Die alkoholbedingte Polyneuropathie ist eine Form der Polyneuropathie, die durch chronischen Alkoholmissbrauch entsteht. Dabei kommt es zu einer Schädigung des peripheren Nervensystems, was zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann, darunter Empfindungsstörungen, Schmerzen, Muskelschwäche und Schlafstörungen.
Was ist eine Polyneuropathie?
Unter dem Begriff „Polyneuropathien“ wird eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, bei denen es zu Schädigungen des peripheren Nervensystems kommt. Infolge dieser Schädigungen ist die Funktion der betroffenen Nerven gestört. Weil mehrere Nerven beziehungsweise ganze Nervenstrukturen betroffen sind, spricht man von Polyneuropathie (griechisch poly = viel, mehrere).
Zum peripheren Nervensystem gehören alle Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Wirbelkanals liegen, also nicht Teil des zentralen Nervensystems sind. Periphere Nerven steuern Muskelbewegungen und Empfindungen wie Kribbeln oder Schmerz. Auch das vegetative Nervensystem ist Teil des peripheren Nervensystems. Seine Nervenstränge koordinieren automatisch ablaufende Körperfunktionen wie Atmen, Verdauen oder Schwitzen.
Rund fünf bis acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind von Neuropathien betroffen. Dabei steigt die Rate mit zunehmenden Alter.
Ursachen und Risikofaktoren der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die alkoholbedingte Polyneuropathie wird durch chronischen Alkoholmissbrauch verursacht. Alkohol ist ein Zell- und Nervenschädigendes Gift, das im Körper großen Schaden anrichten kann. Es gibt verschiedene Faktoren, die zur Entstehung einer alkoholbedingten Polyneuropathie beitragen können:
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- Direkte toxische Wirkung des Alkohols: Alkohol kann die Nervenzellen direkt schädigen. Ethanol ist eine neurotoxische Substanz. Demzufolge spricht man in diesem Zusammenhang von einer exotoxischen, d. h. von einer durch eine äußere Substanz hervorgerufenen Schädigung.
- Mangelernährung: Alkoholabhängige Menschen vernachlässigen oft ihre Ernährung und nehmen nicht genügend Vitamine und Nährstoffe zu sich. Vor allem die B-Vitamine spielen im Krankheitsverlauf eine wichtige Rolle. So wurde ein Vitamin B1-Mangel oder eine dauerhaft unzureichende Versorgung mit dem Vitamin B12 in vielen Fällen als Ursache für die Entstehung der Erkrankung ermittelt. Weitere Vitamine, die im Verdacht stehen bei einer unzureichenden Versorgung zu einer Schädigung der peripheren Nerven zu führen, sind die Vitamine B6 und B9. Durch eine Alkoholsucht kann es zur Vernachlässigung der Ernährung kommen. Mögliche Folgen sind Unter- und Mangelernährung, bei der dem Körper lebensnotwendige Vitamine und Nährstoffe nicht ausreichend zugeführt werden, so dass es zu einer peripheren Neuropathie kommen kann.
- Lebererkrankungen: Chronischer Alkoholkonsum kann zu Lebererkrankungen wie Leberzirrhose führen. Diese Erkrankungen können die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen.
- Alkohol kann die Nerven schädigen - wie und in welchem Ausmaß Beeinträchtigungen auftreten, ist dabei ganz individuell.
Neben Alkohol, Diabetes und einem Vitaminmangel können Vergiftungen durch Schwermetalle, Infektionskrankheiten, Nebenwirkungen chemotherapeutischer Behandlungen sowie autoimmunbiologische Faktoren Neuropathien auslösen.
Männer sind signifikant häufiger betroffen als Frauen. Weshalb eine Neuropathie vor allem bei Menschen mit einem besonders hohen Alkoholkonsum auftritt, ist bislang noch nicht vollständig geklärt.
