Der Plexus brachialis, ein Nervengeflecht im Halsbereich, spielt eine entscheidende Rolle für die Funktion von Schulter und Arm. Verletzungen dieses Nervengeflechts können schwerwiegende Folgen haben, von Sensibilitätsstörungen bis hin zu Lähmungen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Plexus brachialis Abrisses, von der Diagnose über konservative und operative Behandlungsmethoden bis hin zur Rehabilitation. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Verletzung und der zur Verfügung stehenden Therapieoptionen zu vermitteln.
Was ist der Plexus brachialis?
Der Plexus brachialis ist ein komplexes Netzwerk peripherer Nerven im Halsbereich, aus dem die Nervenstämme für Schulter und Arm hervorgehen. Er steuert die Muskeln des Armes einschließlich des Schultergürtels und leitet sensible Informationen von der Haut und Muskulatur zum zentralen Nervensystem. Verletzungen dieses Nervengeflechts können zu Lähmungen, Sensibilitätsstörungen und Schmerzen führen.
Ursachen und Arten von Plexus brachialis Verletzungen
Verletzungen des Plexus brachialis entstehen meist durch Unfälle, insbesondere Motorradunfälle, aber auch durch andere Verkehrsunfälle oder Sportunfälle. Auch Tumore, Kompressionen oder Strahlenbehandlungen können den Plexus brachialis schädigen. Bei Kindern kann es im Rahmen einer natürlichen Geburt zu einer Dehnung, einem Riss (Ruptur) oder einer Ausrissverletzung des Plexus brachialis kommen, wenn sich die Schulter des Babys im Geburtskanal der Mutter verhakt (Schulterdystokie).
Man unterscheidet zwischen offenen und geschlossenen Verletzungen. Offene Verletzungen entstehen z.B. durch Schnitt- oder Schussverletzungen, während geschlossene Verletzungen meist durch stumpfe Gewalteinwirkung verursacht werden. Je nach Art und Schwere der Verletzung können verschiedene Bereiche des Plexus brachialis betroffen sein, was zu unterschiedlichen Symptomen führt.
Verletzungsmechanismen im Detail
Die häufigsten Verletzungsmechanismen sind:
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- Traktion: Zugkräfte, die zu einer Zerrung oder Dehnung des Plexus führen können. In schweren Fällen können Nervenwurzeln sogar ausgerissen werden.
- Kompression: Druck auf den Plexus brachialis, beispielsweise durch ein Trauma auf die Schulter oder durch anatomische Gegebenheiten wie die 1. Rippe und das Schlüsselbein.
- Direkte Verletzung: Frakturen (Querfortsatz, Clavicula), Schuss- und Stichverletzungen oder operative Schädigungen können den Plexus direkt verletzen.
- Strahlenschäden: Radiatio kann ebenfalls zu Schädigungen des Plexus führen.
Einteilung nach betroffener Region
Je nachdem, welcher Bereich des Plexus brachialis betroffen ist, unterscheidet man:
- Obere Armplexusläsion (Duchenne-Erb-Läsion): Betrifft die Nervenwurzeln C5 und C6.
- Untere Armplexusläsion (Déjerine-Klumpke-Läsion): Betrifft die Nervenwurzeln C8 und Th1.
- Mittlere Armplexusläsion: Selten.
- Totale Armplexusläsion: Betrifft den gesamten Plexus brachialis.
Diagnose von Plexus brachialis Verletzungen
Die Diagnose einer Verletzung des Plexus brachialis wird in der Regel durch eine klinische Untersuchung gestellt. Ergänzend dazu werden elektrophysiologische Untersuchungen, hochauflösender Ultraschall und das Neuro-MRT (Magnetresonanztomografie) eingesetzt, um wichtige Informationen zu liefern.
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung umfasst die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese), die Beurteilung der motorischen und sensorischen Funktionen des Arms sowie die Überprüfung der Reflexe. Dabei wird insbesondere auf folgende Aspekte geachtet:
- Schmerzen: Lokalisation, Art und Intensität der Schmerzen.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheit, Kribbeln oder andere Missempfindungen.
