Die moderne Forschung beleuchtet zunehmend die komplexen Zusammenhänge zwischen Pornokonsum, Dopamin-Rezeptoren und den daraus resultierenden Auswirkungen auf das menschliche Gehirn. Dieser Artikel fasst aktuelle wissenschaftliche Studien zusammen, um ein umfassendes Bild der neurobiologischen Prozesse und potenziellen Folgen von Pornosucht zu zeichnen.
Einführung in Dopamin und das Belohnungssystem
Dopamin ist ein essenzieller Neurotransmitter, der im Gehirn eine Schlüsselrolle bei der Auslösung von Motivation und der Regulierung des Verhaltens spielt. Seine Wirkung wird über Rezeptoren vermittelt, die die Dopamin-Moleküle binden und Signale über neuronale Netzwerke weiterleiten. Das dopaminerge Belohnungssystem, ein Teil des Gehirns, reagiert stark auf angenehme Reize wie Nahrung, soziale Anerkennung oder sexuelle Erregung, indem es Botenstoffe ausschüttet, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugen und unser Verhalten positiv bestärken.
Dopamin-Rezeptoren D1R und D2R und ihre Rollen
Die Forschung hat sich auf die Dopamin-Rezeptoren D1R und D2R konzentriert, um ihre jeweiligen Beiträge zur Entstehung von nutzen- und kostenorientierter Motivation zu entschlüsseln. In einer Studie mit Makaken wurde gezeigt, dass diese Rezeptoren unterschiedliche Rollen bei der Anreizmotivation spielen. Die Forscher manipulierten D1R und D2R systematisch, indem sie spezifische rezeptorbindende Moleküle injizierten, die ihre biologische Reaktion auf die Dopaminsignalgebung dämpften. Mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) wurde das Ausmaß der Anbindungen oder Blockaden der Rezeptoren im Gehirn ermittelt.
Die Analyse ergab, dass das Treffen von Entscheidungen, basierend auf wahrgenommenem Nutzen und Kosten, die Beteiligung von D1R und D2R beim Anreiz der Motivation erforderte, wobei die Größe der Belohnung für das Ausführen der Aufgabe entscheidend war. Die Dopamin-Übertragung via D1R und D2R reguliert den auf Kosten basierenden motivationalen Prozess durch verschiedene neurobiologische Vorgänge für Nutzen und Kosten. Der Vorgang, bei dem der Wert einer Belohnung, basierend auf dem Ausmaß der dafür notwendigen Anstrengung verworfen wurde, stand ausschließlich mit der Beeinflussung von D2R in Verbindung.
Die neurobiologischen Auswirkungen von Pornografie
Pornografisches Material aktiviert sehr stark das dopaminerge Belohnungssystem. Studien haben gezeigt, dass allein der Anblick von Symbolen, die mit Pornoclips verknüpft sind, Aktivität im Belohnungssystem auslösen kann. Übermäßiger Pornokonsum über einen langen Zeitraum kann jedoch die Hirnstruktur verändern.
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Veränderungen im Striatum
Forschende haben mittels MRT nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Pornokonsums und der Größe des Striatums gibt. Diese Hirnregion gehört zum Belohnungszentrum des Gehirns. Je mehr Pornos konsumiert wurden, umso kleiner war die Region. Auch die Belohnungsaktivität des Gehirns ist bei Menschen, die oft Pornografie betrachten, geringer. Das Gehirn braucht also immer stärkere Reize, um Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Endorphine auszuschütten.
Desensibilisierung und Toleranzentwicklung
Regelmäßiger Konsum von Pornografie kann das Belohnungssystem gewissermaßen "ausleiern". Das bedeutet, dass Personen mit hohem Konsum immer stärkere Anreize benötigen, um die gleiche Belohnung zu empfinden. Das Gehirn passt sich an die übermäßige Stimulation an, indem es entweder weniger Dopamin produziert oder die Anzahl der Dopaminrezeptoren reduziert. Dies führt zu einer Art Toleranzentwicklung, bei der die ursprünglichen Reize ihre Wirkung verlieren.
Auswirkungen auf den präfrontalen Kortex
Ein wesentlicher Bereich des Gehirns, der durch übermäßigen Pornokonsum beeinflusst werden kann, ist der präfrontale Kortex. Dieser Teil des Gehirns ist für Entscheidungsfindung, Urteilsvermögen und Impulskontrolle verantwortlich. Studien deuten darauf hin, dass übermäßiger Pornokonsum diesen Bereich des Gehirns neu verdrahten und das Urteilsvermögen beeinträchtigen kann. Bei Personen mit hohem Pornokonsum wurde eine schwächere Kommunikation zwischen der Belohnungsregion und dem präfrontalen Kortex festgestellt.
