Die Post-Zoster-Neuralgie (PZN) ist eine der häufigsten und belastendsten Komplikationen nach einer Gürtelrose (Herpes Zoster). Sie äußert sich durch anhaltende Nervenschmerzen im betroffenen Hautbereich, die auch nach Abheilen des Hautausschlags bestehen bleiben können. Diese Schmerzen können so stark sein, dass sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und eine spezifische Behandlung erfordern.
Was ist Post-Zoster-Neuralgie?
Definition und Hintergrund
Gürtelrose, medizinisch Zoster genannt, ist eine Erkrankung, die durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht wird. Dieses Virus ist auch für Windpocken (Varizellen) verantwortlich. Nach einer durchgemachten Windpockenerkrankung verbleibt das Virus inaktiv in den Nervenzellen (Ganglien) des Körpers. Unter bestimmten Bedingungen, wie z. B. einer Schwächung des Immunsystems, kann das Virus reaktiviert werden und eine Gürtelrose verursachen.
Meistens heilt die Gürtelrose innerhalb weniger Wochen von selbst aus. In manchen Fällen führt sie jedoch zu monatelangen Schmerzen, selbst wenn der Hautausschlag verschwunden ist. Wenn die Schmerzen mehr als drei Monate nach dem Beginn einer akuten Gürtelrose bestehen bleiben, spricht man von einer Post-Zoster-Neuralgie.
Symptome
Nach einer Gürtelrose halten die Schmerzen im betroffenen Gebiet oft mehrere Monate an. Die Schmerzen, die sehr stark sein können, werden oft als brennend beschrieben und befallen die Bereiche, die vom Ausschlag bedeckt waren; sie können sich aber auch darüber hinaus ausbreiten. Die Schmerzen treten häufig plötzlich auf, ähnlich wie ein Stromschlag.
Im betroffenen Hautbereich kann sich eine ungewöhnlich hohe Empfindlichkeit entwickeln. In vielen Fällen lösen bereits leichte Berührungen starke Schmerzen aus. Bei einigen Personen sind die Beschwerden mäßig, während andere über starke Schmerzen klagen. Die Lebensqualität kann durch die Schmerzen erheblich reduziert werden.
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Weitere typische Symptome der Post-Zoster-Neuralgie sind:
- Anhaltende brennende oder bohrende Schmerzen
- Plötzlich einschießende Schmerzen
- Heftige Schmerzen bei Berührung (Allodynie)
- Missempfindungen wie Juckreiz oder Taubheitsgefühle
Die Schmerzen und Missempfindungen treten in der Regel im Bereich der vorangegangenen Gürtelrose auf, meist am Rumpf, manchmal auch an einem Arm oder im Gesicht. Die Haut ist an diesen Stellen oft überempfindlich, sodass bereits leichte Berührungen als schmerzhaft empfunden werden.
Ursachen und Risikofaktoren
Ursachen
Eine frühere Windpockenerkrankung ist die Voraussetzung, um Gürtelrose und somit auch eine Post-Zoster-Neuralgie entwickeln zu können. Nach Abklingen der Windpocken bleibt das Virus latent im Körper und „ruht“ in den Nervenknoten der Wirbelsäule (Spinalganglien) oder des Gehirns. Unter bestimmten Umständen, z. B. bei einer Schwächung des Immunsystems, können die Viren wieder aktiv werden.
Wird das Virus reaktiviert, wandert es entlang einer Nervenbahn zur Haut und verursacht dort den typischen Hautausschlag der Gürtelrose. Dabei können die Nervenzellen geschädigt werden, was zu den anhaltenden Schmerzen der Post-Zoster-Neuralgie führen kann. Es kommt zur Entzündung des Nervengewebes mit struktureller und biochemischer Veränderung.
Risikofaktoren
Mehrere Faktoren können das Risiko erhöhen, nach einer Gürtelrose eine Post-Zoster-Neuralgie zu entwickeln:
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- Höheres Alter: Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter.