Symptome der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die Symptome der alkoholbedingten Polyneuropathie entwickeln sich in der Regel langsam. Der Verlauf der Erkrankung ist individuell. Welche peripheren Nerven betroffen sind, wie stark die körperlichen Beeinträchtigungen sind und wann die ersten Symptome auftreten, kann nicht vorausgesagt werden. Die sensiblen Neuronen sind in der Regel am anfälligsten für Schädigungen durch einen zu hohen Konsum von Alkohol. Für gewöhnlich sind die Zehen als erstes von Schmerzen, Kribbeln oder anderen Störungen betroffen, die meist symmetrisch auftreten. Das bedeutet, dass die Störungen auf beiden Körperseiten wahrgenommen werden. Die meisten Erkrankten beschreiben Nervenstörungen in den Beinen. Sie leiden unter Schmerzen, Missempfindungen und Sensibilitätsstörungen. Auch Muskelschwund und schwere Muskelerschlaffungen (Paresen) können auftreten. Möglicherweise führen die durch die Polyneuropathie bedingten Schmerzen in den Beinen zu Schwierigkeiten, richtig zu stehen und zu Gangunsicherheit.
Typische Symptome sind:
- Empfindungsstörungen: Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Gefühl von Ameisen unter der Haut, „Ameisenlaufen“
- Schmerzen: Oft brennend oder stechend, meist in den Füßen und Beinen
- Muskelschwäche: Muskelschwund, Muskelkrämpfe, Muskelzuckungen, Lähmungen
- Gangunsicherheit: Schwierigkeiten beim Gehen, Gefühl, als würde man auf Watte gehen
- Vegetative Störungen: Verdauungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen, Störungen der Herzfunktion
- Schlafstörungen: Schlafstörungen, Angst und Depressionen können die Folge sein.
Je länger die Erkrankung ohne eine entsprechende Therapie andauert, desto gravierender können die Beschwerden sein. Wenn Teile des vegetativen Nervensystems in Mitleidenschaft gezogen werden, kann dies im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohliche Folgen nach sich ziehen. Schließlich sind die vegetativen Nerven dafür verantwortlich, dass lebenswichtige Organe ihre Aufgaben ordnungsgemäß erfüllen. Die obigen Beispiele sind unangenehme, aber keine lebensgefährlichen Symptome. Solche treten immer dann auf, wenn der Alkohol vegetative Nerven wichtiger Organe, wie zum Beispiel der Lunge oder des Herzens schädigt. In einem solchen Fall kann es zu einem Atemstillstand oder Herzrhythmusstörungen kommen.
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Generelle Erschöpfungszustände können die Folge sein.
Schlafstörungen bei alkoholbedingter Polyneuropathie
Schlafstörungen sind ein häufiges Begleitsymptom der alkoholbedingten Polyneuropathie. Sie können durch verschiedene Faktoren verursacht werden:
- Nervenschmerzen: Die Schmerzen in den Füßen und Beinen können das Einschlafen und Durchschlafen erschweren.
- Restless-Legs-Syndrom: Das Restless-Legs-Syndrom ist eine neurologische Erkrankung, die durch einen unkontrollierbaren Drang gekennzeichnet ist, die Beine zu bewegen. Es kann auch mit Kribbeln, Brennen oder Schmerzen in den Beinen einhergehen.
- Alkoholentzug: Nach übermäßigem Konsum kann das Absetzen von Alkohol zu ausgeprägten Ein- und Durchschlafstörungen führen.
- Depressionen und Angstzustände: Chronische Schmerzen und andere Symptome der Polyneuropathie können zu Depressionen und Angstzuständen führen, die wiederum Schlafstörungen verursachen können.
Bei gelegentlichem Konsum bewirkt Alkohol eine Verkürzung der Einschlaflatenz, führt aber nach dem Einschlafen zu unruhigem und fragmentiertem Schlaf. Bei regelmäßigem Gebrauch kommt es bezüglich des Einschlafens zu einem Verlust des positiven Effekts infolge einer Toleranzentwicklung. Die Alkohol-induzierte Schlafstörung kommt häufiger bei Patienten im mittleren und höheren Lebensalter als bei jüngeren Personen vor. Als wichtigster Risikofaktor ist der gesteigerte Alkoholkonsum, der große Teile der Bevölkerung betrifft, zu nennen. Laut dem Bericht „Gesund in Deutschland“ (2006) trinkt jede sechste Frau und jeder dritte Mann Alkohol in riskantem Maß. Als weitere Risikofaktoren sind insomnische Beschwerden oder psychische Störungen zu nennen.
