Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein weltweit verbreiteter Erreger, der akute Atemwegsinfektionen verursacht. Diese Infektionen können von Erkältungssymptomen bis hin zur Lungenentzündung reichen und füllen in den Herbst- und Wintermonaten die Arztpraxen. Besonders Säuglinge, kleine Kinder und ältere Menschen mit Vorerkrankungen sind häufiger von schweren Verläufen betroffen. In jüngster Zeit wurden neurologische Begleiterscheinungen wie Krampfanfälle, Lähmungen oder Bewegungsstörungen vermehrt mit RSV-Infektionen in Verbindung gebracht. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlung von RSV-Infektionen sowie die möglichen Zusammenhänge mit neurologischen Komplikationen, insbesondere Krampfanfällen.
Was ist das RSV-Virus?
RSV steht für Respiratorisches Synzytial-Virus, umgangssprachlich oft als RS-Virus bezeichnet. Es handelt sich um ein RNA-Virus, das Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege verursacht. Fast alle Kinder haben bis zum Ende ihres zweiten Lebensjahres mindestens eine RSV-Infektion durchgemacht, da eine langfristige Immunisierung nicht möglich ist und erneute Ansteckungen häufig vorkommen.
Übertragung und Ansteckung
Die Infektion mit dem RS-Virus erfolgt in der Regel über Tröpfchen- oder Schmierinfektion. Infizierte Personen verteilen die Erreger durch Husten oder Niesen auf ihren Händen, Oberflächen und Gegenständen. Gelangen die Erreger auf die Schleimhäute nicht infizierter Personen, können diese sich anstecken. RSV-Erreger können bis zu 20 Minuten auf Körperteilen wie den Händen und mehrere Stunden auf Plastikoberflächen infektiös bleiben. Daher ist das Beachten von Hygieneregeln besonders wichtig, um eine weitere Ansteckung zu vermeiden. Bereits bevor erste Krankheitssymptome auftreten, kann eine Person mit RSV-Infektion ansteckend sein.
Symptome einer RSV-Infektion
Nach der Ansteckung dauert es meist zwei bis acht Tage, bis die ersten Krankheitszeichen auftreten. Die Symptome können je nach Alter variieren:
Mögliche Symptome bei Ersterkrankung im Kindes- oder Säuglingsalter:
- Husten
- Halsschmerzen
- (Hohes) Fieber
- Schnupfen
- Bindehautentzündung
- Mittelohrentzündung als Begleiterkrankung
- Lungenentzündung (bei schwerer Infektion)
Mögliche Symptome bei älteren Kindern und Erwachsenen:
- Langanhaltender, trockener Husten
- Schnupfen
- Teilweise leichtes Fieber
Erwachsene und ältere Kinder erkranken in der Regel weniger stark an RSV und bleiben teilweise vollkommen asymptomatisch, da ihr Immunsystem bereits weiter ausgebildet ist. Trotzdem sind infizierte Personen grundsätzlich sehr ansteckend und sollten Hygieneregeln beachten, um Risikogruppen nicht zu gefährden.
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Risikogruppen und Gefahren
Bei Erwachsenen und älteren Kindern ohne Vorerkrankungen ist eine Infektion mit dem RS-Virus meist ungefährlich und äußert sich durch leichte Erkältungssymptome. Für bestimmte Personengruppen kann eine RSV-Erkrankung jedoch ein hohes Risiko darstellen:
- Patienten mit Lungenerkrankungen, einem angeborenen Herzfehler oder einem geschwächten Immunsystem
- Frühgeborene
- Ältere Menschen ab 65 Jahren
Diagnose einer RSV-Infektion
Erste Anzeichen für eine RSV-Infektion sind die typischen Krankheitssymptome. Da diese jedoch oft denen einer Erkältung ähneln, sind zusätzliche Tests notwendig, um die Diagnose zu sichern. Infrage kommen:
- PCR-Test: Dieser Test überprüft mittels Polymerase-Chain-Reaction (PCR) das Erbgut des Virus und kann so ermitteln, ob das RSV vorliegt. Das Ergebnis liegt schnell vor und ist besonders zuverlässig.
- Antigennachweis: Auch Antigentests sind geeignet, um RSV nachzuweisen. Dabei wird ein Rachenabstrich auf spezielle Antigene untersucht. Der Test liefert das Ergebnis innerhalb weniger Minuten, ist aber nicht immer zuverlässig.
Das Alter des Patienten und der Zeitpunkt des Tests sind entscheidend, um RSV-Erkrankungen zu erkennen.
RSV und Bronchiolitis
Eine der häufigsten Komplikationen bei Säuglingen und Kleinkindern ist die Bronchiolitis, eine Entzündung der Bronchiolen (kleinen Atemwege) in der Lunge. Die Bronchiolitis wird in der Regel durch RSV verursacht.
Pathophysiologie der Bronchiolitis:
Die virale Infektion führt zu Epithelnekrosen und Entzündungen in den Bronchien und Bronchiolen. Durch sich entwickelnde Ödeme kommt es zu Teilobstruktionen, die zu „Air Trapping“ führen können. Bei der Auskultation lässt sich ein endinspiratorisches Knisterrasseln feststellen, verursacht durch den erhöhten Strömungswiderstand in den mit Sekret gefüllten distalen Bronchiolen. Ein Giemen bei verlängerter Exspiration ist seltener.
