Rückenmark und Harnblasenentleerung: Funktionsweise und Störungen

Die Harnblase ist ein bemerkenswert dehnbares Organ, das eine zentrale Rolle im menschlichen Körper spielt. Sie sammelt den Urin und signalisiert, wann es Zeit für eine Toilettenpause ist. Doch wie funktioniert dieses System genau? Warum müssen manche Menschen häufiger zur Toilette als andere? Und welche Rolle spielt das Rückenmark bei all diesen Prozessen? Dieser Artikel beleuchtet die Funktionsweise der Harnblase und ihre komplexe Verbindung zum Rückenmark, erklärt die normalen Abläufe der Blasenentleerung und geht auf verschiedene Störungen ein, die in diesem System auftreten können.

Die normale Funktion der Harnblase

Die Harnblase ist ein muskulöses Hohlorgan, das sich im Becken befindet. Ihre Hauptaufgabe ist die Speicherung von Urin, der von den Nieren produziert wird. Die Nieren filtern Abfallstoffe und überschüssiges Wasser aus dem Blut, um Urin zu bilden. Dieser Urin gelangt über die Harnleiter in die Blase.

Speicherfunktion

Die Harnblase kann, je nach Größe, etwa 500 bis 700 Milliliter Urin aufnehmen. Männer haben tendenziell eine größere Blasenkapazität als Frauen. Während sich die Blase füllt, dehnt sie sich aus und wird prall. Spezielle Nervenzellen in den Wänden der Blase überwachen kontinuierlich den Füllstand. Diese Informationen werden über Nervenbahnen an das Rückenmark und das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet.

Ab einem Füllstand von etwa 150 bis 250 Millilitern verspüren wir den ersten Harndrang. Schließmuskeln am Ausgang der Blase verhindern, dass der Urin unkontrolliert abläuft. Je voller die Blase wird, desto stärker wird auch der Harndrang.

Entleerungsfunktion

Wenn wir zur Toilette gehen, können wir bewusst Urin abgeben. Dieser Vorgang ist jedoch komplexer als er scheint. Das Gehirn sendet Signale, die die Schließmuskeln der Blase erschlaffen lassen. Gleichzeitig dehnt sich die Harnröhre aus, sodass der Urin abfließen kann.

Lesen Sie auch: Der Conus Medullaris: Eine detaillierte Analyse

Die Häufigkeit, mit der wir zur Toilette müssen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Flüssigkeitsaufnahme. Bei einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr von etwa zwei Litern pro Tag sind vier bis sieben Blasenentleerungen tagsüber und bis zu einer in der Nacht normal.

Die Rolle der Schließmuskeln

Schließmuskeln verhindern, dass Urin selbstständig aus der Blase austritt. Ein Schließmuskel befindet sich an der Stelle, wo die Blase in die Harnröhre übergeht. Dieser erschlafft, wenn das Gehirn uns eine volle Blase meldet. Ein zweiter Schließmuskel am Ende der Harnröhre kann bewusst kontrolliert werden, um den Urin zurückzuhalten.

Was passiert, wenn man den Harndrang unterdrückt?

Theoretisch kann eine Blase reißen, wenn sie übermäßig gefüllt ist, aber dies ist selten und tritt eher durch Gewalteinwirkung auf. In den meisten Fällen würde sich eine zu volle Blase von selbst entleeren, ohne dass wir etwas dagegen tun können.

Die Verbindung zum Rückenmark

Die Kontrolle der Blasenfunktion ist ein komplexer Prozess, der das Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark, Nerven und Muskeln erfordert. Rückenmarksverletzungen können diese Prozesse erheblich beeinträchtigen und zu einer Vielzahl von Blasenfunktionsstörungen führen.

Neurogene Dysfunktion des unteren Harntrakts

Wenn die Kontrolle der Blase durch eine Rückenmarksverletzung gestört ist, spricht man von einer neurogenen Dysfunktion des unteren Harntrakts, früher auch als neurogene Blasenfunktionsstörung bezeichnet. In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff "Intermittierender Katheterismus" (ISK) verwendet.

Lesen Sie auch: Rückenmarksanatomie im Detail erklärt

Arten von Blasenfunktionsstörungen bei Rückenmarksverletzungen

  • Spastische Blase: Diese tritt bei Verletzungen im Bereich der Hals- und Brustwirbel auf. Die Blase zieht sich unkontrolliert zusammen, was zu spontanen Ausscheidungen von Urin führt. Dieser Reflex tritt erst auf, nachdem der spinale Schock abgeklungen ist, in der Regel etwa 3 Wochen bis 2 Monate nach der Verletzung. Die Meldung, dass die Blase voll ist, gelangt zwar noch zum Rückenmark, aber das Gehirn kann keinen Einfluss mehr auf die Funktion der Blase ausüben. Stattdessen wird die Meldung im Rückenmark als Reflex umgesetzt. Die Blase entleert sich dabei meist in einer Art "Stopp and Go", weil sich der Schließmuskel immer wieder schließt. Dadurch kann ein Druck entstehen, der den Blasenmuskel verformt und die Ventile in der Blasenwand schädigt. Diese können dann nicht mehr verhindern, dass Urin zu den Nieren zurückfließt (Reflux).
  • Schlaffe Blase: Bei dieser Form ziehen sich die Muskeln der Blase nie zusammen, der Reflex bleibt aus. Betroffene müssen andere Formen der Blasenentleerung finden. Wird die Blase nicht regelmäßig entleert, entstehen mit hoher Wahrscheinlichkeit Blasenentzündungen. Die Blase kann etwa bis zu 500 Milliliter aufnehmen. Bei einer höheren Menge droht eine Überdehnung, die Blase kann sich später nicht mehr zusammenziehen. Zudem können Infektionen mit dem Rückstau von Urin über die Harnleiter zu den Nieren gelangen und es kann zu fiebrigen Erkrankungen kommen. Sie können die Nieren schädigen und zu Nierenversagen führen. Die Entstehung von Nierensteinen kann auf eine ständig volle oder infizierte Blase hindeuten.
  • Inkomplette Lähmung der Blase: Diese kann auftreten, wenn die Verletzung des Rückenmarks oberhalb des sakralen Miktionszentrums liegt. Dann kann die Blasenfunktion nicht mehr vollständig, aber noch teilweise willentlich beeinflusst werden. Mitunter ist es möglich, das Zusammenziehen der Blase (Kontraktion) bewusst zur Entleerung zu aktivieren. Allerdings ist das spontane Kontrahieren der Blasenmuskulatur und damit ein ungewolltes Ausscheiden von Urin kaum verlässlich zu vermeiden. Betroffene können auch den Blasenschließmuskel in vielen Fällen nicht bewusst steuern. Auch bei dieser Form einer gestörten Blasenfunktion bei Querschnittlähmung ist es oft sinnvoll, ganz auf Intermittierenden Selbstkatherismus umzustellen, um zu hohen Druck in der Blase bei der Entleerung zu vermeiden.

