Regeneration von Nerven bei alkoholischer Polyneuropathie

Eine alkoholische Polyneuropathie ist eine Form der Polyneuropathie, die durch chronischen und übermäßigen Alkoholkonsum verursacht wird. Sie stellt eine Schädigung des peripheren Nervensystems dar, welches alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks umfasst. Diese Schädigung kann sich durch eine Vielzahl von Beschwerden äußern, darunter Schmerzen, Empfindungsstörungen, Fehlempfindungen und sogar Lähmungen, was zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führen kann.

Was ist eine Polyneuropathie?

Polyneuropathien bezeichnen verschiedene Erkrankungen des peripheren Nervensystems, bei denen mehrere Neuronen oder Nervenfasern verletzt und somit in ihrer Funktion gestört sind. Es handelt sich dabei um neuropathische Schmerzerkrankungen. Die geschädigten peripheren Nerven sind nur eingeschränkt fähig, Impulse zwischen Gehirn und Rückenmark weiterzuleiten. Periphere Nerven sind für zahlreiche körperliche Prozesse wie die Empfindung von Reizen und die Bewegung von Muskeln verantwortlich. Auch das vegetative Körpersystem, das für die Koordination der Verdauung, der Atmung und weiterer lebenswichtiger Körperfunktionen verantwortlich ist, gehört zum peripheren Nervensystem.

Polyneuropathien werden in der Medizin in zahlreiche verschiedene Kategorien unterteilt. Die Erkrankung kann beispielsweise nach Innervationsgebiet, Nervenfasertyp oder Entstehungsursache klassifiziert werden. Mediziner unterscheiden in erster Linie zwischen zwei Hauptformen von Polyneuropathien: sensomotorische Polyneuropathien, bei denen sowohl Schmerzen als auch Empfindungs- und Bewegungsstörungen in den Gliedmaßen und anderen Körperteilen auftreten.

Ursachen der alkoholischen Polyneuropathie

Die moderne Medizin kennt mehr als 200 verschiedene Risikofaktoren, die das Entstehen von Polyneuropathien begünstigen können. Als Hauptursachen gelten Diabetes mellitus Typ 2 sowie chronischer Alkoholismus. Zu den selteneren Ursachen zählen beispielsweise Autoimmunerkrankungen, Entzündungen oder genetische Ursachen.

Wenn die Nervenschäden infolge der Einnahme exogener Substanzen entstehen, spricht man von einer toxischen Polyneuropathie. Als mit Abstand häufigste toxische Ursache der Erkrankung gilt der übermäßige Konsum von Alkohol. Neben Diabetes gilt Alkoholabhängigkeit als Hauptauslöser von Neuropathien. Schätzungen zufolge betrifft die Alkoholische Polyneuropathie in Deutschland mindestens ein Fünftel aller Alkoholiker. Männer leiden deutlich häufiger an der Erkrankung als Frauen. Die meisten Betroffenen konsumieren über mehrere Jahre hinweg mehr als 60 g Ethanol täglich, bevor sie an einer Polyneuropathie durch Alkohol erkranken.

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Ursache für eine Alkoholische Polyneuropathie ist in erster Linie die toxische Wirkung des Alkohols und seiner Abbauprodukte. Bei Alkohol handelt es sich um eine neurotoxische Substanz, die eine exotoxische Schädigung im Nervensystem hervorrufen kann. Dies bedeutet, dass die Schäden im Organismus durch Zufuhr einer äußeren Substanz entstehen. Daneben kann eine Unter- oder Mangelernährung, die in vielen Fällen mit einer chronischen Alkoholsucht einhergeht, das Entstehen der Erkrankung begünstigen oder sogar hervorrufen. „Alkoholmissbrauch geht häufig mit einer mangelhaften und ungesunden Ernährung einher, die nicht genügend Vitamine enthält. Zum anderen schädigt Alkohol die Schleimhaut des Magen-Darm-Traktes, sodass der Körper Vitamine nur eingeschränkt aufnehmen kann. Da bei hohem Alkoholkonsum zudem eine größere Menge B-Vitamine gebraucht wird als sonst, kann sich ein Vitamin-B-Mangel entwickeln, der Schäden an den Nervenzellen zufolge haben kann“, berichtet Prof. Dr. Max J. Hilz.