- Motorische Defizite: Schwäche, Lähmungen oder Koordinationsstörungen.
- Reflexe: Abschwächung oder Ausfall von Muskelreflexen wie dem Bizeps- oder Trizepssehnenreflex.
Elektrophysiologische Untersuchungen
- Elektromyographie (EMG): Messung der elektrischen Muskelaktivität. Diese Untersuchung ist erst etwa 3 Wochen nach dem Trauma sinnvoll.
- Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit. Damit können Schäden der peripheren Nerven nachgewiesen und ihr Ausmaß beurteilt werden.
Bildgebende Verfahren
- Röntgen- oder CT-Bild: Darstellung von Knochenbrüchen und anderen Begleitverletzungen.
- MRT des Plexus brachialis (Neurografie): Darstellung der Nervenbahnen.
- Ultraschall (Nervensonografie): Untersuchung der Armnerven und des Plexus brachialis.
Behandlungskonzept bei Plexus brachialis Verletzungen
Das Behandlungskonzept bei Verletzungen des Plexus brachialis ist individuell und hängt vom Alter des Patienten, dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns nach dem Trauma sowie der Art und dem Schweregrad der Verletzung ab. Es umfasst konservative und operative Maßnahmen, die ineinandergreifen.
Konservative Therapie
Nicht alle Verletzungen des Plexus brachialis benötigen eine Operation. Bei leichten Verletzungen mit geringen Beschwerden kann zunächst der Spontanverlauf abgewartet werden. Die konservative Therapie zielt darauf ab, Schmerzen zu lindern, Muskelabbau zu verhindern und die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten.
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Zu den konservativen Maßnahmen gehören:
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Schmerzen, insbesondere neuropathischen Schmerzen.
- Physiotherapie: Zur Erhaltung der Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit.
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Handfunktion und der Alltagsaktivitäten.
- Elektrotherapie: Zur Verzögerung von Muskelschwund.
- Rehabilitationsmaßnahmen: Zur Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Arms.
Operative Therapie
Eine Operation wird in der Regel empfohlen, wenn die konservative Behandlung nach 3-6 Monaten nicht zu einer ausreichenden Regeneration führt oder wenn eine spontane Reinnervation unmöglich ist. Auch bei offenen Plexusläsionen oder Hämatomen, die das umliegende Gewebe verdrängen, ist eine Operation indiziert.
Es gibt verschiedene operative Verfahren, die je nach Art und Schwere der Verletzung eingesetzt werden können:
- Dekompression (Neurolyse): Freilegung von eingeengtem Nervengewebe.
- Nerventransplantation (Nerveninterponat): Überbrückung eines irreversibel geschädigten Nerven mit einem Spendernerv aus dem Unterschenkel.
- Nerventransfer: Verlagerung von Teilen funktionierender Nachbarnerven zum Ersatz zerstörter Nerven.
- Kontralateraler C7-Transfer: Übertragung eines Nerven von der Gegenseite.
- Muskeltransposition: Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt.
- Interfaszikuläre Nerventransplantation: Ein Teil des Plexus brachialis wird entfernt und durch eine Transplantation mit einem Nerv aus einem anderen Körperbereich ersetzt.
- Periphere Nervenfasertransfers: Werden isoliert bei Ausriss-Verletzungen verwendet sowie im Zusammenhang mit der Rekonstruktion des Plexus brachialis, um möglichst viele Nervenfasern in die Peripherie zu führen.
Die Priorität bei neurochirurgischen Rekonstruktionen richtet sich nach der angestrebten Funktion:
- N. musculocutaneus - M. biceps
- N. axillaris - M. deltoideus
- N. suprascapularis - Rotatorenmanschette
- N. radialis, N. medianus, N. ulnaris - distale Armnerven werden in zweiter Linie adressiert
Operationszeitpunkt
Der Zeitpunkt der Operation hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln wird möglichst nach 6-8 Wochen operiert. Wenn keine Nerven durchtrennt sind, sollte die Operation später stattfinden, und zwar nach 3-6 Monaten. Erforderliche neurochirugische Operationen sollten am besten im dritten und vierten Monat, auf jeden Fall aber innerhalb von 6 Monaten nach dem Unfall, erfolgen (Phase III), weil die Ergebnisse nach späterer Versorgung deutlich abfallen.
