Die Polyneuropathie und die Post-Zoster-Neuralgie (PZN) sind zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen belastende Erkrankungen, die mit Nervenschmerzen einhergehen. Während die Polyneuropathie durch eine Schädigung mehrerer peripherer Nerven verursacht wird, tritt die Post-Zoster-Neuralgie als Folge einer Gürtelrose auf. Beide Zustände können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapiemöglichkeiten beider Erkrankungen und gibt praktische Tipps für den Alltag.
Einführung in Polyneuropathie und Post-Zoster-Neuralgie
Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, können verschiedene Ursachen haben. Patienten mit Post-Zoster-Neuralgie und Polyneuropathie leiden unter solchen Schmerzen, die durch Schädigung von Nerven verursacht werden. Es ist wichtig, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser beiden Erkrankungen zu verstehen, um eine adäquate Behandlung zu gewährleisten.
Post-Zoster-Neuralgie (PZN)
Was ist Post-Zoster-Neuralgie?
Die Post-Zoster-Neuralgie ist eine häufige Komplikation nach einer Gürtelrose (Herpes Zoster), die durch die Reaktivierung des Varicella-Zoster-Virus (VZV) verursacht wird, dem gleichen Virus, das auch Windpocken verursacht. Nach einer Windpockeninfektion verbleibt das Virus inaktiv in den Nervenzellen und kann später, oft bei Immunschwäche oder starkem Stress, reaktiviert werden.
Ursachen und Häufigkeit
Etwa 10-15 % der Patienten mit Gürtelrose entwickeln eine Post-Zoster-Neuralgie. Das Risiko steigt mit dem Alter und bei Personen mit geschwächtem Immunsystem. Die Gürtelrose selbst wird durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus verursacht, das nach einer Windpockeninfektion im Körper verbleibt. Das Virus breitet sich entlang eines Nervs aus und führt zu einem schmerzhaften, meist einseitigen Hautausschlag.
Symptome der Post-Zoster-Neuralgie
Die Symptome der Post-Zoster-Neuralgie können je nach betroffener Nervenregion variieren:
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- Anhaltende brennende oder bohrende Schmerzen
- Plötzlich einschießende Schmerzen
- Heftige Schmerzen bei Berührung (Allodynie)
- Missempfindungen wie Juckreiz oder Taubheitsgefühle
Die Schmerzen und Missempfindungen treten im Bereich der vorangegangenen Gürtelrose auf, meist am Rumpf, aber auch an Armen oder im Gesicht. Die Haut in diesen Bereichen kann überempfindlich sein, sodass selbst leichte Berührungen schmerzhaft sind.
Diagnose der Post-Zoster-Neuralgie
Die Diagnose basiert auf der Anamnese des Patienten:
- Wie lange dauern die Schmerzen bereits an?
- Gab es vor kurzem einen schmerzhaften Hautausschlag (Gürtelrose) in der betroffenen Region?
- Wie ist der Impfstatus?
- Wie intensiv sind die Schmerzen?
Ärzte können standardisierte Fragebögen verwenden, um die Schmerzen auf einer Skala zu bewerten. Die Untersuchung des betroffenen Hautareals auf Rötungen, Pusteln oder Narben sowie die Prüfung der Berührungsempfindlichkeit sind ebenfalls Teil der Diagnose. In unklaren Fällen können Blutuntersuchungen zur Bestimmung der Entzündungswerte und spezifischer Antikörper gegen das Varicella-Zoster-Virus durchgeführt werden.
Behandlung der Post-Zoster-Neuralgie
Die Behandlung zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, Missempfindungen zu unterdrücken und die Lebensqualität zu verbessern. Da die Symptome oft mit der Zeit schwächer werden, kann es dennoch zu chronischen Verläufen kommen, bei denen die Beschwerden zwar nachlassen, aber immer wieder auftreten.
Verschiedene Wirkstoffe und Therapien können eingesetzt werden:
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- Schmerzpflaster: Wirken gezielt an den betroffenen Stellen.
- Antikonvulsiva: Medikamente gegen Krampfanfälle, die die Nervenzellen weniger erregbar machen.
- Antidepressiva: Verhindern unter anderem, dass Schmerzsignale im Rückenmark weitergeleitet werden.
- Schmerzmittel: Können einzeln oder in Kombination mit anderen Therapieverfahren eingesetzt werden, um die Schmerzen zu dämpfen.
- Nervenblockaden: Spezialisierte Schmerzärzte können bestimmte Nerven mit lokal angewendeten Betäubungsmitteln oder Steroiden "abschalten".
