Das Realitätsorientierungstraining (ROT) ist ein Therapieprogramm, das speziell für den Umgang mit verwirrten älteren Menschen entwickelt wurde, insbesondere solchen mit Demenz. Es zielt darauf ab, die Lebensqualität von Demenzerkrankten zu verbessern, indem es ihnen hilft, sich im Alltag besser zu orientieren.
Ziele des Realitätsorientierungstrainings
Die Hauptziele des ROT sind vielfältig und umfassen:
- Verbesserung von Orientierung und Gedächtnis: Durch kontinuierliche Informationen über Zeit, Ort und Person soll das Gedächtnis trainiert und die Orientierung in der Realität verstärkt werden.
- Erhaltung der persönlichen Identität: Das ROT soll den Betroffenen helfen, sich an ihre Biografie und ihre Identität zu erinnern, um das Gefühl der Selbstsicherheit zu stärken.
- Ermutigung von Kommunikation: Durch die Interaktion im Rahmen des Trainings werden die Kommunikationsfähigkeiten gefördert.
- Unterstützung von sozialen Interaktionen sowie Beziehungsförderung: Das ROT bietet Möglichkeiten für soziale Kontakte und den Aufbau von Beziehungen zu anderen Bewohnern und dem Pflegepersonal.
- Stärkung des Selbstvertrauens: Indem positive Erfahrungen vermittelt werden, soll das Selbstvertrauen der Bewohner gestärkt werden.
- Möglichst lange Erhaltung der Alltagskompetenz: Durch die Aktivierung geistiger Leistungsfähigkeit soll die Fähigkeit zur Bewältigung und Strukturierung des Alltags erhalten bleiben.
Formen des Realitätsorientierungstrainings
Es werden hauptsächlich zwei Formen des ROT unterschieden:
24-Stunden-ROT (Milieutherapie)
Diese Form des ROT ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem das Stationspersonal bei möglichst jeder Interaktion Informationen vermittelt, die den Patienten an Zeit, Ort und die eigene Person erinnern sollen. Der Bewohner wird kontinuierlich mit seiner Biografie, seinem Lebensort und dem aktuellen Datum konfrontiert. Dies kann durch Orientierungshilfen wie Symbole, Abbildungen von Alltagsgegenständen oder Bilder von Tieren und Pflanzen geschehen. Die verbale Orientierung erfolgt durch regelmäßige Informationen über Ort, Zeit und Person.
Gruppen-ROT
Diese Form umfasst regelmäßig stattfindende Gruppenveranstaltungen, bei denen vier bis acht Bewohner für etwa 30 bis 60 Minuten zusammenkommen. Mithilfe einer Realitätsorientierungstafel werden zeitliche, räumliche und situative Orientierung geübt. Die Veranstaltungen können spielerisch gestaltet werden und beinhalten Singen, Basteln oder andere Aktivitäten.
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Durchführung des Realitätsorientierungstrainings
Allgemeine Maßnahmen
- Gleichförmiger Tagesablauf: Ein gleichförmiger Tagesablauf vermittelt dem Bewohner ein Gefühl der Sicherheit. Die Mahlzeiten sollten zu festen Zeiten eingenommen werden.
- Einfache Kommunikation: Mitarbeiter sprechen in einfachen, kurzen Sätzen und achten darauf, den Bewohner nicht mit zu vielen Informationen zu überfordern.
- Positive Verstärkung: Der Bewohner wird für richtige Antworten und Reaktionen gelobt.
- Einsatz von Merkzetteln: Merkzettel können zur Unterstützung der Erinnerung eingesetzt werden, sollten aber wohldosiert und gut sichtbar sein.
- Bezugspflege: Die Umsetzung von Bezugspflege ist wichtig, um eine vertrauensvolle Beziehung zum Bewohner aufzubauen.
- Informationen im Eingangsbereich: Informationen wie der Name des Pflegeheims, das aktuelle Datum und das Wetter können im Eingangsbereich oder auf einer Wandtafel angebracht werden.
