Polyneuropathien (PNP) sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die akute oder chronische Störungen der peripheren Nerven oder deren Anteile betreffen. Diese Störungen führen vorwiegend zu Gefühlsstörungen wie Missempfindungen oder Taubheitsgefühlen in den betroffenen Körperregionen. Die Krankheitshäufigkeit der Polyneuropathien beträgt ca. 5-8 % in der erwachsenen bzw. älteren Bevölkerung. Etwa 50 % aller Polyneuropathien gehen mit Schmerzen einher. Polyneuropathien können akut, subakut oder chronisch verlaufen. Die Prognose einer Polyneuropathie ist stark abhängig von der Ursache und der Möglichkeit der Behandlung.
ICD-Codes für Polyneuropathie
Der ICD-Code (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) ist ein internationaler Standard zur Klassifizierung von Krankheiten. Im Zusammenhang mit Polyneuropathie werden folgende ICD-Codes verwendet:
- G62.0 Arzneimittelinduzierte Polyneuropathie
- G62.1 Alkohol-Polyneuropathie
- G62.2 Polyneuropathie durch sonstige toxische Agenzien
- G62.8 Sonstige näher bezeichnete Polyneuropathien
- G62.9 Polyneuropathie, nicht näher bezeichnet
In der ambulanten Versorgung wird der ICD-Code auf medizinischen Dokumenten immer durch die Zusatzkennzeichen für die Diagnosesicherheit (A, G, V oder Z) ergänzt:
- A (Ausgeschlossene Diagnose)
- G (Gesicherte Diagnose)
- V (Verdachtsdiagnose)
- Z (Zustand nach der betreffenden Diagnose)
Weitere relevante ICD-Codes im Zusammenhang mit Polyneuropathie
Es gibt weitere ICD-Codes, die im Zusammenhang mit Polyneuropathie relevant sein können, je nach zugrunde liegender Ursache oder spezifischer Form der Neuropathie:
- E85.- Amyloidose (Amyloide Polyneuropathie)
- G37.- Sonstige demyelinisierende Krankheiten des Zentralnervensystems (Mitchell-Syndrom (Polyneuropathie))
- G60.- Hereditäre und idiopathische Neuropathie (sensomotorische axonale Polyneuropathie, Neuritis hypertrophicans)
- G61.- Polyneuritis (Chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP), Lewis-Sumner-Syndrom)
- H47.- Sonstige Affektionen des N. opticus (in seltenen Fällen im Rahmen von Polyneuropathien)
Ursachen von Polyneuropathie
Die Ursachen für Polyneuropathien sind vielfältig. In ca. 20% der Fälle bleibt die Ursache unklar. Häufige Ursachen sind:
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- Metabolische Ursachen: Diabetes mellitus, Hepatopathie, Urämie, Hypothyreose, Hyperurikämie
- Toxische Ursachen: Alkoholabusus, Arsen, Blei, Thallium, Quecksilber
- Medikamentös-toxische Ursachen: Chemotherapeutika (Cisplatin, Thalidomid, Vinblastin, Vincristin), Nitrofurantoin, Amiodaron, Penicillin
- Nutritiv-toxische Ursachen: Alkohol
- Infektiöse Ursachen: Borreliose, CMV, HIV, Hepatitis, FSME, Masern, Mononukleose, Mykoplasmen
- Vaskulitiden und Kollagenosen
- Vitamin B12 Mangel
- Paraneoplastische Syndrome
- Critical-illness-Polyneuropathie
- Hereditäre Polyneuropathien (HMSN)
Symptome von Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen von den betroffenen Nerven und dem Ausmaß der Schädigung ab. Typische Symptome sind:
- Sensibilitätsstörungen:
- Pelzigkeitsgefühl, Engegefühl (Manschetten), Gefühl auf Watte zu laufen
- Überempfindlichkeit auf Reize (Temperatur, Berührung, Schmerz)
