Die bakterielle Meningitis ist eine schwerwiegende Infektion der Hirnhäute, die durch Bakterien verursacht wird. Da meist auch der äußere Anteil des Gehirns betroffen ist, müsste die korrekte Bezeichnung eigentlich Meningoenzephalitis (kombinierte Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute) lauten. Sie kann sich rasch entwickeln und lebensbedrohlich werden. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden.
Was ist bakterielle Meningitis?
Meningitis bezeichnet eine Entzündung der Hirnhäute (Meningen) und der Rückenmarkshäute. Sie kann durch verschiedene Erreger wie Viren, Bakterien oder Pilze verursacht werden. Die bakterielle Meningitis, um die es in diesem Artikel geht, wird durch Bakterien ausgelöst und ist oft schwerwiegender als die virale Form.
Ursachen und Erreger
Die bakterielle Meningitis wird durch verschiedene Bakterienarten verursacht. Die häufigsten Erreger sind:
- Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae): Sie sind bei Erwachsenen die häufigste Ursache für bakterielle Meningitis (ca. 50 %). Pneumokokken können auch andere Erkrankungen wie Lungenentzündung, Mittelohrentzündung und Nasennebenhöhlenentzündung verursachen.
- Meningokokken (Neisseria meningitidis): Diese Bakterien sind besonders gefährlich, da sie auch eine Blutstrominfektion (Sepsis) mit hoher Sterblichkeit verursachen können. Meningokokken-Erkrankungen treten in Deutschland dank Impfungen selten auf, betreffen aber vor allem Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche. Es gibt verschiedene Serogruppen von Meningokokken (A, B, C, W135, Y), die regional unterschiedlich verbreitet sind.
- Haemophilus influenzae Typ b (Hib): Dank der Impfung gegen Hib ist diese Ursache in Deutschland selten geworden. Die Impfung wird für Säuglinge ab dem 2. Lebensmonat empfohlen.
- Listeria monocytogenes: Diese Bakterien treten vermehrt bei älteren Menschen und bei Personen mit Immunsuppression auf.
- Streptococcus agalactiae (B-Streptokokken): Sie können bei Neugeborenen eine Meningitis verursachen.
- Gramnegative Enterobakterien (z.B. E. coli): Diese Bakterien können ebenfalls bei Neugeborenen eine Meningitis auslösen, besonders nach neurochirurgischen Eingriffen.
- Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis): Verursacht eine spezielle Form der Meningitis, die tuberkulöse Meningitis.
Übertragung und Ansteckung
Die Übertragung der bakteriellen Meningitis erfolgt primär über die Atemwege durch Tröpfcheninfektion. Dies geschieht in der Regel durch direkten Kontakt mit respiratorischen Sekreten eines infizierten oder asymptomatischen Trägers (z. B. beim Husten, Niesen oder Sprechen). Patienten mit Meningokokken-Meningitis sind so lange ansteckend, wie die Bakterien im Nasen-Rachen-Raum ausgeschieden werden, was ohne Behandlung mehrere Tage dauern kann.
Die Inkubationszeit (Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung) beträgt in der Regel zwischen 2 und 10 Tagen, abhängig vom Erreger.
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Risikofaktoren
Einige Faktoren erhöhen das Risiko, an bakterieller Meningitis zu erkranken:
- Alter: Säuglinge und Kleinkinder haben ein unreifes Immunsystem und sind daher anfälliger. Jugendliche haben durch ihre engen sozialen Kontakte ein höheres Ansteckungsrisiko. Auch ältere Menschen sind gefährdet.
- Immunsystem: Menschen mit einem geschwächten Immunsystem (z.B. durch HIV, Krebs oder Immunsuppressiva) haben ein höheres Risiko.
- Zusammenleben: Leben oder Arbeiten mit vielen Menschen erhöht das Ansteckungsrisiko.
- Vorerkrankungen: Pneumonie, paranasale Infektionen, Otitis, Mastoiditis, Zustand nach neurochirurgischer Intervention, Zustand nach Schädel-Hirn-Trauma mit oder ohne Rhinoliquorrhö, Zustand nach Lumbalpunktion.
- Geografische Lage: In bestimmten Regionen (z.B. im afrikanischen Meningitisgürtel) treten Meningokokken-Epidemien häufiger auf.
Symptome
Die Symptome einer bakteriellen Meningitis können vielfältig sein und sich rasch entwickeln. Typische Anzeichen sind:
- Starke Kopfschmerzen
- (Hohes) Fieber (bei Kleinkindern kann auch eine zu niedrige Körpertemperatur auftreten)
- Nackensteifigkeit (Meningismus): Das Beugen des Kopfes zur Brust ist aufgrund von Schmerzen kaum möglich. Bei Säuglingen kann die Nackensteifigkeit fehlen.