Neben Alkohol gibt es zahlreiche weitere exogene Substanzen, die Schäden des peripheren Nervensystems nach sich ziehen können. Dazu zählen Medikamente sowie zahlreiche Umweltgifte wie beispielsweise Quecksilber, Blei, Arsen, Lösungsmittel und Schwefelkohlenstoff. Aus diesem Grund sind bestimmte Berufsgruppen besonders gefährdet, an einer toxischen Polyneuropathie zu erkranken.

Alkohol als Nervengift

Alkohol ist ein zell- und nervenschädigendes Gift, das im Körper großen Schaden anrichten kann. So ist allgemein bekannt, dass die Leber durch riskanten Alkoholkonsum geschädigt und Krebs durch Alkohol begünstigt wird. Weitaus weniger verbreitet ist die Erkenntnis, dass Alkohol als Nervengift auch das periphere Nervensystem in Form einer sogenannten Polyneuropathie schädigen kann.

Weshalb eine Neuropathie vor allem bei Menschen mit einem besonders hohen Alkoholkonsum auftritt, ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Alkohol bzw. Ethanol ist eine neurotoxische Substanz. Demzufolge spricht man in diesem Zusammenhang von einer exotoxischen, d. h. von einer durch eine äußere Substanz hervorgerufenen Schädigung.

Vitaminmangel als Verstärker

Durch eine Alkoholsucht kann es zur Vernachlässigung der Ernährung kommen. Mögliche Folgen sind Unter- und Mangelernährung, bei der dem Körper lebensnotwendige Vitamine und Nährstoffe nicht ausreichend zugeführt werden, so dass es zu einer peripheren Neuropathie kommen kann. Vor allem die B-Vitamine spielen im Krankheitsverlauf eine wichtige Rolle. So wurde ein Vitamin B1-Mangel oder eine dauerhaft unzureichende Versorgung mit dem Vitamin B12 in vielen Fällen als Ursache für die Entstehung der Erkrankung ermittelt. Weitere Vitamine, die im Verdacht stehen bei einer unzureichenden Versorgung zu einer Schädigung der peripheren Nerven zu führen, sind die Vitamine B6 und B9.

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Weitere Ursachen

Neben Alkohol, Diabetes und einem Vitaminmangel können Vergiftungen durch Schwermetalle, Infektionskrankheiten, Nebenwirkungen chemotherapeutischer Behandlungen sowie autoimmunbiologische Faktoren Neuropathien auslösen.

Symptome der alkoholischen Polyneuropathie

Wann die Polyneuropathie durch Alkohol Symptome auftreten, welche Nerven von der Erkrankung betroffen sind, welche Beschwerden auftreten und wie stark diese ausgeprägt sind, variiert von Patient zu Patient. Der Verlauf der Erkrankung ist individuell. Welche peripheren Nerven betroffen sind, wie stark die körperlichen Beeinträchtigungen sind und wann die ersten Symptome auftreten, kann nicht vorausgesagt werden.

Der Krankheitsverlauf lässt sich in den meisten Fällen nicht voraussagen. In den meisten Fällen entstehen die Polyneuropathie durch Alkohol Symptome schleichend und steigern sich langsam über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder Jahren. In seltenen Fällen zeigen sich die Beschwerden dagegen schlagartig oder entstehen innerhalb einiger weniger Wochen.

Als typisches Frühsymptom der Erkrankung gilt Druckschmerzhaftigkeit der großen Nervenstämme, beispielsweise in der Kniekehle oder in der Wade. Daneben kann sich eine Alkoholbedingte Polyneuropathie durch zahlreiche weitere Symptome äußern. In den meisten Fällen treten durch die Nervenschäden durch Alkohol zunächst Störungen in den Füßen, Händen und Beinen auf. Die Beschwerden können Bewegungsabläufe, die körperliche Kraft und die Sensibilität des Körpers beeinträchtigen. Zahlreiche Betroffene klagen über ziehende oder drückende Spontanschmerzen in verschiedenen Körperteilen.

Ein weiteres häufiges Symptom der Erkrankung sind Parästhesien, also krankhafte Empfindungen, die keine erkennbare Ursache haben. Daneben treten in vielen Fällen Sensibilitätsstörungen, also eine verminderte oder ausbleibende Wahrnehmung von Sinnesreizen auf. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es zu Reflexverlust, Schwächung oder Abbau der Muskelzellen und dem Teilausfall einzelner Muskeln, Muskelgruppen oder sogar ganzer Extremitäten kommen. Wenn das vegetative Nervensystem von der Polyneuropathie durch Alkohol betroffen ist, können Impotenz, Verdauungsbeschwerden und Herzrhythmusstörungen die Folge sein. In einigen Fällen kommt es zudem zu Schädigungen der Hirnnerven.

