Polyneuropathie nach künstlichem Koma: Ursachen, Therapie und Erfahrungen

Ein künstliches Koma, auch Langzeitnarkose oder Sedierung genannt, wird medizinisch eingesetzt, um den Hirnstoffwechsel zu reduzieren und das Gehirn vor schwerwiegenden Schädigungen zu schützen. Obwohl diese Maßnahme lebensrettend sein kann, birgt sie auch Risiken, darunter die Entwicklung einer Polyneuropathie. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Therapieansätze und Erfahrungen von Betroffenen mit Polyneuropathie nach einem künstlichen Koma.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathien sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems, also der Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Schädigungen dieser Nerven führen zu Störungen der Signalübertragung, was sich in Missempfindungen, Wahrnehmungsstörungen, Schmerzen oder Muskelschwäche äußern kann. Es gibt über 300 bekannte Ursachen für Polyneuropathien, wobei sie häufig als Folge einer anderen Grunderkrankung auftreten.

Ursachen der Polyneuropathie nach künstlichem Koma

Eine spezielle Form der Polyneuropathie ist die Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP), die im Zusammenhang mit langwierigen intensivmedizinischen Behandlungen, einschließlich des künstlichen Komas, auftreten kann. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus Faktoren wie Entzündungen, Stoffwechselstörungen, Medikamenten und längerer Inaktivität eine Rolle spielt.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren:

  • Sepsis und Multiorganversagen: Eine Sepsis, eine lebensbedrohliche Reaktion auf eine Infektion, kann zu Multiorganversagen führen und die Entstehung einer CIP begünstigen.
  • Längere Immobilisierung: Die Unbeweglichkeit während des künstlichen Komas kann zu Muskelabbau und Nervenschädigungen führen.
  • Intensivmedizinische Behandlung: Bestimmte Medikamente, die im Rahmen der Intensivbehandlung eingesetzt werden, sowie Stoffwechselentgleisungen können die Nerven schädigen.
  • Entzündungsreaktionen: Schwere Erkrankungen und Operationen können Entzündungsreaktionen im Körper auslösen, die auch die Nerven angreifen können.
  • Autoimmunprozesse: In einigen Fällen kann das Immunsystem fälschlicherweise die Nerven angreifen und eine Polyneuropathie verursachen.

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen von den betroffenen Nerven ab. Typische Symptome sind:

  • Missempfindungen: Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle oder "Ameisenlaufen" in Händen und Füßen.
  • Schmerzen: Neuralgische Schmerzen, die als brennend, stechend oder bohrend beschrieben werden.
  • Muskelschwäche: Schwäche in den Beinen oder Armen, die zu Schwierigkeiten beim Gehen oder Greifen führen kann.
  • Reflexverluste: Abnahme oder Fehlen der Muskeleigenreflexe.
  • Autonome Störungen: Störungen der inneren Organfunktionen, wie z.B. Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen, Verdauungsprobleme oder Blasenfunktionsstörungen.

Ein Betroffener beschreibt seine Erfahrung nach dem Aufwachen aus dem Koma wie folgt: „Als ich nach drei Wochen aus dem Koma aufgewacht bin, habe ich gemerkt, dass ich die Beine nicht mehr wie bisher bewegen kann. Ich hatte kein Gefühl in den Beinen. Bei der Untersuchung wurde dann festgestellt, dass ich Polyneuropathie habe.“

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Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose einer Polyneuropathie erfordert eine sorgfältige neurologische Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests. Dazu gehören:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und die genauen Beschwerden des Patienten.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht dieSensibilität, Reflexe und Muskelkraft des Patienten.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Mithilfe der Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) kann die Funktion der Nerven und Muskeln überprüft werden. Dabei wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen und die elektrische Aktivität der Muskeln untersucht.
  • Liquoruntersuchung: Bei der Lumbalpunktion wird Nervenwasser entnommen und auf Entzündungszeichen oder andere Auffälligkeiten untersucht.
  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, mögliche Ursachen der Polyneuropathie, wie z.B. Diabetes, Nierenerkrankungen oder Vitaminmangel, zu identifizieren.
  • Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.

Therapie der Polyneuropathie

Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache und den individuellen Symptomen des Patienten.

Behandlung der Grunderkrankung: Wenn die Polyneuropathie durch eine Grunderkrankung verursacht wird, steht die Behandlung dieser Erkrankung im Vordergrund. Beispielsweise ist bei einer diabetischen Polyneuropathie eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend.

