Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch vielfältige Symptome und Verläufe gekennzeichnet ist. Während die schulmedizinische Behandlung oft auf die Linderung von Symptomen und die Reduzierung von Schüben abzielt, rückt zunehmend ein ganzheitlicher Ansatz in den Fokus, der den Lebensstil der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen eines MS-Patienten, die Bedeutung von Lebensstilstrategien und das Life-SMS-Projekt als eine Initiative, die Betroffenen und Therapeuten eine Plattform für einen aktiven Umgang mit der Erkrankung bietet.
Diagnose und erste Zweifel an der Standardbehandlung
Die Diagnose MS stellt für viele Betroffene einen Wendepunkt dar. So erging es auch dem Autor dieses Artikels, dessen erste Symptome im Jahr 2005 auftraten. Nach anfänglichem Zögern und dem Abklären verschiedener Ursachen führte ein Schub mit starken Gang- und Gefühlsstörungen schließlich zur Diagnose Multiple Sklerose.
Die anfängliche Reaktion vieler Betroffener ist geprägt von der Frage nach dem Warum und dem Vertrauen in die Schulmedizin. Die Pharmaindustrie bietet in dieser Phase oft verlockende Angebote, und Neurologen empfehlen häufig die regelmäßige Verabreichung von Medikamenten wie Interferon. Auch der Autor glaubte zunächst an diesen Ansatz, doch nach etwa fünf Jahren traten Zweifel auf. Trotz regelmäßiger Interferonspritzen und der Einnahme von Medikamenten zur Linderung der Nebenwirkungen verschlechterte sich sein Allgemeinzustand kontinuierlich. Die Empfehlung des Arztes, auf Mitoxantron zu eskalieren, führte schließlich zu einem Umdenken.
Die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und die Suche nach Alternativen
Angesichts der unbefriedigenden Erfahrungen mit der Standardbehandlung begann der Autor, sich intensiver mit neurologischen Autoimmunerkrankungen und der zugrunde liegenden Wissenschaft zu beschäftigen. Als Physiker brachte er die Fähigkeit mit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und wissenschaftliche Ergebnisse zu bewerten. Dabei stellte er fest, dass es kaum Studien gibt, die die multifaktoriellen Einflüsse auf chronische Erkrankungen berücksichtigen. Stattdessen werden oft grobe Eingriffe in das Immunsystem vorgenommen, ohne die individuellen Bedürfnisse des Patienten ausreichend zu berücksichtigen.
Diese Erkenntnis führte zu der Überzeugung, dass es auch anders gehen muss. Bei Recherchen im Internet stieß der Autor auf das Buch von Prof. George Jelinek und Informationen zur OMS-Initiative in Australien. Jelinek beschreibt darin bereits seit vielen Jahren, dass man einer Erkrankung wie der Multiplen Sklerose nur durch einen multimodalen Ansatz beikommen kann, der Ernährung, Sport, Vitamin D, Mikronährstoffe und mentale Stabilisierung umfasst.
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Das Life-SMS-Projekt: Lebensstil-Strategien bei Multipler Sklerose
In den Jahren 2013 und 2014 lernte der Autor den Präventionsmediziner Prof. Jörg Spitz und den Autor Sven Böttcher kennen. Gemeinsam stellten sie fest, dass es in Deutschland an einer zu OMS vergleichbaren Initiative fehlt, die Betroffenen eine umfassende Unterstützung bietet. Vor diesem Hintergrund wurde das Life-SMS-Projekt (Lebensstil-Strategien bei Multipler Sklerose) unter dem Dach der Deutschen Stiftung für Gesundheitsinformation und Prävention initiiert.
Life-SMS soll Betroffenen und Therapeuten eine aktuelle Plattform bieten, die Effekte des Lebensstils auf den Verlauf der Erkrankung transparent macht und es ermöglicht, Änderungen im Lebensstil bewusst und praktisch umzusetzen. Das Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass die Stabilität des Systems Mensch maßgeblich von fünf Säulen beeinflusst wird:
- Ernährung
- Bewegung
- Vitamin D und Sonne
- Mikronährstoffe
- Mentale Stabilisierung
Die medikamentöse Behandlung kann dabei langfristig nur eine unterstützende Funktion haben.
Die eigene MS-Erkrankung als Projekt verstehen
Um den Verlauf der MS positiv zu beeinflussen, ist es wichtig, sich aktiv mit den persönlichen Einflussfaktoren auseinanderzusetzen, die mit dem Auftreten der Erkrankung verbunden sein können. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass es nicht nur einen einzigen Auslöser gibt, sondern dass es sich immer um eine Kombination mehrerer Faktoren handelt. Daher ist es notwendig, an all den Schrauben zu drehen, die mutmaßlich mit der Erkrankung zusammenhängen, um das Immunsystem wieder in Homöostase zu bringen.
Das Pareto-Prinzip (80-zu-20-Regel) kann dabei helfen, sich zunächst auf die wesentlichen Faktoren zu konzentrieren und dann immer weiter zu verfeinern. Aus der Arbeit im Life-SMS-Projekt hat sich das oben genannte Säulenmodell entwickelt, das jedoch noch feiner verästelt ist.