- Starke Schmerzen während der akuten Gürtelrose: Personen, die während der akuten Gürtelrose unter besonders starken Schmerzen litten, haben ein höheres Risiko.
- Starker Ausschlag: Ein besonders starker Hautausschlag erhöht das Risiko.
- Schmerzen vor Ausbruch des Ausschlags: Wenn bereits einige Zeit vor Ausbruch des Ausschlags Schmerzen auftraten, ist das Risiko für eine PZN erhöht.
- Zoster ophthalmicus: Eine Gürtelrose, die das Auge betrifft (Zoster ophthalmicus), ist mit einem höheren Risiko für eine PZN verbunden.
- Weibliches Geschlecht: Frauen scheinen häufiger von länger anhaltenden Nervenschmerzen betroffen zu sein als Männer.
- Immunschwäche: PatientInnen mit einer Immunschwäche haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Zoster, eine kutane und/oder systemische Dissemination und/oder eine schwere postzosterische Neuralgie.
Diagnose
In der Regel kann die Diagnose aufgrund der Krankengeschichte (Anamnese) gestellt werden. Ärzt*innen können spezielle Fragebögen einsetzen, um die Symptome zu erfassen. Die Stärke der Schmerzen kann mit einer Schmerzintensitätsskala erhoben werden.
Wichtige Fragen bei der Diagnose sind:
- Wie lange dauern die Schmerzen bereits an?
- Hatten Sie vor einigen Wochen oder Monaten an der entsprechenden Stelle bereits einen schmerzhaften Hautausschlag - eine Gürtelrose?
- Wie ist Ihr Impfstatus?
- Wie stark sind die Schmerzen?
Anschließend untersucht die medizinische Fachperson das betroffene Hautareal nach Rötungen, Pusteln oder Narben und prüft, wie berührungsempfindlich die Haut ist. In unklaren Fällen kann eine Blutuntersuchung durchgeführt werden, um die Entzündungswerte und eventuell spezielle Antikörper gegen das Varicella-Zoster-Virus zu bestimmen. Wenn noch andere Ursachen für die Nervenschmerzen in Frage kommen, kann eine Überweisung in eine Fachpraxis für Neurologie erfolgen.
Behandlung
Das Ziel der Behandlung ist es, die Schmerzen zu lindern, die Dauer der Nervenschmerzen zu verkürzen und dadurch die Lebensqualität zu verbessern. Da die Nervenschäden, die zur Post-Zoster-Neuralgie führen, nicht rückgängig gemacht werden können, zielt die Therapie darauf ab, die Symptome zu lindern.
Die Behandlung richtet sich danach, wie schwer die Symptome sind. Es kann sein, dass Sie nach ärztlicher Rücksprache mehrere Wirkstoffe und Dosierungen ausprobieren müssen, bis Sie die passende Therapie finden.
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Medikamentöse Therapie
Verschiedene Medikamente können zur Behandlung der Post-Zoster-Neuralgie eingesetzt werden:
- Lokale Behandlung: Ein Lokalanästhetikum (Lidocain) kann als Salbe oder Pflaster auf den schmerzenden Bereich aufgetragen werden. Eine weitere Alternative ist die Verwendung eines hochdosierten Capsaicin-Pflasters. Dieser Wirkstoff ist betäubend und schmerzlindernd.
- Schmerzmittel: Bei leichten Beschwerden können einfache Schmerzmittel (z. B. Paracetamol) eingenommen werden. In einigen Fällen werden starke, verschreibungspflichtige Schmerzmittel (Opioide) eingesetzt.
- Antiepileptika: Nervenschmerzen können mit Antiepileptika wie Pregabalin oder Gabapentin behandelt werden. Die Dosis wird langsam gesteigert, bis eine ausreichende Schmerzlinderung erreicht ist. Die Behandlung sollte mindestens 3-6 Wochen fortgeführt werden.
