Rolando-Epilepsie und Schwimmen: Ein Leitfaden für Eltern und Betroffene

Die Rolando-Epilepsie, eine gutartige Epilepsieform des Kindesalters, wirft bei Eltern viele Fragen auf, insbesondere wenn es um Aktivitäten wie Schwimmen geht. Dieser Artikel bietet umfassende Informationen zu diesem Thema und soll Eltern und Betroffenen helfen, informierte Entscheidungen zu treffen.

Epilepsie: Behandlung und allgemeine Informationen

Behandlung von Epilepsie

Die langfristige Behandlung von Epilepsie-Patienten übernimmt meist ein niedergelassener Neurologe bzw. Kinder- und Jugendneurologe. In bestimmten Fällen kann es sinnvoll sein, eine ambulante Einrichtung oder Klinik aufzusuchen, die auf die Epilepsie-Behandlung spezialisiert ist, insbesondere wenn die Diagnose unklar ist, trotz Behandlung weiterhin Anfälle auftreten oder spezielle Probleme im Zusammenhang mit der Epilepsie bestehen.

Nicht immer ist eine Therapie erforderlich. Nach einem einzelnen epileptischen Anfall kann man oft abwarten, insbesondere wenn bekannte Auslöser wie laute Musik, Flackerlicht oder Computerspiele gemieden werden und ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Lebensführung, ausreichend Schlaf und Verzicht auf Alkohol gepflegt wird.

Vorsicht ist geboten in Situationen, in denen ein plötzlicher Anfall gefährliche Folgen haben könnte, wie z.B. bei Extremsportarten oder dem Umgang mit schweren Maschinen. Bei struktureller oder metabolischer Epilepsie wird zunächst die Grunderkrankung behandelt.

Manchmal ist aber auch schon nach einem einzigen Anfall eine Behandlung mit Epilepsie-Medikamenten ratsam, insbesondere bei hohem Risiko für weitere Anfälle oder bei bestimmten Epilepsieformen. Im Allgemeinen raten Mediziner spätestens nach dem zweiten Anfall zu einer Epilepsie-Behandlung. Die Behandlung hängt immer von der individuellen Situation des Patienten ab, wobei Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen werden. Die Therapietreue des Patienten ist ebenfalls entscheidend.

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Medikamentöse Behandlung

Den meisten Epilepsie-Patienten hilft eine medikamentöse Behandlung mit Antiepileptika, die die übermäßige Aktivität von Nervenzellen im Gehirn hemmen und das Risiko für Krampfanfälle senken. Antiepileptika wirken jedoch nur symptomatisch und heilen die Epilepsie nicht.

Verschiedene Wirkstoffe wie Levetiracetam oder Valproinsäure werden eingesetzt, wobei der Arzt den am besten geeigneten Wirkstoff unter Berücksichtigung der Anfallsart, der Epilepsieform und möglicher Nebenwirkungen auswählt. Ziel ist es, weitere Anfälle zu verhindern oder zu reduzieren und gleichzeitig die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten.

In der Regel wird nur ein Antiepileptikum verschrieben (Monotherapie). Wenn dieses nicht wirkt oder starke Nebenwirkungen verursacht, kann auf ein anderes Präparat umgestellt werden. Bei manchen Patienten ist eine Kombinationstherapie mit zwei oder mehr Antiepileptika erforderlich, die sorgfältig geplant und überwacht wird, um Wechselwirkungen und Nebenwirkungen zu minimieren.

Antiepileptika müssen regelmäßig eingenommen werden, um zuverlässig zu wirken. Die Einnahme sollte niemals eigenmächtig beendet werden, da dies lebensgefährliche Folgen haben kann. Nach längerer Anfallsfreiheit kann in Absprache mit dem Arzt ein schrittweiser Absetzversuch unternommen werden.

Weitere Behandlungsmethoden

Bei manchen Patienten ist die Epilepsie mit Medikamenten nicht ausreichend behandelbar. In diesen Fällen können operative Eingriffe (Epilepsiechirurgie) oder Stimulationsverfahren in Betracht gezogen werden.

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  • Operation (Epilepsiechirurgie): Bei fokalen Anfällen, die von einer begrenzten Hirnregion ausgehen, kann dieser Teil des Gehirns operativ entfernt werden (Resektion). Andere chirurgische Eingriffe wie die Balkendurchtrennung (Kallosotomie) kommen seltener zum Einsatz.
  • Stimulationsverfahren: Bei Stimulationsverfahren werden bestimmte Strukturen im Gehirn oder solche, die dorthin führen (Vagusnerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert. Am weitesten verbreitet ist die Vagusnerv-Stimulation (VNS). Ein anderes Stimulationsverfahren ist die tiefe Hirnstimulation.