Alkoholkonsum vor dem Zubettgehen führt bei Gesunden zu einer Verkürzung der Einschlafzeit, einer Reduktion der REM-Schlafzeit und einer Verlängerung der NREM-Schlafzeit. Im akuten Alkoholentzug ist die Einschlafzeit verlängert und die Schlafzeit vermindert. Die REM-Schlaflatenz ist verkürzt und der REM-Anteil erhöht; dieses Phänomen wird REM-Schlaf-Rebound genannt. Insbesondere kann der Schlaf in der zweiten Nachthälfte oberflächlich und durch häufig auftretende Wachperioden unterbrochen sein. Die REM-Schlafzeit ist üblicherweise verlängert, es können Träume oder Albträume auftreten.
Diagnose der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die Diagnose der alkoholbedingten Polyneuropathie umfasst in der Regel folgende Schritte:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und des Alkoholkonsums
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung der Reflexe, der Muskelkraft und der Sensibilität
- Neurologische Untersuchung: Beurteilung der Nervenfunktion
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie, ENG) und der Muskelaktivität (Elektromyographie, EMG). Elektrophysiologische Untersuchungen ergänzen den neurologischen Untersuchungsbefund. Sie decken die Verteilung und das Ausmaß der Nervenschädigung auf. Die Elektroneurografie (ENG) misst, wie schnell Nerven eine Erregung weiterleiten. Die Elektromyografie (EMG) zeichnet die Aktivität eines Muskels in Ruhe und bei Anspannung auf.
- Blutuntersuchungen: Überprüfung von Vitamin-B12-Spiegel, Leberwerten und anderen Parametern, die auf eine alkoholbedingte Schädigung hinweisen können. Bluttests können behandelbare Ursachen der Polyneuropathie aufdecken, beispielsweise einen Vitamin-B12-Mangel oder einen bis dahin unbekannten Diabetes mellitus.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen und andere Ursachen auszuschließen. Bei Anhaltspunkten für eine genetische Polyneuropathie ist eine Erbgutanalyse möglich. Der Verdacht auf seltene, aber behandelbare Polyneuropathien kann in besonders schweren Krankheitsfällen eine Probenentnahme aus dem Nervengewebe (Nervenbiopsie) rechtfertigen.
Behandlung der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die Behandlung der alkoholbedingten Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu beseitigen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Die wichtigsten Maßnahmen sind:
- Alkoholkarenz: Der wichtigste Schritt ist der Verzicht auf Alkohol. Wer trotzdem weiter Alkohol trinkt, riskiert eine Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes und muss in Kauf nehmen, dass die Störungen schlimmer und Schmerzen chronisch werden. Führen Alkoholiker ihrem Körper trotz eindeutiger neurologischer Diagnose immer wieder alkoholische Getränke zu, können selbst Medikamente oder physikalische Therapien nur begrenzt lindernde Effekte erzielen. Bei Vorliegen einer Suchterkrankung können sich beim Verzicht auf Alkohol unangenehme Entzugserscheinungen einstellen, die für den Betroffenen nicht nur äußerst belastend, sondern sogar lebensgefährlich werden können. Besonders in Kombination mit einer peripheren Neuropathie sollten Alkoholiker daher in einer qualifizierten Klinik für Alkoholentzug entziehen. Ein qualifizierter stationärer Alkoholentzug geht mit einer umfassenden psychotherapeutischen Begleitung einher. Ziel ist die Aufarbeitung der Alkoholsucht sowie der alkoholinduzierten Polyneuropathie. Auch Begleit- und Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen werden effektiv mitbehandelt. In unserer Klinik können neben der verhaltens- oder tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie Bewegungstherapien und Entspannungstechniken in Anspruch genommen werden, so dass sowohl die Alkoholsucht als auch die Symptome einer Neuropathie adäquat behandelt werden. Die wichtigste Voraussetzung ist jedoch immer der Verzicht auf Alkohol.
