Rumpfstabilität Übungen in der Neurologie: Ein umfassender Leitfaden

Die Rumpfstabilität ist ein Schlüsselelement für Bewegung, Gleichgewicht und allgemeines Wohlbefinden. Besonders in der Neurologie spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Rehabilitation von Patienten mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems, wie beispielsweise nach einem Schlaganfall oder bei Multipler Sklerose. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Rumpfstabilität, verschiedene Übungen und Therapieansätze wie das Bobath-Konzept, um Betroffenen zu helfen, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität zurückzugewinnen.

Einführung in die Rumpfstabilität

Der Rumpf, bestehend aus Wirbelsäule und Becken, ist das Zentrum unserer Stabilität. Er hält uns aufrecht und ermöglicht es uns, nicht umzufallen, egal ob wir sitzen, stehen oder laufen. Eine eingeschränkte Rumpfstabilität, beispielsweise durch einen Schlaganfall, führt oft zu Kompensationsstrategien, bei denen andere Körperteile wie Arme, Kopf und Beine die fehlende Stabilität ausgleichen.

Ein stabiler Rumpf ist die Basis für unabhängige Beweglichkeit von Rumpf und Extremitäten. In der Ergotherapie ist die Stabilisierung des Rumpfes daher ein Hauptziel. Kräftigungsübungen helfen, die Rumpfmuskulatur aufzubauen und die Körperhaltung zu verbessern.

Das Bobath-Konzept in der neurologischen Rehabilitation

Das Bobath-Konzept ist ein umfassendes bewegungstherapeutisches Konzept zur Rehabilitation von Patienten mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Es basiert auf der Annahme, dass das Gehirn lebenslang lernfähig ist und intakte Hirnareale die Funktionen geschädigter Bereiche übernehmen können. Durch wiederholte Bewegungsmuster werden Nervenbahnen neu programmiert, sodass Patienten Bewegungen neu erlernen und ihre Mobilität zurückgewinnen.

Grundprinzipien des Bobath-Konzepts

  • Individuelle Anpassung: Das Bobath-Konzept sieht keine starren Therapievorgaben vor. Alle Übungen werden individuell auf den Patienten zugeschnitten, unter Berücksichtigung seiner Möglichkeiten und Grenzen.
  • Alltagsintegration: Die Übungen werden in den Tagesablauf integriert, um die Patienten darin zu unterstützen, ihre beeinträchtigten Körperteile wieder in alltäglichen Situationen wie Körperpflege, Essen sowie An- und Ausziehen einzubeziehen.
  • Aktive Mitarbeit: Das Bobath-Konzept fordert die aktive Mitarbeit des Patienten, um die Beweglichkeit der beeinträchtigten Körperregionen zu verbessern und die Unabhängigkeit wiederzuerlangen.
  • Wiederholung: Das A und O aller Bewegungen nach Bobath sind die vielen Wiederholungen, die im Tagesablauf eingebaut werden.

Lagerung nach Bobath

Bei halbseitiger Lähmung empfiehlt sich die Lagerung nach Bobath. Es gibt verschiedene Lagerungen, die jeweils unterschiedliche Ziele verfolgen:

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  • Lagerung auf der betroffenen Seite: Der Auflagedruck stimuliert die beeinträchtigten Körperpartien, während die nicht betroffene Seite aktiv benutzt werden kann.
  • Lagerung auf der nicht betroffenen Seite: Der Muskeltonus kann sich entspannen, und die betroffenen Personen fühlen sich meist wohler, weil sie ihre Lage aktiv mitgestalten können.

Bei jeder Lagerung sollte die Unterlage relativ hart sein, um den Auflagedruck stärker zu stimulieren und den Patienten eine stabile Position zu ermöglichen.

Mobilisation und Waschen nach Bobath

Die Mobilisation nach Bobath, auch Transfer nach Bobath genannt, beinhaltet die aktive Einbeziehung der Patienten in sämtliche Positionswechsel. Dies beginnt mit einfachen unterstützenden Bewegungsabläufen, wie dem Aufsetzen im Bett.

Das Waschen nach Bobath ist eine weitere Möglichkeit, die Körperwahrnehmung von Patienten mit starken körperlichen Einschränkungen zu fördern. Dabei wird stets von der gesunden zur kranken Seite hin gearbeitet.

