Redeflussstörungen bei Epilepsie: Ursachen, Diagnose und Therapie

Einführung

Redeflussstörungen umfassen eine Vielzahl von Beeinträchtigungen, die den Redefluss oder die Sprechmotorik betreffen. Diese Störungen können psychologische, neurologische oder strukturelle Ursachen haben und sich in unterschiedlichen Formen äußern. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Zusammenhang zwischen Redeflussstörungen und Epilepsie, da neurologische Erkrankungen wie Epilepsie eine wichtige Rolle in der Pathogenese von Sprechstörungen spielen können.

Formen von Sprechstörungen

Sprechstörungen äußern sich vielfältig und können verschiedene Aspekte der Sprachproduktion beeinträchtigen:

  • Artikulationsstörungen: Diese betreffen die Artikulation der Sprache und führen zu einer beeinträchtigten Sprachproduktion. Beispiele hierfür sind Dysarthrie und Dysglossie.
  • Logophobie: Die Sprechangst ist oft psychologisch bedingt und tritt bei Menschen auf, die Angst vor dem Sprechen haben, insbesondere in sozialen Situationen.
  • Mutismus: Hierbei handelt es sich um eine Stummheit, obwohl die Sprechorgane intakt sind. Selektiver Mutismus tritt häufig im Rahmen von Depression, Demenz oder Stupor auf.
  • Poltern: Diese Störung äußert sich durch überhastetes und undeutliches Reden.
  • Stottern: Das Stottern ist gekennzeichnet durch Wiederholungen, Blockaden und Verlängerungen von Lauten. Hier spielen neurologische und psychosoziale Faktoren eine Rolle.
  • Dysarthrie: Diese erworbene Sprechstörung ist auf eine Störung der Sprechmotorik zurückzuführen. Ursachen können neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Parkinson sein.
  • Dysglossie: Diese Störung entsteht durch Anomalien der Artikulationsorgane, wie der Zunge oder des Gaumens.
  • Dyslalie (Stammeln): Hierbei handelt es sich um eine Fehlbildung einzelner Laute, die durch eine mangelhafte motorische Steuerung der Artikulationsorgane bedingt ist.

Ursachen von Sprechstörungen

Die Pathogenese der Sprechstörungen umfasst eine Vielzahl von Faktoren:

  • Neurologische Ursachen: Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson oder Motoneuronerkrankungen können zu Sprechstörungen führen. Auch Myasthenia gravis, eine seltene neurologische Autoimmunerkrankung, kann Sprachstörungen verursachen.
  • Psychologische Ursachen: Sprechangst (Logophobie) und Mutismus können psychologisch bedingt sein.
  • Strukturelle Ursachen: Anomalien der Artikulationsorgane (Dysglossie) können Sprechstörungen verursachen.
  • Zerebrovaskuläre Ereignisse: Sprachstörungen, insbesondere Aphasien, entstehen in den meisten Fällen durch zerebrovaskuläre Erkrankungen wie einen Schlaganfall, der zu Schädigungen in den sprachrelevanten Hirnarealen führt.
  • Genetische Einflüsse: Genetische Einflüsse gelten als wesentliche Ursache für umschriebene Sprachentwicklungsstörungen.
  • Hirnschädigungen: Hirnschädigungen, seien sie entzündlich, traumatisch, toxisch, ischämisch oder aus anderen Gründen, können ebenfalls Sprechstörungen verursachen.

Sprechstörungen und Epilepsie

Ein besonderer Zusammenhang besteht zwischen Sprechstörungen und Epilepsie. Das Landau-Kleffner-Syndrom, eine erworbene Aphasie mit Epilepsie, wird in der ICD-10 den umschriebenen Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache zugewiesen. Nach zuvor normaler Sprachentwicklung verliert das Kind rezeptive und expressive Sprachfertigkeiten.

Rolando-Epilepsie und Sprechstörungen

Bei der Rolando-Epilepsie, einer Form der Epilepsie, treten die Anfälle meist nur in der Nacht auf. Symptome wie Pipi im Bett, Müdigkeit am Morgen, Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen könnten mit nächtlichen Anfällen zusammenhängen. Auch nächtliches Zucken, Schmatzen und Kauen können Anzeichen für epileptische Aktivität sein.