Diagnostik bei neurogener Blasendysfunktion

  • Anamnese: Eine gründliche Anamnese ist wichtig, um die Art und den Schweregrad der Blasenfunktionsstörung zu erfassen. Dabei sollte nicht nur nach Blasenstörungen, sondern auch nach Beeinträchtigungen sexueller Funktionen und der Darmtätigkeit gefragt werden.
  • Klinische Untersuchung: Eine klinische uroneurologische Untersuchung umfasst die Beurteilung von Tonus und Willkürinnervation des M. sphincter ani externus, sakrale oligo- und polysynaptische Reflexe sowie die Perianalsensibilität.
  • Restharnsonografie: Die Restharnsonografie ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik und Therapiekontrolle bei neurogenen Blasenstörungen.
  • Nierensonografie: Eine Nierensonografie ist erforderlich, um mögliche Veränderungen des oberen Harntrakts aufzudecken.
  • Miktionszysturethrografie: Diese Untersuchung dient zum Ausschluss eines vesikoureterorenalen Refluxes.
  • Urodynamische Messmethoden: Urodynamische Messmethoden werden in Abhängigkeit von der neurologischen Grunderkrankung und der Behandlungsstrategie gezielt eingesetzt.

Therapie bei neurogener Blasendysfunktion

  • Kausale Therapie: Vorrangig ist immer eine kausale Therapie, wenn möglich. So kann sich auch noch Jahre nach operativer Beseitigung einer Kaudakompression eine Blasenlähmung zurückbilden.
  • Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK): Bei persistierender Blasenentleerungsstörung ist der intermittierende Selbstkatheterismus erforderlich.
  • Reflexentleerung: Bei der Reflexentleerung wird die Blase durch Beklopfen (Triggern) von außen stimuliert.
  • Sakrale Deafferentation (SDAF): Die sakrale Deafferentation wird bei überaktiver Reflexentleerung und erhaltener Elastizität und Kontraktionsfähigkeit der Blase angewandt, wenn konservative Methoden erfolglos bleiben.
  • Neuromodulation: Bei der Neuromodulation werden die afferenten Nerven über Elektroden stimuliert.

Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose (MS)

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die häufig zu Blasenfunktionsstörungen führt. Schädigungen am Rückenmark können die Ansteuerung der Blase stören und eine Blasenschwäche verursachen.

Symptome von Blasenfunktionsstörungen bei MS

  • Häufiges Wasserlassen
  • Gesteigerter Harndrang
  • Dranginkontinenz
  • Unvollständige Blasenentleerung mit Verbleiben von Restharn
  • Harnsperre bzw. Harnverhalt

Diagnose und Therapie von Blasenfunktionsstörungen bei MS

Eine frühzeitige und sorgfältige Abklärung der Blasenschwäche ist bei MS-Patienten wichtig. Per urodynamischer Untersuchung kann das komplexe Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur der Blase sowie des Beckenbodens auf Funktionsstörungen untersucht werden.

Die Blasenschwäche wird in erster Linie medikamentös behandelt. Je nachdem, welche Art der Funktionsstörung vorliegt, können unterschiedliche Wirkstoffe zum Einsatz kommen. Invasiven Therapiemethoden wie Injektionsbehandlungen der Blase mit Botox, sakrale Neuromodulation oder Selbstkatheterisierung können ebenfalls in Betracht gezogen werden.

Weitere Ursachen für Blasenfunktionsstörungen

Neben Rückenmarksverletzungen und Multipler Sklerose gibt es weitere Ursachen für Blasenfunktionsstörungen:

  • Blasenkrebs: Ein Tumor in der Harnblase kann lange Zeit unbemerkt bleiben und erst in einem späten Stadium Beschwerden verursachen.
  • Prostatavergrößerung (bei Männern): Eine vergrößerte Prostata kann den Urinfluss aus der Blase behindern und zu häufigem Wasserlassen, unvollständiger Entleerung und Harnträufeln führen.
  • Harnwegsinfektionen: Infektionen der Harnwege können die Blasenfunktion beeinträchtigen und zu Harndrang, Schmerzen beim Wasserlassen und anderen Symptomen führen.
  • Beckenbodenschwäche: Durch Schwangerschaften, Vaginalgeburten und starke Belastung des Beckenbodens kann die Stützfunktion des Beckenbodens geschwächt sein, was zu Urinverlust führen kann.

Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung

tags: #ruckenmark #und #harnblasenentleerung