine Arbeitsgruppe am King's College London vermuten, dass die Entzündungsreaktion im Körper den geistigen Abbau begünstigt.
Wissenschaftler der vorliegenden Studie schlossen 59 Patienten in ihre Untersuchung ein, die durch Alzheimer unter milden kognitiven Einschränkungen litten. Zu Beginn der Studie wurde durch einen Zahnarzt ein Zahnstatus erhoben und die Patienten wurden über sechs Monate beobachtet. Messungen der kognitiven Fähigkeiten und eine Bestimmung der Entzündungsmarker ergänzten die Untersuchung.
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Von den Patienten wiesen 37 Prozent Zeichen einer Parodontitis auf. Obwohl diese Patienten im Durchschnitt viereinhalb Jahre jünger waren als die Vergleichspatienten, stieg in den folgenden sechs Monaten ihr Risiko für einen kognitiven Abbau um das Sechsfache. Die Entzündungsmarker waren in dieser Patientenpopulation ebenfalls erhöht.
Die Rolle von Gingipain-Enzymen
In den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patientinnen und -Patienten wurden bei Untersuchungen vermehrt Spuren von Parodontose-Bakterien entdeckt. Dabei handelt es sich vor allem um Gingipain-Enzyme, die von Parodontitis-Bakterien gebildet werden. Offenbar scheint es eine Verbindung zwischen den Gingipain-Enzymen und den für die Alzheimer-Krankheit typischen Protein-Ablagerungen aus Beta-Amyloid und Tau zu geben. So scheinen die Konzentrationen von Gingipain und Tau zu korrelieren.
Gescheiterte Therapieansätze
Wurde in Versuchen Alzheimer-Mäuse mit einem Gingipain-Blocker (Wirkstoff Atuzaginstat) und weiteren Antibiotika behandelt, wurden weniger Proteinablagerungen im Gehirn gefunden. Zu Beginn der klinischen Studien (Phase 1) wurde der Wirkstoff Atuzaginstat (auch COR388 genannt) von gesunden Testpersonen sowie Menschen mit Alzheimer zunächst gut vertragen.
In einer Phase-2/3-Studie an Menschen mit leichter bis moderater Alzheimer-Erkrankung verlangsamte die höhere Dosis (80 mg 2x täglich) den kognitiven Abbau um 57% in einer vordefinierten Untergruppe mit Parodontitis-Bakterium-Infektion.
Allerdings kam es bei 15 Prozent der Testpersonen unter der hohen Dosis zu einem Anstieg der Leberwerte, was zum Abbruch der Studie durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA führte.
Die Entwicklung von Atuzaginstat als Alzheimer-Medikament wurde 2022 eingestellt, da die Schädigung der Leber ein Sicherheitsrisiko darstellte.
Studienergebnisse der Universität Greifswald
Die Langzeitstudie SHIP (Study of Health in Pomerania/Leben und Gesundheit in Vorpommern) untersucht seit knapp 25 Jahren die Zusammenhänge von Zahnerkrankungen und die Auswirkungen derselben auf die Allgemeingesundheit. Mittels neuer statistischer Arbeitsweisen wurden Daten von behandelten Patient*innen und unbehandelten Erkrankten zusammengestellt und untersucht. Als Messwert für eine Alzheimer-Erkrankung wurden MRT-Daten der US-amerikanischen Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative verwendet, aus denen der für Alzheimer-charakteristische Verlust an Gehirnsubstanz ablesbar ist.
„Die von einem auf Zahnfleischerkrankungen spezialisierten Zahnarzt vorgenommene Behandlung der Parodontitis zeigte einen positiven Effekt auf den Verlust der Gehirnsubstanz, der als moderat bis stark eingeschätzt werden kann.“, erläutert die Universität Greifswald.
In seiner Studie untersuchte das Greifswalder Team die Korrelation von Parodontitis und Alzheimer und stellte einen Zusammenhang fest. Bei Betroffenen, die regelmäßig parodontal behandelt wurden, zeigten sich insgesamt weniger Verluste in Alzheimer-relevanten Arealen des Gehirns. Laut der Forschenden könne die Parodontitis-Behandlung Alzheimer vielleicht nicht verhindern, jedoch aber deutlich verzögern.