Emotionale und soziale Auswirkungen
Der Konsum von Pornografie kann sich auch auf unsere emotionale Welt auswirken. Wenn Oxytocin durch Pornokonsum ausgeschüttet wird, kann dies eine Bindung zu den virtuellen Bildern herstellen, die im Gedächtnis verbleiben. Es besteht die Möglichkeit, dass sich Pornografie direkt auf die Bindungsfähigkeit eines Menschen auswirkt. Viele Menschen, die regelmäßig Pornografie konsumieren, berichten von einem ständigen Doppelleben und dem Aufbau einer Fassade, um ihre Gewohnheiten vor Freunden und Familie zu verbergen. Psychische Belastungen wie Scham, Schuldgefühle und Depressionen treten häufig auf.
Pornosucht als Verhaltenssucht
Pornosucht wird als eine Form der Verhaltenssucht betrachtet, die ähnliche diagnostische Merkmale wie stoffgebundene Süchte aufweist. Ein einst harmloses Verhalten wird dann zur Sucht, wenn es Extreme annimmt, also die Häufigkeit, Dauer und Intensität die ursprüngliche Absicht oder Erwartung übersteigen.
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Diagnostische Kriterien
Zu den diagnostischen Kriterien für Pornosucht gehören:
- Ein zwanghaftes Verlangen nach Pornografie (Craving)
- Kontrollverlust über den Konsum
- Toleranzentwicklung (Notwendigkeit immer stärkerer Reize)
- Entzugserscheinungen bei Abstinenz
- Negative Auswirkungen auf das soziale Leben, die Arbeit oder die Gesundheit
Neurobiologische Mechanismen
Neurobiologisch kann jenes Verhalten abhängig machen, dass für uns „belohnend“ wirkt, uns also Freude und Aufregung bringt. In Antizipation auf eine Belohnung schütten Strukturen unseres Gehirns den Botenstoff „Dopamin“ aus. Dopamin ist ein Hormon, welches dafür sorgt, dass wir das Verhalten, das zu der Ausschüttung des Stoffes geführt hat, verstärkt wird. Wir wollen erneut diese positiven Gefühle erleben, also wiederholen wir das gezeigte Verhalten.
Ursachen und Risikofaktoren
Psychische, soziale und biologische Faktoren spielen bei der Entwicklung der Sucht eine Rolle. Bestimmte Faktoren und Konstellationen tauchen in den Lebensgeschichten Sexsüchtiger überzufällig oft auf. Dazu gehören dysfunktionale Familienverhältnisse, traumatische Kindheitserlebnisse, mangelnde soziale Unterstützung und psychische Vorerkrankungen.
Familiäre Faktoren
Die Familienatmosphären sind u.a. von Kälte, Ablehnung, Überforderung, Unberechenbarkeit, Verwöhnung, Leere und Sucht bestimmt. Es sind dysfunktionale Familien. Offensichtlich fehlen die Freude der Eltern an ihren Kindern und die Fähigkeit, das Kind altersgemäß zu umsorgen und zu fördern. Das Verhältnis zu den Eltern ist ein zentrales entwicklungsförderndes oder -hemmendes Moment in der Kindheit.
Persönlichkeitsmerkmale
Altersübergreifend scheinen besonders wenig strukturierte, introvertierte und ängstliche Menschen anfällig zu sein. Wichtig ist auch die Sozialisierung im Bezug auf Medien eine wichtige Rolle zu spielen, also ob Eltern ihren Kindern Grenzen im Konsum setzten und diesen für die Kinder regulieren.
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Auswirkungen auf Jugendliche
Die Auswirkungen des Pornokonsums auf das Gehirn von Jugendlichen sind besonders besorgniserregend, da ihr präfrontaler Kortex sich noch in der Entwicklung befindet. Die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und rationalen Entscheidungsfindung ist in diesem Alter noch nicht vollständig ausgereift. Dies kann die sexuelle Entwicklung beschleunigen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, promiskuitive sexuelle Einstellungen zu entwickeln.
Dopamin Detox und seine Grenzen
Auf Social Media gibt es einen Trend namens "Dopamin Detox" oder "Dopamin Fasten", bei dem man für längere Zeit auf Verlockungen wie digitale Medien oder Süßigkeiten verzichtet, um das Gehirn von schädlichen Gelüsten zu befreien. Problematisch ist dabei, dass der Begriff irreführend ist und dass wir Dopamin brauchen. Er ist für uns lebenswichtig und wir können auch nicht süchtig nach ihm werden. Und es ist auch gar nicht möglich, den Botenstoff zu fasten, denn die Konzentration reguliert sich im gesunden Gehirn von ganz allein.
Prävention und Behandlung
Um Mediensüchten vorzubeugen scheint es förderlich zu sein, den eigenen Kindern ein gesundes Nutzungsverhalten von Smartphones vorzuleben, Kindern nicht zu früh Zugang zu Smartphones und sozialen Medien zu ermöglichen und später die Zeit der Nutzung klar zu begrenzen. Wenn eine Sucht besteht, ist die Behandlungsmethode der Wahl meist Psychotherapie, in der sich besonders kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze bewährt haben.
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