Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung mehrerer Nerven gekennzeichnet ist. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Schmerzen, Taubheitsgefühl, Kribbeln, Muskelschwäche und Koordinationsstörungen. Die Ursachen für Polyneuropathie sind vielfältig, wobei Diabetes mellitus und chronischer Alkoholmissbrauch zu den häufigsten zählen. Aber auch eine vegane Ernährung kann, insbesondere bei unzureichender Supplementierung von Vitamin B12, eine Rolle spielen.
Ursachen der Polyneuropathie
Ärzte kennen mehr als 200 verschiedene Ursachen für Polyneuropathie. Diese lassen sich grob in erworbene und angeborene Formen einteilen. Erworbene Polyneuropathien sind deutlich häufiger als angeborene.
Zu den häufigsten Ursachen gehören:
- Diabetes mellitus: Bis zu einem Drittel aller Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Polyneuropathie. Eine schlechte Blutzuckereinstellung und eine lange Krankheitsdauer erhöhen das Risiko.
- Chronischer Alkoholmissbrauch: Alkohol ist ein Nervengift, das die Reizweiterleitung stören kann. Zudem kann Alkoholmissbrauch zu Mangelernährung und Vitaminmangel führen, was die Nervenschädigung zusätzlich verstärkt.
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 kann eine Polyneuropathie verursachen. Gefährdet sind vor allem Menschen mit veganer Ernährungsweise, die keine tierischen Produkte wie Fleisch, Eier und Milchprodukte zu sich nehmen. Auch nach Magenoperationen kann ein Vitamin-B12-Mangel auftreten.
- Weitere Ursachen: Nierenkrankheiten, Lebererkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Krebserkrankungen, Chemotherapie und Gifte können ebenfalls eine Polyneuropathie auslösen.
Polyneuropathie und vegane Ernährung
Vegane Ernährung erfreut sich zunehmender Beliebtheit und wird oft als Allheilmittel angepriesen. Bei Polyneuropathie wird sie inzwischen auch empfohlen. Eine vegane Ernährung ist eine sehr strenge Form der vegetarischen Ernährung, bei der ausschließlich pflanzliche Lebensmittel verzehrt werden.
Ein kritischer Punkt bei veganer Ernährung ist die Versorgung mit Vitamin B12. Dieses Vitamin ist grundlegend wichtig für den Aufbau und die Gesundheit von Nervenzellen und Nervenbahnen. Vitamin B12 wird über die Nahrung aufgenommen und ist vor allem in Tierprodukten wie Eiern, Fleisch und Milch enthalten. Veganer gehören daher zur Risikogruppe eines nahrungsbedingten Vitamin B12-Mangels.
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Ein Vitamin-B12-Mangel kann verschiedene neurologische Symptome verursachen, darunter auch Polyneuropathie. Bei einem Mangel an Vitamin B12 ist das Risiko für eine Anämie und neuro- oder psychiatrische Störungen (wie Polyneuropathie, Verlust des Vibrationsempfindens, Paresen, Depressionen) erhöht.
Um einem Vitamin-B12-Mangel vorzubeugen, sollten Veganer Vitamin B12 supplementieren. Es gibt verschiedene Präparate, die oral oder intramuskulär verabreicht werden können. Die Bestimmung von Holotranscobalamin (Holo-TC), der aktiven Form von Vitamin B12, ist geeignet, um einen Mangel nachzuweisen.
Neben Vitamin B12 sollten Veganer auch auf eine ausreichende Zufuhr von anderen Nährstoffen achten, die für die Nervengesundheit wichtig sind, wie Folsäure, Jod, Zink, Eiweiß, Eisen, Kalzium und Omega-3-Fettsäuren. Viele Multivitaminpräparate für Schwangere enthalten eine Vielzahl an solchen Nährstoffen und können so eine adäquate Versorgung sicherstellen, wenn eine werdende Mutter die sich normalerweise vegan ernährt, nicht zumindest Eier, Milchprodukte und zusätzlich regelmäßig Fisch verzehren möchte.
Maßnahmen zur Behandlung von Polyneuropathie
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Beschwerden. Bei einer erworbenen Form muss zunächst die Grunderkrankung behandelt werden. Bei einer angeborenen Polyneuropathie steht die Linderung der Beschwerden im Vordergrund, da es keine ursächliche Behandlung gibt.
Behandlung von diabetischer Polyneuropathie
Bei einer Nervenschädigung infolge von Diabetes mellitus ist eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend. Regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung tragen ebenfalls zu guten Blutzuckerwerten bei. In speziellen Diabetes-Schulungen können Betroffene lernen, ihre Werte langfristig zu stabilisieren.
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Darüber hinaus kann Alpha-Liponsäure Schmerzen und Sensibilitätsstörungen lindern. Hilfreich kann bei diabetischer Polyneuropathie auch die sogenannte Hochtontherapie sein.
Behandlung von alkoholischer Polyneuropathie
Ist die Polyneuropathie durch hohen Alkoholkonsum entstanden, ist ein völliger Verzicht auf Alkohol beziehungsweise ein Entzug die dringlichste Maßnahme. Eine bessere Ernährung und B-Vitamine können die Regeneration der geschädigten Nerven fördern und Schmerzen verringern.
Weitere Maßnahmen zur Behandlung
Je nachdem, welche Ursache die Polyneuropathie auslöst, kommen weitere Maßnahmen infrage:
- Gifte: Im Fall einer Blei- oder Arsenvergiftung können Bindemittel wie Penicillamin helfen. Gefahrenstoffe im beruflichen und privaten Umfeld sollten gemieden werden.
