Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen auszeichnet. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) definiert Migräne als eine wiederkehrende Kopfschmerzerkrankung, die in Attacken von 4 bis 72 Stunden Dauer auftritt. Typische Merkmale sind einseitige Lokalisation, pulsierender Charakter, mäßige bis starke Intensität, Verstärkung durch körperlicher Aktivität und Begleiterscheinungen wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und/oder Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm und Geruch.
Die Migräne wird in zwei Hauptformen unterteilt: Migräne mit Aura (G43.1) und Migräne ohne Aura (G43.0), auch bekannt als gewöhnliche Migräne. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Migräne ohne Aura.
ICD-10 Klassifikation der Migräne
Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) klassifiziert Migräne unter dem Code G43. Die verschiedenen Formen der Migräne werden wie folgt unterschieden:
- G43.0 Migräne ohne Aura [Gewöhnliche Migräne]
- G43.1 Migräne mit Aura [Klassische Migräne]
- G43.2 Status migraenosus
- G43.3 Komplizierte Migräne
- G43.8 Sonstige Migräne
- G43.9 Migräne, nicht näher bezeichnet
In der ambulanten Versorgung wird der ICD-Code auf medizinischen Dokumenten immer durch Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit (A, G, V oder Z) ergänzt: A (Ausgeschlossene Diagnose), G (Gesicherte Diagnose), V (Verdachtsdiagnose) und Z (Zustand nach der betreffenden Diagnose).
Symptome der Migräne ohne Aura
Die Migräne ohne Aura ist die häufigste Form der Migräne. Ihre typischen Symptome sind:
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- Kopfschmerz: Der Kopfschmerz ist meist einseitig lokalisiert, kann aber auch beidseitig auftreten. Er wird oft als pulsierend, pochend oder drückend beschrieben. Die Intensität ist mäßig bis stark.
- Verstärkung durch körperliche Aktivität: Die Kopfschmerzen verschlimmern sich bei körperlicher Anstrengung wie Gehen oder Treppensteigen.
- Begleitende Symptome: Übelkeit und/oder Erbrechen, Lichtempfindlichkeit (Photophobie) und Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie) sind häufige Begleiterscheinungen. Manchmal kommt es auch zu einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen.
Die Kopfschmerzen dauern in der Regel zwischen 4 und 72 Stunden. Bei Kindern und Jugendlichen kann die Dauer auch kürzer sein (2-72 Stunden).
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus. Eine genetische Veranlagung spielt eine wichtige Rolle. Einige der betroffenen Gene beeinflussen die Regulation neurologischer Schaltungen und den oxidativen Stresslevel.
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die einen Migräneanfall auslösen können. Diese Trigger sind von Person zu Person unterschiedlich. Häufige Auslöser sind:
- Stress: Sowohl Stress als auch Entspannung nach Stress können Migräneattacken auslösen.
- Schlafmangel: Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus oder Schlafmangel können Migräne begünstigen.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können Menstruation, Ovulation, Schwangerschaft oder die Einnahme von hormonellen Verhütungsmitteln Migräneattacken auslösen.
- Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Rotwein, Schokolade, Zitrusfrüchte oder Alkohol können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Umweltfaktoren: Wetterwechsel, grelles Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können ebenfalls Migräneattacken provozieren.
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie der Migräne ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine dysfunktionale Regulation neuronaler Netzwerke im Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Im Fokus der Forschung steht die Freisetzung des Neuropeptids Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP).
Eine wichtige Rolle spielt auch die kortikale Streudepolarisation (CSD), eine Welle neuronaler und glialer Depolarisation, die sich langsam über den Kortex ausbreitet. Die CSD kann die Freisetzung von Entzündungsmediatoren aktivieren und trigeminale Afferenzen aktivieren, was zu Kopfschmerzen führt.
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Diagnose
Die Diagnose der Migräne ohne Aura basiert in erster Linie auf der Anamnese und der neurologischen Untersuchung. Der Arzt wird nach den typischen Symptomen, der Häufigkeit und Dauer der Kopfschmerzen, möglichen Auslösern und Begleiterscheinungen fragen.
Um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen, können weitere Untersuchungen erforderlich sein, insbesondere bei ungewöhnlichen Symptomen, persistierenden neurologischen Ausfällen oder einem erstmaligen Auftreten der Kopfschmerzen im Kindesalter. Mögliche Untersuchungen sind:
- Neurologische Untersuchung: Um neurologische Defizite auszuschließen.