Symptomatische Therapie:

  • Schmerztherapie: Gegen neuropathische Schmerzen werden häufig Medikamente wie Pregabalin, Gabapentin, Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente beeinflussen die Schmerzwahrnehmung und können die Schmerzen lindern.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern und die Beweglichkeit zu erhalten.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann den Patienten helfen,Alltagsaktivitäten trotz der Einschränkungen durch die Polyneuropathie auszuführen.
  • Logopädie: Bei Schluckstörungen kann eine logopädische Behandlung erforderlich sein.
  • Basale Stimulation: Diese Methode zielt darauf ab, die Wahrnehmung der Außenwelt schrittweise zu fördern und die Sinne des Patienten anzusprechen.

Weitere Therapieansätze:

  • Intravenöse Immunglobuline (IVIG): Bei autoimmun bedingten Polyneuropathien können Immunglobuline eingesetzt werden, um das Immunsystem zu modulieren.
  • Plasmapherese: Bei der Plasmapherese wird das Blutplasma des Patienten ausgetauscht, um schädliche Antikörper oder Entzündungsstoffe zu entfernen.
  • Rehabilitation: Ein Reha-Aufenthalt kann eine sinnvolle Ergänzung zur ambulanten Therapie sein, um dieFunktionsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Erfahrungen von Betroffenen

Viele Betroffene berichten von einem langen und schwierigen Weg der Genesung nach einer Polyneuropathie nach künstlichem Koma. Neben den körperlichen Einschränkungen spielen auch psychische Belastungen eine große Rolle. Der Verlust der Selbstständigkeit und die Ungewissheit über den weiteren Verlauf können zu Ängsten und Depressionen führen.

Der Austausch mit anderen Betroffenen kann eine wertvolle Unterstützung sein. In Selbsthilfegruppen oder Online-Foren können sich Patienten gegenseitig Mut machen, Erfahrungen austauschen und Informationen teilen.

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Ein Betroffener schildert seine Erfahrungen in der Reha: „In der Reha habe ich erkannt, dass ich nicht allein bin. Meine Lieblingstherapie war die Einzeltherapie mit dem Physiotherapeuten. Die muss ich besonders hervorheben, weil es sehr abwechslungsreich war und er mich ordentlich zum Schwitzen gebracht hat. Er hat mich gefordert und gefördert. Aber auch alle Therapien, die mit Bewegung zusammenhängen, waren wirklich sehr gut. Durch diese Therapien habe ich wieder gelernt, meine Socken selbstständig anzuziehen und meine Schuhe zu binden. Es hört sich vielleicht nach wenig an, aber für mich ist das auf jeden Fall ein Erfolg. Es zeigt, dass die Arbeit Früchte trägt.“

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als Sonderform

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akute, entzündliche Autoimmun-Polyneuropathie des peripheren Nervensystems. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung, die jedoch eine wichtige Differenzialdiagnose zur CIP darstellt. In zwei von drei Fällen geht dem GBS eine infektiöse Erkrankung voraus.

Charakteristische Symptome des GBS:

  • Schnell fortschreitende Muskelschwäche, die meist in den Beinen beginnt und sich nach oben ausbreitet.
  • Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle.
  • Verlust der Muskeleigenreflexe.
  • In schweren Fällen kann es zu Lähmungen der Atemmuskulatur kommen, die eine künstliche Beatmung erforderlich machen.

Diagnose und Therapie des GBS:

Die Diagnose des GBS basiert auf den klinischen Symptomen, derLiquoruntersuchung und elektrophysiologischen Untersuchungen. Die Therapie umfasst in der Regel eine Immuntherapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG) oder Plasmapherese.

Rehabilitation nach Koma und Polyneuropathie

Die neurologische Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung derFunktionsfähigkeit und Lebensqualität von Patienten nach einem Koma und einer Polyneuropathie. Ziel der Rehabilitation ist es, Funktionseinschränkungen zu reduzieren und den Patienten ein hohes Maß an Selbstständigkeit zurückzugeben.

Wichtige Elemente der Rehabilitation:

  • Frührehabilitation: Bereits während der Intensivbehandlung werden erste Maßnahmen zurMobilisierung undStimulation der Patienten durchgeführt.
  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
  • Ergotherapie: Training vonAlltagsaktivitäten und Anpassung derUmgebung an die Bedürfnisse des Patienten.
  • Logopädie: Behandlung vonSprach-, Sprech- und Schluckstörungen.
  • Neuropsychologie: Behandlung von kognitivenDefiziten und psychischen Belastungen.
  • Sozialdienst: Unterstützung bei derOrganisation derNachsorge und derBeantragung vonHilfsmitteln.

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