Eine Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, kann vielfältige Symptome verursachen, die von Empfindungsstörungen über Schmerzen bis hin zu Lähmungen reichen. Nicht selten betrifft sie auch die Sexualfunktion des Mannes und kann Ejakulationsstörungen verursachen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Polyneuropathie und Ejakulationsstörungen, die zugrunde liegenden Ursachen und mögliche Behandlungsansätze.
Die Ejakulation: Ein komplexer neurophysiologischer Vorgang
Die Ejakulation ist ein komplexer Vorgang, der eine koordinierte Abfolge neurophysiologischer Prozesse und die Kontraktion zahlreicher Muskelgruppen erfordert. Sie besteht aus zwei Hauptphasen: der Emission und der eigentlichen Ejakulation (Expulsion).
Emission
Die Emission bezeichnet die Bereitstellung des Spermas in der hinteren Harnröhre. Dieser Vorgang wird durch sympathische Signale aus dem Rückenmark (T10-L2) ausgelöst, die zur Kontraktion der Samenblasen und der Prostata sowie rhythmischen Kontraktionen der Nebenhoden und Samenleiter führen. Dabei werden Spermatozoen und die Sekrete der akzessorischen Geschlechtsdrüsen in die hintere Urethra ausgestoßen und vermischt (Sperma). Die meisten Spermien stammen dabei aus der Ampulle, den distalen 5 cm des Samenleiters. Das Volumen des Sekrets der Emission stammt zu 70 % aus den Samenblasen, 20 % aus der Prostata und 10 % aus dem Vas deferens. Die Wahrnehmung der Emission führt, wahrscheinlich über die Dehnung der hinteren Urethra, zur Auslösung des Ejakulationsreflexes, der dann willkürlich nicht mehr zurückgehalten werden kann.
Expulsion
In dieser zweiten Phase erfolgt die Austreibung des Spermas antegrad durch die Harnröhre nach außen zur Samendeposition im hinteren Scheidengewölbe. Beteiligt sind der Blasenhals, die Urethra und die quergestreifte Muskulatur des Beckenbodens. Es handelt es sich dabei um einen zentral ausgelösten spinalen Reflex, der durch die Emission über sensorische Afferenzen aus der hinteren Urethra ausgelöst wird. Es kommt zur Relaxation des externen urethralen Sphinkters und zur Kontraktion des glattmuskulären Blasenhalses; letzteres verhindert den retrograden Übertritt der Samenflüssigkeit in die Harnblase. Rhythmische Kontraktionen des M. bulbospongiosus und der Beckenbodenmuskulatur pressen die Samenflüssigkeit aus der bulbären durch die penile Urethra nach außen. Das Orgasmusgefühl wird zentral durch sensorische Afferenzen über die pudendalen Nerven aus der hinteren Urethra, dem Colliculus seminalis, dem Bulbus urethrae und den akzessorischen Geschlechtsdrüsen ausgelöst.
Neurotransmitter und Nervensteuerung
Zahlreiche Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin, Acetylcholin, Oxytocin, γ-Aminobuttersäure (GABA) und Stickoxid (NO) sind auf verschiedenen Ebenen des zentralen und peripheren Nervensystems beteiligt. Zentral gehen von der medialen präoptischen Region stimulierende Signale aus, während der Nukleus paragigantocellularis über deszendierende sertoninerge Fasern in den motorischen Nuklei des Lumbosakralmarks hemmend auf die Auslösung des Ejakulationsreflexes wirkt.
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Alle an der Ejakulation beteiligten Organe haben eine dichte sympathische und parasympathische Innervation aus Ästen des Plexus pelvicus (Plexus hypogastricus inferior). Diese Nervenfasern verlaufen beidseits lateral des Rektums und der Prostata sowie lateral und hinter den Samenblasen. Die unmittelbar beteiligten Transmitter sind Noradrenalin im sympathischen und Acetylcholin im parasympathischen System. Sympathische Fasern aus den Segmenten T10-L2 steuern die Ejakulationsfunktion. Diese kommen aus den Lumbalganglien des paravertebralen Truncus sympathicus. Sie ziehen auf der rechten Seite von dorsal der Vena cava in den aortointercavalen Raum, auf der linken Seite lateral der Aorta und bilden den Hauptbestandteil des Plexus hypogastricus superior. Die Beckenbodenmuskulatur und die Mm. bulbocavernosi unterliegen als quergestreifte Muskeln der Kontrolle des somatischen Nervensystems, es besteht aber keine willkürliche Kontrolle der Expulsion. Die rhythmischen Kontraktionen der beteiligten Muskeln werden reflektorisch durch die Emission in die hintere Harnröhre ausgelöst.