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Welche Symptome eine Alkoholbedingte Polyneuropathie hervorruft, hängt von den individuell geschädigten Nerven ab. Motorische Nerven sind für die Übertragung von Signalen vom Gehirn zu den Skelettmuskeln verantwortlich. Dort werden im Normalfall Muskelkontraktionen ausgelöst, die wiederum zu Bewegungen der betreffenden Körperteile führen. Im Falle einer Schädigung der motorischen Nerven verlieren die Muskeln mit der Zeit an Kraft und es kommt zu einer Degeneration des Gewebes. Auf diese Weise kann es zu Muskelkrämpfen, Muskellähmungen und Muskelschwund kommen.

Sensorische Nerven sind für die Weiterleitung von Berührungsreizen, Vibrationen sowie Schmerz- Druck- und Temperaturempfinden verantwortlich. Im Falle einer Störung der sensiblen Nerven kann es zu Missempfindungen wie Brennen, Kribbeln oder dem sogenannten „Ameisenlaufen“ kommen. Daneben können Taubheitsgefühle oder stechende Schmerzempfindungen auftreten. Bei einer Polyneuropathie durch Alkohol sind meist zunächst die Zehen, kurze Zeit später auch die Beine betroffen. In Folge können Koordinationsprobleme beim Gehen entstehen.

Die autonomen Nerven werden auch als vegetative Nerven bezeichnet. Sie sind für die Steuerung der inneren Organe verantwortlich. Dazu gehören beispielsweise das Herz, der Magen-Darm-Trakt, die Geschlechtsorgane sowie die Lungen. Im Falle einer Schädigung der autonomen Nerven im Rahmen einer Polyneuropathie durch Alkohol kann es zu Funktionsstörungen dieser Organe kommen.

Mögliche Symptome im Überblick

Alkohol kann die Nerven schädigen - wie und in welchem Ausmaß Beeinträchtigungen auftreten, ist dabei ganz individuell. Bei der toxischen, durch Alkohol ausgelösten Polyneuropathie (alkoholische Polyneuropathie) kann es teilweise sogar vorkommen, dass gar keine Symptome identifiziert werden. Normalerweise reichen die Symptome bei Patienten von einfachen Missempfindungen wie einem leichten Kribbeln in Händen oder Füßen über Störungen in der Temperatur- und Druckwahrnehmung bis hin zu starken Schmerzen und Lähmungen in den Extremitäten. Patienten, bei denen die motorischen Nerven betroffen sind, leiden häufig unter muskulären Beeinträchtigungen. Hierzu gehören beispielsweise unkontrollierbare Muskelzuckungen, Muskelkrämpfe und Muskelschwäche. Je länger die Erkrankung ohne eine entsprechende Therapie andauert, desto gravierender können die Beschwerden sein.

Wenn Teile des vegetativen Nervensystems in Mitleidenschaft gezogen werden, kann dies im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohliche Folgen nach sich ziehen. Schließlich sind die vegetativen Nerven dafür verantwortlich, dass lebenswichtige Organe ihre Aufgaben ordnungsgemäß erfüllen. Die obigen Beispiele sind unangenehme, aber keine lebensgefährlichen Symptome. Solche treten immer dann auf, wenn der Alkohol vegetative Nerven wichtiger Organe, wie zum Beispiel der Lunge oder des Herzens schädigt. In einem solchen Fall kann es zu einem Atemstillstand oder Herzrhythmusstörungen kommen. Die sensiblen Neuronen sind in der Regel am anfälligsten für Schädigungen durch einen zu hohen Konsum von Alkohol. Für gewöhnlich sind die Zehen als erstes von Schmerzen, Kribbeln oder anderen Störungen betroffen, die meist symmetrisch auftreten. Das bedeutet, dass die Störungen auf beiden Körperseiten wahrgenommen werden.

Diagnose der alkoholischen Polyneuropathie

Um schwerwiegende, dauerhafte Nervenschäden zu vermeiden, sollte eine Alkoholische Polyneuropathie schnellstmöglich erkannt und behandelt werden. Die Diagnose von Polyneuropathien erfolgt meist in mehreren Schritten.

