Polyneuropathie durch Taxotere und andere Ursachen: Behandlung und Ursachenforschung

Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung, bei der die peripheren Nerven geschädigt sind. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Schmerzen, Taubheit, Kribbeln und Muskelschwäche. Es gibt viele verschiedene Ursachen für Polyneuropathie, darunter Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch, Vergiftungen und Krebsbehandlungen. In diesem Artikel werden die Ursachen, die Behandlungsmöglichkeiten und die Auswirkungen der Polyneuropathie, insbesondere im Zusammenhang mit der Chemotherapie, untersucht.

Einführung

Eine Polyneuropathie (PNP) liegt vor, wenn die peripheren Nerven, also jene Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks, geschädigt sind. Diese Schädigung kann die Übertragung von Reizen an das zentrale Nervensystem beeinträchtigen oder verhindern. Es sind mehr als 200 verschiedene Risikofaktoren für die Entstehung einer Polyneuropathie bekannt. In manchen Fällen lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache finden.

ICD-Codes für Polyneuropathie:

  • G63: Polyneuropathie bei Diabetes
  • G61: Polyneuropathie durch Alkohol
  • G62: Polyneuropathie durch Chemotherapie

Ursachen der Polyneuropathie

Die Polyneuropathie kann verschiedene Ursachen haben. Es werden folgende Hauptursachen unterschieden:

Diabetische Polyneuropathie

Die diabetische Polyneuropathie ist die häufigste Form der Polyneuropathie und tritt sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes auf. Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt die Nervenzellen und kann zu irreversiblen Schäden führen. Experten vermuten, dass ein hoher Blutzuckerspiegel auch die kleinen Blutgefäße (Mikroangiopathie) beeinträchtigt, was zu einer verminderten Durchblutung und Sauerstoffversorgung der Nerven führt.

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Alkoholbedingte Polyneuropathie

Alkohol ist die zweithäufigste Ursache für Polyneuropathie, insbesondere bei chronischem Alkoholkonsum. Die genauen Mechanismen, die zu Nervenschäden führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es ist jedoch bekannt, dass bestimmte Alkoholabbauprodukte (wie Ethanal) die Nerven direkt schädigen können. Alkoholismus ist oft mit Mangelernährung verbunden, insbesondere einem Mangel an Vitamin B12, das für die Funktion des Nervensystems wichtig ist.

Chemotherapie-induzierte Neuropathie (CIN)

Die Polyneuropathie ist eine typische Nebenwirkung der Krebsbehandlung und wird als Chemotherapie-induzierte Neuropathie (CIN) bezeichnet. Bestimmte Krebsmedikamente (Zytostatika) zerstören zwar schnell wachsende Krebszellen, können aber auch Nervenenden, Nervenzellen oder deren isolierende Hülle schädigen. Dies stört den Informationsaustausch zwischen Nervenzellen und Gewebe und führt zu Parästhesien, brennenden Schmerzen und Muskelschwäche.

Folgende Wirkstoffgruppen können eine Polyneuropathie begünstigen:

  • Platinabkömmlinge (z.B. Cisplatin, Oxaliplatin)
  • Vincaalkaloide (z.B. Vinblastin, Vincristin)
  • Taxane (z.B. Cabazitaxel, Docetaxel)
  • Tyrosinkinase-Hemmer (z.B. Sunitinib, Sorafenib)
  • Checkpoint-Inhibitoren (z.B. Pembrolizumab, Nivolumab)
  • Proteasom-Inhibitoren (z.B. Bortezomib, Thalidomid)

Das Risiko einer Chemotherapie-bedingten Polyneuropathie hängt vom Alter der Patienten, der Anzahl der Therapiezyklen, der Behandlungsdosis und den zugrunde liegenden Begleiterkrankungen ab. Schätzungen zufolge sind bei kurzen Behandlungszeiten etwa drei Prozent der Krebspatienten betroffen, bei mehrfachen Zyklen bis zu 30 Prozent. Bei frühzeitiger Erkennung und Behandlung kann sich die Neuropathie jedoch oft wieder zurückbilden.

Weitere Ursachen

Weitere mögliche Ursachen einer Polyneuropathie sind:

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  • Vitamin-B12-Mangel (z.B. bei Veganern oder nach Magenoperationen)
  • Nierenerkrankungen
  • Lebererkrankungen
  • Schilddrüsenfunktionsstörungen (Unter- und Überfunktion)
  • Gicht
  • Gifte (wie Arsen, Blei)
  • Chemische Lösungsmittel (z.B. Kohlenwasserstoffe wie Benzol oder Trichlorethen, Alkohole wie Methanol)
  • Akute Infektionskrankheiten wie Lyme-Borreliose, Diphtherie, HIV
  • Guillain-Barré-Syndrom (eine Autoimmunerkrankung)
  • Morbus Fabry (eine angeborene Stoffwechselstörung)
  • Krebserkrankungen (Polyneuropathie kann hier das erste Anzeichen sein)
  • Stress (kann das Risiko für weitere stressbedingte Folgeerkrankungen erhöhen)
  • Genetische Ursachen (z.B. HMSN, Charcot-Marie-Tooth-Syndrom, Friedreich-Ataxie, Louis-Bar-Syndrom)

Bei etwa 20 Prozent aller Patienten bleibt die Ursache der Polyneuropathie ungeklärt (idiopathische Polyneuropathie).

Pathophysiologie

Bei einer Polyneuropathie können verschiedene Teile der Nervenzelle geschädigt sein, entweder die Nervenfaser (Axon) oder die Isolierschicht um die Nervenfaser (Myelinscheide). Medikamente können Nervenzellen (Motoneurone oder Spinalganglienneurone) angreifen oder Prozesse in der Nervenfaser (Axon und Schwann-Zelle) stören.

