Migräne ist mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien erheblich beeinträchtigen kann. Oftmals mangelt es an Verständnis für die Erkrankung, was zu Frustration und Isolation führen kann. Dieser Artikel soll Angehörigen helfen, Migräne besser zu verstehen und den Alltag mit einem Migränepatienten konstruktiv zu gestalten.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung. In Deutschland sind etwa 18 Millionen Menschen betroffen. Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit. Sie ist gekennzeichnet durch wiederkehrende, meist einseitige Kopfschmerzen, die von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können. Eine Migräneattacke kann Stunden oder sogar Tage andauern und die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken.
Die typischen Kopfschmerzen sind meist einseitig, stechend, hämmernd und pulsierend. Der gesamte Körper kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Viele Betroffene sind bettlägerig und fühlen sich schwer krank.
Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit über den Kopfschmerz hinausgeht. Sie ist nicht mit normalen Kopfschmerzen vergleichbar, die durch eine Tablette oder frische Luft gelindert werden können. Migräne kann Betroffene in die Selbstisolation zwingen, da Licht, Geräusche und Gerüche unerträglich werden. Was als Schutzmechanismus beginnt, kann schnell zur sozialen Isolation führen.
Das Leben mit Migräne: Herausforderungen für Betroffene und Angehörige
Migräne kann das Leben der Betroffenen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigen. Termine müssen abgesagt werden, gemeinsame Zeit wird rar und die Planung von Urlaub oder Feiern wird nahezu unmöglich. Dies kann zu einem schleichenden Rückzug des sozialen Umfelds führen. Auch beruflich kann Migräne zu Problemen führen. Fehlzeiten, verminderte Leistungsfähigkeit und ungerechtfertigtes Stigmatisieren können zum Jobverlust führen.
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Auch für Angehörige ist das Leben mit einem Migränepatienten nicht immer einfach. Sie sind oft hin- und hergerissen zwischen Anteilnahme und Wut, Pflichtgefühl und eigenen Bedürfnissen, Hilfsbereitschaft und Erschöpfung. Nicht selten gelingt es den Betroffenen, sich auszutauschen, sagen Experten. Es kann schwierig sein, mit den unvorhersehbaren Attacken und den damit verbundenen Einschränkungen umzugehen. Oftmals mangelt es an Verständnis für die Erkrankung, was zu zusätzlichen Belastungen führen kann.
Fehlendes Verständnis und seine Folgen
Ein Mangel an Verständnis von Familie, Freunden und Kollegen kann für Migränepatienten sehr schmerzhaft sein. Der Satz "Du hast schon wieder Migräne?" kann Betroffene tief verletzen. Die Unsichtbarkeit der Krankheit führt dazu, dass Betroffene als unzuverlässig gelten. Partnerschaften können zerbrechen, Freundschaften verblassen und berufliche Chancen schwinden.
Was Angehörige tun können: Tipps für mehr Verständnis und Unterstützung
Um den Alltag mit einem Migränepatienten besser zu gestalten, ist es wichtig, die Erkrankung zu verstehen und die Bedürfnisse des Betroffenen zu berücksichtigen. Hier sind einige Tipps, wie Angehörige unterstützen können:
Informieren Sie sich über Migräne: Je besser Sie die Erkrankung verstehen, desto besser können Sie mit dem Leiden Ihres Angehörigen umgehen und ihm zur Seite stehen. Beschaffen Sie sich Informationsmaterial, Ratgeberbroschüren, Bücher und Leitlinien über die Erkrankung.
Signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft: Nach einer Attacke sollten Sie Ihrem Angehörigen signalisieren, dass Sie bereit sind, über das Erlebte zu sprechen. Überlassen Sie es aber dem Betroffenen, das Angebot anzunehmen oder nicht.
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Fragen Sie nach, wie Sie helfen können: Während einer Kopfschmerzattacke sollten Sie Ihren Angehörigen fragen, was er braucht und zumindest in der Nähe bleiben. Vielleicht schafft schon eine Kopf- oder Fußmassage oder ein Glas Wasser etwas Erleichterung oder aber der Betroffene möchte einfach, dass Sie bei ihm sind. Gut möglich, dass er aber auch allein sein möchte, weil er sich schämt, dass Sie ihn so erleben. Dann respektieren Sie diesen Wunsch, halten Abstand - und bleiben trotzdem in der Nähe.