Meist erfolgt zunächst ein Arzt-Patient-Gespräch, in dem die Krankengeschichte des Betroffenen erhoben wird (Anamnese). Neben einer Schilderung der bestehenden Beschwerden erfolgt eine Nennung eventueller Grund- und Vorerkrankungen. Hierbei sind Angaben zum Alkohol- und Drogenkonsum besonders wichtig. Um eine Alkoholische Polyneuropathie zuverlässig zu diagnostizieren, ist eine ehrliche Antwort notwendig. Bestimmte Fehlbildungen des Skeletts sowie Fehlstellungen des Fußes können auf eine vorliegende Erkrankung mit erblichem Hintergrund hindeuten.

Bei Vorliegen einer Polyneuropathie durch Alkohol wird dagegen meist eine herabgesetzte Nervenleitgeschwindigkeit, eine gestörte Nervenfunktion oder eine Beeinträchtigung der Empfindlichkeit der Nerven festgestellt. Daneben können erhöhte Entzündungswerte wie weiße Blutkörperchen oder CRP im Blut, ein Vitamin-B12-Mangel oder auffällige Leber- und Nierenwerte auf eine Alkoholische Polyneuropathie hinweisen.

Untersuchungsmethoden im Detail

Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit wird Strom durch die Nervenbahnen geschickt. Mit einer Stimmgabel prüft der Neurologe das Vibrationsempfinden. Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist. Um das Temperaturempfinden exakt zu messen, kommen bei der sogenannten Thermode computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.

Die Untersuchung einer Gewebeprobe kann helfen, die Ursache einer Polyneuropathie zu finden. Dazu wird eine sogenannte Nerv-Muskel-Biopsie aus dem Schienbein entnommen und feingeweblich untersucht. Hierbei wird festgestellt, ob der Schaden an der Hüllsubstanz des Nerven (Myelin) oder am Nerven selbst entstanden ist. Bei bestimmten Ursachen finden sich zum Beispiel Entzündungszellen oder Amyloid-Ablagerungen. Bei einer Untergruppe der Neuropathien sind insbesondere die dünnen, kleinen Nervenfasern der Haut betroffen. Sie werden unter dem Namen Small-Fiber-Neuropathien zusammengefasst. Die Nervenleitgeschwindigkeit, die die Funktion von dickeren Nerven misst, ist dann oft unauffällig. Für die richtige Diagnose ist die Quantitative Sensorische Testung mit Messung des Temperaturempfindens entscheidend. Darüber hinaus kann eine Gewebeprobe aus der Haut (Hautbiopsie) unter dem Mikroskop untersucht werden.

Differentialdiagnose

Nicht jede Polyneuropathie ist alkoholbedingt. Häufige andere Ursachen sind Diabetes mellitus, Vitamin-B12-Mangel, Nierenfunktionsstörungen, chronische Entzündungen der Nerven (CIDP), toxische Substanzen oder genetische Erkrankungen. Durch die Kombination aus Anamnese, Laboruntersuchungen und Nervenmessungen lässt sich die alkoholische Polyneuropathie zuverlässig von anderen Formen unterscheiden. Für die Diagnose sind die Krankengeschichte und eine umfassende körperliche Untersuchung wichtig, um Erkrankungen, die ähnliche Symptome haben, auszuschließen.

Therapie der alkoholischen Polyneuropathie

Obwohl Polyneuropathien die Lebenserwartung in der Regel nicht negativ beeinflussen, können die ihr zugrundeliegenden Ursachen wie Alkoholmissbrauch zu einer verkürzten Lebensdauer beitragen. Eine Alkoholische Polyneuropathie wird in den meisten Fällen erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. In einigen Fällen bestehen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits irreversible Nervenschäden durch Alkohol, die nicht mehr vollständig geheilt werden können. Eine geeignete Therapie kann in vielen Fällen dennoch zu einer Linderung der bereits bestehenden Symptome beitragen. Zudem kann durch eine richtige Behandlung die Entstehung weiterer Schäden verhindert werden.

Die Therapie von Polyneuropathien richtet sich dabei in erster Linie nach der Ursache der Erkrankung. Wenn eine Begleiterkrankung wie Diabetes vorliegt, ist es beispielsweise entscheidend, die Blutzuckereinstellung zu optimieren. Zur Behandlung der Beschwerden können zudem verschiedene physikalische Therapien wie Wärme- und Kältebehandlungen, Physiotherapie, Krankengymnastik oder Reizstromtherapie angewandt werden. Da eine Alkoholische Polyneuropathie in vielen Fällen mit einem Nährstoffmangel einhergeht, sollten zu niedrige Nährstoffspiegel durch die Einnahme geeigneter Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere von B-Vitaminen, schnellstmöglich ausgeglichen werden. Daneben ist eine dauerhafte Ernährungsumstellung notwendig.

