Jutta Becker: Demenzforschung und innovative Ansätze in der Betreuung

Einleitung

Die Demenzforschung ist ein zentrales Feld in der Medizin und Gesellschaft, angesichts der steigenden Zahl von Menschen, die von dieser Krankheit betroffen sind. Jutta Becker hat sich in diesem Bereich durch ihre Forschung und ihr Engagement in der Fortbildung von Pflegefachpersonen einen Namen gemacht. Dieser Artikel beleuchtet ihre Arbeit und die Bedeutung innovativer Betreuungsansätze für Menschen mit Demenz.

Soziale Teilhabe und individuelle Assistenz

Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Demenz ist die soziale Teilhabe. Neben der Teilnahme am politischen Leben, kulturellen Aktivitäten sowie bezahlter und unbezahlter Arbeit ist die Soziale Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ein wichtiger Bestandteil, um Isolation und Ausgrenzung zu vermeiden. Assistenzleistungen sollten sich flexibel an den jeweiligen Bedürfnissen und der persönlichen Situation orientieren. Im direkten Kontakt werden persönliche Fragestellungen anhand der momentanen Lebenssituation abgesprochen. Dies kann zum Beispiel eine Unterstützung bei Behördengängen, die Klärung bei Fragen zum Lebensunterhalt, die Suche nach einem Arbeits- oder Beschäftigungsangebot oder auch die Unterstützung beim Aufbau einer Tagesstruktur sein.

Informationsreihen und Aufklärung

Die Stadtbücherei Dreieich präsentierte eine Informationsreihe mit dem Titel „Verwirrtheit im Alter“. Die Veranstaltungen richteten sich vor allem an die Angehörigen verwirrter alter Menschen. Mit von der Partie waren der Kreis Offenbach, die Dreieicher Senioren-Beratung sowie der Gesprächskreis „Pflegende Angehörige“. Verwirrt sind alte Menschen aufgrund von Krankheiten, die Veränderungen in ihrem Gehirn bewirken. Manche Gründe von Verwirrtheit sind aufhebbar oder zumindest verbesserbar. Andere sind aber gar nicht zu heilen und der einmal begonnene Prozess der Veränderung schreitet unaufhaltsam fort.

Als Angehöriger steht man oft, das wissen alle Betroffenen, vor unerwarteten Schwierigkeiten. Denn pflegebedürftige Menschen möchten immer häufiger im eigenen Haushalt versorgt werden. Doch oft können Angehörige diese „Rund um die Uhr“-Betreuung nicht leisten, so dass alternative Lösungen gefunden werden müssen. Die Vorträge aus der Informationsreihe „Pflegende Angehörige verwirrter alter Menschen“ geben einen Einblick in die Welt der Erkrankten und sollen den Angehörigen dabei helfen, viele ihrer Probleme zu bewältigen.

Medizinische Hintergründe und Therapieansätze

Jutta Becker, Ärztin und Fachberaterin im Bereich Demenz, erklärte verschiedene Krankheitsbilder, die sich in Verwirrtheit ausdrücken. Sie sprach über deren Merkmale, Entstehung und Verläufe. Im Mittelpunkt standen die Alzheimer Krankheit und die Multi-Infarkt-Demenz.

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Eckart von Hirschhausen widmete sich in seiner Doku "Hirschhausen und das große Vergessen" dem Thema Demenz. Er behandelte die wichtigsten Fragen zur Volkskrankheit unserer alternden Gesellschaft: Wie lässt sich eine Demenzerkrankung vermeiden? Wie lebt man besser mit Demenz, sowohl als Betroffener wie als Angehöriger? Und wann wird sie endlich heilbar sein?

Im Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn ließ sich Eckart von Hirschhausen umfassend testen. Er erfuhr, welche Faktoren das Risiko für eine Erkrankung senken oder erhöhen. Von Neurologin Dr. Taraneh Ebrahimi wurde der prominente Patient mit Ultraschall auf Plaque untersucht: Die Ablagerungen an den Arterienwänden gelten als mögliche Ursache für vaskuläre Demenz, die zweithäufigste Erscheinungsform der Demenz. Doch auch Schlaf, pflanzenbasierte Ernährung, Bewegung und lebenslange Neugier hängen eng mit der Hirngesundheit zusammen.

Betreuung und Lebensqualität

Hirschhausen begegnete Betroffenen in unterschiedlichen Krankheitsstadien und erfuhr, wie es möglich ist, trotz der Diagnose ein erfülltes Leben zu führen. So besuchte er den 68-jährigen Georg und dessen Frau Jutta, die ihn seit zwölf Jahren zu Hause pflegt. Sie beschreibt ihren gemeinsamen Weg mit den Worten: "Die Gefühle bleiben bis zum Schluss"; "Man muss sich da irgendwie durchwursteln" oder "Eigentlich haben wir das ganz gut geschafft". Auch die 25-jährige Studentin Laura ließ sich von der Kamera begleiten.

Star der Doku dürfte Super-Ager Willy Bartz sein. Für Dr. Eckart von Hirschhausen ist der 90-Jährige jedenfalls ein großes Vorbild. Wäre man mit 90 genauso fit, hätte man wohl vieles richtig gemacht. Die Doku zeigt, wie der Senior lebt und sich beständig fit hält. Willy ist Teil der Super-Ager-Studie an der Uni Magdeburg. Prof. Anne Maass brachte dort eine Gruppe von Menschen zusammen, die im hohen Alter noch geistig topfit ist. Ihre Mitglieder werden regelmäßig untersucht. Was ist deren Geheimnis? Kann es wissenschaftlich valide gelüftet werden?