- Abgeschlagenheit und Müdigkeit
- Übelkeit und Erbrechen
- Hohe Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Licht (Lichtscheue)
- Verwirrtheit, Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit
- Bei Meningokokken-Infektion: Kleine, punktförmige Flecken an der Haut (Petechien), verursacht durch Blutungen
Bei Säuglingen und Kleinkindern können die Symptome unspezifischer sein, wie z.B.:
- Veränderungen des Verhaltens, der Befindlichkeit und des Ess- und Trinkverhaltens
- Reizbarkeit oder Schläfrigkeit
- Krämpfe
- Aufschreien
- Vorgewölbte oder harte Fontanelle
Notfall: Eine Meningokokken-Erkrankung kann innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden und ist deshalb immer ein Notfall. Rufen Sie bei Verdacht auf eine Meningokokken-Erkrankung den Notarzt oder die Notärztin.
Diagnose
Bei Verdacht auf Meningitis ist eine rasche Diagnose entscheidend. Folgende Untersuchungen werden durchgeführt:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und des Impfstatus.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung der Symptome, insbesondere auf Nackensteifigkeit und Hautausschläge.
- Blutuntersuchung: Bestimmung von Entzündungswerten (Leukozyten, CRP, BSG).
- Lumbalpunktion (Liquorpunktion): Entnahme von Nervenwasser (Liquor) aus dem Wirbelkanal zur Untersuchung auf Erreger und Entzündungszeichen. Die Untersuchung des Liquors umfasst Zellzahl, Zellart, Glukose, Eiweiß, Laktat und muss unbedingt durch eine Gramfärbung und eine Liquorkultur ergänzt werden.
- Bildgebende Verfahren (CT oder MRT): Bei neurologischen Ausfällen, Bewusstseinsstörungen oder Verdacht auf erhöhten Hirndruck vor der Lumbalpunktion erforderlich.
Liquordiagnostik
Die Liquordiagnostik ist von zentraler Bedeutung für die Diagnose der bakteriellen Meningitis. Typische Befunde sind:
- Erhöhte Zellzahl (Pleozytose): Meist neutrophile Granulozyten dominieren.
- Erhöhter Eiweißgehalt
- Erniedrigter Glukosegehalt (im Vergleich zum Blutzucker)
- Erhöhtes Laktat
- Trüber bis eitriger Liquor
- Nachweis von Bakterien durch Gramfärbung und/oder Kultur.
- PCR-Test: Zum Nachweis von Bakterien-DNA im Liquor, besonders bei vorangegangener Antibiotikatherapie.
- Latex-Agglutinationstest: Zum Nachweis von Meningokokken-Antigenen (Sensitivität 50-90%).
Potenzial von C-reaktivem Protein im Liquor
Das C-reaktive Protein (CRP) ist ein etablierter systemischer Entzündungsmarker bakterieller Infektionen. Frühere Untersuchungen zeigten, dass CRP auch im Liquor detektierbar ist und potenziell zur Unterscheidung zwischen bakteriellen und viralen ZNS-Infektionen beiträgt. Die Liquor-CRP-Bestimmung zeigte in Studien eine hohe diagnostische Genauigkeit. Besonders bei niedriger Leukozytenzahl im Liquor (< 1.000/mm³) zeigte sich ein diagnostischer Zusatznutzen. Die Kombination aus CRP- und Leukozytenbestimmung erhöhte die diagnostische Aussagekraft signifikant.
Behandlung
Die bakterielle Meningitis ist ein medizinischer Notfall und muss sofort behandelt werden. Die Behandlung erfolgt in der Regel im Krankenhaus und umfasst:
- Antibiotika: Die wichtigste Maßnahme ist die sofortige Gabe von Antibiotika, um die Bakterien zu bekämpfen. Die Wahl des Antibiotikums richtet sich nach dem vermuteten Erreger und der regionalen Resistenzsituation. Häufig eingesetzte Antibiotika sind Cephalosporine (z.B. Ceftriaxon oder Cefotaxim) und Ampicillin.
- Kortikosteroide: Dexamethason kann zusätzlich verabreicht werden, um die Entzündung zu reduzieren und Komplikationen wie Hörverlust zu vermeiden.
- Symptomatische Behandlung: Fiebersenkende Mittel, Schmerzmittel und Antiemetika (gegen Übelkeit) können zur Linderung der Symptome eingesetzt werden.
- Unterstützende Maßnahmen: Bei Bedarf werden intensivmedizinische Maßnahmen wie Beatmung und Kreislaufstabilisierung durchgeführt.