Kritik an der einseitigen Ausrichtung auf P. gingivalis
Wolf-Dieter Grimm, Zahnarzt und emeritierter Parodontologie-Professor der Universität Witten/Herdecke, kritisiert die einseitige Ausrichtung auf P.gingivalis: „Man geht mittlerweile davon aus, dass an der Parodontitis 600 bis 700 Bakterienarten beteiligt sind.“ P.gingivalis sei zwar ein so genannter Leit-Keim, der relativ sicher die Erkrankung anzeigt. Nichtsdestoweniger besitzt P.gingivalis schon einige Eigenschaften, die es in besonderem Maße dazu prädestinieren. Dazu gehört, dass es sich sehr effektiv vor dem Immunsystem des Menschen verstecken kann. Hinzu kommt, dass es weitflächig aktiv ist. Würde die Parodontitis nur einen kleinen Bereich betreffen, würde von dort auch kein sonderlicher „Entzündungsdruck“ ausgehen. „Doch die Oberfläche des Zahnhalteapparats entspricht etwa zwei Handflächen“, betont Grimm. „Da steckt viel Entzündungspotential drin, das sich auf andere Bereiche des Körpers niederschlagen kann“.
Prävention und Behandlung von Parodontitis
Viele Menschen haben große Angst, an Alzheimer zu erkranken. Auch wenn bis heute noch nicht umfassend geklärt werden konnte, warum genau die Zahl der Alzheimererkrankungen bei Parodontitispatienten erhöht ist, lohnt sich die Vorsorge.
Grundsätzlich kann jeder etwas tun, um Parodontitis zu vermeiden, denn mangelnde Zahnhygiene ist die Hauptursache für Zahnfleischbluten und Parodontitis. Um hier vorzubeugen hilft nur regelmäßiges Zähneputzen, Zahnzwischenraumpflege sowie mindestens einmal im Jahr zur Zahnkontrolle und regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung zu gehen. „Je früher Parodontitis erkannt wird, desto besser ist die Prognose, die Parodontitis langfristig besiegen zu können und Folgeerkrankungen zu vermeiden“, sagt Dr. med. dent.
Mit einer gründlichen Gebisshygiene, bei der auch die Zahnzwischenräume gereinigt werden, kann man präventiv schon einiges erreichen, doch gegen eine der wichtigsten Krankheitsursachen kann auch sie nichts ausrichten: das Alter.
Immer mehr Arbeitgeber erkennen die Parodontitisgefahr für die Gesunderhaltung der Mitarbeiter. Während die Zahngesundheit bisher im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) wenig Beachtung fand, haben die aktuellen Studienergebnisse zu den möglichen Verbindungen zwischen Parodontitis und Alzheimer ein Umdenken bewirkt. Immer mehr engagierte Arbeitgeber organisieren im Rahmen des BGM Mundgesundheitstage, um ihre Mitarbeiter mit Vorträgen, Ausstellungen und Aktionen für die Gefahr parodontaler Erkrankungen zu sensibilisieren.
Moderne Behandlungsmethoden
Dabei gibt es mittlerweile auch minimal-invasive Behandlungsmethoden. Bei den Pulverstrahlsystemen werden die Zahnfleischtaschen mechanisch gereinigt, wie man das von den Sandstrahlgebläsen an Gebäuden kennt. Nur dass eben das Pulver biologisch abbaubar und extrem fein ist, so dass am Gewebe und an der Zahnwurzel kein Schaden entsteht. Die photodynamische Therapie verfährt antibakteriell, indem sie per Laser eine zuvor eingebrachte Substanz, einen sogenannten „Sensitizer“ in den Zahnfleischtaschen aktiviert. „Dabei wird Sauerstoff freigesetzt - und das mögen anaerobe Keime wie P.gingivalis überhaupt nicht“, erläutert Grimm.
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