Migräne: Wenn Reden zur Attacke wird – Ursachen, Symptome und neue Therapieansätze

Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden in Deutschland, wobei Migräne und Spannungskopfschmerzen die häufigsten Formen darstellen. Laut einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts (RKI) sind viele Menschen betroffen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) schätzt, dass jährlich etwa 32 Millionen Arbeitstage allein durch Migräne verloren gehen, was die immense wirtschaftliche und persönliche Belastung durch diese Erkrankung unterstreicht.

Ursachen und Auslöser der Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, jedoch spielen genetische Veranlagung und verschiedene innere und äußere Faktoren (Trigger) eine entscheidende Rolle.

Genetische Veranlagung

Migräne tritt oft familiär gehäuft auf, was auf eine erbliche Komponente hindeutet. Experten vermuten eine polygenetische Veranlagung, bei der Veränderungen in mehreren Genen das Migränerisiko erhöhen. Einige dieser Gene sind an der Regulierung neurologischer Schaltungen im Gehirn beteiligt, während andere mit oxidativem Stress in Verbindung gebracht werden.

Auslösende Faktoren (Trigger)

Verschiedene Trigger können bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Migräne-Attacke auslösen. Diese Trigger sind individuell verschieden, einige Beispiele sind:

  • Stress: Ein häufiger Auslöser ist Stress im privaten oder beruflichen Umfeld.
  • Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus: Schichtarbeit kann Migräne begünstigen.
  • Reizüberflutung: Zu viele Eindrücke gleichzeitig können das Gehirn überlasten.
  • Wetter/Wetterwechsel: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht. Kälte kann ebenfalls Migräne auslösen.
  • Tyraminhaltige Lebensmittel: Bananen oder bestimmte Käsesorten können aufgrund des Tyramins, das die Ausschüttung von Noradrenalin anregt und gefäßverengend wirkt, eine Migräne auslösen.
  • Unregelmäßige Mahlzeiten: Unterzuckerung durch zu wenig Essen kann Anfälle provozieren.
  • Hormonelle Veränderungen: Geschlechtshormone beeinflussen Migräne stark. Frauen sind nach der Pubertät häufiger betroffen als Männer. Der Abfall des Östrogenspiegels vor der Regelblutung oder hormonelle Verhütungsmittel können Migräne auslösen (hormonelle Migräne).

Formen der Migräne

Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) unterscheidet verschiedene Arten von Migräne:

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  1. Migräne ohne Aura: Die häufigste Form, gekennzeichnet durch anfallsartige, einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität, die sich durch körperliche Aktivität verstärken und von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet werden.

    • Rein menstruelle Migräne ohne Aura: Tritt ausschließlich zwei Tage vor bis drei Tage nach dem Einsetzen der Regelblutung auf.
    • Menstruationsassoziierte Migräne ohne Aura: Tritt im gleichen Zeitraum wie die rein menstruelle Migräne auf, kann aber auch zu anderen Zeiten im Zyklus auftreten.
    • Nicht-menstruelle Migräne ohne Aura: Erfüllt die Kriterien der Migräne ohne Aura, aber nicht die der rein menstruellen oder menstruationsassoziierten Migräne.
  2. Migräne mit Aura: Neurologische Symptome, die der Kopfschmerzphase vorausgehen oder mit ihr einhergehen können. Die Symptome setzen schleichend ein und können Lichtblitze, Flimmern, Gesichtsfeldausfälle, Sprachstörungen, Missempfindungen und Schwindel umfassen.

    • Migräne mit typischer Aura: Mit oder ohne Kopfschmerzen.
    • Migräne mit Hirnstammaura (früher basiläre Migräne): Symptome umfassen Sprechstörungen, Schwindel, Ohrgeräusche, Hörminderung, Doppelbilder und Bewusstseinsstörungen.
    • Hemiplegische Migräne: Motorische Schwäche tritt auf, oft begleitet von Symptomen im Bereich des Sehens, der Sensibilität und/oder der Sprache.
      • Sporadische hemiplegische Migräne (SHM): Kein Verwandter ersten oder zweiten Grades leidet ebenfalls unter dieser Migräneform.
      • Familiäre hemiplegische Migräne (FHM): Mindestens zwei Verwandte ersten oder zweiten Grades weisen Migräne-Auren mit motorischer Schwäche auf.
    • Retinale Migräne (Netzhautmigräne): Wiederholte Anfälle von einseitigen Sehstörungen wie Flimmern vor den Augen, Gesichtsfeldausfall oder vorübergehende Blindheit.
  3. Chronische Migräne: Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate, wobei an mindestens acht Tagen die Kriterien von Migränekopfschmerzen erfüllt sind.