- Bildgebung des Gehirns (MRT oder CT): Um strukturelle Veränderungen im Gehirn auszuschließen.
- Laboruntersuchungen: Um andere Erkrankungen auszuschließen, die Kopfschmerzen verursachen können.
Eine sichere Migräne-Diagnose kann erst nach mindestens fünf Migräneattacken gestellt werden. Der neurologische Untersuchungsbefund muss unauffällig sein.
Differentialdiagnose
Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie Migräne verursachen können. Es ist wichtig, dieseDifferentialdiagnosen auszuschließen, um die richtige Diagnose zu stellen und eine angemessene Behandlung einzuleiten. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:
- Spannungskopfschmerzen: Diese sind meist beidseitig, drückend und nicht pulsierend. Sie werden in der Regel nicht von Übelkeit, Erbrechen oder Lichtempfindlichkeit begleitet.
- Cluster-Kopfschmerzen: Diese sind sehr stark, einseitig und treten in Clustern auf, d.h. mehrere Attacken pro Tag über einen bestimmten Zeitraum. Sie sind oft von Begleiterscheinungen wie einem tränenden Auge, einer verstopften Nase oder einem hängenden Augenlid auf der betroffenen Seite begleitet.
- Arzneimittelinduzierter Kopfschmerz: Dieser entsteht durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln.
- Sinusitis: Eine Entzündung der Nasennebenhöhlen kann ebenfalls Kopfschmerzen verursachen.
- ZNS-Tumoren: In seltenen Fällen können Tumoren im Gehirn Kopfschmerzen verursachen.
- Idiopathische intrakranielle Hypertension (Pseudotumor cerebri): Fluktuierende migräneartige Kopfschmerzen, Tinnitus, Photopsien, Schwindel.
- Arteriitis temporalis: Ältere Patienten.
- Sinusvenenthrombose: Zunehmende Kopfschmerzen, fokal neurologische Defizite.
- Dissektionen der Arteria carotis oder vertebralis.
- CADASIL: Migräneartige Kopfschmerzen.
- HaNDL-Syndrom: Rezidivierende Kopfschmerzen mit passageren neurologischen Symptomen, Lymphozytose im Liquor. Meist junge Patienten (m>w, < 40 Jahre).
Behandlung
Die Behandlung der Migräne ohne Aura zielt darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken langfristig zu reduzieren. Die Behandlung besteht aus zwei Säulen:
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Akuttherapie
Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Kopfschmerzen und Begleitsymptome während einer akuten Migräneattacke zu lindern. Je früher die Behandlung begonnen wird, desto besser ist die Wirksamkeit.
- Leichte bis mittelschwere Attacken: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Diclofenac-Kalium helfen. Bei Übelkeit und Erbrechen sollten Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingenommen werden.
- Schwere Attacken: Bei schweren Attacken oder wenn NSAR nicht ausreichend wirksam sind, können Triptane eingesetzt werden. Triptane sind spezifische Migränemittel, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsmediatoren reduzieren. Sie sind in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, z. B. als Tabletten, Schmelztabletten, Nasensprays oder Injektionen.
- Weitere Medikamente: In einigen Fällen können auch andere Medikamente wie Metamizol oder Opioide zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Opioide sollten jedoch nur in Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden, da sie ein hohes Suchtpotential haben.
Migräneprophylaxe
Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken langfristig zu reduzieren. Sie kommt in Betracht, wenn die Migräneattacken häufig auftreten (mehr als 4 Migränetage pro Monat), die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist oder die Lebensqualität stark beeinträchtigt ist.
- Medikamentöse Prophylaxe: Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können. Dazu gehören Betablocker (z. B. Metoprolol), Antidepressiva (z. B. Amitriptylin), Antiepileptika (z. B. Topiramat, Valproinsäure) und CGRP-Antikörper (z.B. Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab). Welches Medikament am besten geeignet ist, hängt von den individuellen Bedürfnissen und Begleiterkrankungen des Patienten ab.
- Nicht-medikamentöse Prophylaxe: Neben der medikamentösen Prophylaxe gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die helfen können, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Dazu gehören:
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Achten Sie auf ausreichend Schlaf und einen regelmäßigen Schlafrhythmus.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga, um Stress abzubauen.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Ernährung: Vermeiden SieTrigger-Nahrungsmittel, die bei Ihnen Migräneattacken auslösen.