Es wird angenommen, dass es ein im Lumbalbereich lokalisiertes spinales Ejakulationszentrum gibt, welches aufgrund der Integration von zentralen und peripheren Stimuli die Ejakulation steuert. Das prinzipiell autonome lumbale Ejakulationszentrum steht unter modulierenden supraspinalen Einflüssen von Thalamus und Hypothalamus über spinothalamische Verbindungen. Dieser Einfluss von zerebralen sensorischen und motorischen Zentren sowie übergeordneten spinalen Kernen wird von zahlreichen Neurotransmittern (Dopamin, Oxytocin, GABA, Adrenalin, Acetylcholin, NO) vermittelt. Von zentraler Bedeutung für die Ejakulation scheint der zunächst inhibierende Effekt von Serotonin (5-HT) zu sein, wobei die verschiedenen 5-HT-Rezeptorsubtypen auch gegenläufige Effekte vermitteln können.
Ejakulationsstörungen: Eine Übersicht
Störungen der Ejakulation sind eine der häufigsten Störungen der männlichen Sexualität. Dazu gehören die vorzeitige Ejakulation (Ejaculatio praecox), die verzögerte Ejakulation (Ejaculatio tarda), die ausbleibende Ejakulation (Anejakulation) und die retrograde Ejakulation als Sonderform der Anejakulation.
Vorzeitige Ejakulation (Ejaculatio praecox)
Vorzeitiger Samenerguss ist eine kurz vor oder nach der vaginalen Immission auftretende Ejakulation, die von den Beteiligten als zu schnell empfunden wird. Sie ist die häufigste Form der Ejakulationsstörung. Bei der Ejaculatio praecox (EP) unterscheidet man eine primäre Ejaculatio praecox von sekundär aufgetretenen Formen. Die International Society for Sexual Medicine (ISSM) definiert seit 2007 die primäre EP als Ejakulation, die seit Beginn der sexuellen Aktivität (fast) immer innerhalb einer Minute nach Beginn der vaginalen Penetration auftritt, verbunden mit der Unfähigkeit, diese hinauszuzögern, und einhergehend mit negativen Folgen für den betroffenen Mann. Bei der primären EP tritt der Samenerguss also (fast) immer zu früh ein und mit (fast) jeder Frau. Es gibt Hinweise, dass die ejakulatorische Latenzzeit auch eine biologische Variable darstellt. So tritt die primäre EP familiär gehäuft auf, und auch gehäuft in Zwillingsstudien. Ein genetischer Polymorphismus des 5-HT Gens scheint dabei die IELT zu beeinflussen und es wird angenommen, dass Männer mit bestimmten 5-HT-Genotypen kürzere Latenzzeiten haben. Bei der sekundären Ejaculatio praecox tritt diese Störung später im Leben auf, nachdem die Ejakulation vorher normal gewesen war.
Verzögerte Ejakulation (Ejaculatio tarda) und Anejakulation
Bei der verzögerten Ejakulation tritt der Samenerguss deutlich später als gewünscht ein. In ausgeprägten Fällen kann es sogar zu einer Anejakulation kommen, bei der die Ejakulation vollständig ausbleibt. Therapiebare urogenitale Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Hierbei sind die genaue anamnestische Eruierung des Symptoms mit seinem zeitlichen Verlauf und die Frage, ob ein Orgasmus auch ausbleibt, wichtig.
