Multiple Sklerose Forschung an der Ruhr-Universität Bochum: Fortschritte und neue Therapieansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die vor allem junge Erwachsene betrifft. Die Forschung an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) leistet einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Pathogenese, zur Entwicklung neuer Diagnoseverfahren und zur Verbesserung der Therapie von MS. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsansätze, die an der RUB verfolgt werden, und gibt einen Überblick über die erzielten Fortschritte.

Einführung

Die Multiple Sklerose ist durch eine Vielzahl von Gesichtern gekennzeichnet, was bedeutet, dass sich die Krankheit bei jedem Patienten anders äußert. Die Ursachen für MS sind noch nicht vollständig geklärt, es wird jedoch davon ausgegangen, dass genetische Prädisposition und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Die Forschung an der RUB konzentriert sich auf verschiedene Aspekte der MS, von der Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung neuer Therapieansätze.

Forschungsschwerpunkte an der RUB

Die interdisziplinäre Forschungsgruppe Multiple Sklerose der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der MS-Forschung. Zu den Schwerpunkten gehören:

Neuroimmunologie

Das Forschungszentrum Neuroimmunologie, gegründet im Jahr 2006 von Prof. Dr. Ralf Gold, untersucht die Pathogenese von Autoimmunerkrankungen des Nervensystems, insbesondere die Multiple Sklerose. Die Forschung konzentriert sich auf die Untersuchung der Mechanismen, die zur Entstehung und zum Fortschreiten der MS führen.

Darmmikrobiom und Metaboliten

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die Ernährung und das Darmmikrobiom eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von MS spielen. Eine Ernährung, die reich an verarbeiteten Lebensmitteln, Salz und tierischen Fetten ist, kann das Risiko für chronische Erkrankungen erhöhen. Metaboliten, die bei der Fermentation unverdaulicher Nahrungsbestandteile durch das Darmmikrobiom entstehen, spielen dabei eine Schlüsselrolle. Die Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass die Supplementierung mit der kurzkettigen Fettsäure Propionsäure (PA) sich positiv auf den Krankheitsverlauf von MS auswirkt und neuroregenerative Wirkungen in vitro hat.

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Biomarkerforschung

Ein wichtiger Fokus der MS-Forschung ist die Identifizierung und Validierung neuer Biomarker. Diese können klinisch- oder laborbasiert sein und sollen eine präzisere Vorhersage der Krankheitsentstehung und des Krankheitsverlaufs ermöglichen. Biomarker können in Körperflüssigkeiten wie Blut, Liquor oder Gewebeproben nachgewiesen werden und Aufschluss über pathophysiologische Prozesse geben. Ein weiterer Bereich ist die Erforschung von Biomarkern, die sich mit bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) korrelieren lassen.

Geschlechterunterschiede bei MS

MS betrifft Frauen deutlich häufiger als Männer. Es zeigen sich deutliche Unterschiede im Krankheitsverlauf und in der Reaktion des Immunsystems. In einem klinisch-datenbasierten Projekt werden große Patientenkohorten untersucht, um Geschlechtsunterschiede bei MS zu erforschen. Dabei spielen sowohl biologische Geschlechtsunterschiede ("Sex") als auch sozial-gesellschaftliche Aspekte und Rollenverständnisse ("Gender") eine Rolle.

Visuelle und okulomotorische Störungen

Visuelle Beeinträchtigungen, wie verschwommenes Sehen oder Doppelbilder, und Störungen der Augenbewegung (Okulomotorik) sind häufige Symptome bei MS. Die RUB untersucht diese Störungen mithilfe von Virtual Reality (VR-) Brillen, um quantitative Messergebnisse zu erhalten und die Symptome objektivierbar zu machen.

Zellbasierte Therapieansätze

Zellbasierte Therapieansätze, insbesondere die Anwendung von Chimären-Antigen-Rezeptor-T-Zellen (CAR-T-Zellen) und bispezifischen Antikörpern, sind ein neues Verfahren zur Behandlung neuroimmunologischer Erkrankungen. CAR-T-Zellen sind genetisch modifizierte T-Lymphozyten, die mit einem synthetischen Rezeptor ausgestattet sind, der es ihnen ermöglicht, spezifische Antigene auf Zielzellen zu erkennen und zu eliminieren. Bispezifische Antikörper verbinden gleichzeitig eine Bindungsstelle für ein krankheitsrelevantes Zielantigen mit einer Bindungsstelle für den CD3-Rezeptor auf T-Zellen, wodurch patienteneigene T-Zellen zur gezielten Lyse autoreaktiver B-Zellen rekrutiert werden.