Respektieren Sie die Bedürfnisse des Betroffenen: Migränepatienten benötigen während einer Attacke Ruhe und Dunkelheit. Respektieren Sie diesen Wunsch und sorgen Sie für eine ruhige Umgebung.
Vermeiden Sie gut gemeinte Ratschläge: Tipps wie "genug trinken" oder "eine Kopfschmerztablette nehmen" reichen bei Migräne einfach nicht aus. Seien Sie vorsichtig mit gut gemeinten Ratschlägen und Vergleichen. Jeder Erkrankte erlebt das Leiden unterschiedlich; die Attacken fallen unterschiedlich intensiv und häufig aus. Vermeiden Sie Sätze wie: “Meine Tante hat auch manchmal Kopfschmerzen”.
Unterstützen Sie den Betroffenen in der Therapie und Vorbeugung: Motivieren Sie Ihren Angehörigen, regelmäßig Sport zu treiben, Entspannungsverfahren anzuwenden und Medikamente einzunehmen. Begleiten Sie ihn bei Bedarf zu Arztbesuchen und stellen Sie in der Praxis Ihre Fragen.
Passen Sie den Alltag an die Erkrankung an: Achten Sie auf eine regelmäßige Ernährung und ausreichend Schlaf. Vermeiden Sie Stress und sorgen Sie für eine entspannte Atmosphäre im дома.
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Erstellen Sie einen Notfallplan: Halten Sie fest, wer welche Verpflichtungen im Haushalt übernimmt, die Kinder zur Kita bringen und abholen kann oder bei den Hausaufgaben hilft, wenn ein Elternteil Migräne hat. Beziehen Sie auch die Erzieher aus Kindergarten und Hort mit ein und sprechen Sie offen über Ihre Migräne.
Nehmen Sie Hilfe an: Scheuen Sie sich nicht, Hilfe von Freunden, Verwandten oder professionellen Helfern anzunehmen. Viele Städte bieten Hilfen an. In Familienstützpunkten beispielsweise lassen sich Kontakte knüpfen und Babysitter oder „Leih-Omas“ finden, die gern auf Kinder aufpassen.
Vergessen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse nicht: Auch als Angehöriger eines Migränepatienten ist es wichtig, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst, pflegen Sie Ihre Hobbys und treffen Sie sich mit Freunden. Diese Distanz gelingt nicht allen.
Die Bedeutung von Kommunikation
Offene Kommunikation ist der Schlüssel zu einem besseren Verständnis und einem harmonischen Zusammenleben. Sprechen Sie mit Ihrem Angehörigen über seine Erfahrungen, Ängste und Bedürfnisse. Versuchen Sie, sich in seine Lage zu versetzen und seine Perspektive zu verstehen.
Die Erkrankung legt sich oft wie ein Schatten über die Familie. Schuldgefühle, Verzweiflung, aber auch Wut und Enttäuschung sind typische Gefühle, sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei den Familienmitgliedern. Ganz wichtig ist es dann, die Sorgen ernst zu nehmen und in der Familie offen darüber zu sprechen. Versuchen Sie deinem Nachwuchs zu vermitteln, warum du bei einer Migräne-Attacke dringend Ruhe benötigst und dich deshalb zurückziehst. Eventuell helfen Vergleiche, damit sich deine Kinder die Situation besser vorstellen können. Betone unbedingt, dass die Kinder keine Schuld an der Situation haben und gehe darauf ein, ob du lieber allein sein oder deine Familie zur Sicherheit bei sich haben möchtest.
Therapie und Vorbeugung: Gemeinsam gegen die Migräne
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Migräne zu behandeln und vorzubeugen. Dazu gehören Medikamente, Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie und eine Anpassung des Lebensstils. Unterstützen Sie Ihren Angehörigen dabei, die für ihn passende Therapie zu finden und konsequent umzusetzen.
