Viele Menschen kennen das unangenehme Gefühl der Reisekrankheit, das mit Übelkeit, Schwindel und allgemeinem Unwohlsein einhergeht. Dieses Phänomen, auch Kinetose genannt, tritt auf, wenn widersprüchliche Informationen von den Sinnesorganen an das Gehirn gesendet werden. Doch welche Rolle spielt das autonome Nervensystem dabei und welche Ursachen stecken hinter der Reisekrankheit? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge und bietet Einblicke in mögliche Lösungsansätze.
Was ist Reisekrankheit?
Reisekrankheit ist eine Reaktion des Körpers auf widersprüchliche Informationen, die von den verschiedenen Sinnesorganen an das Gehirn gesendet werden. Dies tritt häufig bei Reisen mit dem Auto, dem Schiff, dem Flugzeug oder der Bahn auf. Die Augen nehmen beispielsweise wahr, dass man sich in einem relativ stabilen Raum befindet, während das Gleichgewichtsorgan im Innenohr Bewegungen registriert. Diese Diskrepanz führt zu einer Überlastung des Gehirns und löst die typischen Symptome der Reisekrankheit aus.
In einer Studie der Charité gaben über 40 Prozent von 500 befragten Personen an, während einer Autofahrt schon einmal Symptome dieser Krankheit gehabt zu haben. Kinetose tritt häufiger bei Kindern als bei Erwachsenen auf. Zudem sind Beifahrerinnen und Beifahrer durch Beschäftigungen wie beispielsweise Lesen häufiger betroffen als Fahrerinnen und Fahrer.
Das autonome Nervensystem und seine Rolle
Das autonome Nervensystem (ANS) spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Reisekrankheit. Es steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und eben auch das Gleichgewicht. Das ANS besteht aus zwei Hauptteilen: dem Sympathikus, der für die Aktivierung des Körpers in Stresssituationen zuständig ist, und dem Parasympathikus, der für Ruhe und Erholung sorgt.
Bei Reisekrankheit gerät das ANS aus dem Gleichgewicht. Die widersprüchlichen Informationen führen zu einer Überaktivierung des Sympathikus, was Stressreaktionen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und Herzrasen auslösen kann. Gleichzeitig kann auch der Parasympathikus aktiviert werden, was zu vermehrtem Speichelfluss und Augentränen führt.
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Ursachen der Reisekrankheit
Die Hauptursache der Reisekrankheit liegt in der Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen. Hier sind einige spezifische Faktoren, die zu dieser Diskrepanz beitragen können:
- Widersprüchliche Informationen: Wenn die Augen eine stabile Umgebung wahrnehmen, während das Innenohr Bewegungen registriert (oder umgekehrt), entsteht ein Konflikt, der das Gehirn überfordert.
- Beschäftigungen während der Fahrt: Tätigkeiten wie Lesen oder die Nutzung von elektronischen Geräten im Auto können die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen verstärken, da die Augen auf einen festen Punkt fokussiert sind, während der Körper Bewegungen erfährt.
- Individuelle Anfälligkeit: Einige Menschen sind aufgrund ihrer genetischen Veranlagung oder bestimmter physiologischer Bedingungen anfälliger für Reisekrankheit als andere.
- Psychische Faktoren: Stress, Angst und negative Erwartungen können die Symptome der Reisekrankheit verstärken.
Symptome der Reisekrankheit
Die Symptome der Reisekrankheit können vielfältig sein und variieren von leichter Übelkeit bis hin zu heftigem Erbrechen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Übelkeit: Ein flaues Gefühl im Magen, oft begleitet von dem Drang, sich übergeben zu müssen.
- Erbrechen: Der Körper versucht, sich von den vermeintlichen „Giftstoffen“ zu befreien, die durch die widersprüchlichen Sinnesinformationen ausgelöst werden.
- Schwindel: Ein Gefühl der Unsicherheit und des Schwankens, oft begleitet von Gleichgewichtsstörungen.
- Blässe: Die Haut kann blass und kühl werden, da der Körper versucht, die Durchblutung zu regulieren.
- Kaltschweißigkeit: Vermehrtes Schwitzen, oft begleitet von einem kalten Gefühl auf der Haut.
- Kopfschmerzen: Ein dumpfer oder pochender Schmerz im Kopf, der die Symptome der Reisekrankheit verstärken kann.