Gestaltung des Wohnraums
- Großer Kalender: Ein großer Kalender mit einer übersichtlichen Wochenübersicht hilft bei der zeitlichen Orientierung. Wichtige Termine können von den Angehörigen vermerkt werden.
- Spiegel: Das Aufhängen von Spiegeln, idealerweise Ganzkörperspiegeln, fördert die Selbstwahrnehmung.
- Namensschild: Ein Namensschild an der Haustür oder am Zimmer des Bewohners hilft bei der räumlichen Orientierung.
- Vertraute Gegenstände: Persönliche Gegenstände und Fotos im Wohnraum tragen zur Identitätsstiftung bei.
Konkrete Gesprächsführung
- Begrüßung mit Namen: Die Pflegekraft stellt sich mit Namen vor und spricht den Bewohner mit seinem Namen an.
- Thematisierung von Wochentag und Jahreszeit: Der aktuelle Wochentag und die Jahreszeit werden regelmäßig thematisiert.
- Integration biografischer Daten: Biografische Daten werden in das Gespräch integriert, um die Erinnerung zu fördern.
- Bezug zur Gegenwart: Es wird ein Bezug zur Gegenwart hergestellt, beispielsweise über die Berufsbiografie des Bewohners.
Hilfsmittel zur Unterstützung des Realitätsorientierungstrainings
Um den Alltag von Menschen mit Demenz sicherer und übersichtlicher zu gestalten, können verschiedene Hilfsmittel eingesetzt werden:
- Erinnerungshilfen: Sprechende Zeitplaner helfen bei der Strukturierung des Tagesablaufs.
- Technische Hilfsmittel: Schlüsselfinder, GPS-Tracker und spezielle Telefone erleichtern den Alltag.
- Demenz-Geschirr: Speziell entwickeltes Geschirr in klaren Formen und leuchtenden Farben hilft, die Speisen besser zu erkennen.
- Wochenpläne und Kalender: Große, leicht verständliche Wochenpläne und Kalender helfen bei der zeitlichen Orientierung.
- Demenz-Uhren: Demenz-Uhren mit Ortungssystem ermöglichen es Angehörigen, den Standort des Betroffenen im Notfall nachzuverfolgen.
- Sicherheitsmaßnahmen: Herdsicherungen und Rauchmelder minimieren das Risiko von Unfällen.
Kritik am Realitätsorientierungstraining
Obwohl das ROT als Therapiekonzept anerkannt ist, gibt es auch Kritik. Einige Experten bemängeln, dass die ständige Konfrontation mit der Realität bei den Betroffenen Ängste und Depressionen auslösen könnte. Zudem wird der Betreuungsansatz als starr und wenig einfühlsam kritisiert, da Fehler korrigiert werden und dies zu Überforderung und Frustration führen kann. Es ist daher wichtig, das ROT einfühlsam und individuell anzupassen und die Würde des Bewohners stets zu wahren.
Validation als Alternative
Die Validation ist ein Betreuungsansatz, der im Gegensatz zum ROT steht. Während das ROT die Bewohner an die äußere Realität ausrichtet, akzeptiert die Validation die Realität des Bewohners und versucht, auf seine Gefühle und Bedürfnisse einzugehen. Beide Ansätze können je nach Situation und Bedürfnissen des Bewohners sinnvoll sein.
Bedeutung der Dokumentation
Die Beobachtungen während des ROT werden dokumentiert, um die Resultate abzuschätzen und die Maßnahmen gegebenenfalls anzupassen. Es ist wichtig, auf die Reaktionen der Bewohner zu achten und negative Reaktionen zu vermeiden.
Ursachen für den Verlust der Orientierung bei Demenz
Desorientierung gehört zu den häufigsten Symptomen bei Demenz. Besonders bei der Alzheimer-Krankheit sind die räumliche Orientierung und das Zeitgefühl schon früh beeinträchtigt. Die genauen Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Schädigungen im Hippocampus und im parietalen Kortex spielen eine wichtige Rolle.
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