Isolation und Prophylaxe
Meningokokken-Erkrankte sind bis 24 Stunden nach Beginn der Antibiotika-Therapie ansteckend und werden daher für diese Zeit isoliert. Enge Kontaktpersonen (z.B. Familienmitglieder, Kindergarten- oder Schulkameraden) erhalten vorbeugend eine Antibiotikabehandlung (Chemoprophylaxe), um eine Ausbreitung der Infektion zu verhindern.
Impfung
Impfungen sind ein wichtiger Schutz vor bakterieller Meningitis. In Deutschland sind Impfungen gegen folgende Erreger Bestandteil der von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Grundimmunisierung für Kinder:
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- Haemophilus influenzae Typ b (Hib): Empfohlen ab dem 2. Lebensmonat.
- Pneumokokken: Empfohlen für alle Kinder ab dem 2. Lebensmonat.
- Meningokokken C: Empfohlen für alle Kinder im Alter von 12 Monaten. Eine fehlende Impfung sollte bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken B: Seit 2024 empfiehlt die STIKO allen Säuglingen ab dem Alter von 2 Monaten die Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B mit dem Impfstoff Bexsero. Die Impfung soll bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden.
Zusätzlich empfiehlt die STIKO für Personen mit einem erhöhten Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen eine Impfung mit einem altersgerecht zugelassenen Meningokokken-ACWY-Konjugatimpfstoff sowie mit einem Meningokokken-B-Impfstoff.
Komplikationen
Trotz Behandlung kann die bakterielle Meningitis zu schwerwiegenden Komplikationen führen:
- Hirnschäden: Entzündung und erhöhter Hirndruck können zu dauerhaften Schäden des Gehirns führen, wie z.B. Lähmungen, Krampfanfälle, Lernschwierigkeiten und geistige Behinderung.
- Hörverlust: Eine Schädigung des Innenohrs kann zu Taubheit führen.
- Sehstörungen: Hirnnervenlähmungen können zu Doppelbildern oder anderen Sehstörungen führen.
- Hydrozephalus: Eine Störung des Liquorabflusses kann zu einem Wasserkopf führen.
- Sepsis (Blutvergiftung): Insbesondere bei Meningokokken-Infektionen kann es zu einer lebensbedrohlichen Sepsis kommen.
- Waterhouse-Friderichsen-Syndrom: Eine besonders schwere Form des septischen Schocks mit Einblutungen in die Nebennieren und sehr hoher Letalität.
- Tod: Trotz moderner Behandlungsmethoden kann die bakterielle Meningitis tödlich verlaufen. Die Mortalität variiert je nach Erreger und Alter des Patienten.
Prognose
Die Prognose der bakteriellen Meningitis hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B.:
- Erreger: Einige Erreger (z.B. Pneumokokken) sind mit einer höheren Mortalität verbunden als andere (z.B. Haemophilus influenzae Typ b).
- Alter: Säuglinge und ältere Menschen haben eine schlechtere Prognose.
- Vorerkrankungen: Patienten mit Vorerkrankungen haben ein höheres Risiko für Komplikationen und Tod.
- Zeitpunkt der Diagnose und Behandlung: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung verbessern die Prognose deutlich.
- Komplikationen: Das Auftreten von Komplikationen verschlechtert die Prognose.
Chronische Meningitis
Eine Meningitis, die länger als vier Wochen besteht und persistierende Symptome verursacht, gilt als chronisch. Zu den möglichen Symptomen einer chronischen Meningitis gehören Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Persönlichkeitsveränderungen und Fieber. Auch Hirnnerven-Dysfunktionen wie Hörverlust oder Doppelbilder können auf eine chronische Meningitis hinweisen. Weitere potenzielle Krankheitszeichen sind Hydrocephalus und erhöhter Hirndruck, Krampfanfälle, schlaganfallähnliche Episoden sowie kranielle Neuropathien oder Radikulopathien. Nackensteifigkeit tritt im Gegensatz zur akuten Meningitis selten auf. Kognitive Veränderungen betreffen etwa 40 % der Patienten und sind manchmal das einzige Krankheitszeichen.
Das Ursachenspektrum ist bei der chronischen Meningitis breit. In puncto Infektionen sollte man beachten, dass je nach geographischer Region unterschiedliche Keime vorherrschen. Autoimmunerkrankungen rufen per se entzündliche Prozesse an den Meningen hervor und prädisponieren für opportunistische Infektionen. Neoplasien führen u.U. durch die Aussaat von Tumorzellen zu einer chronischen Meningitis, und schließlich geben manche Tumoren oder Zysten chemische Substanzen in die Zerebrospinalflüssigkeit ab, die eine inflammatorische Reaktion der Meningen hervorrufen. Auch parameningeale Infektionen zählen zu den möglichen Auslösern einer chronischen Meningitis.
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