- Nebenwirkung von Medikamenten: Betroffene sollten mit ihrem Arzt besprechen, ob das Medikament abgesetzt oder auf ein anderes Präparat gewechselt werden kann.
- Infektionskrankheit: Eine bakterielle Infektionskrankheit wie Borreliose oder Diphtherie lässt sich mit Antibiotika behandeln.
- Nährstoffmangel: Ein nachweislicher Nährstoffmangel (wie z. B. Vitamin B12, Vitamin B1 oder Folsäure) sollte ausgeglichen werden.
Medikamentöse Behandlung
Schmerzen im Rahmen einer Polyneuropathie lassen sich durch bestimmte Medikamente lindern, die jedoch täglich eingenommen werden müssen. Als wirksam haben sich vor allem Wirkstoffe aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva erwiesen (z. B. Amitriptylin, Duloxetin). Aber auch Wirkstoffe, die normalerweise zur Behandlung von Krampfanfällen genutzt werden (Antiepileptika), können helfen (etwa Pregabalin, Gabapentin, ggf. Carbamazepin).
Gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol helfen dagegen oft kaum gegen die Nervenschmerzen und sind zudem nicht für eine dauerhafte Einnahme zu empfehlen. Opiodhaltige Schmerzmittel (wie Tramadol) kommen nur in Ausnahmefällen zum Einsatz.
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Unterstützende Maßnahmen
Bestehen im Rahmen der Polyneuropathie auch Beschwerden wie Muskelschwäche, können Physiotherapie oder Ergotherapie ratsam sein.
Ernährungsempfehlungen bei Polyneuropathie
Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist eine wichtige Säule der Behandlung von Polyneuropathie. Sie kann dazu beitragen, die Beschwerden zu lindern, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die allgemeine Gesundheit zu verbessern.
Allgemeine Ernährungsempfehlungen
- Ballaststoffreiche Ernährung: Ballaststoffe sorgen dafür, dass Kohlenhydrate langsamer ins Blut gehen und den Blutzuckerspiegel stabilisieren. Reich an Ballaststoffen sind Vollkornprodukte, Nüsse, Obst und Gemüse.
- Gesunde Fette: Gesunde Fettsäuren, insbesondere Omega-3-Fettsäuren und Alpha-Liponsäure, sind wichtig für die Nervengesundheit. Omega-3-Fettsäuren sind in fettem Fisch wie Heringen, Makrelen und Lachs enthalten, aber auch in Chia- und Leinsamen. Alpha-Liponsäure ist in Brokkoli, Spinat und Tomaten enthalten.
- Natürliche Fette: Pflanzliche Fette sind den tierischen Fetten vorzuziehen. Hervorragend geeignet sind Öle in Form von Olivenöl, Rapsöl oder Sonnenblumenöl. Besonders gesund sind kaltgepresste Öle.
- B-Vitamine: Vitamine des B-Komplexes, vor allem Vitamin B1 und Vitamin B12, sind für die Nervenfunktion unerlässlich. B-Vitamine sind in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Spinat und anderem Gemüse enthalten. Reich an Vitamin B12 sind Fisch, Fleisch, Eier und Milch.
- Vermeiden Sie: Zuckerhaltige Getränke, Weißmehlprodukte, Fertiggerichte und Alkohol sollten gemieden werden, da sie die Beschwerden verstärken und das Fortschreiten der Erkrankung begünstigen können.
Spezielle Ernährungsempfehlungen für Diabetiker
Bei diabetischer Polyneuropathie ist es besonders wichtig, den Blutzuckerspiegel gut einzustellen. Dies gelingt durch eine ballaststoffreiche Ernährung mit niedrigem glykämischen Index, gesunde Fette und eine ausreichende Zufuhr von B-Vitaminen.
Vegane Ernährung bei diabetischer Polyneuropathie
Eine vegane Ernährung kann sich günstig auf den Verlauf von Diabetes II Erkrankungen auswirken und der Entstehung einer Diabetes II Erkrankung vorgebeugt werden. Studien haben gezeigt, dass selbst Spätschäden einer Diabetes-Erkrankung noch durch eine vegane Ernährung günstig beeinflusst werden können.
Eine im Fachmagazin Nutrition & Diabetes veröffentlichte Studie zeigte, dass eine vegane und fettarme Ernährung in Kombination mit einem Vitamin-B12-Supplement bei Erwachsenen mit diabetischer Polyneuropathie den Schmerz reduzieren und die Insulinresistenz verbessern kann.
Weitere unterstützende Maßnahmen
Neben der Behandlung der Ursache und der Ernährung gibt es weitere Maßnahmen, die die Regeneration der Nerven unterstützen können:
- Uridinmonophosphat (UMP): UMP ist ein Nukleotid, das die Regeneration der Myelinscheide unterstützt, welche die Nervenfasern umhüllt. Es ist in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, kann aber auch als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und kann die Nervenfunktion verbessern.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Bei Muskelschwäche können Physiotherapie und Ergotherapie helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern.
- Heilfasten: Es gibt einige wissenschaftliche Daten, die zeigen, dass Heilfasten einen positiven Effekt auf das Nervensystem haben kann. Allerdings liegen derzeit noch keine wissenschaftlichen Studien mit Patienten mit Polyneuropathie vor, in denen dies untersucht wurde. Heilfasten sollte ausschließlich dann durchgeführt werden, wenn man kein Untergewicht hat und Mangel an Vitaminen und Spurenelementen sollte unbedingt vermieden werden.
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