- Hypästhesie (oder auch Pelzigkeitsgefühl ohne Taubheit)
- Parästhesien (Kribbeln, Ameisenlaufen, Brennen, Stechen)
- Pallhypästhesie oder Anästhesie
- Graphhypästhesie oder Anästhesie auf Fußrücken (im Verlauf auch der Fingerspitzen)
- Hyperalgesie (im Verlauf Hypalgesie oder Analgesie)
- Thermhypästhesie oder Anästhesie
- Gemindertes Spitz-Stumpf-Empfinden
- Beeinträchtigtes Lageempfinden
- Reduzierte 2-Punkte-Diskrimination
- Motorische Störungen:
- Meist symmetrische Paresen vorwiegend der kleinen Fußmuskeln
- Erschwerter Hackenstand
- Auch proximale Muskulatur kann betroffen sein
- Atrophien der Muskulatur (M. extensor digitorum brevis häufig betroffen)
- Gangstörung und Gleichgewichtsprobleme:
- Gangunsicherheit
- Ataxie
- Erschwerter Einbeinstand
- Schwindelgefühl beim Laufen
- Zunahme der Gangunsicherheit im Dunkeln
- Schmerzen:
- Etwa 50 % aller Polyneuropathien gehen mit Schmerzen einher.
- Autonome Funktionsstörungen:
- Errektionsstörungen
- Blasenentleerungsstörungen
- Orthostatische Dysregulation
- Hydrosis, trockene Haut
- Weitere Symptome:
- Muskelkrämpfe (Crampi) - häufig nachts in Ruhe
Diagnostik von Polyneuropathie
Die Diagnostik einer Polyneuropathie umfasst verschiedene Schritte:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, inklusive der oben genannten Symptome und möglicher Risikofaktoren.
- Körperliche Untersuchung:
- Differenzierte Sensibilitätsprüfung (inklusive Lageempfinden)
- Muskelfunktionsprüfung (insbesondere Paresen der Fuß- und Zehenextension und -flexion, auch Prüfung proximaler Muskelgruppen)
- Inspektion auf Muskelatrophien, Fußdeformitäten
- Muskelumfangsmessung
- Prüfung der Muskeleigenreflexe (Abschwächung?)
- Beurteilung autonomer Funktionen (Hydrosis, Haut trocken?)
- Elektrophysiologische Diagnostik:
- Nervenleitungsgeschwindigkeitsmessung (NLG) von Nervus peronaeus, Nervus tibialis (mit F-Wellen) und Nervus suralis
- Elektromyographie (EMG) (bei entsprechendem Verdacht auf chronische oder floride Denervierung)
- Evozierte Potentiale (Tibialis- oder Peronaeus-SEP, Medianus- oder Ulnaris-SEP)
- Herzfrequenzvarianzanalyse
- Sympathischer Hautreflex
- Quantitativ sensorische Testung (QST) (insbesondere bei Verdacht auf Small-fibre Polyneuropathie)
- Laboruntersuchungen:
- Blutuntersuchungen zur Abklärung möglicher Ursachen (z.B. Diabetes, Vitamin B12-Mangel, Schilddrüsenfunktionsstörung, Nierenfunktionsstörung, Entzündungszeichen)
- Eventuell Liquordiagnostik
- Eventuell 24h Urin (bei Verdacht auf Intoxikation, Porphyrie)
- Weitere Untersuchungen:
- Evtl. Muskel- und Nervenbiopsie
- Genetische Untersuchung (bei Verdacht auf hereditäre Polyneuropathie)
Verlauf und Prognose
Der Verlauf einer Polyneuropathie hängt stark von der zugrunde liegenden Ursache ab. Polyneuropathien können akut, subakut oder chronisch verlaufen. Die Prognose einer Polyneuropathie ist stark abhängig von der Ursache und der Möglichkeit der Behandlung. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung der Ursache können sich die Symptome oft bessern oder zumindest stabilisieren. In manchen Fällen kann es jedoch zu einer dauerhaften Schädigung der Nerven kommen.
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