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Behandlung von RSV-Infektionen
Da es sich um eine Virusinfektion handelt, ist eine Antibiotika-Therapie nicht geeignet. Kortison-Sprays zeigen ebenfalls keine Wirkung. Stattdessen sollten die Symptome wie Schnupfen, Husten und Fieber mithilfe entsprechender Medikamente behandelt werden. Auch Hausmittel wie Tee, viel Flüssigkeit, Inhalieren und Gurgeln sowie warme Halswickel können unterstützend wirken. In der Regel klingt die Atemwegserkrankung von selbst wieder ab.
Bei schweren Verläufen müssen Säuglinge und Kleinkinder oder auch Erwachsene mitunter im Krankenhaus beobachtet werden. In manchen Fällen benötigen sie zusätzlichen Sauerstoff und Unterstützung beim Atmen (High-Flow-Therapie).
Wichtig: Sorgfältige Hygienemaßnahmen und das Vermeiden von Kontakt zu anderen (vor allem Risikopatienten) sind essenziell, um die Übertragung auf weitere Personen zu vermeiden.
RSV und Neurologische Komplikationen: Krampfanfälle
Immer öfter werden neurologische Begleiterscheinungen wie Krämpfe, Lähmungen oder Bewegungsstörungen mit RSV-Infektionen in Zusammenhang gebracht.
Wie gelangt das Virus ins Gehirn?
Forschungen haben gezeigt, dass das RSV über die Riechnerven und das Immunsystem ins Gehirn gelangen kann. Bereits 24 Stunden nach der Infektion wurden Virenspuren in bestimmten Regionen des Gehirns (z. B. Stammhirn, Hippocampus) nachgewiesen.
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Auswirkungen des Virus auf das Gehirn:
Das Virus kann die Reiz- und Impulsübertragung im Hippocampus, einer für das Lernen wichtigen Hirnregion, behindern. Studien an Nagetieren haben gezeigt, dass infizierte Tiere in Verhaltens- und Lerntests schlechter abschneiden.
RSV und Krampfanfälle:
Eine Studie aus Großbritannien analysierte die Krankenakten von etwa 2,5 Millionen Patienten und fand heraus, dass das Risiko für Epilepsie oder Krampfanfälle selbst zwei Jahre nach einer COVID-19-Infektion leicht erhöht bleibt im Vergleich zu anderen Atemwegserkrankungen. Bei Kindern wurde nach 6 Monaten ein erhöhtes Risiko für Epilepsie oder Krampfanfälle festgestellt (HRs zwischen 1,20 [95-%-KI 1,09-1,33] und 2,16 [95-%-KI 1,46-3,19]). In absoluten Zahlen bedeutet das bei Kindern, dass 263 von 10.000 innerhalb von 2 Jahren nach einer COVID-19-Infektion an Epilepsie erkrankten, verglichen mit 126 von 10.000 nach anderen Atemwegsinfektionen.
Auch wenn diese Studie sich auf COVID-19 bezog, deutet die Tatsache, dass das Risiko für Krampfanfälle nach Atemwegsinfektionen generell erhöht sein kann, auf eine mögliche Verbindung zwischen RSV und Krampfanfällen hin. Es ist wichtig zu beachten, dass die genauen Mechanismen, die zu Krampfanfällen im Zusammenhang mit RSV führen, noch nicht vollständig verstanden sind und weitere Forschung erforderlich ist.
Prävention von RSV-Infektionen
Eine Impfung gegen RS-Viren kann vor RSV-Erkrankungen schützen. Empfohlen wird diese für folgende Personengruppen:
- Schwangere Frauen: Die Impfung soll so auch das neugeborene Kind während der ersten sechs Lebensmonate schützen.
- Säuglinge: Säuglinge sollten vor oder während ihrer ersten RSV-Saison, die üblicherweise zwischen Oktober und März liegt, geimpft werden.
- Personen von 60 bis 74 Jahren: Menschen zwischen 60 und 74 Jahren wird die Impfung empfohlen, wenn sie einer Risikogruppe angehören. Dies ist beispielsweise bei einer chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankung der Fall oder wenn die betroffene Person in einer Pflegeeinrichtung lebt.
- Menschen ab 75 Jahren: Personen in dieser Altersgruppe wird die Impfung generell empfohlen.
Für Kinder unter zwei Jahren mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf besteht zudem die Möglichkeit einer kurzfristig anhaltenden RSV-Prophylaxe. Durch den monoklonalen Antikörper Palivizumab wird das Immunsystem auf die RSV-Infektion vorbereitet und mit Antikörpern ausgestattet, um die RS-Viren abzuwehren (passive Immunisierung). Die Gabe der Antikörper erfolgt im vier-Wochen-Rhythmus während der RSV-Saison.
Zusätzlich zu Impfungen und Prophylaxe sind allgemeine Hygienemaßnahmen wichtig, um die Ausbreitung von RSV zu verhindern:
- Häufiges Händewaschen mit Seife und Wasser
- Vermeiden von Kontakt zu erkrankten Personen
- Desinfektion von Oberflächen und Gegenständen, die häufig berührt werden
- Husten und Niesen in die Armbeuge oder ein Taschentuch
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