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Aphasie: Eine spezielle Form der Sprachstörung

Die Aphasie ist eine durch Krankheit erworbene Sprachstörung, die das Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben beeinträchtigt. Häufigste Ursache ist ein Schlaganfall oder eine andere Schädigung des Gehirns.

Ursachen der Aphasie

Eine Aphasie tritt nach Schädigungen oder Erkrankungen des Gehirns auf, wie z.B.:

  • Schlaganfall (verursacht 80 Prozent der Aphasien)
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Tumoren
  • Hirnblutungen
  • Entzündungen
  • Weitere Erkrankungen des zentralen Nervensystems

Formen der Aphasie

Um die Vielzahl möglicher sprachlicher Symptome im klinischen Alltag besser einordnen und behandeln zu können, werden bestimmte sprachliche Symptome zu Bündeln (Syndromen) zusammengefasst. Am häufigsten finden sich die folgenden vier Standardsyndrome der Aphasie:

  • Globale Aphasie: Die schwerste Form einer Aphasie. Die Betroffenen können kaum oder gar nicht sprechen. Die Störung beeinträchtigt ebenso das Sprachverständnis und in der Regel auch die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.
  • Broca-Aphasie (motorische Aphasie): Die Betroffenen können nicht flüssig sprechen und keine kompletten Sätze bilden. Typisch ist ein sogenannter „Telegrammstil“ der Sprache. Das Sprachverständnis ist dagegen in der Regel weitgehend ungestört.
  • Wernicke-Aphasie: Der Redefluss ist gut erhalten, manchmal sogar gesteigert. Dagegen ist das Sprachverständnis und häufig auch das Störungsbewusstsein für die Sprachstörung stärker beeinträchtigt. Die Betroffenen verstehen häufig auch einfache Wörter nicht. Das bedeutet, sie können zwar flüssig sprechen, das Gesprochene aber nicht mit Inhalt füllen.
  • Amnestische Aphasie: Hauptsymptom sind Wortfindungsstörungen. Die Betroffenen zeigen ein gutes Störungsbewusstsein und versuchen Fehler zu korrigieren. Häufig werden Statthalterwörter wie „Ding“, „das da“ oder „es“ verwendet.

Diagnose von Sprechstörungen

Die Diagnose von Sprechstörungen umfasst verschiedene Schritte:

  • Anamnese: Der Logopäde klärt im Erstgespräch, welche Probleme genau vorliegen, seit wann sie bestehen und ob körperliche Ursachen bekannt sind.
  • Untersuchungen: Verschiedene Untersuchungen klären, wie es um die Sprachfähigkeiten steht. Diese ermöglichen es den Logopäden, die vorliegende Störung genau zu analysieren und einzuordnen.
  • Neurolinguistische/logopädische und neuropsychologische Diagnostik: Im Rahmen dieser Diagnostik werden die folgenden Bereiche der Sprachfunktion untersucht: Lautstruktur (Phonologie), Wortgestalt (Morphologie), Satzbau (Syntax), Wort- und Satzbedeutung (Semantik), Sprachverständnis, Störungen des Lesens (Dyslexie), Störungen des Schreibens (Dysgraphie), Störungen von Sprechbewegungen (Sprechapraxien), Störungen der Artikulation, der Stimmgebung und der Sprechatmung (Dysarthrophonie).
  • EEG: Bei Verdacht auf Epilepsie kann ein EEG (Elektroenzephalogramm) durchgeführt werden, um die Hirnströme zu messen und epileptische Aktivität festzustellen. Ein Schlaf-EEG kann nächtliche Anfälle aufdecken.
  • MRT: Ein MRT (Magnetresonanztomographie) kann durchgeführt werden, um strukturelle Veränderungen im Gehirn auszuschließen.

Therapie von Sprechstörungen

Die Therapie von Sprechstörungen ist individuell und entwicklungsspezifisch konzipiert. Sie zielt darauf ab, die Kommunikationsfähigkeit zu stärken oder zu verbessern.