- Müdigkeit: Ein Gefühl der Erschöpfung und des Unwohlseins, das die Konzentration beeinträchtigen kann.
Reisekrankheit und Migräne
Interessanterweise gibt es Parallelen zwischen Reisekrankheit und Migräne. Beide Zustände können durch ähnliche Faktoren ausgelöst werden und weisen ähnliche Symptome auf, wie Übelkeit, Schwindel und Lichtempfindlichkeit. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch komplexe Fehlregulationen im Gehirn verursacht wird. Bestimmte Nervenfasern schütten Botenstoffe aus, die Entzündungsreaktionen an den Blutgefäßen der Hirnhäute auslösen. Diese Entzündungen können die gleichen Symptome wie bei der Reisekrankheit verursachen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass Menschen, die zu Migräne neigen, auch anfälliger für Reisekrankheit sind. Beide Zustände können durch Stress, Schlafmangel, hormonelle Schwankungen und bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden.
Neigezüge und Reisekrankheit
Ein besonderes Augenmerk gilt der Reisekrankheit in Neigezügen. Diese Züge sind so konstruiert, dass sie sich in Kurven neigen, um die Zentrifugalkraft zu kompensieren und höhere Geschwindigkeiten zu ermöglichen. Paradoxerweise führt diese Technologie bei vielen Passagieren zu Unwohlsein und Reisekrankheit.
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Forschungen haben gezeigt, dass das Auftreten von Reisekrankheit in Neigezügen davon abhängt, ob die Neigung der Wagen synchron mit der kurvenbedingten Seitwärtsbeschleunigung erfolgt. Wenn die Neigung verzögert erfolgt, können die Passagiere reisekrank werden. Moderne Kontrollsysteme, die eine prädikative Neigung ermöglichen, können dieses Problem jedoch minimieren, indem sie die Wagen exakt zeitgleich mit der Seitwärtsbeschleunigung neigen.
Was tun gegen Reisekrankheit?
Es gibt verschiedene Strategien, um die Symptome der Reisekrankheit zu lindern oder zu verhindern:
- Vermeidung von Auslösern: Vermeiden Sie Aktivitäten wie Lesen oder die Nutzung von elektronischen Geräten während der Fahrt.
- Blickrichtung: Fixieren Sie einen Punkt in der Ferne, idealerweise den Horizont, um die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen zu verringern.
- Frische Luft: Sorgen Sie für eine gute Belüftung im Fahrzeug, um Übelkeit zu reduzieren.
- Leichte Mahlzeiten: Essen Sie vor und während der Reise leichte, gut verdauliche Mahlzeiten. Vermeiden Sie fettige oder stark gewürzte Speisen.
- Entspannungstechniken: Praktizieren Sie Entspannungstechniken wie tiefes Atmen oder progressive Muskelentspannung, um Stress abzubauen.
- Medikamente: Es gibt rezeptfreie und verschreibungspflichtige Medikamente gegen Reisekrankheit, wie Antihistaminika oder Scopolamin-Pflaster. Diese sollten jedoch nur nach Rücksprache mit einem Arzt eingenommen werden.
- Ingwer: Ingwer hat sich als natürliches Mittel gegen Übelkeit bewährt. Er kann in Form von Tee, Kapseln oder Bonbons eingenommen werden.
- Musik: Studien haben gezeigt, dass fröhliche oder sanfte Musik die Symptome der Reisekrankheit lindern kann, indem sie das autonome Nervensystem beruhigt und von den Beschwerden ablenkt.
Forschungsprojekte und technologische Lösungen
Aktuelle Forschungsprojekte beschäftigen sich intensiv mit den Ursachen und der Prävention der Reisekrankheit. Ein interdisziplinäres Projekt der TU Berlin und der Charité - Universitätsmedizin Berlin untersucht, wie Reisekrankheit und automatisiertes Fahren zusammenhängen und wie sich Beschwerden vermindern lassen. Ziel ist es, fahrzeugtechnische Maßnahmen zu entwickeln, die die Reisekrankheit vermeiden oder reduzieren.
Die Forschenden möchten herausfinden, wie das Auto frühzeitig erkennen kann, ob eine Person im Fahrzeug Symptome entwickelt, um entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dies könnte durch die Analyse der Mimik und physiologischer Daten geschehen. Die Erkenntnisse sollen in Funktionen und Systeme integriert werden, die der Reisekrankheit vorbeugen.
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