- Biofeedback: Biofeedback kann helfen, die Körperwahrnehmung zu verbessern und Stress abzubauen.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei Migräne helfen kann.
- Neuromodulation: Nerivio®- Neuromodulationssystem, Neuromodulations-Armband zur Aktivierung der natürlichen Schmerzhemmung nach dem REN-Prinzip.
Behandlung von speziellem Migräne
- Menstruelle Migräne: Gabe der genannten Medikamente während der Menses bzw. der Kopfschmerzepisode Östrogensubstitution (Salbe/ Pflaster/ Tablette) Rebound Kopfschmerz nach Absetzen möglich Naproxen Frovatriptan Naratriptan Sumatriptan Durchgehende Einnahme der oralen Kontrazeption Orale Kontrazeption Patientinnen über möglicherweise minimal erhöhtes Schlaganfallrisiko aufklären (bei Vorliegen einer Migräne mit Aura)
- Migräne in der Schangerschaft: Akuttherapie Medikation wenn möglich selten einsetzen, niedrig wirksamste Dosis Paracetamol Emryotoxische Wirkung äußerst gering, nur fraglich Ibuprofen Im ersten und zweiten Trimenon Gabe möglich Keine Gabe im dritten Trimenon (Vorzeitiger Verschluß des Ductus arteriosus) Acetylsalicylsäure - Bis zur 28 SSW. strenge Indikationsstellung, danach Gabe vermeiden! Triptane Bisher beste Datenlage für Sumatriptan Sehr gute Datenlage für das erste Trimenon Bisher keine Anhaltspunkte einer embryotoxischen Wirkung Alternativ Rizatriptan Gabe nur bei Therapieresistenz unter Paracetamol oder Ibuprofen Steroide Soweit bekannt keine embryotoxische Wirkung Gabe bei länger anhaltenden Migräneattacken Prednison (-olon) per os oder intravenös Antiemetika Dimenhydrinat oder Metoclopramid (2. Wahl) Prophylaxe Magnesium: Wirkt zudem wehenhemmend Metoprolol: Möglichst niedrige Dosis wählen Amitriptylin: Sehr strenge Indikationsstellung (o.g. Anamnese!
Wichtige Hinweise
- Selbstmedikation: Die Informationen in diesem Artikel dienen nicht der Selbstdiagnose und ersetzen keinesfalls die Beratung durch einen Arzt. Wenn Sie unter häufigen oder starken Kopfschmerzen leiden, sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen, um die Ursache abzuklären und eine geeignete Behandlung zu erhalten.
- Medikamentenübergebrauch: Achten Sie darauf, Schmerzmittel nicht zu häufig einzunehmen, da dies zu einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz führen kann. Die Einnahme von Kombinationsanalgetika sollte nicht an mehr als 10 Tagen pro Monat erfolgen, die Einnahme von Monoanalgetika nicht an mehr als 15 Tagen pro Monat.
- Zusatzkennzeichen: Wenn Sie einen ICD-Code auf einem medizinischen Dokument finden, achten Sie auch auf Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit.
Migränevarianten
- Status migraenosus (ICD-10 G43.2): Dauer >72h, oder weniger als 4h beschwerdefreies Intervall. Behandlung: Prednisolon, Acetylsalicylsäure intavenös, Metamizol intravenös.
- Vestibuläre Migräne: Siehe Erkrankungsbild "Vestibuläre Migräne".
- Basiläre Migräne: Hirnstammsymptome während Aura (Doppelbilder, Drehschwindel, Parästhesien im Gesicht, Dysarthrie, Tinnitus, Ataxie, Paresen).
- Retinale Migräne: Vorübergehende einseitige Erblindung zwischen 1- 60 min. Vorher, gleichzeitig oder folgende Kopfschmerzen Auftreten auch isoliert ohne begleitenden Kopfschmerzen möglich!
- Familiär hemiplegische Migräne: Einseitige Parese oder cerebelläre Symptomatik im Rahmen der Aura.
- Chronische Migräne: Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat. Nicht alle Kopfschmerzen müssen hier migränetypisch sein. Vom Patienten als leichter Spannungskopfschmerz beschriebene Kopfschmerzen sind häufig auch der Migräne zuzuordnen!