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Nährstoffen ist wichtig, um die Nervenregeneration zu unterstützen. Parallel dazu ist es hilfreich, die Versorgung mit verschiedenen Vitaminen zu verbessern.
- Vitamin-B-Substitution: Bei einem Vitamin-B-Mangel kann die Einnahme von Vitamin-B-Präparaten sinnvoll sein.
- Schmerztherapie: Nervenschmerzen sind individuell mit Medikamenten behandelbar. Neben Schmerzmitteln kommen Antidepressiva oder Mittel gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen. Es betäubt nicht nur den schmerzenden Bereich und steigert die Durchblutung, sondern scheint sogar die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und die Koordination zu verbessern. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Alltagsfähigkeiten zu erhalten und zu verbessern.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, mit den psychischen Belastungen der Erkrankung umzugehen.
Die Anwendung von klassischen Schlafmitteln („Benzodiazepine“ bzw. „Non-Benzodiazepin-Hypnotika“) erscheint wegen des Interaktionspotenzials mit Alkohol bzw.
Behandlung von Schlafstörungen
Zur Behandlung von Schlafstörungen bei alkoholbedingter Polyneuropathie können folgende Maßnahmen eingesetzt werden:
- Schmerztherapie: Eine gute Schmerztherapie kann helfen, die Schmerzen zu lindern und den Schlaf zu verbessern.
- Verhaltensänderungen: Regelmäßige Schlafzeiten, eine entspannende Abendroutine und der Verzicht auf Alkohol und Koffein vor dem Schlafengehen können den Schlaf verbessern.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und den Schlaf zu fördern.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Die kognitive Verhaltenstherapie ist eineForm der Psychotherapie, die darauf abzielt, negative Gedanken und Verhaltensweisen zu verändern, die zu Schlafstörungen beitragen.
- Medikamente: In einigen Fällen können Medikamente wie Antidepressiva oder Schlafmittel erforderlich sein, um die Schlafstörungen zu behandeln.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf und die Prognose der alkoholbedingten Polyneuropathie hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Schwere der Nervenschädigung, die Dauer des Alkoholkonsums und die Bereitschaft zur Alkoholkarenz. Nach Absetzen des Alkohols ist jedoch in den meisten Fällen mit einer Voll- oder zumindest Teilremission zu rechnen. Bei alkoholabhängigen Patienten können die subjektiven Schlafstörungen und polysomnographischen Abweichungen selbst über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren anhaltender Abstinenz bestehen bleiben. Während die Einschlaflatenz sich im Zeitraum von fünf bis neun Monaten nach Abstinenzbeginn normalisiert, dauert dies für die Schlafdauer meistens ein bis zwei Jahre. Für den REM-Schlaf ergeben sich auch nach langfristiger Abstinenz widersprüchliche Befunde.
Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können helfen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Symptome zu lindern. In einigen Fällen kann sich die Nervenfunktion nach Alkoholkarenz und adäquater Behandlung wieder verbessern.
Prävention
Die beste Möglichkeit, einer alkoholbedingten Polyneuropathie vorzubeugen, ist der Verzicht auf Alkohol oder ein maßvoller Alkoholkonsum. Es ist wichtig, sich ausgewogen zu ernähren und ausreichend Vitamine und Nährstoffe zu sich zu nehmen. Zur Prävention von Suchtkrankheiten existieren in Deutschland die Beratungsstellen für Suchtkranke, die größtenteils auf Hilfsangebote bei Problemen mit Alkohol und Medikamenten spezialisiert sind. Auch Selbsthilfeorganisationen sind neben der Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben im Bereich der Alkoholprävention tätig.
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