Prolaktin und Epilepsie: Ein umfassender Überblick über Zusammenhänge, Diagnostik und Therapie

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und reichen von genetischen Faktoren über Hirnschädigungen bis hin zu Stoffwechselstörungen.

Die Diagnose und Behandlung von Epilepsie erfordert eine umfassende Herangehensweise, die neben der Anfallsunterdrückung auch die Berücksichtigung möglicher Begleiterkrankungen und Nebenwirkungen der Therapie umfasst. In diesem Zusammenhang spielt die Bestimmung von Prolaktin, einem Hormon, das von der Hypophyse produziert wird, eine wichtige Rolle.

Laborkontrollen bei Epilepsie: Warum sie wichtig sind

Laborkontrollen sind ein wesentlicher Bestandteil der Betreuung von Menschen mit Epilepsie. Sie dienen verschiedenen Zwecken:

  • Erkennung von Nebenwirkungen antiepileptischer Medikamente: Die medikamentöse Behandlung von Epilepsie ist in der Regel eine Langzeittherapie. Daher ist es wichtig, mögliche Nebenwirkungen der Medikamente auf verschiedene Organsysteme wie Leber, Nieren oder das blutbildende System frühzeitig zu erkennen.
  • Differenzialdiagnostische Abklärung von Anfallsereignissen: Nach einem Anfall können Laborkontrollen wie die Bestimmung von Kreatinkinase, Prolaktin und Laktat helfen, epileptische Anfälle von anderen Anfallsereignissen wie Synkopen oder dissoziativen Anfällen zu unterscheiden.
  • Überwachung der Medikamentenspiegel: Die Bestimmung der Blutspiegel antiepileptischer Medikamente kann hilfreich sein, um die Compliance des Patienten zu überprüfen oder Veränderungen im Stoffwechsel zu erkennen, die die Medikamentenwirkung beeinflussen können.

Prolaktin als diagnostischer Marker bei Anfällen

Die Bestimmung von Prolaktin unmittelbar nach einem Anfallsereignis kann wertvolle Informationen für die Differenzialdiagnose liefern. Nach einem tonisch-klonischen Anfall steigt der Prolaktinwert innerhalb der ersten 20 Minuten an und fällt danach rasch wieder ab. Ein erhöhter Prolaktinwert kann mit hoher Spezifität (bis zu 96 %) auf einen epileptischen Anfall hinweisen und bei der Abgrenzung gegenüber psychogenen Anfällen helfen. Allerdings unterliegt der Prolaktinwert einer zirkadianen Rhythmik, was bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Prolaktinbestimmung nicht zur Abgrenzung eines tonisch-klonischen Anfalls gegenüber einer Synkope geeignet ist. Auch bei einfachen partiellen Anfällen ist die Validität der Prolaktinbestimmung aufgrund unzureichender Daten nicht gesichert.

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Epilepsie und hormonelle Störungen: Ein komplexes Zusammenspiel

Epilepsie kann nicht nur zu Anfällen führen, sondern auch hormonelle Störungen verursachen. Dies liegt daran, dass epileptische Aktivität die Leistung der hypothalamisch-hypophysären Funktionsachse stören kann, die für die Steuerung der Hormonproduktion verantwortlich ist.

Einfluss der Epilepsie auf die Sexualhormone

Bei Frauen mit Epilepsie, insbesondere bei fokalen Epilepsien, können Zyklusstörungen, anovulatorische Zyklen und ein erhöhtes Risiko für das polyzystische Ovariensyndrom (PCOS) auftreten. Dies wird auf die Fortleitung epileptischer Aktivität zu hypothalamischen Neuronen zurückgeführt, wodurch die Hormonsekretion gestört wird.

Die ovariellen Steroidhormone Östradiol und Progesteron können ebenfalls die Manifestation epileptischer Anfälle beeinflussen. Östradiol wirkt anfallsfördernd, während Progesteron anfallshemmend wirkt. Bei manchen Frauen mit Epilepsie kann es daher zu einer Zunahme der Anfälle während bestimmter Phasen des Menstruationszyklus kommen, insbesondere periovulatorisch oder prämenstruell (katameniale Epilepsie).

