Epilepsie: Ursachen, Erscheinungsformen und Behandlungsansätze

Epilepsie ist ein vielschichtiges neurologisches Krankheitsbild, das durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine vorübergehende Störung der elektrischen Aktivität im Gehirn, die sich in vielfältigen Symptomen äußern kann. Obwohl die Erkrankung seit dem Altertum bekannt ist, sind die genauen Ursachen und Mechanismen noch nicht vollständig geklärt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Epilepsie, von den Ursachen und Erscheinungsformen bis hin zu den Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Das neuronale Orchester gerät aus dem Takt

Unser Gehirn ist von einem komplexen Netzwerk aus Milliarden von Nervenzellen, den Neuronen, durchzogen. Diese Neuronen kommunizieren miteinander, um Körperfunktionen wie Gehen, Lächeln und Winken zu steuern. Dieses fein abgestimmte Zusammenspiel kann man sich wie ein Orchester vorstellen, das von einem Dirigenten geleitet wird. Bei einem epileptischen Anfall fällt dieser "Dirigent" vorübergehend aus, und die Neuronen geraten aus dem Takt, was zu unkontrollierten elektrischen Entladungen führt.

Vielfältige Erscheinungsformen der Epilepsie

Epilepsie ist ein sehr vielfältiges Krankheitsbild, das sich in unterschiedlichen Anfallsformen äußern kann. Die Anfälle können jeden treffen und in jedem Alter auftreten. Es ist wichtig zu betonen, dass nur ein Teil der Patienten schwere Anfälle erlebt, bei denen sie das Bewusstsein verlieren, zu Boden stürzen und sich der gesamte Körper zusammenkrampft und zuckt (tonisch-klonischer Anfall, früher "Grand Mal").

Andere Anfallsformen umfassen:

  • Atonischer Anfall: Die Muskelspannung lässt nach, und die Betroffenen knicken ein oder das Kinn fällt auf die Brust.
  • Absence: Kurze Abwesenheit, bei der die Betroffenen ins Leere starren.

Diese Anfälle werden als generalisierte Anfälle bezeichnet, da das gesamte Gehirn betroffen ist. Im Gegensatz dazu gibt es fokale Anfälle, bei denen nur ein bestimmter Bereich des Gehirns überaktiv ist. Die Anfallshäufigkeit variiert stark: Manche Patienten erleben mehrere Anfälle täglich, andere nur alle paar Monate oder Jahre. In einigen Fällen kündigt sich der Anfall vorher an (Aura), beispielsweise durch verstärkte Wahrnehmung bestimmter Geschmäcker oder Geräusche, Kribbeln oder Taubheitsgefühle.

Lesen Sie auch: Was verursacht Demenz?

Ursachen und Auslöser von Epilepsie

Die Ursachen von Epilepsie sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu identifizieren. Zu den möglichen Ursachen gehören:

  • Hirnverletzungen: Unfälle, Tumore oder Schlaganfälle können das Gehirn schädigen und Epilepsie auslösen.
  • Strukturelle Veränderungen im Gehirn: Angeborene oder durch Sauerstoffmangel bei der Geburt entstandene "Architekturschäden" im Hirngewebe können zu Fehlfunktionen führen.
  • Entzündungen: Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen können einzelne Hirnregionen schädigen.
  • Genetische Faktoren: In manchen Familien tritt Epilepsie gehäuft auf, was auf eine genetische Veranlagung hindeutet. Es handelt sich jedoch nicht um eine klassische Erbkrankheit, sondern eher um eine Kombination vieler kleiner Genveränderungen, die in Kombination zufällig eine Epilepsie auslösen können.

Trotz umfangreicher Diagnosemöglichkeiten kann bei etwa der Hälfte der Patienten keine Ursache für die Epilepsie gefunden werden (idiopathische Epilepsie).

Neben den Ursachen gibt es auch verschiedene Auslöser (Trigger), die epileptische Anfälle provozieren können. Dazu gehören:

  • Schlafmangel
  • Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Starke körperliche oder seelische Belastung (Stress)
  • Hohes Fieber
  • Alkohol und Alkoholentzug
  • Drogen- oder Schlafmittelentzug
  • Selten: Flackerndes Licht (z. B. durch Computerspiele oder Stroboskopbeleuchtung)

Diagnose von Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, neurologischen Untersuchung und verschiedenen technischen Untersuchungen.