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Spezielle Operationen zur Funktionsverbesserung
Wenn ein nicht mehr besserungsfähiger Endzustand nach Ausschöpfung aller konservativer und neurochirurgischer Maßnahmen eingetreten ist, können funktionsverbessernde Eingriffe durchgeführt werden:
- Trapezius-Transfer: Verlagerung des Trapezmuskels zur Steigerung der aktiven Abduktion und Anteversion der Schulter.
- Schulterarthrodese: Vereinigung des Oberarmkopfs mit Gelenkpfanne und Schulterdach zur Stabilisierung der Schulter.
- Außenrotationsosteotomie des Humerus: Drehoperation des Oberarmknochens zur Verbesserung der Handfunktion.
- Muskelverlagerungen (Latissimus, Teres major): Zur Wiederherstellung der Ellbogenbeugung.
- Verlagerung von Unterarmbeugemuskeln auf die Sehnen der Fingerstrecker: Zur Wiederherstellung der aktiven Handstreckung und Daumenabspreizung.
Rehabilitation und Nachsorge
Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Arms nach einer Plexus brachialis Verletzung. Sie umfasst physiotherapeutische Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit und Koordination. Ergotherapie hilft bei der Wiedererlangung der Handfunktion und der Anpassung an den Alltag.
Nach der Operation wird der Arm in der Regel für einige Tage immobilisiert. Anschließend beginnt die passive Bewegungstherapie, die schrittweise gesteigert wird. Die Muskelstimulation der denervierten Muskeln wird ebenfalls wieder aufgenommen.
Phasen der Behandlung
Die Behandlung von Verletzungen des Plexus brachialis erfolgt in drei Phasen:
- Nervenchirurgische Behandlung: Muss im ersten Jahr nach dem Nerventrauma erfolgen.
- Physikalische Therapie: Dauert etwa ein bis zwei Jahre.
- Rekonstruktive Operationen: Beginnen nach der erfolgten Nervenregeneration zur Verbesserung des Ergebnisses.
Insgesamt dauert eine Behandlung bei Erwachsenen zwischen drei und fünf Jahren.
Moderne Hilfsmittel: Handorthesen
Moderne Handorthesen können bei Funktionseinschränkungen durch eine Plexusparese eine wichtige Rolle spielen. Sie unterstützen die Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen der Hand und ermöglichen es den Betroffenen, alltägliche Aufgaben selbstständiger zu bewältigen.
Schmerztherapie
Die Schmerztherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Plexus brachialis Verletzungen. Sie umfasst medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Schmerzen, insbesondere neuropathischen Schmerzen.
Prognose und Langzeitfolgen
Abhängig vom Schweregrad der Plexusverletzung kann eine spontane Nervenheilung möglich sein (Reinnervation). Die Spontanheilung kann zu besseren funktionellen Ergebnissen führen als eine Operation - selbst wenn die Operation optimal verläuft. Allerdings dauert die Nervenregeneration etwa 2,5-3 Jahre. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln kann keine spontane Regeneration stattfinden.
Insgesamt sind etwa 70 % der Ergebnisse bei oberen Plexusläsionen gut. Bei unteren Plexusläsionen ist die Prognose schlechter. Als Folge einer Plexusläsion können langfristig Defizite der Sensibilität oder Motorik mit einer Funktionseinschränkung zurückbleiben. Neuropathische Schmerzen können chronisch werden.
Prävention
Um Verletzungen des Plexus brachialis vorzubeugen, ist es wichtig, in Risikosituationen eine Schutzausrüstung zu tragen (z. B. bei Extremsportarten und beim Motorradfahren).
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