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Elektroden auf der Haut stimulieren die Nerven mit Stromimpulsen. Die Wirksamkeit dieses Verfahrens ist jedoch noch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt.
- Topische Therapie: Capsaicin-Hochdosispflaster (8%) können zur selektiven Defunktionalisierung TRPV1-exprimierender nozizeptiver Nervenfasern führen und so Schmerzen lindern.
Keine dieser Therapien kann die Post-Zoster-Neuralgie heilen, aber sie können die Schmerzen lindern und den Leidensdruck verringern.
Fallbeispiel: Topische Therapie mit Capsaicin
Ein 78-jähriger Patient mit anhaltenden Schmerzen nach einer Varizella-Zoster-Infektion wurde in einer Schmerzambulanz vorgestellt. Die Schmerzen waren kribbelnd-brennend und wurden durch Berührung verstärkt. Nach einer erfolgreichen Testung mit Lidocain-Salbe wurde ein Capsaicin-Pflaster (Qutenza® 8 %) angewendet. Das Pflaster wurde nach sorgfältiger Austestung des schmerzhaften Areals und Lokalanästhesie mit Lidocain-Salbe aufgeklebt. Nach der Behandlung berichtete der Patient über eine deutliche Schmerzreduktion und konnte seine Lebensqualität durch die Wiederaufnahme seiner Hobbies und sozialen Beziehungen verbessern.
Epidemiologie und Risikofaktoren
Nach der Primärinfektion mit dem Varizella-Zoster-Virus (meist als Windpocken im Kindesalter) persistieren die Viren latent in den Spinal- oder Hirnnervenganglien. Ein wesentlicher Risikofaktor für die Reaktivierung ist ein erhöhtes Lebensalter. Bei etwa 20 Prozent der über 60-Jährigen dauern die Beschwerden länger als ein Jahr an (Post-Zoster-Neuralgie). Prädiktive Faktoren für die Entwicklung einer PZN sind neben dem Lebensalter auch Schmerzen vor dem Auftreten des Exanthems, ein stark ausgeprägtes Exanthem und ein hohes Schmerzniveau von Beginn der Infektion an.
Polyneuropathie
Was ist Polyneuropathie?
Bei einer Polyneuropathie handelt es sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, also der Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark verlaufen. Diese Nerven sind dafür verantwortlich, Berührungen, Temperatur oder Schmerzempfindungen wahrzunehmen und die Bewegungen der Muskeln zu steuern. Bei Menschen mit einer Polyneuropathie sind mehrere periphere Nerven geschädigt, was die Signalübertragung zwischen Gehirn, Rückenmark und den übrigen Körperregionen beeinträchtigt.
Ursachen der Polyneuropathie
Die Polyneuropathie kann verschiedene Ursachen haben. Zu den häufigsten Auslösern zählen:
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- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit): Ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel kann die Nerven schädigen.
- Langjähriger Alkoholmissbrauch: Alkohol greift das empfindliche periphere Nervensystem an und schädigt die Schutzschicht (Myelinschicht) der Nervenfasern oder die Nervenfasern selbst.
- Infektionskrankheiten: Borreliose oder Herpes zoster-Viren können eine Polyneuropathie auslösen.
- Autoimmunreaktionen: Erkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom und rheumatoide Arthritis können zu Nervenschäden führen.
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 kann eine Polyneuropathie verursachen.
- Schilddrüsen-, Leber- oder Krebserkrankungen: Diese Erkrankungen können ebenfalls mit einer Polyneuropathie einhergehen.
- Genetische Faktoren: In einigen Fällen ist die Polyneuropathie erblich bedingt.
Symptome der Polyneuropathie
Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen:
- Schäden an den sensiblen Nerven (Empfindungsnerven): Stechende oder brennende Schmerzen, das Gefühl von Ameisenlaufen auf der Haut, Überempfindlichkeit bei Berührungen (Allodynie).
- Schäden an den kleinen Nervenfasern: Abschwächte oder fehlende Wahrnehmung von Hitze, Kälte und Schmerzen, Taubheitsgefühle, insbesondere in Händen und Füßen, pelziges oder fremdes Hautgefühl.
- Schäden an motorischen Nerven: Muskelschwäche oder Lähmungen, insbesondere in den Beinen und Füßen, langfristiger Abbau der Muskelmasse.
- Schäden an den autonomen Nerven: Kreislaufprobleme wie Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen, Verdauungsbeschwerden wie Verstopfung, Durchfall oder Inkontinenz, Probleme mit der Blase.
