Die Parkinson-Krankheit, nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland, stellt die Forschung vor große Herausforderungen. Das Radboud University Medical Center (Radboudumc) in Nijmegen, Niederlande, leistet hier Pionierarbeit, insbesondere im Bereich der individualisierten Therapieansätze und der Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsprojekte, Therapieansätze und die Bedeutung einer interdisziplinären Versorgung von Parkinson-Patienten.
Parkinson: Eine vielschichtige Erkrankung
Die Parkinson-Krankheit ist eine chronische Erkrankung, die durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn verursacht wird. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine ausführliche ärztliche Anamnese und eine klinische neurologische Untersuchung. Obwohl die Krankheit am häufigsten zwischen dem 50. und 79. Lebensjahr diagnostiziert wird, treten bei 5 bis 10 Prozent der Betroffenen bereits vor dem 40. Lebensjahr Symptome auf. Männer haben ein höheres Risiko, an Parkinson zu erkranken als Frauen.
Innovative Projekte für eine bessere Versorgung
Das Innovationsfonds-Projekt INSPIRE-PNRM+ des ParkinsonNetz RheinMain+ zielt auf eine optimierte, effektive und bedarfsgerechte Versorgung von Parkinson-Patienten ab. Dabei werden neue Therapieansätze und Versorgungsmodelle entwickelt und erprobt.
Ein weiteres wegweisendes Projekt ist "MoveIT" des European Institute of Innovation and Technology Health (EIT Health), das unter der Federführung des Universitätsklinikums Erlangen in Zusammenarbeit mit dem Radboudumc und anderen europäischen Partnern durchgeführt wird. Ziel ist die telemedizinische Analyse von Gangbesonderheiten und Stürzen von Parkinson-Patienten mithilfe von Sensoren in Schuhen und am Oberkörper. Bei drohenden Stürzen sollen Patienten oder Betreuer rechtzeitig gewarnt werden. Die erfassten Daten sollen auch für weitere Forschungsprojekte zur interdisziplinären Versorgung genutzt werden.
Die Bedeutung der Kompensationsstrategien bei Gangstörungen
Bewegungsstörungen sind eine häufige Symptomatik bei Parkinson. Neben Rigor, Tremor, Brady- und Hypokinese sowie posturaler Instabilität können auch Gangstörungen vorkommen. Im Verlauf der Erkrankung können Freezing of Gait (FOG)-Blockaden auftreten - eine plötzlich einsetzende und wenige Sekunden andauernde Blockade des Ganges. Gangstörungen schränken die Mobilität der Patienten ein, die Angst vor Stürzen steigt. Viele Patienten bewegen sich deshalb weniger. Dabei bedingen sich Angst und Immobilität gegenseitig. Die Lebensqualität der Betroffenen sinkt.
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Bei Gangstörungen zeigen dopaminerge Medikamente und die tiefe Hirnstimulation nur eine moderate Wirkung. Die Anwendung von Kompensationsstrategien zur Gangverbesserung gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Oft eignen sich die Patienten selbstständig solche Kompensationsstrategien an, beispielsweise Laufen im Takt von Musik, Zählen während dem Laufen oder Rückwärtsgehen.
Wissenschaftlich untersucht wurden diese Strategien zur Gangverbesserung bislang kaum systematisch. Meist handelt es sich um Fallberichte. Lediglich die Wirkung von externen Schrittmachern - sogenannten externen Cueings - durch äußere visuelle, akustische oder taktile Reize, wurde bislang systematisch untersucht.
Eine Studie aus den Niederlanden untersuchte sieben Strategien zur Gangverbesserung bei über 4.000 Parkinson-Patienten. Die Strategien umfassten: externe Anhaltspunkte (auf einer Linie laufen, Takt eines Metronoms nutzen), interne Anhaltspunkte (in Gedanken beim Laufen mitzählen), Veränderung des mentalen Zustandes (Atemübungen, Entspannungstechniken), Bewegungsabläufe beobachten oder vorstellen, neue Bewegungsmuster anwenden (hüpfen, rückwärtslaufen) und die Verwendung anderer Bewegungsformen (Fahrradfahren, krabbeln). Ein Ergebnis dieser Studie war, dass nicht jede Strategie für alle Patienten gleich gut wirkt. Demnach ist ein individuell angepasstes Vorgehen notwendig.
Eine Folgestudie des Radboud University Medical Centre Nijmegen untersuchte, wie dieser individualisierte Ansatz aussehen kann. Ziel war die Erhebung der Patientensicht bezüglich Wirksamkeit und Anwendbarkeit fünf unterschiedlicher Kompensationsstrategien, die Quantifizierung der Wirkung dieser Strategien auf sogenannte spatiotemporale Gangparameter (u.a. Schrittlänge und -zeit) und die Evaluierung von Patientencharakteristika, die mit der Wirksamkeit der Strategien zusammenhängen.