Ziele des Bobath-Trainings

Ziel eines jeden Bobath-Trainings ist, dass die Patienten trotz ihrer Erkrankung so viel Selbstständigkeit wie möglich zurückerlangen. Geeignet für die Gestaltung des ADL-Trainings (Activities of Daily Living) sind neben der Körperpflege, das An- und Ausziehen, die Nahrungsaufnahme, aber je nach Mobilität auch der eigenständige Toilettengang.

Ergänzende Therapieansätze: Vojta und PNF

Neben dem Bobath-Konzept gibt es weitere Therapieansätze, die in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt werden können.

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Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie ist eine physiotherapeutische Methode, bei der über verschiedene Druckpunkte natürliche Bewegungsmuster aktiviert werden. Dadurch lassen sich Symptome wie Spastizität lindern und Bewegungsniveaus verbessern. Im Gegensatz zum Bobath-Konzept, das neue Verknüpfungen im Gehirn schafft, aktiviert die Vojta-Therapie angeborene Bewegungsmuster.

PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation)

PNF zielt auf die Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Koordination durch eine verbesserte Zusammenarbeit von Nerven und Muskulatur ab. Unsere Bewegungen im Alltag sind dreidimensional und werden häufig in immer wiederkehrenden Mustern ausgeführt. PNF nutzt diese Muster, um die neuromuskuläre Funktion zu verbessern.

Übungen zur Rumpfstabilisation in der Physiotherapie

Rumpfstabilisierungsübungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Physiotherapie und dienen dazu, die Rumpfmuskulatur zu stärken und zu stabilisieren. Eine starke Rumpfmuskulatur unterstützt die Wirbelsäule, verbessert die Körperhaltung und reduziert das Risiko von Rückenbeschwerden.

Arten von Rumpfstabilisierungsübungen

Es gibt eine Vielzahl von Übungen, die zur Rumpfstabilisation eingesetzt werden können. Hier sind einige effektive Varianten:

  • Unterarmstütz (Plank): Stütze dich auf deinen Unterarmen und Zehenspitzen ab. Halte deinen Körper in einer geraden Linie.
  • Seitlicher Unterarmstütz: Lege dich auf die Seite und stütze dich auf einem Unterarm ab. Hebe deine Hüfte vom Boden ab und halte eine gerade Linie.
  • Vierfüßlerstand: Balanciere auf allen Vieren und strecke abwechselnd Arme und Beine nach vorne und hinten.
  • Beinheben im Liegen: Lege dich auf den Rücken, lege deine Hände unter dein Gesäß und hebe deine Beine gestreckt an. Senke sie langsam wieder ab, ohne den Boden zu berühren.
  • Fahrrad-Crunches: Lege dich auf den Rücken, hebe deine Beine an und mache abwechselnd Knie-zu-Ellbogen-Bewegungen.
  • Brücke (Bridge): Lege dich auf den Rücken, stelle die Beine auf und hebe das Becken vom Boden ab.

Technik und Hilfsmittel

Die richtige Technik ist entscheidend für die Effektivität der Rumpfstabilisationsübungen. Achte darauf, jede Übung kontrolliert und in einer korrekten Körperhaltung auszuführen. Wichtige Techniken sind:

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  • Atmung: Atme gleichmäßig und tief, um die Muskeln optimal zu versorgen.
  • Körperspannung: Halte immer eine gewisse Grundspannung im Rumpf, um eine korrekte Körperhaltung zu gewährleisten.
  • Kontrolle: Führe alle Bewegungen langsam und kontrolliert aus, um Verletzungen zu vermeiden.

Verschiedene Hilfsmittel können das Training zur Rumpfstabilisation unterstützen, wie z.B.:

  • Therabänder: Für zusätzliche Widerstand bei verschiedenen Übungen.
  • Gymnastikbälle: Um die Tiefenmuskulatur zu aktivieren und die Balance zu fördern.
  • Bosu-Bälle: Für ein instabiles Training, das die Rumpfmuskulatur zusätzlich fordert.
  • Balance Pads: Zur Verbesserung der Balance und Koordination.