  4. Migränekomplikationen:

    • Status migraenosus: Migräne-Attacke, die länger als 72 Stunden anhält.
    • Migränöser Infarkt: Symptome der Aura dauern länger als 60 Minuten, und eine bildgebende Untersuchung zeigt eine Minderdurchblutung in einem Hirnareal.
    • Epileptischer Anfall, durch Aura getriggert: Anfall tritt während oder innerhalb einer Stunde nach einer Migräne-Attacke mit Aura auf.
  5. Wahrscheinliche Migräne mit oder ohne Aura

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  6. Episodische Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können:

    • Wiederkehrende Magen-Darm-Störungen (z. B. abdominelle Migräne): Attacken von Bauchschmerzen und/oder Bauchbeschwerden und/oder Übelkeit und/oder Erbrechen.
    • Vestibuläre Migräne: Schwindel, der zwischen fünf Minuten und 72 Stunden anhält, oft begleitet von Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit oder Sehstörungen.
  7. Stille Migräne

Migräne-Aura: Symptome und Ursachen

Die Migräne-Aura ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die während eines Migräne-Anfalls, aber auch ohne Kopfschmerzen auftreten kann. Typische Symptome sind Sehstörungen (Flimmersehen, Blitze, Punkte, Zacken), Gesichtsfeldausfälle, Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen. Die Symptome dauern meist 5 bis 60 Minuten.

Ursachen der Migräne-Aura

Bei der Entstehung einer Migräne-Aura sind vermutlich mehrere Mechanismen beteiligt. Eine Aktivierung der schmerzleitenden Nervenfasern und Schmerzzentren im Gehirn führt zur Ausschüttung von Neurotransmittern, die eine Entzündung der Hirngefäße und eine vorübergehende Durchblutungsstörung der Hirnrinde auslösen. Die Symptome entstehen vermutlich durch eine Erregungswelle, die über die Hirnrinde läuft.

Trigger für Migräne mit Aura

Viele Patient*innen kennen Auslöser, die bei ihnen zu einem Migräne-Anfall führen können, wie z.B.:

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  • unregelmäßiger Schlaf
  • längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken
  • Stress
  • starke psychische oder körperliche Belastungen
  • bestimmte Reize wie Flackerlicht oder schlechte Luft in stickigen Räumen
  • Alkohol (z.B. Rotwein) oder bestimmte Nahrungsmittel

Neuartige Erkenntnisse und Therapieansätze

Neuartiger Signalweg bei Migräne entdeckt

Eine aktuelle Studie hat einen neuartigen Signalweg entdeckt, über den die Migräne-Beschwerden bei Patienten mit Aura ausgelöst werden. Demnach werden bei Migräne-Anfällen über das Hirnwasser mehrere Proteine freigesetzt, welche die Blut-Hirn-Schranke überwinden und an die Nervenzellen in einem sensiblen Knotenpunkt (Ganglion trigeminale) binden. Dies führt zu den migräne-typischen Kopfschmerzen und Wahrnehmungsstörungen.

Die Rolle des Ganglion trigeminale

Das Ganglion trigeminale ist eine Ansammlung von Nervenzellkörpern an der Schädelbasis, die das Gehirn mit den Nervenzellen im Gesicht und Kopf verbindet. An dieser Stelle ist die Blut-Hirn-Schranke durchlässig, wodurch Proteine aus dem Hirnwasser mit den peripheren Nervenzellen in Kontakt kommen und diese aktivieren können, was zu Kopfschmerzen führt.

CGRP-Protein als Schlüsselakteur

Die Neurologen fanden heraus, dass bei einem Migräne-Anfall zwölf verschiedene Proteine in das Hirnwasser freigesetzt werden, die an Schmerzrezeptoren auf den sensorischen Nervenzellen im Ganglion trigeminale binden können. Eine besondere Rolle spielt dabei das CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide)-Protein.

Neue Medikamente in Aussicht

Die Erkenntnisse über diesen Signalweg könnten den Weg für neue Migräne-Medikamente ebnen, die speziell an diesem Signalweg ansetzen und primär das CGRP-Protein hemmen. Dies könnte besonders für Patienten von Vorteil sein, die auf bisher verfügbare Therapien nicht ansprechen.