Behandlung bei Status epilepticus

Ein Status epilepticus ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der sofort notärztlich behandelt werden muss. Der Patient erhält ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin), das gegebenenfalls auch von medizinischen Laien verabreicht werden kann. Im Krankenhaus wird die Behandlung fortgesetzt, und bei Bedarf werden Narkose und künstliche Beatmung eingesetzt.

Untersuchungen und Diagnose

Nach einem ersten epileptischen Anfall sollte ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache abzuklären. Der erste Ansprechpartner ist meist der Hausarzt, der bei Bedarf an einen Neurologen überweist.

Die Diagnose umfasst die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese), eine körperliche und neurologische Untersuchung, eine Messung der Hirnströme (EEG) und bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie (CCT). Ergänzend können Laboruntersuchungen durchgeführt werden.

Anfälle registrieren

Um dem Arzt bei der Diagnose zu helfen, können Anfälle auch zu Hause registriert werden, selbst wenn das Kind im eigenen Bett schläft. Je nach Anfallsart gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Klingelarmband: Geeignet für Anfälle mit Zuckungen.
  • Alarmgerät fürs Bett: Reagiert auf rhythmische Bewegungen.
  • Alarmgerät fürs Handgelenk: Registriert Herzfrequenz und Bewegungen im Schlaf.
  • Pulsoxymeter: Misst die Sauerstoffsättigung im Blut während des Anfalls.
  • Babyfon mit/ohne Kamera: Meldet Geräusche oder zeigt Bilder.

Weitere Hilfsmittel

  • Wochendosette: Zum Vorsortieren der Medikamente für die ganze Woche.
  • Erinnerungsstützen: Handyalarm oder Aufkleber zur Erinnerung an die Medikamenteneinnahme.
  • Sicherheitsmaßnahmen im Badezimmer: Duschen statt Baden, Türen nach außen öffnend, WC-Garnitur statt Schloss mit Schlüssel.

Rolando-Epilepsie im Besonderen

Die Rolando-Epilepsie ist eine häufige, meist gutartige Form der Epilepsie im Kindesalter. Die Anfälle treten typischerweise im Schlaf auf und äußern sich durch Zuckungen im Gesicht, Sprachstörungen oder vermehrten Speichelfluss. Oft verschwindet diese Form der Epilepsie mit der Pubertät wieder.

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Symptome der Rolando-Epilepsie

Die Symptome der Rolando-Epilepsie können vielfältig sein und sind nicht bei jedem Kind gleich. Häufige Anzeichen sind:

  • Muskelkrämpfe oder Lähmungen im Gesicht, insbesondere im Bereich von Mund und Augen
  • Sprach- und Schluckstörungen
  • Vermehrter Speichelfluss
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühl in einer Gesichtshälfte, einem Arm oder Bein

Die Anfälle treten meist kurz vor dem Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen auf.

Auswirkungen auf das Kind und die Familie

Obwohl die Rolando-Epilepsie als gutartig gilt, können die Anfälle für die betroffenen Kinder und ihre Familien sehr belastend sein. Die Kinder haben oft Angst vor den Anfällen und verstehen nicht, was mit ihrem Körper geschieht. Die Eltern sind in ständiger Sorge und können sich hilflos fühlen.

Zusätzlich besteht bei Kindern mit Rolando-Epilepsie ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen, Symptome aus dem autistischen Formenkreis oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Unterstützung und Therapie

Neben der medikamentösen Behandlung können verschiedene Therapien und Unterstützungsangebote helfen, die Lebensqualität von Kindern mit Rolando-Epilepsie und ihren Familien zu verbessern. Dazu gehören:

  • Integrative Kindergärten: Bieten eine akzeptierende Umgebung und individuelle Förderung.
  • Reittherapie: Kann helfen, Anspannung abzubauen und Selbstvertrauen zu stärken.
  • Ergotherapie: Kann helfen, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern.
  • Logopädie: Kann bei Sprach- und Schluckstörungen helfen.
  • Psychotherapie: Kann helfen, Ängste und Unsicherheiten zu bewältigen.

Es ist wichtig, dass Eltern und Kinder offen über ihre Ängste und Sorgen sprechen und sich professionelle Hilfe suchen, wenn sie diese benötigen.

Rolando-Epilepsie und Schwimmen: Was ist zu beachten?

Schwimmen ist eine gesunde und beliebte Aktivität, die auch für Kinder mit Rolando-Epilepsie grundsätzlich möglich ist. Allerdings sind einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um das Risiko von Unfällen zu minimieren.