- Antidepressiva: Antidepressiva können ebenfalls zur Behandlung von Nervenschmerzen eingesetzt werden. Sie hemmen die Schmerzweiterleitung zum Gehirn und dämpfen die Erregbarkeit der betroffenen Nerven.
- Kortikosteroide: Selten wird auch eine vorbeugende Behandlung mit Kortison empfohlen. Kortison kann als Tablette eingenommen oder in einen Muskel gespritzt werden.
Welcher Wirkstoff und welche Kombination geeignet ist, hängt von der Stärke der Schmerzen ab und davon, wie man die Medikamente verträgt. Deshalb ist es sehr wichtig, der Ärztin oder dem Arzt möglichst genau zu beschreiben, wie stark die Schmerzen sind, wie die Mittel wirken und ob es Nebenwirkungen gibt.
Weitere Maßnahmen
Besonders bei langwierigen Verläufen wird eine sogenannte multimodale Schmerztherapie empfohlen. Dann können auch nichtmedikamentöse Verfahren (z. B. Psychotherapie, Physiotherapie, Entspannungstechniken) angewandt werden.
Einige Betroffene profitieren auch von der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS), bei der mithilfe von Elektroden auf der Haut die Nerven mit Stromimpulsen angesprochen werden. Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit dieses Verfahrens fehlen allerdings noch.
Stufenschema der Behandlung
Bei der Post-Zoster-Neuralgie kann nach folgendem (unverbindlichen) therapeutischen Stufenplan vorgegangen werden:
- Stufe: Gabe eines Antidepressivums. Die Wirkstoffe dieser Gruppe unterdrücken u.a. die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Die Schmerzlinderung setzt nach einigen Tagen bis zwei Wochen ein.
- Stufe: Antikonvulsiva sind Medikamente gegen Krampfanfälle. Sie dämpfen die Erregbarkeit von Nervenzellen und wirken daher auch bei Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose. Begleitend kann eine Capsaicin-Creme auf die Haut aufgetragen werden.
- Stufe: Verabreichung schwacher Opioide. Die schmerzlindernden Opioide wirken nicht bei allen Patienten, es kommt daher auf einen Therapie-Versuch an. Begleitend kann eine TENS-Behandlung durchgeführt werden.
- Stufe: Starke Schmerzmittel. Diese starken Schmerzmittel kommen wegen ihres Sucht-Potenzials nur selten zum Einsatz, sind aber sehr effektiv.
Bei anhaltenden Schmerzen, die sich durch die Therapie nicht bessern, wird die Mitbehandlung durch Schmerzspezialist*innen empfohlen.
Prävention
Impfung gegen Gürtelrose
In Deutschland sind zwei Impfstoffe gegen Gürtelrose für Personen ab 50 Jahren zugelassen und verfügbar. Die Impfung mit dem Totimpfstoff ist von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Personen über 60 Jahre empfohlen. Für Patient*innen mit einer Immunschwäche oder einer chronischen Grunderkrankung empfiehlt die STIKO die Gürtelrose-Impfung bereits ab 50 Jahren. Die Impfung wird von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.
Die Impfung von Säuglingen gegen Windpocken reduziert nachweislich das Vorkommen sowohl von Windpocken als auch von Gürtelrose bei Kindern.
Frühzeitige Behandlung der Gürtelrose
Eine frühzeitige Behandlung der Gürtelrose mit antiviralen Medikamenten wird empfohlen, um das Risiko einer Post-Zoster-Neuralgie zu verringern. Die Behandlung sollte möglichst innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der Hautveränderungen bzw. so lange noch frische Bläschen vorhanden sind, begonnen werden.
Frühzeitige Schmerztherapie
Eine frühzeitige Schmerztherapie wird empfohlen, um chronischen Schmerzen vorzubeugen. Der Schmerz wird von vornherein behandelt wie ein neuropathischer Schmerz.