Klinische Studien und Projekte

Die RUB ist an verschiedenen klinischen Studien und Projekten beteiligt, die darauf abzielen, die Behandlung von MS zu verbessern.

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CLAIMS-Projekt

Im Rahmen der Innovative Health Initiative (IHI) fördert die Europäische Kommission das Projekt CLAIMS (Clinical impact through AI-assisted MS care) mit fast zehn Millionen Euro. Ziel des Projekts ist es, eine stärker datengesteuerte und personalisierte klinische Entscheidungshilfe für die Behandlung der MS zu entwickeln. Die RUB ist an diesem Projekt beteiligt und bringt ihre Expertise im Bereich der Neuroradiologie ein.

Deutsches MS- und Schwangerschaftsregister (DMSKW)

Prof. Kerstin Hellwig richtete im Jahr 2006 das Deutsche MS- und Schwangerschaftsregister (DMSKW) ein. Das Register sammelt Daten über den Verlauf von MS bei Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft, um die Behandlung von MS-Patientinnen mit Kinderwunsch zu verbessern.

MS-Zentrum Bergmannsheil

Das MS-Zentrum der Neurologischen Universitäts- und Poliklinik des Bergmannsheil zeichnet sich durch eine enge Verzahnung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung der Patienten aus. Um den Verlauf der Erkrankung sorgfältig zu überwachen, Therapieerfolge zu verfolgen und gegebenenfalls Therapien anpassen zu können, gibt es ein spezielles MS-Datendokumentationssystem.

Magnetresonanztomographie (MRT) in der MS-Forschung

Die Magnetresonanztomographie (MRT) spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Überwachung der MS. An der RUB wurde ein eigens für MS-Patienten entwickeltes MRT-Protokoll implementiert, das den international empfohlenen Standards zur Patientenversorgung entspricht. Die MRT ermöglicht die Detektion der Krankheitsaktivität, die im Verborgenen voranschreitet, sowie die Erfassung der entzündlichen Krankheitsaktivität. Forschungsschwerpunkte liegen in der quantitativen Bildanalyse neuroinflammatorischer und neurodegenerativer Prozesse im Rahmen der Multiplen Sklerose, insbesondere die Erfassung der spinalen Atrophie (Rückenmarksatrophie) bei Frühformen der MS im longitudinalen Verlauf.

Neue Therapieansätze und Medikamente

In den letzten Jahren hat es erhebliche Fortschritte in der medikamentösen Behandlung der MS gegeben. Es stehen inzwischen um die 20 verschiedene Substanzen zur Verfügung, um den Verlauf der Multiplen Sklerose abzuschwächen. Neue immunmodulierende Substanzen beheben spezifische Fehlregulationen des Immunsystems bei MS, während herkömmliche Medikamente eine allgemein immunsuppressive Wirkung haben. Die Forschung an der RUB trägt dazu bei, neue Therapieansätze zu entwickeln und die Anwendung bestehender Medikamente zu optimieren.

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Herausforderungen und zukünftige Perspektiven

Trotz der erzielten Fortschritte gibt es noch viele Herausforderungen in der MS-Forschung. Ein wichtiger Aspekt ist die Identifizierung von Biomarkern, die eine präzisere Vorhersage des Krankheitsverlaufs ermöglichen. Zudem ist es wichtig, die Mechanismen zu verstehen, die zur Progression der Erkrankung führen, um neue Therapieansätze zu entwickeln, die das Nervensystem schützen und die Regeneration fördern. Die Forschung an der RUB leistet einen wichtigen Beitrag, um diese Herausforderungen zu bewältigen und die Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern.

Auszeichnungen und Anerkennung

Die Forschung an der RUB hat nationale und internationale Anerkennung gefunden. Prof. Kerstin Hellwig wurde mit dem Rachel-Horne-Preis für ihre wegweisende Forschung zur Behandlung von Frauen mit Multipler Sklerose (MS) vor, während und nach der Schwangerschaft geehrt.

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