Viele Menschen mit Bewegungsstörungen wie Parkinson nehmen möglicherweise an, dass sie keinen Sport mehr machen können oder sollen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Studien haben gezeigt, dass Physiotherapie und andere Sportarten klare positive Effekte als zusätzliche Maßnahme zu medikamentöser und neurochirurgischer Behandlung haben können. Diese positiven Effekte wirken sich sowohl auf motorische Symptome wie Gang und Balance als auch auf nicht-motorische Beschwerden wie Unruhe oder Depression aus.
Positive Auswirkungen von Sport auf Parkinson-Patienten
Sport wirkt sich direkt positiv auf unser Gehirn aus. Er regt die Entstehung von mehr Synapsen an (Verknüpfung von Nervenzellen zum Informationsaustausch untereinander), wirkt entzündungshemmend, verbessert die Durchblutung und vermehrt die Ausschüttung von Botenstoffen.
Speziell bei Parkinson-Symptomen können folgende Verbesserungen auftreten:
- Verbesserte Motorik und Gang (Gangmuster und -geschwindigkeit)
- Verbessertes Gleichgewicht und Koordination
- Bessere Rumpfaufrichtung und verbesserte Kraft
- Verbesserung der Aktivitäten des täglichen Lebens
- Verbesserte psychische Gesundheit und weniger Depressivität
- Weniger Schmerzen
- Höhere Lebensqualität
- Verbesserte Lungenfunktion
Empfohlene Sportarten je nach Erkrankungsstadium
Je nach Erkrankungsstadium sind bestimmte Sportarten mehr oder weniger für die Erkrankten geeignet. Um herauszufinden, welche Sportarten für Sie als Parkinson-Patient geeignet sind, sollten Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten sprechen.
- Stadium I-II: Hier sind alle Sportarten außer ggf. Hochgeschwindigkeitssportarten (z.B. Hochgeschwindigkeitsabfahrt beim Ski) geeignet.
- Stadium III: Auf Sport mit Sturzrisiko wie Tennis sollte ggf. verzichtet werden, es bieten sich aber Wandern, Golf, Tanzen (z.B. Tango), Radfahren, Kraftsport mit 50% Krafteinsatz und weitere an.
- Stadium IV: In Frage kommen (Ski-)Wandern auf ebenem Gelände, (Wasser-) Gymnastik, Laufband, u.U. Schwimmen und leichtes Krafttraining mit Theraband.
- Stadium V: Auch hier profitiert man zum Beispiel von Physiotherapie und passiver Mobilisation.
Beispiele für geeignete Sportarten
- Nordic Walking: Parkinson-Patienten haben häufig Schwierigkeiten, Bewegungen "flüssig" auszuführen und große Schritte zu machen. Nordic Walking kann dabei helfen, die Beinkoordination zu verbessern und Bewegungen zu erleichtern. Auch die Schrittfolge der Patienten kann durch Nordic Walking verbessert werden.
- Fahrrad fahren: Radfahren hilft dabei, die Balance und Koordination der Parkinson-Patienten zu trainieren.
- Schwimmen: Das Trainieren von Bewegungsabläufen fällt im Wasser meist leichter als an Land und kann Parkinson-Patienten helfen, ihre Bein- und Armmuskulatur zu stärken.
- Tanzen: Tanzbewegungen können das Gleichgewicht und Bewegungsabläufe der Patienten verbessern.
- Slackline-Training: Slackline-Training scheint für Parkinson-Patienten ein sinnvolles, einfaches und gleichzeitig herausforderndes Instrument zur Verringerung der Sturzgefahr darzustellen.
- Physiotherapie: Eine physiotherapeutische Behandlung bei Parkinson-Patienten kann helfen, Fehlhaltungen des Körpers vorzubeugen. Außerdem wird die verbliebene Bewegungsfähigkeit der Patienten mithilfe der Physiotherapie gefördert und verloren gegangene Bewegungsabläufe können neu erlernt werden.
Parkinson Übungen im Sitzen
Auch im Sitzen können Parkinson-Patienten Übungen durchführen, um ihre Beweglichkeit zu fördern. Hier sind einige Beispiele:
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- Setzen Sie sich auf den vorderen Teil eines Stuhls und legen Sie Ihre Hände auf die Oberschenkel. Dann neigen Sie Ihren Oberkörper langsam nach vorne und wieder zurück. Wiederholen Sie diese Übung 8-mal. Anschließend bewegen Sie den Oberkörper abwechselnd nach rechts und links und wiederholen Sie diese Übung ebenfalls 8-mal.
- Bei dieser Übung bewegen Sie Ihren Oberkörper nach rechts und heben gleichzeitig das linke Knie an. Dann wiederholen Sie dasselbe mit der linken Seite. Auch diese Übung wiederholen Sie wieder 8-mal.
- Stellen Sie Ihre Beine etwas nach rechts. Nun strecken Sie beide Arme vor dem Körper aus und schwingen Ihre Arme abwechselnd nach links und nach rechts. Wiederholen Sie diese Übung 10-mal. Anschließend stellen Sie Ihre Beine auf die linke Seite und wiederholen Sie das Ganze.
- Lehnen Sie sich mit geradem Rücken an die Stuhllehne. Halten Sie sich mit der rechten Hand an der Sitzfläche fest. Jetzt fassen Sie mit dem linken Arm weit über Ihren Kopf zum rechten Ohr und ziehen Ihren Kopf sanft nach links. Nun machen sie das ganze mit der anderen Seite.