Alkoholabstinenz als Basis der Therapie

Um eine Alkoholische Polyneuropathie erfolgreich zu behandeln, sollten die Nervenschäden durch Alkohol möglichst früh erkannt und behandelt werden. Um die Erkrankung positiv in ihrem Verlauf zu beeinflussen, muss in erster Linie der Auslöser beseitigt werden. Betroffene sollten den Konsum von Alkohol demnach nach Möglichkeit vollständig meiden. „Eine strenge Alkoholabstinenz, die gegebenenfalls auch unter medizinisch überwachtem Entzug erreicht werden kann, ist notwendig, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern", ergänzt Prof. Hilz.

Menschen, die nicht an Diabetes oder unter einer angeborenen Form der Neuropathie leiden, haben die Erkrankung in vielen Fällen dem eigenen missbräuchlichen Alkoholkonsum zu verdanken. Die wichtigste Voraussetzung ist jedoch immer der Verzicht auf Alkohol. Führen Alkoholiker ihrem Körper trotz eindeutiger neurologischer Diagnose immer wieder alkoholische Getränke zu, können selbst Medikamente oder physikalische Therapien nur begrenzt lindernde Effekte erzielen.

Wenn die Erkrankung noch nicht allzu weit fortgeschritten ist, bilden sich die Symptome der Erkrankung bei Alkoholabstinenz in vielen Fällen zurück. Da es Suchtkranken sehr schwer fällt, aus eigenem Willen auf alkoholische Getränke zu verzichten, ist in vielen Fällen professionelle Unterstützung erforderlich. Im Rahmen eines stationären Entzugs erhalten Betroffene die Gelegenheit, ihren Körper vollständig vom Alkohol zu befreien und zu entwöhnen. Sobald die Alkoholzufuhr beendet wurde, kann sich das geschädigte Nervensystem nach und nach regenerieren. Da bei einem Alkoholentzug starke, teils sogar lebensbedrohliche Entzugserscheinungen auftreten können, sollte dieser ausschließlich unter medizinischer Aufsicht durchgeführt werden.

Bei Vorliegen einer Suchterkrankung können sich beim Verzicht auf Alkohol unangenehme Entzugserscheinungen einstellen, die für den Betroffenen nicht nur äußerst belastend, sondern sogar lebensgefährlich werden können. Besonders in Kombination mit einer peripheren Neuropathie sollten Alkoholiker daher in einer qualifizierten Klinik für Alkoholentzug entziehen. Ein qualifizierter stationärer Alkoholentzug geht mit einer umfassenden psychotherapeutischen Begleitung einher. Ziel ist die Aufarbeitung der Alkoholsucht sowie der alkoholinduzierten Polyneuropathie. Auch Begleit- und Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen werden effektiv mitbehandelt.

Medikamentöse Schmerztherapie

Eine weitere therapeutische Möglichkeit besteht in der medikamentösen Schmerztherapie - wobei hier unter anderem Antidepressiva eingesetzt werden, um die Schmerzempfindlichkeit günstig zu beeinflussen. Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Zwar haben sich vor allem opioide Schmerzmittel als besonders wirkungsvoll erwiesen, jedoch sind diese Medikamente aufgrund ihres großen Suchtpotenzials nur in Ausnahmefällen zu empfehlen und bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit kontraindiziert. Andernfalls besteht die Gefahr, neben der Alkoholkrankheit eine Medikamentensucht zu entwickeln.

Capsaicin ist für die Schärfe der Chilischoten verantwortlich und hat sich in Form von Capsaicin-Pflastern auf der Haut in Studien als erfolgversprechendes Mittel gegen Polyneuropathie erwiesen. Es betäubt nicht nur den schmerzenden Bereich und steigert die Durchblutung, sondern scheint sogar die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen.

Weitere Therapieansätze

In schweren Erkrankungsfällen, in denen eine rein körperliche Behandlung kaum noch ausreichend ist, können als Ergänzung psychotherapeutische Verfahren hilfreich sein.