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Logopädie

Die Logopädie ist eine medizinische Fachdisziplin, die sich mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Hör- und Schluckstörungen bei Kindern und Erwachsenen beschäftigt. Die Therapie umfasst:

  • Übungen zur Aussprache von Wörtern und Lauten
  • Atemübungen
  • Gezielte Stimmtherapie
  • Lese- und Schreibübungen
  • Verbesserung der Artikulation, der Sprechmotorik und des Redeflusses

Aphasietherapie

Ziel der Aphasietherapie ist es, die Kommunikationsfähigkeit so gut es geht zu verbessern und vorhandene Fähigkeiten zu fördern. Die Therapie kann folgende Module umfassen:

  • Sprachtherapie (Logopädie und/oder Linguistik) inkl. computerunterstützte Sprachtherapie
  • Neuropsychologische Therapie (zur Verbesserung u. a. von Aufmerksamkeit und Gedächtnis)
  • Physiotherapie (bei Lähmungen und Bewegungseinschränkungen)
  • Ergotherapie (Übungen zum Wiedererlernen von Alltagsfähigkeiten)
  • Physikalische Therapien (Elektrotherapie, Massage, Bäder)

Medikamentöse Therapie

Bei Epilepsie können Antiepileptika eingesetzt werden, um die Anfälle zu kontrollieren und somit indirekt auch die Sprechstörungen zu verbessern.

Tipps zum Umgang mit Aphasikern

  • Behandeln Sie den oder die Aphasiker*in als Gesprächspartner auf Augenhöhe.
  • Nehmen Sie der aphasischen Person „nicht das Wort aus dem Mund“
  • Sprechen Sie nicht über sieihn, sondern mit ihrihm.
  • Sprechen Sie in normaler Sprache und in einfachen Sätzen.
  • Sprechen Sie langsam, klar und deutlich.
  • Insbesondere bei den ausgeprägten Formen einer Aphasie versuchen Sie Fragen vorzugsweise so zu formulieren, dass sie mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können.
  • Korrigieren Sie nicht.
  • Halten Sie Blickkontakt.
  • Setzen Sie alle Mittel der Kommunikation ein: Gesten und Mimik, zeichnen oder schreiben Sie, wenn nötig, zeigen auf Gegenstände oder Abbildungen und motivieren gegebenenfalls auch dendie Betroffenen ebenfalls dazu.
  • Warten Sie geduldig auf eine Antwort.
  • Sorgen Sie im Gespräch für eine ruhige Umgebung und schalten Sie störende Geräuschquellen wie Radio oder TV möglichst aus.
  • Wenn der*die Betroffene in einem Satz nicht weiterkommt, drängen Sie nicht. Gegebenenfalls ist es auch hilfreich, zunächst das Thema zu wechseln. Ein erneuter späterer Versuch ist oft erfolgreich.
  • Manche Betroffene sind leichter gereizt oder haben Gefühlsschwankungen. Hierbei handelt es sich um häufige Begleitsymptome der Grunderkrankung. Versuchen Sie dennoch verständnisvoll und geduldig zu sein.

Entwicklungsstörungen der Sprache

Entwicklungsstörungen der Sprache sind dadurch gekennzeichnet, dass die Beeinträchtigungen nicht besser durch neurologische Erkrankungen, Störungen der Sprachmotorik, Sinnesbehinderungen, Intelligenzminderung oder Umwelteinflüsse erklärt werden können. Sie ist als umschriebene Entwicklungsstörung anzunehmen, wenn der mit einem individuell angemessenen Intelligenztest bestimmte IQ mindestens eine Standardabweichung über dem Sprachniveau liegt.

Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen

  • Genetische Einflüsse: Genetische Einflüsse gelten als wesentliche Ursache für umschriebene Sprachentwicklungsstörungen.
  • Hirnschädigungen: Hirnschädigungen können ebenfalls Sprachentwicklungsstörungen verursachen.
  • Pränatale Risikofaktoren: Fetale Fehlentwicklungen während der Schwangerschaft können durch entzündliche, toxische, hormonelle oder metabolische Faktoren beeinflusst werden.

Therapie von Sprachentwicklungsstörungen

Die Therapie von Sprachentwicklungsstörungen konzentriert sich auf die primäre Funktionsstörung (Behandlung von Sprache bei Sprachentwicklungsstörungen). Das Training sog. basaler Teilleistungsfunktionen, die als Begleitsymptome diagnostiziert sind, ist nur sinnvoll, wenn die trainierten Funktionen unmittelbaren Bezug zu der jeweiligen Entwicklungsstörung haben.

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