LSVT®BIG-Therapie
Eine speziell für Menschen mit Parkinson entwickelte Methode stellt die LSVT®BIG-Therapie dar, ein intensiver physio- und ergotherapeutischer Therapieansatz mit Fokus auf die Vergrößerung der Bewegungsamplitude der/des Patienten/in, die krankheitsbedingt abnimmt. Die Therapie verläuft nach einem standardisierten Behandlungsplan, der individuell an die Ziele hinsichtlich der Grob- und Feinmotorik sowie an den Schweregrad der Erkrankung und die Bedürfnisse der/des Patienten/in angepasst ist. Für stationäre Aufenthalte bieten Kliniken neben der allgemeinen Physiotherapie auch die LSVT®BIG-Therapie an.
Krafttraining vs. Balance-Training
Eine Studie verglich ein Krafttraining mit einem Balance-Training zur Steigerung der posturalen Kontrolle bei Patienten mit Morbus Parkinson. Die posturale Kontrolle konnte durch Krafttraining - jedoch nicht durch Balance-Training - verbessert werden. Es gab keinen signifikanten Unterschied beim Vergleich der Therapieeffekte beider Trainingsformen. Die Studie zeigt Tendenzen, dass Krafttraining effektiver ist als Balance-Training.
Modulation des Gangbildes
Eine Studie untersuchte, wie sich das Gangbild durch das asymmetrische Gehen auf einem Split-Belt-Laufband modulieren lässt. Nach einer 10-minütigen Phase mit Reduzierung der Bandgeschwindigkeit des Beines mit der größeren Schrittlänge, konnten mehrere Gangvariablen, die in Zusammenhang mit Gangblockaden (Freezing) stehen, verbessert werden.
Wichtige Hinweise
Für die besten Resultate ist ein regelmäßiges Training mit einer Mischung von Kraft- und Ausdauersport mit häufigen Wiederholungen der einzelnen Übungen zu empfehlen. Gerade zu Beginn, aber unbedingt bei fortgeschrittener Erkrankung, sollte man sich professionell anleiten lassen, zum Beispiel durch einen Physio- oder Sporttherapeuten.
Das erfolgreichste Training ist letztendlich das, was man wirklich macht und langfristig beibehält. Probieren Sie daher verschiedene Angebote aus und wählen Sie eine Sportart, die Ihnen Spaß bereitet. Bei korrekter Durchführung ist Sport eine sichere Therapie ohne unerwünschte Nebenwirkungen.
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Slackline-Training im Detail
Slacken ist im Trend. Obwohl es anfangs unmöglich erscheint, stellen sich schnell Erfolge ein und das Gleichgewicht auf dem schmalen Band verbessert sich merklich. Mediziner und Therapeuten stellen sich nun die Frage, ob und welche Effekte ein Slackline-Training bei verschiedenen Personen- oder Patientengruppen haben kann.
Eine Studie verglich Kinder, die über sechs Wochen fünfmal wöchentlich zehn Minuten auf der Slackline übten (Interventionsgruppe), mit einer Kontrollgruppe, die das nicht tat. Untersucht wurde, wie sich das Gleichgewicht, die Sprungfähigkeit und die Aktivität bestimmter Muskeln entwickelte. Wie zu erwarten, war die Interventionsgruppe signifikant besser im ein- und beidbeinigen Stehen auf der Slackline. Die Muskelaktivität des Musculus soleus und tibialis anterior, die für das Beinzittern auf der Line verantwortlich sind, verringerte sich deutlich. Auch das Balancehalten auf dem dünnen Band schafften die Kinder der Interventionsgruppe besser. Auf die Sprungfähigkeit oder das Balancieren rückwärts auf einem Balken hatte das Training jedoch keine Effekte.
In einer weiteren Studie wurde untersucht, ob Slackline-Training das Risiko für Stürze bei Parkinson-Patienten verringern kann. Muskelstarre (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) bis hin zu Bewegungslosigkeit (Akinese), Muskelzittern (Tremor) sowie Haltungsinstabilität (posturale Instabilität) sind Leitsymptome der Erkrankung. Gleichzeitig werden diese Bereiche beim Begehen einer Slackline angesprochen. Eine Interventionsgruppe (zweimal wöchentlich begleitetes Slackline-Training über sechs Wochen) und eine Kontrollgruppe wurden vor Beginn des Trainings, nach dem Interventionszeitraum und vier Wochen nach Beendigung des Trainings auf Center of Pressure (CoP, Druckmittelpunkt), Freezing of Gait (FOG, Einfrieren der Bewegungen) und die Vermeidung von Stürzen mithilfe der Falls Efficacy Scale (FES) untersucht.
Die Interventionsgruppe zeigte signifikante Verbesserungen in FOG und FES nach sechs Wochen Training. Zudem verringerte sich die Angst vor Stürzen deutlich. Slackline-Training scheint für Parkinson-Patienten ein sinnvolles, einfaches und gleichzeitig herausforderndes Instrument zur Verringerung der Sturzgefahr darzustellen. Ein Review kommt zu dem Ergebnis, dass sich, egal ob bei gesunden Kindern, Erwachsenen oder Senioren, vor allem diejenigen Faktoren verbessern, die spezifisch für das Begehen einer Slackline benötigt werden.
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