Heilmöglichkeiten und Forschungsansätze

Hirschhausens Demenz-Filme informieren über Heilmöglichkeiten von Demenz, auf denen viele Hoffnungen beruhen. Klara W. (67) aus Köln soll als eine der ersten Betroffenen das in Europa neu zugelassene Alzheimer-Medikament Lecanemab bekommen, das Plaque-Ablagerungen bekämpft. Auch andere Forschungsansätze wie eine Gehirn-Stimulation mit 40 Hertz Gammawellen oder eine am MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston getestete Therapiebrille werden vorgestellt.

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Ernährung und Grundbedürfnisse

Probleme der Ernährung demenziell veränderter älterer Menschen, insbesondere das Trinken, sind aufgrund ihrer spezifischen Krankheitssymptome Gegenstand von Fachtagungen und Seminaren geworden. Menschen mit Demenz nehmen oft nicht mehr regelrecht wahr, etwas zu essen bzw. trinken zu müssen und zeigen wenig neuen Reiz in ihrer Umgebung zu. Pflegende sind oft dabei behindert, die Zeit und Ruhe für die Mahlzeiteneinnahme aufzubringen. Die ständige Bewegung erfordert Energien, wobei milieuspezifische Faktoren zu berücksichtigen sind.

Auf einer Fachtagung in Frankfurt am Main wurde eingehend referiert, wobei u. a. auf die spezifischen Probleme von Pflegenden bei Problemen der Nahrungsaufnahme eingegangen wird. Es wurden Messinstrumente (u. a. zur Erfassung von Mangelernährung) und Handlungsempfehlungen (u. a. zur Verbesserung der Nahrungsaufnahme) dargestellt. Auch auf die pflegerische Kompetenzentwicklung in diesem Bereich wurde eingegangen.

Es wurden Fragen aufgeworfen wie: "Menschen mit Demenz zwischen Sedierung und PEG?" und auf die Bedeutung von Grundbedürfnissen eingegangen. Die Referenten erläuterten die Ursachen der Mangelernährung (u. a. Schluckstörungen) und ihre Folgen (z. B. Dekubitus).

Rechtliche und ethische Aspekte

Es wurden auch rechtliche Aspekte thematisiert, wie "Rechtsgüterabwägung Leben - Selbstbestimmungsrecht. Rechtssprechung". Hierbei wurde u. a. auf die Bedeutung des Bevollmächtigen und die Patientenverfügung eingegangen. Kritisch wurde die Entscheidung des BGH vom 17.03.2003 betrachtet, wonach bei einer Nahrungsverweigerung das Vormundschaftsgericht beim Tatbestand der Nichtvornahme bzw. Abbruch einer künstlichen Ernährung angerufen werden muss.

Es wurden ethische Fragen aufgeworfen: Darf man Demenzkranken, die z. B. zum Selbstbestimmten Handeln nicht mehr entscheiden können, noch Autonomie zubilligen? Was bedeutet Selbstgefährdung? Ist die Verlängerung des Leidens und Sterbens, die oft auch noch mit Fixierungen verbunden ist, im Sinne des Demenzkranken? Diese Fragen müssen im Dialog zwischen Arzt, Angehörigen und Pflege geführt werden.

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Prävention und Fortbildung

Ein weiteres Symposium zur Verbesserung der Versorgungslage von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen fand in der Fachhochschule Frankfurt am Main statt. Expertinnen und Experten zeigten aktuelle Ansätze: Anna Gogl erläuterte, wie präventive Hausbesuche gegen Zwangseinweisung und Heimeinzug vorbeugend wirken können, während Andreas Kruse, Professor am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg, die Pflege geistig behinderter Menschen mit Demenz behandelte. Ein Beitrag von Jutta Becker beschäftigte sich mit der Fortbildung von Pflegefachpersonen zu Mentoren. Ruth Schwerdt, FH FFM-Professorin für Pflegewissenschaft, beantwortete die grundsätzliche Frage nach dem Stellenwert der Prävention.

Wohngruppenkonzepte und Demenzgärten

Die Arbeiterwohlfahrt im Saarland hat ein Pilotprojekt "Stationäre Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen" ins Leben gerufen, das im Seniorenhaus am Markt in Lebach erprobt wird. Neu sei in Lebach, dass die Heimbewohner in einzelnen Wohngruppen zu höchstens zwölf Personen leben. In den Gruppen bereiten sie auch mit Mitarbeitern ihre Mahlzeiten zu, essen gemeinsam. Auch ein beschützter Demenzgarten gehört zu dem neuen Konzept.

Dr. Jutta Becker erklärte anhand zahlreicher Beispiele die drei Stufen der Demenz. Was aber alle bräuchten, gleich in welchem Erkrankungsgrad sie sich befänden, ist ein "stützendes Milieu, das in Form von Begleitung, stressfreier Pflege, gemeinsamem Essen und überschaubaren Tagesabläufen besteht". Wichtig seien auch viele soziale Kontakte, am besten über den ganzen Tag verteilt. "Lieber 60 Mal eine Minute Zuwendung, als eine Stunde auf einmal." Wichtig sei auch, dass die Pflegenden um die Biografie der Bewohner Bescheid wissen. Angehörige geben da meist schon ein gutes Gerüst, es sei aber auch wichtig herauszuhören, was die Leute über sich selbst erzählen. Für Betroffene und Pflegende gelte: "Lernen, mit der Vergesslichkeit zu arbeiten."

Der Demenzgarten wird sehr gerne angenommen. Die Menschen, die dort leben, leben in ihrer Welt, freuen sich allerdings auch über Kontakte von außen, von Angehörigen und Besuchern. Die spezielle Betreuung der Demenzkranken wird von den Angehörigen sehr gut angenommen. Die Angehörigen integrieren sich und helfen mit. Dabei werden nicht nur die eigenen Angehörigen miteinbezogen, sondern die ganze Gruppe.

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