Migräne und Schlaganfallrisiko

Migräne-Patienten, insbesondere Migräne-Patientinnen mit Aura, haben ein etwas erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. Bei Auftreten neuer neurologischer Symptome oder gleichzeitiger Aura-Beschwerden mit Kopf- und Gesichtsschmerzen sollte unbedingt auch an einen Schlaganfall gedacht werden.

Symptome und Diagnose

Im Gegensatz zur Migräne-Aura treten die Beschwerden bei einem Schlaganfall abrupt ein (Taubheit, Schwäche, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, Gleichgewichtsstörungen). Ein Verdacht auf einen Schlaganfall kann mit dem FAST-Test überprüft werden (Face, Arms, Speech, Time).

Migränöser Infarkt

Ein migränöser Infarkt kann als Komplikation bei einer Migräne mit Aura auftreten. Dabei kommt es zu Durchblutungsstörungen im Gehirn, die schließlich in einen Schlaganfall münden. Risikofaktoren sind Rauchen, Einnahme östrogenhaltiger Empfängnisverhütungsmittel, häufige Migräneattacken mit Aura und persistierendes Foramen ovale.

Behandlung des migränösen Infarkts

Oberstes Ziel ist es, die Durchblutung im betroffenen Hirnbereich wiederherzustellen. Dafür wird ein Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln (Thrombolyse) eingesetzt.

Was hilft bei einer Migräneattacke?

  • Kühlen und Wärmen: Kälte auf dem Kopf (Migränehut, Kühlmaske) und Wärme am Körper (Fußbad, Wärmflasche) können lindernd wirken.
  • Dunkelheit und Ruhe: Reizabschirmung und ein weiches Kissen sind hilfreich.
  • Entspannung & Meditation: Bodyscan oder Yoga-Nidra können die Aufmerksamkeit vom Schmerz ablenken.
  • Mit Migräne sprechen: Innere Dialoge können helfen, das Gefühl der Ohnmacht zu verlieren.
  • Kleine Gesten: Ruhige Musik oder sanfte Berührungen können aus der Starre holen.
  • Salzstangen: Bei Übelkeit sind Salzstangen oft das Einzige, was vertragen wird.

Nicht-medikamentöse und medikamentöse Prophylaxe

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

  • Regelmäßiger Ausdauersport (Joggen, Schwimmen, Radfahren)
  • Entspannungstechniken (Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, Biofeedback)
  • Verhaltenstherapeutische Verfahren (insbesondere bei Depressionen oder Angststörungen)

Medikamentöse Prophylaxe

  • Blutdruckmittel (Betablocker)
  • Antidepressiva
  • Mittel gegen Epilepsie
  • Antikörper gegen CGRP

Irrtum oder Vorbote? Die Rolle von Auslösern und Symptomen

Eine vielgelesene Studie zeigt, dass sich Auslöser und Vorboten der Migräne überdecken können. Es wird diskutiert, ob Symptome irrtümlich für Auslöser gehalten werden. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass häufig berichtete Triggerfaktoren möglicherweise nicht unabhängige Auslöser von Migräne sind, sondern eher fehlinterpretierte Ergebnisse verstärkter Aufmerksamkeit auf bestimmte Reize, die durch typische Vorboten von Migräne vermittelt werden.

Die Kipppunkttheorie

Die Kipppunkttheorie besagt, dass Migräne eine dynamische Krankheit ist, bei der die Beziehung zwischen Auslösern und Symptomen nicht linear ist. Stattdessen sind sie aufeinander bezogen und verschränkt zu einem Ereignis. Die eigentliche Ursache für dieses Ereignis ist die über Wochen schwankende Widerstandsfähigkeit (Resilienz) im Migränezyklus.

Konsequenzen für Betroffene

Betroffene sollten ihre Aufmerksamkeit auf den eigenen Migränezyklus richten und eine besonders störanfällige Phase anhand der Vorboten erkennen. Auslöser müssen nicht grundsätzlich gemieden werden, sondern sollten zum richtigen Zeitpunkt vermieden werden.

Kopfschmerz-Schnelltest

Im Beratungsgespräch in der Apotheke kann ein einfacher Schnelltest helfen, zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz zu unterscheiden:

  • Kommt es zu Übelkeit?
  • Kommt es zu Lichtscheue und Lärmempfindlichkeit?
  • Kommt es zu einer Verstärkung der Kopfschmerzen durch Aktivitäten des täglichen Alltags?

Wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet werden, handelt es sich wahrscheinlich um eine Migräne.

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