Romantische Medizin und Nervenheilkunde: Eine Reise in die Vergangenheit der Heilkunst

Die Romantik, eine Epoche, die das frühe 19. Jahrhundert prägte, beeinflusste nicht nur Kunst und Literatur, sondern auch die Medizin. Die "Romantische Medizin" war eine vorwissenschaftliche Heilkunde, die sich auf verschiedene Theorien und Konzepte stützte. Dieser Artikel beleuchtet die Grundzüge dieser medizinischen Strömung und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Nervenheilkunde.

Die Grundlagen der Romantischen Medizin

Die Romantische Medizin war ein Konglomerat verschiedener Ideen und Praktiken. Zu ihren wichtigsten Säulen gehörten:

  • Die Hippokratische Säftelehre: Diese antike Theorie ging davon aus, dass die Gesundheit des Menschen von einem Gleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim abhängt. Krankheit wurde als Folge einer Störung dieses Gleichgewichts angesehen.
  • Das Brownsche Reiz-Reaktionskonzept: John Brown postulierte, dass jedes Lebewesen über eine Reizbarkeit-Erregbarkeit verfügt und dass Krankheiten entweder durch einen Mangel oder einen Überschuss an Reizen entstehen.
  • Der tierische Magnetismus von Mesmer: Franz Anton Mesmer glaubte an eine universelle magnetische Kraft, die den Kosmos durchdringt und die Gesundheit beeinflusst. Er entwickelte eine Methode, um diese Kraft auf Patienten zu übertragen und so Krankheiten zu heilen.
  • Hahnemanns Homöopathie: Samuel Hahnemann begründete die Homöopathie, eine alternative Heilmethode, die auf dem Prinzip "Ähnliches mit Ähnlichem heilen" basiert. Dabei werden stark verdünnte Substanzen eingesetzt, um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen.

Ein weiteres Merkmal der Romantischen Medizin war die Neigung, den Menschen als Teil eines großen Ganzen zu betrachten. Philosophen und Mediziner suchten nach Zusammenhängen zwischen Körper, Geist und Seele sowie zwischen Mensch und Kosmos.

Behandlungsmethoden im Wandel der Zeit

In der Romantischen Medizin waren die Behandlungsmethoden vielfältig und oft spekulativ.

  • Ausleitungsverfahren: Um das Gleichgewicht der Körpersäfte wiederherzustellen, wurden "Ausleitungen" durchgeführt, wie z. B. die Ableitung von Harn und Stuhl, das Auslösen von Erbrechen oder das Schwitzen. Auch Blutentleerungen durch Aderlässe oder Blutegel waren gängige Praktiken.
  • Reiztherapien: Gemäß dem Brownschen Konzept wurden stärkende oder schwächende Mittel eingesetzt, um den Körper entweder anzuregen oder zu beruhigen.
  • Magnetische Kuren: Mesmer entwickelte einen "Bacquet", einen Bottich mit magnetisierten Materialien, aus dem die Patienten die magnetische Kraft ableiten sollten. Später übertrug er die Kraft direkt durch Handauflegen.
  • Homöopathische Mittel: Hahnemann stellte seine Medikamente aus Kräutern in immer stärkeren Verdünnungen her, um die "geistartigen Arzneikräfte" freizusetzen.

Diagnosen waren oft unspezifisch und basierten auf Spekulationen. Es gab eine Vielzahl von "Fiebern" und "Süchten", die jeweils unterschiedlich behandelt wurden.

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Die Rolle der Nervenheilkunde in der Romantik

Johann Christian Reil versuchte, die alte Humoralpathologie durch eine neurologische Krankheitslehre zu ersetzen. Er verlegte den Sitz der "Lebenskraft" in das Nervensystem und erklärte das Gehirn zum zentralen "Seelenorgan".

Ein wichtiger Vertreter der Nervenheilkunde war Moritz Heinrich Romberg (1795-1873), der mit seinem 1840 veröffentlichten "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen" als Begründer des Faches Neurologie in Deutschland gilt.

Krankengeschichten berühmter Persönlichkeiten

Roland Schiffter beleuchtet in seinem Buch "Vom Leben, Leiden und Sterben in der Romantik" die Krankengeschichten berühmter Persönlichkeiten dieser Zeit. Anhand von Zeitdokumenten veranschaulicht er die Not, wenn sie mit Aderlässen, Abführmitteln und anderen drastischen Methoden behandelt wurden.

  • Bettina von Arnim: Sie wehrte sich erfolgreich gegen die Behandlungsmethoden ihrer Zeit und wurde 74 Jahre alt.
  • Karl Friedrich Schinkel: Sein Beispiel mahnt Ärzte und Kranke, jeglichen therapeutischen Aktionismus zu meiden und Therapien kritisch zu hinterfragen.
  • Heinrich Heine: Er litt unter anderem an Migräne, Liebesangst und vermutlich an Neuro-Syphilis.
  • Robert Schumann: Er litt nicht an Syphilis, sondern an einer relativ gutartigen Verlaufsform der Schizophrenie.

Das Erbe der Romantischen Medizin

Die Romantische Medizin mag aus heutiger Sicht überholt erscheinen, doch sie hat auch positive Aspekte. Sie betonte die Bedeutung des Individuums, die Berücksichtigung der Biografie des Kranken und das geduldige ärztliche Gespräch. Diese Elemente sollten auch in der modernen Medizin wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.

Schiffter kritisiert in diesem Zusammenhang die heutigen "Fehlleistungen der Ärzte und Fehlentwicklungen der Medizin", wie z. B. überflüssige Operationen, Medikamentenverordnungen und apparative Untersuchungen sowie den Mangel an menschlicher Zuwendung.

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Justinus Kerner: Arzt, Dichter und Magnetiseur

Justinus Kerner (1786-1862) war ein Arzt und Dichter, der sich intensiv mit dem "tierischen Magnetismus" beschäftigte. Er behandelte die "Seherin von Prevorst", Friederike Hauffe, und dokumentierte ihre Krankengeschichte detailliert.

Kerners Arbeit zeigt, dass die Ärzte der Romantik keineswegs nur Schwärmer und Naturmystiker waren. Sie führten auch wissenschaftliche Experimente durch und trugen zur Entwicklung der Medizin bei.

Die "Romantische Wissenschaft" nach Lurija

Alexander Romanowitsch Lurija (1902-1977) unterschied zwischen der "Klassischen Wissenschaft", die Ereignisse in ihre Bestandteile zerlegt und allgemeingültige Gesetze formuliert, und der "Romantischen Wissenschaft", die den Reichtum der Lebenswelt bewahren will.

Lurija versuchte, beide Ansätze in seiner Arbeit zu vereinen. Er verfasste sowohl "systematische" Schriften im Stil der Klassischen Wissenschaft als auch "biographische" Bücher im Stil der Romantischen Wissenschaft.

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