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Retrograde Ejakulation
Eine ausbleibende Ejakulation (Ejaculatio sicca) oder eine Ejakulation mit nur geringem oder minimalem Volumen können infolge obstruktiver Veränderungen im Ejakulationsapparat (Samenblasen, Ductus ejaculatorii) oder von Prostataerkrankungen auftreten. Eine retrograde Ejakulation mit Abfließen des Spermas in die Harnblase tritt bei fehlendem Blasenhalsverschluss auf. Die Abgrenzung der Ejaculatio sicca von der retrograden Ejakulation erfolgt durch Untersuchung des postkoitalen Urins auf Spermienbeimengung. Eine transrektale Sonographie ist angezeigt, bei Verdacht auf retrograde Ejakulation kann eine MRT-Untersuchung indiziert sein.
Polyneuropathie als Ursache von Ejakulationsstörungen
Die diabetische Polyneuropathie bei lang dauerndem, insbesondere auch juvenilem Diabetes führt in nahezu der Hälfte der betroffenen Männer zu Ejakulationsstörungen unterschiedlichen Ausmaßes. Ursächlich beteiligt kann auch die auftretende diabetische glattmuskuläre Myopathie sein. Multiple Sklerose führt bei beiden Geschlechtern zu sexuellen Funktionsstörungen unterschiedlichen Ausmaßes und Schweregrades. Neben Ejakulationsstörungen treten auch Erektions- und Orgasmusstörungen auf. Nahezu die Hälfte der Männer mit multipler Sklerose ist in Abhängigkeit von der Erkrankungsdauer betroffen. Eine Ejakulationsstörung tritt bei 40-50 % der Männer auf.
Da die Ejakulation ein komplexer neurophysiologischer Vorgang ist, können Schädigungen der Nerven, wie sie bei einer Polyneuropathie auftreten, die Ejakulationsfunktion beeinträchtigen.
Ursachen der Polyneuropathie
Polyneuropathien können durch eine Vielzahl von Erkrankungen und Einflüssen entstehen. Häufig führen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronischer Alkoholmissbrauch zu Nervenschäden. Auch Schilddrüsen-, Nieren- oder Lebererkrankungen, Tumorerkrankungen und bestimmte Medikamente, etwa Chemotherapeutika, können eine Polyneuropathie auslösen. Weitere mögliche Ursachen sind Infektionen (z. B. HIV, Borreliose, Diphtherie oder Pfeiffersches Drüsenfieber), Vitaminmangel - insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 - sowie Autoimmunerkrankungen, Vergiftungen oder Erkrankungen der Blutgefäße. Darüber hinaus gibt es erbliche Formen der Polyneuropathie. In etwa 20 % der Fälle bleibt die Ursache unklar. Diese Formen bezeichnet man als idiopathische Polyneuropathien. Insgesamt gibt es mehr als 300 Ursachen für eine Polyneuropathie.
Wie Polyneuropathie die Ejakulation beeinflusst
Eine Polyneuropathie kann verschiedene Aspekte der Ejakulation beeinträchtigen:
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- Nervenleitgeschwindigkeit: Die Reizweiterleitung der Nerven ist gestört. Reize werden nicht, zu stark oder abgeschwächt an das Gehirn geleitet. Kommandos vom Gehirn werden nicht mehr zuverlässig an die Muskeln und die inneren Organe weitergeleitet.
- Autonome Nervenfunktion: Die autonomen Nerven beeinflussen die Funktion der Organe, einschließlich der Geschlechtsorgane. Eine Schädigung dieser Nerven kann zu Impotenz und Ejakulationsstörungen führen.
- Sensible Nervenfunktion: Die Symptome beginnen meistens an den Füßen, später an den Händen, und steigen dann langsam auf, Richtung Körpermitte. Kribbeln, Stechen, Taubheitsgefühle, Schwellungsgefühle, Druckgefühle und Gangunsicherheit können auftreten.
- Motorische Nervenfunktion: Die motorischen Nerven beeinflussen die Muskulatur. Zu den Symptomen gehören Muskelzucken, Muskelkrämpfe, Muskelschwäche und Muskelschwund.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose von Ejakulationsstörungen in Verbindung mit Polyneuropathie erfordert eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung und spezielle Tests.
Diagnostische Maßnahmen
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, Medikamenteneinnahme, Sexualanamnese und Erfassung von Risikofaktoren.