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen von den betroffenen Nerven ab. Häufige Symptome sind:

  • Schmerzen: Brennende Schmerzen in den betroffenen Körperregionen.
  • Sensibilitätsverlust: Verlust der Berührungsempfindung.
  • Taubheitsgefühle: Kribbeln oder Taubheit in Händen und Füßen, oft in einem strumpf- oder handschuhartigen Muster.
  • Schwäche und Muskelschwund: Kraftlosigkeit, Muskelschwund und Bewegungseinschränkungen.
  • Gang- und Gleichgewichtsstörungen: Probleme mit Gleichgewicht, Koordination und unsicherem Gang.

Die Symptome beginnen typischerweise in den Fingerspitzen oder Zehen und breiten sich dann zur Körpermitte hin aus. Sensible Symptome treten oft nachts oder in Ruhe auf, wenn die Bettdecke zu schwer wird oder ein Kribbeln auftritt. Motorische Symptome können sich durch Ungeschicklichkeit oder Gangunsicherheit bemerkbar machen.

Diagnose

Die Diagnose einer Polyneuropathie umfasst mehrere Schritte:

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  1. Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Beschreibung der Symptome durch den Patienten.
  2. Körperliche Untersuchung: Ermittlung der Schwere und Ausprägung der Polyneuropathie, einschließlich neurologischer Status (Muskeleigenreflexe, Hirnnervenfunktion, Sensibilität).
  3. Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zur Aufdeckung von Mängeln (Vitamine B1, B6, B12, C, E, D, Spurenelemente, Mineralstoffe), Diabetes mellitus, Lebererkrankungen oder entzündlichen Prozessen.
  4. Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie, ENG) und der Muskelaktivität (Elektromyografie, EMG).
  5. Weitere Untersuchungen: Bei Bedarf Liquoruntersuchung, Pedobarografie (Druckmessung unter den Füßen).

Behandlung

Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Behandlung der Ursache

  • Diabetes: Optimale Blutzuckereinstellung.
  • Alkohol: Reduktion oder Verzicht auf Alkohol.
  • Vitaminmangel: Ausgleich des Mangels durch Supplemente.
  • Medikamente: Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung der Medikation.

Symptomatische Behandlung

  • Schmerzmittel: Analgetika zur Schmerzlinderung (z.B. nicht-steroidale Antirheumatika, Opioide).
  • Antikonvulsiva: Medikamente gegen Epilepsie zur Behandlung neuropathischer Schmerzen (z.B. Gabapentin, Pregabalin).
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva zur Schmerzlinderung (z.B. Amitriptylin, Duloxetin).
  • Topische Behandlungen: Cremes oder Salben mit Capsaicin oder Lidocain zur lokalen Schmerzlinderung.

Weitere Maßnahmen

  • Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung von Kraft, Koordination und Gleichgewicht.
  • Ergotherapie: Anpassung des Alltags und Einsatz von Hilfsmitteln zur Erleichterung von Aktivitäten.
  • Psychologische Unterstützung: Hilfe bei der Bewältigung von Schmerzen und Einschränkungen.
  • Kryotherapie: Kühlung von Händen und Füßen während der Chemotherapie zur Reduzierung der Durchblutung und potenziellen Nervenschädigung.
  • SENSI-Bäder: Stimulation der Nerven durch verschiedene Reize (z.B. Linsen, Tannenzapfen, Watte).
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung zur Verbesserung des Gangbildes und zur Schmerzlinderung (z.B. Qi Gong, Tai Chi, Yoga, Laufen, Nordic Walking).
  • Anpassung des Schuhwerks: Spezielle Schuhe oder Einlagen zur Entlastung der Füße.

Polyneuropathie im Kontext der Chemotherapie

Viele Krebspatienten entwickeln im Laufe ihrer Behandlung eine Polyneuropathie, die durch die eingesetzten Chemotherapeutika verursacht wird. Diese Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Prävention und Management der CIPN

  • Früherkennung: Regelmäßige Gespräche mit dem Onkologen über mögliche Symptome einer Polyneuropathie.
  • Dosisanpassung: Reduktion der Dosis oder Wechsel des Medikaments bei Auftreten von Symptomen.
  • Kryotherapie: Einsatz von Kältehandschuhen und -strümpfen während der Chemotherapie.
  • Unterstützende Maßnahmen: Physiotherapie, Ergotherapie, Schmerztherapie.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Behandlung der Polyneuropathie erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachrichtungen, darunter Onkologen, Neurologen, Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Psychologen.

Medikamente und Polyneuropathie

Einige Medikamente können ebenfalls Polyneuropathien verursachen. Dazu gehören:

  • Statine: Erhöhtes Polyneuropathierisiko bei Statinen von 19 %.
  • Amiodaron: Periphere sensorische Neuropathien als gelegentliche Nebenwirkungen.
  • Metformin: Keine validen Studien zum Auftreten von Polyneuropathien unter der Therapie.
  • Vincaalkaloide: Vincristin zeigt eine Inzidenz von 30-40 % für periphere Neuropathien.
  • Taxane: Docetaxel hat eine Inzidenz von bis zu 50 % für CIPN, während bei Paclitaxel bis zu 95 % der Patienten unter peripheren Nervenschäden leiden.
  • Platinverbindungen: Unter der Therapie mit Oxaliplatin leiden bis zu 98 % der Patienten an einer akuten und bis zu 60 % an einer chronischen Neuropathie.
  • Bortezomib und Thalidomid: CIPN tritt unter der Behandlung mit Bortezomib bei bis zu 75 % der Patienten auf.
  • Antibiotika: Isoniazid, Ethambutol, Linezolid, Nitrofurantoin und Metronidazol können periphere Neuropathien auslösen.

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