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die genaue Beschreibung der Anfälle, mögliche Auslöser, Begleiterkrankungen und familiäre Vorbelastungen. Dabei ist es hilfreich, wenn Angehörige oder Freunde, die den Anfall miterlebt haben, anwesend sind und ihre Beobachtungen schildern können. Fotos oder Videoaufzeichnungen des Anfalls können ebenfalls wertvolle Informationen liefern.
  • Elektroenzephalografie (EEG): Bei dieser Untersuchung werden die elektrischen Hirnströme des Patienten gemessen. Bestimmte Muster im EEG können auf eine Epilepsie hinweisen. Allerdings ist das EEG bei Epilepsie manchmal auch unauffällig.
  • Magnetresonanztomografie (MRT): Das MRT liefert detaillierte Schnittbilder des Gehirns, auf denen eventuelle Schäden oder Fehlbildungen als mögliche Ursache der Anfälle erkannt werden können.
  • Computertomografie (CT): Vor allem in der Akutphase nach einem Anfall kann die CT hilfreich sein, um beispielsweise Hirnblutungen als Auslöser des Anfalls zu entdecken.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen können Hinweise auf Entzündungen, Stoffwechselveränderungen oder Drogenkonsum als mögliche Ursachen des Anfalls liefern. In manchen Fällen wird auch eine Lumbalpunktion durchgeführt, um die Hirn-Rückenmarksflüssigkeit zu untersuchen.

Behandlung von Epilepsie

Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren oder die Anfälle ganz zu verhindern. In vielen Fällen ist dies durch eine medikamentöse Therapie möglich.

Lesen Sie auch: Walnüsse: Ein Superfood für Ihr Gehirn

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung erfolgt in der Regel mit sogenannten Antiepileptika. Diese Medikamente hemmen die übermäßige Aktivität von Nervenzellen im Gehirn und senken so das Risiko für Krampfanfälle. Es gibt verschiedene Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkstoffen, wie z. B. Levetiracetam oder Valproinsäure. Die Wahl des geeigneten Wirkstoffs hängt von der Art der Anfälle bzw. der Form der Epilepsie ab. Ziel ist es, mit dem Medikament weitere Anfälle zu verhindern oder zumindest zu reduzieren, während die Nebenwirkungen so gering wie möglich gehalten werden.

In der Regel verschreibt der Arzt bei Epilepsie zunächst nur ein einziges Antiepileptikum (Monotherapie). Wenn dieses Medikament nicht die gewünschte Wirkung zeigt oder starke Nebenwirkungen verursacht, kann auf ein anderes Präparat umgestellt werden. Bei manchen Patienten ist eine Kombinationstherapie mit zwei oder mehr Antiepileptika erforderlich.

Die Antiepileptika müssen regelmäßig eingenommen werden, um zuverlässig zu wirken. Die Behandlungsdauer beträgt meist mehrere Jahre. Wenn über einen langen Zeitraum keine epileptischen Anfälle mehr aufgetreten sind, kann in Absprache mit dem Arzt ein Absetzversuch unternommen werden.

Epilepsiechirurgie

Bei manchen Patienten lässt sich die Epilepsie mit Medikamenten nicht ausreichend behandeln. Wenn die Anfälle immer von einer begrenzten Hirnregion ausgehen (fokale Anfälle), kann in manchen Fällen eine Operation in Erwägung gezogen werden, bei der dieser Teil des Gehirns operativ entfernt wird (Resektion).

Andere chirurgische Eingriffe, wie die Balkendurchtrennung (Kallosotomie), kommen eher selten zum Einsatz, beispielsweise bei Patienten, die häufig schwere Sturzanfälle erleiden.

Lesen Sie auch: Wadenkrämpfe effektiv vorbeugen

Stimulationsverfahren

Neben der Operation können auch Stimulationsverfahren infrage kommen, wenn Medikamente bei Epilepsie nicht ausreichend wirken. Dabei werden bestimmte Strukturen im Gehirn oder solche, die dorthin führen (Vagusnerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert.

Das am weitesten verbreitete Verfahren ist die Vagusnerv-Stimulation (VNS), bei der ein kleines, batteriebetriebenes Gerät unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut implantiert wird, das über ein Kabel mit dem linken Vagusnerv am Hals verbunden ist.

Ein anderes Stimulationsverfahren ist die tiefe Hirnstimulation, bei der dem Patienten kleine Elektroden an bestimmten Stellen im Gehirn implantiert werden, die das Nervengewebe mit elektrischen Impulsen stimulieren.