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnose der Polyneuropathie erfordert eine umfangreiche Suche nach möglichen Ursachen. Zu den Untersuchungen zählen:
- Umfangreiche Labordiagnostik: Blutuntersuchungen und gegebenenfalls Untersuchung des Nervenwassers mittels Lumbalpunktion.
- Messung der elektrischen Nervenleitung: Elektroneurographie oder Elektromyographie.
- Körperliche Untersuchung: Prüfung von Reizempfinden, Geh- und Stehvermögen, Muskelstärke und Reflexen.
In etwa 20 Prozent der Fälle bleibt die Ursache trotz umfassender Abklärung ungeklärt.
Therapie der Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache:
- Diabetische Polyneuropathie: Eine stabile Blutzuckereinstellung durch angepasste Ernährung, ausreichend Bewegung und gegebenenfalls medikamentöse Therapie ist entscheidend.
- Alkoholbedingte Polyneuropathie: Konsequenter Verzicht auf Alkohol ist notwendig.
- Entzündungsbedingte Nervenschädigung: Je nach Erreger können Antibiotika oder antivirale Medikamente helfen.
- Autoimmunentzündung: Entzündungshemmende Medikamente wie Kortison oder Immunglobuline kommen zum Einsatz.
- Vitaminmangel: Gezielte Ernährungsumstellung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Wichtig ist das Vermeiden einer Überdosierung, etwa von Vitamin B6.
Schmerzen oder Gangstörungen bei Polyneuropathie können medikamentös oder durch physikalische Therapie gebessert werden. Physiotherapie, Gleichgewichts- und Gehtraining sowie gelenkschonende Sportarten wie Aqua-Fitness können helfen, Beweglichkeit, Kraft und Gleichgewicht zu verbessern. Spezielle Schienen oder orthopädische Einlagen können zusätzliche Stabilität geben.
Alltag mit Polyneuropathie
Der Alltag mit einem eingeschränkten Temperatur- und Schmerzempfinden kann herausfordernd sein und erfordert besondere Vorsicht, um Verletzungen und Stürze zu vermeiden.
- Verletzungen frühzeitig erkennen: Tägliche Kontrolle der Hände und Füße auf Rötungen, Schnitte oder Druckstellen.
- Hautpflege: Regelmäßiges Eincremen beugt trockener, rissiger Haut vor.
- Schutz vor Verbrennungen oder Erfrierungen: Thermometer zur Überprüfung der Wassertemperatur, Verzicht auf Wärmflaschen oder Heizdecken, warme Handschuhe und gut isolierte Schuhe im Winter.
- Sichere Umgebung: Rutschfeste Böden, ausreichende Beleuchtung und Entfernen von Stolperfallen in der Wohnung, festes Schuhwerk und Gehhilfen im Freien.
Polyneuropathie und Sexualität
Die Nervenschädigung kann bei Männern und Frauen zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Männer haben häufig Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten, während Frauen oft eine geringere Empfindlichkeit im Intimbereich verspüren. Offene Gespräche mit dem behandelnden Arzt oder einem Sexualmediziner können helfen.
Unterstützung für Betroffene
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein, zum Beispiel über Selbsthilfegruppen wie die Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e.V.
Migräne: Ein weiteres Fallbeispiel aus der Schmerzmedizin
Eine 35-jährige Patientin entwickelte während einer ambulant durchgeführten Abrasio eine ausgeprägte Migräneattacke. In der Folge traten Migräneanfälle regelmäßig ein bis zwei Mal pro Woche auf. Nach einer Nephrolithiasis wurde eine zuvor begonnene Therapie mit Topiramat wieder beendet. Trotz der Empfehlung für eine multimodale Therapie in einer Schmerztagesklinik konnte sich die Patientin nicht für eine Abwesenheit vom Arbeitsplatz entscheiden.
Migräne ist eine der häufigsten und am stärksten beeinträchtigenden neurologischen Krankheitsbilder. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Migränekopfschmerzen sind charakterisiert durch ein meist einseitiges Auftreten von pochend-pulsierenden Kopfschmerzen mit hoher Schmerzintensität über vier bis 72 Stunden. An Begleitsymptomen treten Übelkeit, Erbrechen, Licht- und/oder Lärmscheu mit Rückzugsbedürfnis sowie auch Geruchsempfindlichkeit auf.
Die Behandlung der Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie als auch die Prophylaxe. Gemäß der Leitlinie zur Therapie und Prophylaxe der Migräne sind die Wirkung der Betablocker Metoprolol und Propranolol, des Kalziumantagonisten Flunarizin und der Antikonvulsiva Topiramat und Valproinsäure sowie von Amitriptylin am besten durch randomisierte Studien belegt.
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