Alltagsintegration von Rumpfstabilisierungsübungen

Rumpfstabilisierungsübungen lassen sich leicht in den Alltag integrieren. Hier sind einige einfache Tipps:

  • Mache während der Fernsehpause einige Planks.
  • Verwende einen Gymnastikball als Bürostuhl, um deine Kernmuskulatur zu stärken.
  • Führe morgens nach dem Aufstehen Beinheben im Liegen durch.
  • Stehe während einer kurzen Arbeitspause auf und mache einen Satz Seitenplanks.

Regelmäßigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.

Krafttraining bei neurologischen Erkrankungen

Krafttraining ist ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation bei neurologischen Erkrankungen wie MS. Es hilft, die Muskelkraft zu verbessern, die Koordination zu fördern und die Ausdauer zu steigern.

Grundregeln beim Krafttraining für Menschen mit MS

  • Wenig Gewicht, viele Wiederholungen
  • Beine auch funktionell trainieren (z.B. Laufband, Kletterwand)
  • Pausen einhalten
  • Ausweichbewegungen beachten
  • Keine pathologischen Muster nutzen
  • Nicht überhitzen
  • Physiologische Synergien (z.B. Abstützen) dürfen genutzt werden

Geeignete Geräte für das Krafttraining

  • Seilzuggerät: Vielseitig einsetzbar zur Verbesserung der Koordination, Kraft und Ausdauer. Trainiert Rumpfmuskeln, Schultergürtel, Hüftmuskeln, Knie und Ellenbogen.
  • Schwingstab: Verbessert die Körperstabilität und die Koordination von Rumpf, Arm und Hand.
  • Beinpresse: Trainiert die Kraft in den Waden, Oberschenkeln und dem Gesäß. Vorsicht bei Spastik: Immer nur ein Bein gleichzeitig trainieren.

Gangschule in der Physiotherapie

Die Gangschule ist ein zentraler Bestandteil der Physiotherapie, insbesondere nach neurologischen Ereignissen oder Operationen. Sie zielt darauf ab, das Gangbild zu normalisieren, Fehlbelastungen zu vermeiden und die Gehfähigkeit wiederherzustellen.

Bestandteile der Gangschule

  • Gangbildanalyse: Genaue Beobachtung des Gangbildes, um Defizite und Fehlbelastungen zu identifizieren.
  • Dynamische und statische Übungen: Training von Gleichgewicht, Kraft und Koordination.
  • Training auf verschiedenen Untergründen: Weiche Matten, unebene Flächen oder Wackelbretter schulen die Tiefensensibilität und das Gleichgewicht.
  • Übungen mit Hilfsmitteln: Rollatoren, Stöcke oder spezielle Gehtrainer kommen zum Einsatz, wenn das freie Gehen (noch) nicht möglich ist.
  • Gezielter Muskelaufbau: Besonders wichtig in den Beinen, im Becken und im Rumpf.

Übungen für die Gangschule zuhause

  • Zehenspitzenstand: Aufrecht hinstellen, die Füße hüftbreit auseinander. Langsam die Fersen anheben, sodass du auf den Zehenspitzen stehst.
  • Überwinden von Hindernissen: Ein Fitnessband (oder ein auf den Boden gelegtes Seil) etwa auf Knöchelhöhe zwischen zwei festen Punkten spannen. Langsam darübergehen - erst vorwärts, dann seitlich.
  • Treten auf Ziele: Farbige Klebepunkte, Kreppband-Streifen oder flache Objekte in unterschiedlichen Abständen auf den Boden legen. Versuchen, bei jedem Schritt gezielt auf ein Ziel zu treten.
  • Gehen auf einer Linie: Mit Kreide oder Klebeband eine Linie auf den Boden zeichnen und auf dieser Linie entlanggehen.
  • Aufstehen und Hinsetzen: Auf einen stabilen Stuhl (möglichst ohne Armlehnen) setzen und die Füße flach auf den Boden stellen. Langsam aufstehen und wieder hinsetzen.

Tipps für die Gangschule im Alltag

  • Integriere die Übungen in den Alltag.
  • Setze Dir feste Zeitfenster für die Übungen.
  • Übe nur in sicherer Umgebung.
  • Entferne Stolperfallen und trage rutschfeste Schuhe.
  • Halte Dich anfangs an Möbeln oder Wänden fest.

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