Allgemeine Empfehlungen

  • Anfallsfreiheit: Wenn seit längerer Zeit Anfallsfreiheit (1 bis 2 Jahre) besteht, gibt es in der Regel keinen Grund für Einschränkungen beim Schwimmen.
  • Anfallshäufigkeit: Bei häufigeren Anfällen muss die Entscheidung, ob und wie das Kind schwimmen darf, individuell getroffen werden.
  • Aufsicht: Kinder mit Epilepsie sollten niemals unbeaufsichtigt schwimmen. Notwendig ist in der Regel eine eigene Aufsichtsperson (möglichst mit Rettungsschwimmer-Ausbildung), da bei bestimmten Anfallsformen ein lautloses Ertrinken möglich ist.
  • Schwimmhilfen: Als zusätzliche Sicherungsmaßnahmen können Schwimmhilfen eingesetzt werden, die den Kopf über Wasser halten (z. B. der Schwimmkragen von Secumar).
  • Sichtbarkeit: Zur Beobachtung ist auch eine auffallende Badekappe und grellfarbene Badekleidung sehr hilfreich.
  • Trübe Gewässer und Strömung: Erhöhte Gefahr besteht beim Schwimmen in trüben Gewässern oder bei Strömung, da hier Rettungsmaßnahmen erheblich erschwert werden.

Was ist zumutbar für die Lehrerin?

Im Falle des schulischen Schwimmunterrichts ist es wichtig, dass die Lehrerin über die Epilepsie des Kindes informiert ist und sich der Verantwortung bewusst ist. Die Lehrerin DARF die Verantwortung übernehmen. Es sollte im Vorfeld ein offenes Gespräch stattfinden, in dem die individuellen Bedürfnisse des Kindes und die möglichen Risiken besprochen werden.

Konkretes Beispiel aus der Praxis

Ein Erfahrungsbericht einer Mutter zeigt, wie schwierig es sein kann, die notwendige Unterstützung für ein Kind mit Epilepsie im schulischen Schwimmunterricht zu erhalten. Trotz vieler Telefonate und Anträge dauerte es Monate, bis die notwendige Hilfe bewilligt wurde. Letztendlich konnte die Tochter dank des Engagements der Eltern und der Schule am Schwimmunterricht teilnehmen.

Tipps für Eltern

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen mit der Lehrerin und den Betreuern über die Epilepsie Ihres Kindes.
  • Schriftliche Vereinbarung: Treffen Sie eine schriftliche Vereinbarung über die notwendigen Maßnahmen im Notfall.
  • Notfallmedikamente: Stellen Sie Notfallmedikamente mit genauer Dosier- und Gebrauchsanweisung zur Verfügung.
  • Antrag auf Eingliederungshilfe: Beantragen Sie bei Bedarf Eingliederungshilfe beim zuständigen Sozialamt, um eine Begleitperson für das Kind zu finanzieren.
  • Nicht aufgeben: Setzen Sie sich für die Fördermöglichkeiten Ihres Kindes ein.

Weitere Aspekte im Umgang mit Epilepsie im Alltag

Kindergarten und Schule

Auch im Kindergarten und in der Schule ist eine offene Kommunikation mit den Erziehern und Lehrern wichtig. Diese sollten über die Epilepsie des Kindes informiert sein und wissen, was im Notfall zu tun ist. Es kann sinnvoll sein, einen Integrationshelfer für das Kind zu beantragen, der es im Kindergarten oder in der Schule begleitet.

Sport und Freizeit

Regelmäßige sportliche Betätigung ist für alle Menschen gesund, auch für Kinder und Jugendliche mit Epilepsie. Die Teilnahme am Sportunterricht ist auch aus sozialen Gesichtspunkten unerlässlich. Wenn seit längerer Zeit Anfallsfreiheit besteht, gibt es keinen Grund für Einschränkungen. Bei häufig auftretenden Anfällen muss die Sportart und das Ausmaß des Trainings von der Anfallsart, der Anfallshäufigkeit und den individuellen Auslösefaktoren abhängig gemacht werden.

Urlaub

Auch Familien mit epilepsiekranken Kindern brauchen manchmal einen Tapetenwechsel und möchten in Urlaub fahren. Eine gut bestückte Reiseapotheke mit ausreichend Medikamenten, auch Notfallmedikamenten, und ein Notfallausweis tragen viel zu einem entspannten Urlaub bei. Bei Flugreisen sollte man sich vor der Buchung bei der Fluggesellschaft erkundigen, ob eine ärztliche Reisetauglichkeitsbescheinigung benötigt wird.

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