Insgesamt gingen 101 Teilnehmer in die Studie ein (51 Frauen; medianes Alter 66 Jahre). Die Wirkung der verschiedenen Strategien zur Gangverbesserung variierten stark zwischen den Teilnehmern. Teilnehmer mit einer stärkeren Gangvariabilität bei der Baseline-Erhebung zeigten deutlichere Verbesserungen durch die Kompensationsstrategien. Patienten ohne FOG, mit niedrigeren MDS-UPDRS III Scores, besserem Gleichgewicht und höherer Aufmerksamkeit zeigten eine stärkere Verbesserung der Gangvariabilität. Bei Patienten mit einem höheren MoCA-Score erwies sich die externe Stimulation als besonders wirksam.
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Die Studienergebnisse unterstützen den Einsatz von Kompensationsstrategien zur Gangrehabilitation bei Parkinson. Gleichzeitig unterstreichen sie die Bedeutung einer individuellen Herangehensweise. Nicht jede Strategie zeigte bei allen Patienten die gleiche Wirksamkeit.
Sehstörungen bei Parkinson: Ein oft übersehenes Problem
Neben den motorischen Symptomen leiden viele Parkinson-Patienten auch unter Sehstörungen. Eine Studie mit 848 Parkinson-Patienten und einer Kontrollgruppe von 250 nicht an Parkinson erkrankten Menschen ergab, dass 82 Prozent der Patienten über mindestens ein Augenproblem berichteten, verglichen mit nur 48 Prozent in der Kontrollgruppe. Zu den häufigsten Beschwerden zählten trockene Augen, Augenfehlstellungen und latentes Schielen. Betroffene gaben subjektiv mehr Beschwerden im Alltag aufgrund der Sehstörung an, vor allem beim Lesen, Autofahren und Arbeiten am Bildschirm.
"Für Menschen mit Parkinson ist es besonders wichtig, die bestmögliche Sehkraft zu haben, weil sie dazu beitragen kann, die durch die Krankheit verursachten Bewegungsprobleme zu kompensieren und das Sturzrisiko zu verringern", so Studienautor Carlijn D.J.M. Borm. Sie betont, dass Parkinson-Patienten, die Augenprobleme äußern, zur weiteren Abklärung an einen Spezialisten überwiesen werden sollten.
Parkinson bei Frauen: Spezifische Herausforderungen
Die Parkinson-Krankheit kann Frauen anders beeinflussen als Männer. Annelien Oosterbaan, Forscherin am Radboudumc und selbst von Parkinson betroffen, setzt sich dafür ein, die spezifischen Herausforderungen von Frauen mit Parkinson besser zu verstehen. Sie kämpft mit der Stigmatisierung und dem Bild der Parkinson-Krankheit, das immer noch das Bild des alten, zittrigen weißen Mannes ist.
Oosterbaan betont, dass es bei Frauen mit Parkinson ein zyklisches Muster der Symptome geben kann, das mit dem Menstruationszyklus zusammenhängt. Sie vermutet, dass der Östrogenabfall vor der Menstruation für eine Verschlechterung der Symptome verantwortlich sein könnte. Auch Schwangerschaft kann einen Einfluss auf den Verlauf der Parkinson-Krankheit haben.
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Um die Wissenslücke in Bezug auf Schwangerschaft und Parkinson zu schließen, hat Oosterbaan das internationale Schwangerschafts- und Parkinson-Register www.pregspark.com ins Leben gerufen. Frauen mit Parkinson können dort Informationen über den Verlauf ihrer Schwangerschaft und die Auswirkungen auf ihre Parkinson-Symptome teilen.
Oosterbaan plant, klinische Studien zum Thema des zyklischen Musters und des hormonellen Einflusses auf Parkinson-Symptome bei Frauen durchzuführen. Sie betont die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit, um ausreichend große Fallzahlen zu erreichen.
Individualisierte Therapie und interdisziplinäre Versorgung
Die Forschung am Radboudumc und anderen Einrichtungen zeigt, dass eine individualisierte Therapie und eine eng vernetzte interdisziplinäre Versorgung entscheidend sind, um die Lebensqualität von Parkinson-Patienten zu verbessern. Dazu gehört die Berücksichtigung der individuellen Symptome, Bedürfnisse und Lebensumstände des Patienten.
Eine wichtige Rolle spielen dabei auch nicht-medikamentöse Therapieverfahren und Smartphone-Applikationen, die den Patienten im Alltag unterstützen können.
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