Schulmedizinische Behandlungen
- Akuttherapie: Medikamente zur Linderung der Schmerzen und Begleitsymptome während einer Attacke (z.B. Triptane, Schmerzmittel, Antiemetika).
- Prophylaxe: Medikamente zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität der Attacken (z.B. Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika, CGRP-Antikörper).
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerztherapie: Ein multimodales Therapiekonzept, das verschiedene Behandlungsansätze kombiniert (z.B. Medikamente, Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie, Physiotherapie).
Alternative und ergänzende Verfahren
- Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Yoga, Meditation.
- Verhaltenstherapie: Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung und zur Veränderung von Verhaltensweisen, die Migräne begünstigen.
- Akupunktur: Kann bei einigen Patienten die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen. Es gibt keine spezielle Migräne-Diät, aber einige Menschen reagieren empfindlich auf bestimmte Lebensmittel (z.B. Alkohol, Käse, Schokolade).
Ein Notfallplan für Familien
In einem Notfallplan halten Sie fest, wer welche Verpflichtungen im Haushalt übernimmt, die Kinder zur Kita bringen und abholen kann oder bei den Hausaufgaben hilft, wenn ein Elternteil Migräne hat. Am besten berücksichtigst du jeden Wochentag einzeln, sodass du direkt sehen kannst, wann wer einspringen kann.
Stell dir beim Plan für Familien und Migräne folgende Fragen:
- Welche Aufgaben sind wichtig und können nicht verschoben werden? Wer kann diese übernehmen?
- Welche Verpflichtungen haben so lange Zeit, bis die Migräne vorüber ist?
- Wer kann die Kinder in den Kindergarten oder die Schule bringen beziehungsweise abholen, wenn die Migräne Mama oder Papa ins Bett zwingt und der Partner berufstätig ist?
- Können die Großeltern, andere Verwandte, befreundete Familien oder Nachbarn im Notfall einspringen und die Betreuung der Kinder übernehmen?
Wann stellt die Krankenkasse bei Migräne eine Haushaltshilfe?
Bei einem längeren Krankheitsausfall, der durch Migräne verursacht wird (beispielsweise wegen eines Krankenhaus- oder Reha-Klinikaufenthalts) kommt eine Haushaltshilfe in Betracht. Sie übernimmt alle notwendigen Aufgaben, die im Haushalt anfallen. Dazu zählen zum Bespiel Kochen, Putzen, Wäsche waschen, Einkaufen und die Kinderbetreuung.
In der Regel stellt die gesetzliche Krankenkasse eine Haushaltshilfe. Darüber hinaus können anfallende Kosten von der Unfall- oder Rentenversicherung übernommen werden. Bei Geringverdienenden oder Nichtversicherten ist die Haushaltshilfe auch eine Leistung der Sozialhilfe.
Die Krankenkasse übernimmt bei Migräne die Haushaltshilfe, wenn
- du wegen einer Krankenhausbehandlung oder eines Reha-Aufenthalts deinen Haushalt nicht allein führen kannst und
- mindestens ein im Haushalt lebendes Kind noch nicht zwölf Jahre alt ist oder behindert und auf Hilfe angewiesen ist (etwa bei Ernährung, Körperpflege und seelischer Betreuung) und
- keiner in der Familie den Haushalt allein weiterführen kann (Eltern, Partner oder Kinder), ohne sich von Berufstätigkeit, Berufs- oder Schulausbildung beurlauben zu lassen.
Familie und Migräne: Was beim Urlaub beachten?
Was für die meisten Familien die schönste Zeit des Jahres darstellt, ruft bei Menschen mit Migräne oft Sorge hervor: Eine Urlaubsreise führt zwangsläufig zu vielen Veränderungen, was Kopfschmerzen triggern kann. Damit es möglichst entspannt für alle wird, solltest du eine Reise gut vorbereiten. Vielleicht lassen sich schon ein bis zwei Tage vor Abfahrt Urlaub nehmen, um in Ruhe zu packen und alle nötigen Vorkehrungen zu treffen.
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