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Grundsätzliche Erkenntnisse und Empfehlungen
Die Fülle an Informationen, Ratschlägen und Kommentaren im Internet kann überwältigend sein. Daher ist es wichtig, die Seriosität der einzelnen Quellen kritisch zu bewerten und sich auf wissenschaftlich fundierte Informationen zu stützen. Auch wenn schulmedizinische Studien nicht alle Aspekte berücksichtigen, liefern sie doch wertvolle Hinweise in Bezug auf Möglichkeiten einer systemischen Behandlung der MS.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Wissenschaft heute sehr viel mehr weiß als das, was in den aktuellen Leitlinien zur MS-Behandlung niedergelegt ist. Da es oft lange dauert, bis neue wissenschaftliche Erkenntnisse Eingang in die medizinische Standardbehandlung finden, ist es ratsam, sich selbstständig über die neuesten Studienergebnisse zu informieren und sich gegebenenfalls an einen Arzt, Therapeuten oder Coach zu wenden, der systemisch arbeitet und auf dem neuesten Stand der Forschung ist.
Systemisches Arbeiten bedeutet, dass sich der Arzt oder die Ärztin nicht ausschließlich an den Symptomen der Erkrankung orientiert, sondern sich auf die Ursachen konzentriert (funktionelle Medizin).
Vitamin D und Sonne
Ein guter Vitamin-D-Serumspiegel (60-90 ng/ml) und regelmäßige Sonnenexposition sind wichtige Faktoren für die Stabilisierung der MS-Erkrankung.
Ernährung und Mikronährstoffe
Eine entzündungshemmende Ernährung, die reich an Mikronährstoffen ist, kann den Verlauf der MS positiv beeinflussen. Dabei sollte man insbesondere auf folgende Punkte achten:
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- Reduktion von raffiniertem Zucker und hochkonzentriertem Fruktose-Mix
- Reduktion von Omega-6-Ölen (Sonnenblumen-, Soja- oder Maiskeimöl etc.)
- Zufuhr von genügend Omega-3-Fettsäuren (fetter Seefisch oder Algenöl)
- Verwendung von Olivenöl in der Küche
- Aufnahme kurzkettiger Fettsäuren über Kokosöl
- Supplementierung mit Magnesium, B-Vitaminen, Alpha-Liponsäure und Pflanzenstoffen (z. B. Kurkuma)
Darmflora
Eine gesunde Darmflora ist entscheidend für ein funktionierendes Immunsystem und kann den Verlauf der MS beeinflussen. Nach Prof. Alessio Fasano gibt es für den Ausbruch einer Autoimmunerkrankung drei notwendige Faktoren:
- genetische Anfälligkeit
- externe Schadstoffe und Schadeinflüsse
- erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (Leaky Gut)
Eine Sensitivität gegenüber Gluten und anderen Weizenproteinen kann dieses Leaky-Gut-Syndrom triggern. Daher kann es sinnvoll sein, einmal 30 Tage auf Gluten und Weizen zu verzichten. Zusätzlich kann man die Supplementierung mit Propionsäure (kurzkettige Fettsäuren) in Betracht ziehen, um eine antientzündliche Darmflora wiederherzustellen.
Bewegung und Sport
Regelmäßige Bewegung und Sport können die Symptome der MS lindern und die Krankheitsprogression beeinflussen. Sport wirkt sich positiv auf das Immunsystem aus, kann die Schubrate reduzieren und schützt das Nervensystem.
Stressmanagement und mentale Stabilisierung
Negativer Stress und chronische Überlastung können den Verlauf der MS negativ beeinflussen. Daher ist es wichtig, Strategien zur Stressbewältigung und mentalen Stabilisierung zu entwickeln. Ansätze wie „Mindfulness Meditation“, Yoga, Qigong etc. können dabei helfen.
Die Rolle der Schulmedizin
Es ist wichtig zu betonen, dass Lebensstilmaßnahmen in vielen Fällen alleine nicht ausreichend sind und Hand in Hand mit medizinischen und pharmakologischen Maßnahmen betrachtet werden müssen. Das Life-SMS-Projekt versteht sich nicht als Ersatz für einen Besuch beim Neurologen, sondern als Ergänzung zur schulmedizinischen Therapie.
Kritik und Kontroversen
Die Hochdosis-Vitamin-D-Therapie nach Prof. Cicero Coimbra ist ein kontrovers diskutierter Behandlungsansatz für MS und andere Autoimmunerkrankungen. Auch das Life-SMS-Projekt und Prof. Jörg Spitz sind nicht unumstritten und werden von einigen kritisch gesehen. Es ist wichtig, sich mit den verschiedenen Meinungen auseinanderzusetzen und sich ein eigenes Bild zu machen.
Fazit
Die Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die einen ganzheitlichen Behandlungsansatz erfordert. Neben der schulmedizinischen Therapie spielen Lebensstilstrategien eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung des Immunsystems und der Verbesserung der Lebensqualität. Das Life-SMS-Projekt bietet Betroffenen und Therapeuten eine Plattform, um sich über die neuesten Erkenntnisse zu informieren und gemeinsam einen aktiven Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln. Es gibt weder Wundermittel noch eine Wunderdiät - die wissenschaftliche Grundlage ist entscheidend. Jede Maßnahme, ob Diät oder Supplementierung mit Mikronährstoffen, ist individuell zu betrachten und zu bewerten.