Bei der Elektrotherapie werden die Nerven durch Impulse aus einem speziellen Gerät so stimuliert, dass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen. Die Therapien müssen dauerhaft durchgeführt werden. Eine Pause beeinträchtigt schnell den Behandlungserfolg. Gegen die fortschreitende Gangunsicherheit wirkt Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie. Wie die gezielten Reize der Akupunktur die Nerven beleben, ist noch ungeklärt. Eine weitere, vielversprechende Möglichkeit der Behandlung ist die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), die auch als Reizstromtherapie bekannt ist. Hierbei handelt es sich um eine Methode, mit der chronische Schmerzen gelindert werden können.

Unterstützung der Nervenregeneration

„Damit sich die Nerven erfolgreich regenerieren können, müssen zunächst die auslösenden Ursachen, die zu ihrer Zerstörung geführt haben, behandelt werden“, erklärte Wimmer. „Zusätzlich kann eine Supplementation neurotroper Substanzen die Regeneration peripherer Nerven fördern.“

Bei einer peripheren Nervenschädigung sind meist die Myelin produzierenden Schwann-Zellen der peripheren Nerven betroffen, sodass ein wesentlicher Aspekt der Behandlung in der Regeneration und dem Schutz der Myelinscheide besteht. In klinischen Modellen zu Myelinscheiden- Schädigungen hat sich die Gabe von Nukleotiden wie Uridinmonophosphat (UMP) als sinnvoller Ansatz erwiesen. UMP besteht aus den Komponenten Uracil, einer Ribose sowie Phosphat. Das Pyrimidinnukleotid ist ein natürlicher Bestandteil der in allen Zellen vorkommenden Ribonukleinsäure (RNA). UMP kann mit weiteren Phosphaten energiereiche Verbindungen eingehen und als Bestandteil gruppenübertragender Coenzyme mit der abgegebenen Energie zahlreiche Stoffwechselreaktionen aktivieren. Dadurch wird die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen angeregt und der Wiederaufbau der Myelinschicht unterstützt. Zusätzlich fördert UMP als RNA-Baustein die Biosynthese von Strukturproteinen und Enzymen.

UMP in Form von Nahrungsergänzungsmitteln: „Wenn ein Nerv wachsen soll, sollte Uridinmonophosphat in ausreichender Menge vorhanden sein. In Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure ist es ein wichtiger Baustein, um das optimale Millieu für eine Regeneration zu schaffen“, erläuterte Wimmer. Enthalten ist UMP sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Um aber die benötigte Menge zu sich zu nehmen, können Nahrungsergänzungsmittel mit entsprechend hoher UMP-Konzentration in die Therapie zur Unterstützung der Nervenregeneration einbezogen werden. Diese sollten regelmäßig und über einen längeren Zeitraum von mindestens 60 Tagen eingenommen werden, da die Regeneration zerstörter Nervenfasern Zeit benötigt. „Für alle Patienten mit Nervenschädigungen, insbesondere bei langfristigen Beschwerden, kann die Einnahme von UMP in Verbindung mit Vitamin B12 und Folsäure empfohlen werden“, so Wimmer.

Heilungsaussichten und Vorbeugung

Insofern die Erkrankung in einer leichten Form vorliegt, ist eine Alkoholische Polyneuropathie bis zu einem gewissen Grad heilbar. Sobald die Erkrankung in einer fortgeschrittenen Form vorliegt, können bereits bestehende Nervenschäden jedoch nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Die Heilungsaussichten sind davon abhängig, wie weit die Erkrankung bereits fortgeschritten ist. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt, gilt es, die wahrscheinliche Ursache zu bekämpfen. Hat die Polyneuropathie zum Zeitpunkt ihrer Diagnose bereits irreversible Nervenschäden verursacht, ist sie nicht mehr heilbar. Eine diabetische Polyneuropathie ist kaum heilbar, da zumeist schon irreversible Schäden an den sensiblen Nervenfasern eingetreten sind. Besser sind die Heilungschancen bei einer alkoholtoxischen Polyneuropathie, einer medikamentös bedingten Polyneuropathie oder einer Polyneuropathie, die durch eine Infektion verursacht wurde.

Regelmäßige Kontrolltermine helfen, die Entwicklung der Nervengesundheit zu überwachen und die Therapie anzupassen.

Vorbeugung

Die wirksamste Vorbeugung ist der verantwortungsvolle Umgang mit Alkohol oder - noch besser - der vollständige Verzicht. Wer regelmäßig Alkohol trinkt, sollte auf eine vitaminreiche Ernährung achten und Warnzeichen wie Taubheitsgefühl oder Brennen in den Füßen ernst nehmen. Eine frühzeitige Untersuchung kann verhindern, dass sich dauerhafte Nervenschäden entwickeln.

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