Behandlung bei Status epilepticus

Ein Status epilepticus ist ein lebensbedrohlicher Zustand, bei dem ein epileptischer Anfall länger als 5 Minuten anhält oder sich mehrere Anfälle kurz hintereinander ereignen, ohne dass sich der Betroffene dazwischen erholen kann. In diesem Fall muss sofort der Notarzt gerufen werden!

Der Patient erhält als erstes ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin). Im Krankenhaus wird die Behandlung fortgesetzt, und in manchen Fällen ist eine Narkose und künstliche Beatmung erforderlich.

Epilepsie im Alter

Epilepsien sind die dritthäufigste neurologische Erkrankung beim älteren Menschen und gehen oft mit sozioökonomischen Problemen einher. Die Prävalenz der Epilepsie nimmt im Alter zu und erreicht bei über 85-Jährigen 1-2 %.

Ursachen der Altersepilepsie

Während bei jüngeren Patienten genetische Epilepsiesyndrome, Entwicklungsstörungen des Gehirns, Hippocampussklerose oder Hirntumoren die häufigsten Ursachen sind, stehen bei alten Patienten Anfälle in Verbindung mit zerebrovaskulären Erkrankungen (Schlaganfall) an erster Stelle. Demenzerkrankungen sind eine weitere wichtige Ursache der Altersepilepsie.

Diagnostische Herausforderungen

Anfälle bei alten Menschen werden häufig erst spät erkannt, und die Rate an initialen Fehldiagnosen ist hoch. Ein Grund hierfür ist die Semiologie, die sich von jüngeren Erwachsenen unterscheidet. Im Alter treten Anfälle oft in Form fokal nicht bewusst erlebter Anfälle mit Arrest auf, ohne klassische Symptome wie Automatismen oder psychische Phänomene. Symptome wie Innehalten oder eine häufig prolongiert bestehende postiktale Desorientiertheit können beispielsweise als Verwirrtheitszustand im Rahmen einer Demenz fehlinterpretiert werden.

Therapie der Altersepilepsie

Die medikamentöse Behandlung der Epilepsie bei alten Patienten stellt den behandelnden Arzt vor eine Reihe von Herausforderungen. Alte Menschen reagieren meist sensibler auf Medikamente, insbesondere zentral wirksame Substanzen, wobei unspezifische Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit, Gangunsicherheit und Konzentrationsstörungen häufig sind. Aufgrund von Komorbiditäten nehmen alte Patienten häufig eine Reihe unterschiedlicher Medikamente ein, sodass das Risiko von Medikamenteninteraktionen hoch ist.

Leben mit Epilepsie

Die Diagnose Epilepsie stellt Betroffene vor eine Vielzahl von Herausforderungen. Die Angst vor einem Anfall kann das Leben stark beeinträchtigen und zu sozialer Isolation führen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich professionelle Hilfe zu suchen.

Psychosoziale Aspekte

Epilepsie kann zu Einschränkungen der Selbstständigkeit und Mobilität führen, beispielsweise durch Fahruntauglichkeit oder Angst vor Stürzen im Rahmen von Anfällen. Es ist wichtig, diese psychosozialen Aspekte bei der Behandlung zu berücksichtigen und den Patienten Unterstützung anzubieten.

Berufliche Aspekte

Junge Menschen mit Epilepsie sollten sich frühzeitig mit der Berufswahl beschäftigen und sich beraten lassen, welche Berufe für sie geeignet sind. Schulabgänger, die nicht anfallsfrei sind, benötigen eine spezielle Berufsberatung. Im Berufsleben gilt für schwerbehinderte/gleichgestellte Arbeitnehmer ein besonderer Kündigungsschutz.

Verhalten bei einem epileptischen Anfall

Wenn man Zeuge eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben und die Person vor Verletzungen zu schützen.

Bei einem großen generalisierten Anfall sollten Sie Folgendes tun:

  • Den Notruf 112 rufen.
  • Für Sicherheit sorgen, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen.
  • Den Kopf des Betroffenen abpolstern.
  • Seine/ihre Brille abnehmen.
  • Enge Kleidung am Hals lockern, um die Atmung zu erleichtern.
  • Menschen, die in der Situation nicht helfen können, bitten weiterzugehen.
  • Nach dem Anfall bei der Person bleiben und Ihre Unterstützung anbieten.
  • Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.

Das sollten Sie in keinem Fall tun:

  • Die/den Betroffene/n festhalten oder zu Boden drücken.
  • Der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt.

tags: #warum #habe #ich #das #thema #epilepsie