Einfluss antiepileptischer Medikamente auf die Sexualhormone

Antiepileptika können ebenfalls den Hormonstoffwechsel beeinflussen, indem sie den Abbau der ovariellen Steroidhormone beschleunigen oder verlangsamen. Enzyminduzierende Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital können die Bildung von Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG) erhöhen, was zu einer Verminderung des bioaktiven Testosterons und Östradiols führen kann. Valproat hingegen kann den Abbau von Testosteron verzögern und zu einem Anstieg der Testosteron-Serumkonzentration führen.

Hormonelle Störungen bei Männern mit Epilepsie

Auch Männer mit Epilepsie können von hormonellen Störungen betroffen sein. So können Libidoverlust, Impotenz und Infertilität auftreten. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Männern mit Temporallappenepilepsie ein Hypogonadismus (verminderte Testosteronproduktion) häufiger vorkommt.

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Enzyminduzierende Antiepileptika können die gonadale Testosteronsynthese direkt unterdrücken, die Testosteronbindung durch Induktion der SHBG-Synthese erhöhen und die Serumöstradiolspiegel erhöhen. Psychosozialer Stress kann ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung eines Hypogonadismus spielen.

Therapieansätze bei hormonellen Störungen im Zusammenhang mit Epilepsie

Die Behandlung von hormonellen Störungen im Zusammenhang mit Epilepsie erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sowohl die Anfallskontrolle als auch die hormonelle Balance berücksichtigt.

Hormonelle Therapie bei Frauen mit Epilepsie

Bei Frauen mit katamenialer Epilepsie können Gestagene zusätzlich zur antiepileptischen Therapie eingesetzt werden, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren. In der Menopause kann eine Hormonersatztherapie mit Östrogenen oder einer Kombination mit Gestagenen in Erwägung gezogen werden, wobei jedoch das Risiko einer Zunahme der Anfallsfrequenz berücksichtigt werden muss.

Bei Frauen mit PCOS kann eine Behandlung mit Metformin oder Antiandrogenen sinnvoll sein, um die hormonelle Balance wiederherzustellen und die Symptome des PCOS zu lindern.

Hormonelle Therapie bei Männern mit Epilepsie

Bei Männern mit Hypogonadismus kann eine Testosteron-Ersatztherapie in Erwägung gezogen werden, um die Testosteronspiegel zu normalisieren und die Symptome des Testosteronmangels zu verbessern.

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Auswahl des geeigneten Antiepileptikums

Bei der Auswahl des geeigneten Antiepileptikums sollten die potenziellen Auswirkungen auf den Hormonstoffwechsel berücksichtigt werden. Antiepileptika, die den Hormonstoffwechsel weniger beeinflussen, wie Lamotrigin, sollten bevorzugt werden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Behandlung von hormonellen Störungen im Zusammenhang mit Epilepsie erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Endokrinologen und Gynäkologen bzw. Andrologen.

Fazit

Die Zusammenhänge zwischen Prolaktin, Epilepsie und hormonellen Störungen sind komplex und vielfältig. Die Bestimmung von Prolaktin kann ein wertvoller Baustein in der Diagnostik von Anfallsereignissen sein. Bei Frauen und Männern mit Epilepsie können hormonelle Störungen auftreten, die die Lebensqualität beeinträchtigen können. Eine individuelle Therapie, die sowohl die Anfallskontrolle als auch die hormonelle Balance berücksichtigt, ist entscheidend für eine optimale Versorgung der Betroffenen.

Wichtige Hinweise für Patienten und Angehörige

  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über mögliche hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit Ihrer Epilepsie.
  • Achten Sie auf Symptome wie Zyklusstörungen, Libidoverlust, Impotenz oder Gewichtszunahme.
  • Nehmen Sie Ihre Medikamente regelmäßig und in der verordneten Dosis ein.
  • Informieren Sie Ihren Arzt über alle Medikamente, die Sie einnehmen, einschließlich rezeptfreier Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
  • Suchen Sie bei Bedarf professionelle Hilfe bei einem Endokrinologen oder Gynäkologen/Andrologen.

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