- Körperliche Untersuchung: Untersuchung der Genitalien, neurologische Untersuchung zur Feststellung von Sensibilitätsstörungen oder Muskelschwäche.
- Hormonstatus: Bestimmung der Spiegel von Testosteron und anderen Hormonen.
- Urinuntersuchung: Untersuchung des Urins nach dem Geschlechtsverkehr auf Spermien, um eine retrograde Ejakulation auszuschließen.
- Neurologische Tests: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie) und Elektromyographie zur Beurteilung der Nerven- und Muskelfunktion.
- Bildgebende Verfahren: Transrektale Sonographie und MRT-Untersuchung können bei Verdacht auf obstruktive Veränderungen oder retrograde Ejakulation indiziert sein.
Behandlungsansätze
Die Behandlung von Ejakulationsstörungen bei Polyneuropathie zielt auf die Behandlung der Grunderkrankung, die Linderung der Symptome und die Verbesserung der sexuellen Funktion ab.
- Behandlung der Grunderkrankung: Eine optimale Einstellung des Blutzuckers bei Diabetes mellitus, Alkoholabstinenz bei alkoholbedingter Polyneuropathie und die Behandlung anderer Grunderkrankungen sind entscheidend.
- Medikamentöse Therapie:
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): SSRIs wie Dapoxetin können bei vorzeitiger Ejakulation eingesetzt werden. Dapoxetin ist ein SSRI mit kurzer Halbwertszeit und ist für die Therapie einer Ejaculatio praecox zugelassen.
- Antidepressiva: Antidepressiva wie Amitriptylin können bei Nervenschmerzen helfen.
- Krampflösende Medikamente: Gabapentin oder Pregabalin können bei Nervenschmerzen eingesetzt werden, da sie die Erregbarkeit der Nervenzellen reduzieren.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel wie ASS (Acetylsalicylsäure) oder Paracetamol zur Linderung von Schmerzen eingesetzt werden. In schweren Fällen können Opioide verschrieben werden, jedoch nur unter strenger ärztlicher Überwachung.
- Physikalische Therapie:
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): TENS kann bei Nervenschmerzen eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann die Durchblutung steigern und geschwächte Muskeln stärken.
- Wechselbäder: Wechselbäder können die Durchblutung fördern.
- Elektrobehandlung: Elektrobehandlung kann bei gelähmten Muskeln eingesetzt werden.
- Wärme- und Kältewickel: Wärme- und Kältewickel können zur Linderung von Schmerzen und Muskelverspannungen eingesetzt werden.
- Sexualtherapie:
- Psychosexuelle Aufklärung: Aufklärung über Art und Häufigkeit der Ejakulationsstörung.
- Sexualmedizinische Konditionierung: Erlernen von Techniken zur Kontrolle der Ejakulation, wie z.B. die "Stop-and-Squeeze"-Technik.
- Hilfsmittel: Bei Problemen beim Gehen können orthopädische Hilfsmittel wie Schienen oder spezielle Schuhe/Stiefel eingesetzt werden.
- Weitere Maßnahmen:
- Behandlung von Begleiterscheinungen: Bei Magen- und Darmproblemen können häufigere, aber kleinere Mahlzeiten helfen. Übelkeit und Durchfall können mit Medikamenten behandelt werden. Schwindel und körperliche Schwäche können mit Stützstrümpfen und regelmäßigem Muskeltraining behandelt werden.
- Behandlung von Impotenz: Wirkstoffe wie Sildenafil können die Beschwerden lindern.
- Operative Maßnahmen: Bei retrograder Ejakulation kann in seltenen Fällen eine Operation zur Rekonstruktion des Blasenhalses in Betracht gezogen werden.
Auswirkungen auf die Lebensqualität und Partnerschaft
Ejakulationsstörungen können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Partnerschaft haben. Viele betroffene Männer meiden Partnerschaften, isolieren sich oder entwickeln depressive Verstimmungen. Partnerinnen von Männern mit Ejakulationsstörungen sind oft frustriert und verlieren die Lust auf Sex. Es ist daher wichtig, dass betroffene Männer frühzeitig ärztlichen Rat einholen und sich behandeln lassen.
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